Susanne Gaschke

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Susanne Gaschke (2011)

Susanne Gaschke (* 19. Januar 1967 in Kiel) ist eine deutsche Journalistin, Publizistin und ehemalige Politikerin (SPD). Sie arbeitete für Die Zeit, bevor sie 2012 zur Oberbürgermeisterin von Kiel gewählt wurde. Am 28. Oktober 2013 erklärte sie wegen der Kontroverse um einen Steuerfall ihren Rücktritt.

Gaschke ist Autorin und Herausgeberin mehrerer Sachbücher.

Leben[Bearbeiten]

Nach ihrem Abitur 1986 an der Kieler Gelehrtenschule studierte Gaschke Anglistik, Pädagogik und Öffentliches Recht an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, wo sie 1995 mit ihrer Dissertation über Kinderliteratur (Bewertung: summa cum laude) bei Konrad Groß promoviert wurde.[1] Sie absolvierte ein Volontariat bei den Kieler Nachrichten und war ab 1997 Redakteurin der Wochenzeitung Die Zeit.[2] Dort leitete sie den Bereich „Junge Leser“, zu ihren Schwerpunkten gehörten die Sozial-, Jugend-, Frauen- und Bildungspolitik.[3] Später wandte sie sich insbesondere den Themen der digitalen Moderne und dem Urheberrechtsschutz zu, wobei sie die Position des Heidelberger Appells einnahm.[4] Gaschke war außerdem Herausgeberin des Kindermagazins Zeit Leo.[5]

Gaschke ist mit dem Bundestagsabgeordneten Hans-Peter Bartels verheiratet[6], mit dem sie eine gemeinsame Tochter hat.

Politische Laufbahn[Bearbeiten]

Bereits während des Studiums war Gaschke politisch aktiv, unter anderem als Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses. Seit 1988 ist sie Mitglied der SPD und sammelte erste Erfahrungen bei den Jusos.[7] Als der Kieler Oberbürgermeister Torsten Albig zum Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein gewählt wurde, musste die Position im Kieler Rathaus neu besetzt werden. Gaschke setzte sich auf einer Mitgliederversammlung des Kreisverbandes durch und wurde als Kandidatin für die anstehende Wahl aufgestellt.[8] Sie begründete ihren Wechsel in die Politik mit dem Interesse, „die Verhältnisse zu ändern“.[9] Sie wollte nicht länger nur Berichterstatterin sein, sondern selbst Verantwortung übernehmen, wie sie in ihrer Nominierungsrede formulierte. Im Wahlkampf thematisierte Gaschke vor allem den Ersatz für das Kohlekraftwerk an der Förde, Investitionen in Schulen und Sporthallen und die Schulden der Stadt.[10]

Bei der Wahl zum Oberbürgermeister der Stadt Kiel im Oktober 2012 erhielt Gaschke mit 43,2 Prozent die meisten Stimmen vor Gert Meyer (CDU) und Andreas Tietze (Bündnis 90/Die Grünen)[11], verfehlte aber die absolute Mehrheit. In der Stichwahl wurde sie von den Grünen unterstützt und gewann sie schließlich mit 54,1 Prozent der Stimmen.[12][13] Gaschke trat ihr Amt am 1. Dezember 2012 als 18. Oberbürgermeisterin der Stadt Kiel an.[14]

Kontroverse und Rücktritt[Bearbeiten]

Vor Amtsantritt von Gaschke hatte die Verwaltung unter Torsten Albig bereits mehrere Jahre mit einem Unternehmer über offene Steuerzahlungen verhandelt, ohne zu vollstrecken – was 2008 gerichtlich angeordnet und 2011 wieder ausgesetzt wurde. Die Forderung war durch Immobiliengeschäfte in den 1990er Jahren entstanden, bisher aber nicht beglichen worden.[15] Im Juli 2013 erließ dann die Verwaltung unter Gaschke dem Unternehmer Zinsen und Gebühren in Höhe von 3,7 Millionen Euro[16], er sollte lediglich Gewerbesteuern in Höhe von 4,1 Millionen Euro in Raten abführen. Mit dieser Entscheidung sollte offenbar eine Insolvenz abgewendet und zumindest ein Teil der offenen Forderung gesichert werden[17], womit die Eiligkeit des Erlasses begründet wurde.[18]

Die Entscheidung löste eine kontroverse Diskussion in der Öffentlichkeit aus, Beobachter bezeichneten sie als „Steuergeschenk für einen Reichen“.[19] Die Kommunalaufsicht im Innenministerium von Schleswig-Holstein stufte den Erlass als rechtswidrig ein, da dieser unter anderem ohne Zustimmung der Ratsversammlung erfolgt sei.[20] Die Stadt Kiel wurde aufgefordert, ihn umgehend aufzuheben, was aber aus rechtlichen Gründen nicht mehr möglich war.[21] Die Ratsmehrheit hatte es schon am 22. August 2013 abgelehnt, von ihrem Rückholrecht der Entscheidung Gebrauch zu machen.[22] Außerdem wurden später Fehler im Bericht der Kommunalaufsicht bekannt, unter anderem der fehlerhaften Zuordnung einer Unterschrift.[23] Im Oktober 2013 leitete die Staatsanwaltschaft Kiel Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue ein[24], die aber bereits im Mai 2014 aufgrund eines nicht hinreichenden Tatverdachts wieder eingestellt wurden.[25]

Aufgrund der Kontroverse gab Gaschke Ende Oktober 2013 nach längerer Krankheit ihren Rücktritt bekannt.[26] Diesen Schritt begründete sie auch mit der anhaltenden medialen Debatte um ihre Person, die eine „pseudoneutrale Schiedsrichterei“ unter den Journalisten erkennen ließ.[27] Sie kritisierte später ein „journalistisches Übermenschentum“, das als Begriff zuvor von Frank Schirrmacher in die Debatte eingebracht worden war.[28] Andere Beobachter attestierten Gaschke im Zuge ihres Rücktritts fehlende Einsicht[29][30], sie sehe sich als Opfer.[31] Vor ihrem Rücktritt bezeichnete Gaschke ihre Entscheidung im Steuerverfahren als Fehler und entschuldigte sich bei Parteifreunden und Ratsmitgliedern.[32]

Autorin[Bearbeiten]

Das erste Buch von Gaschke erschien 2001 unter dem Titel Die Erziehungskatastrophe bei der DVA.[33] 2002 folgte, ebenfalls bei der DVA, das Buch Hexen, Hobbits und Piraten über die besten Bücher für Kinder.[34] Größere Aufmerksamkeit erhielt sie für das 2005 im C. Bertelsmann Verlag erschienene Werk Die Emanzipationsfalle.[35] Darin analysiert sie die Lebenssituation von Frauen und fragt nach ihrer Verantwortung für die Gesellschaft.[36] Gaschke plädierte dafür, Partnerschaften einer neuen Ernsthaftigkeit abseits einer „Sex-and-the-City-Romantik“ zu unterwerfen.[37] 2007 veröffentlichte sie zusammen mit Gesine Schwan das Buch Allein ist nicht genug im Herder Verlag.[38] Mit Klick (Herder Verlag, 2009) wollte sie „Strategien gegen die digitale Verdummung“ aufzeigen und reihte sich damit in eine grundsätzliche Kritik an den digitalen Medien ein.[39] 2011 erschien das Buch Die verkaufte Kindheit im Pantheon Verlag, in dem sie eine Verkürzung der Kindheit durch Konsum und Kommunikation thematisiert.[40] Zuletzt veröffentlichte Gaschke im September 2014 das Buch Volles Risiko, in dem die Kontroverse um einen Steuerfall und der anschließende Rücktritt als Oberbürgermeisterin der Stadt Kiel aufgearbeitet werden.[41]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Monografien[Bearbeiten]

  • Die Welt in Büchern. Kinder, Literatur und ästhetische Wirkung. Dissertation. Königshausen und Neumann, Würzburg 1995, ISBN 3-88479-966-5.
  • Die Erziehungskatastrophe. Kinder brauchen starke Eltern. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2001, ISBN 3-421-05465-7.
  • Hexen, Hobbits und Piraten. Die besten Bücher für Kinder. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2002, ISBN 3-421-05668-4.
  • Die Emanzipationsfalle. Erfolgreich, einsam, kinderlos. C. Bertelsmann, München 2005, ISBN 3-570-00821-5.
  • mit Gesine Schwan: Allein ist nicht genug. Für eine neue Kultur der Gemeinsamkeit. Herder, Freiburg 2007, ISBN 978-3-451-29477-8.
  • Klick - Strategien gegen die digitale Verdummung. Herder, Freiburg im Breisgau 2009, ISBN 978-3-451-29996-4.
  • Die verkaufte Kindheit. Wie Kinderwünsche vermarktet werden und was Eltern dagegen tun können. Pantheon, München 2011, ISBN 978-3-570-55172-1.
  • Volles Risiko. Was es bedeutet, in die Politik zu gehen. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2014, ISBN 978-3-421-04659-8.

Herausgeberin[Bearbeiten]

  • mit Moritz Müller-Wirth: Powerpaare - mit Kindern sind wir stärker. Heyne, München 2008, ISBN 978-3-453-151031.

Artikel (Auswahl)[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Susanne Gaschke – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der wahre Doktorvater. In: unizeitNr. 43, 22. Juli 2007
  2. Jochen Bittner: Tschüs, Susanne. In: Die Zeit, Nr. 47, 15. November 2012, S. 6.
  3. Daniel Kummetz: Gebildete für mehr Bildung. In: die tageszeitung, 12. November 2012, abgerufen am 27. August 2014.
  4. Susanne Gaschke: Auf dem Rücken des Autors. In: Die Zeit, Nr. 15, 4. April 2009, abgerufen am 27. August 2014.
  5. Sport- und Kochunterricht mit Susanne Gaschke. In: Zeit Online, abgerufen am 27. August 2014.
  6. Markus Decker: Aus der Redaktion ins Rathaus. In: Frankfurter Rundschau, 13. Juli 2012, S. 40.
  7. Seitenwechsel. In: die tageszeitung, 24. Oktober 2013, S. 21.
  8. Zeit-Journalistin Gaschke Bürgermeister-Kandidatin der Kieler SPD. In: Bild, 11. August 2012, abgerufen am 27. August 2014.
  9. Ulf Poschardt: Journalistin, Genossin. In: Die Welt, Nr. 162, 13. Juli 2012, abgerufen am 27. August 2014.
  10. Nachfolger für Albig im Kieler Rathaus gesucht. In: Die Welt, 24. Oktober 2012, abgerufen am 27. August 2014.
  11. Ulrich Exner: Union auch in Kiel ohne Aussicht auf Wahlsieg. In: Die Welt, Nr. 254, 30. Oktober 2012, S. 30.
  12. Kieler Grüne unterstützen Gaschke. In: Kieler Nachrichten, 31. Oktober 2012, abgerufen 31. Oktober 2012.
  13. Journalistin Gaschke gewinnt in Kiel Bürgermeisteramt bleibt bei der SPD. In: Der Tagesspiegel, 12. November 2012, abgerufen am 27. August 2014.
  14. Kiels neue Oberbürgermeisterin Gaschke vereidigt. In: Die Welt, 26. November 2012, abgerufen am 27. August 2014.
  15. Der Kieler Steuer-Deal: Eine Chronologie. In: NDR, 14. Mai 2014, abgerufen am 27. August 2014.
  16. Augenarzt wehrt sich gegen Steuerdeal-Rücknahme. In: Hamburger Abendblatt, 23. April 2014, abgerufen am 3. September 2014.
  17. Kieler Oberbürgermeisterin Gaschke gibt Amt auf. In: Handelsblatt, 28. Oktober 2013, abgerufen am 27. August 2014.
  18. Jasper von Altenbockum: Was ist falsch am Kieler Steuerdeal? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Oktober 2013, abgerufen am 27. August 2014.
  19. Jürgen Dahlkamp: Kiel: Steuergeschenk für einen Reichen? In: Spiegel Online, 7. September 2013, abgerufen am 27. August 2014.
  20. Kieler Steuerdeal: Kommunalaufsicht rüffelt Oberbürgermeisterin Gaschke. In: Spiegel Online, 26. Oktober 2013, abgerufen am 27. August 2014.
  21. Deal ist Deal. In: Der Spiegel, Nr. 44, 28. Oktober 2013, abgerufen am 27. August 2014.
  22. Öffentliche/nichtöffentliche Sitzung der Ratsversammlung. In: Infosystem Kommunalpolitik, Landeshauptstadt Kiel, 22. August 2013, abgerufen am 3. September 2014.
  23. Steuer-Deal: Prüfbericht sorgt für Verwirrung. In: NDR, 8. November 2013, abgerufen am 3. September 2014.
  24. Verdacht der Untreue: Druck auf Gaschke wächst. In: NDR
  25. Beschluss der Staatsanwaltschaft: Ermittlungen gegen Kieler Ex-Oberbürgermeisterin Gaschke eingestellt. In: Spiegel Online, 14. Mai 2014, abgerufen am 27. August 2014.
  26. Kiels Oberbürgermeisterin Gaschke tritt zurück. In: Zeit Online, 28. Oktober 2013, abgerufen am 27. August 2014.
  27. Kiels Ex-OB Gaschke kritisiert zu viel journalistisches Übermenschentum. In: Meedia, 10. Mai 2014, abgerufen am 27. August 2014.
  28. Sind die Medien noch vierte Gewalt? In: die tageszeitung, 10. Mai 2014, abgerufen am 27. August 2014.
  29. Christiane Hoffmann: Rücktritt von Kiels OB Susanne Gaschke: Die testosterongesteuerte Frau. In: Spiegel Online, 28. Oktober 2013, abgerufen am 27. August 2014.
  30. Umstrittener Steuerdeal: Kieler Oberbürgermeisterin Gaschke tritt zurück. In: Spiegel Online, 28. Oktober 2013, abgerufen am 27. August 2014.
  31. Ansgar Siemens: Kieler Oberbürgermeisterin Gaschke: Krawallrede zum Abschied. In: Focus Online, 28. Oktober 2013, abgerufen am 27. August 2014.
  32. Gaschke entschuldigt sich. In: Holsteinischer Courier, 1. Oktober 2013, 27. August 2014.
  33. Susanne Gaschke: Die Erziehungskatastrophe: Kinder brauchen starke Eltern. DVA, München 2001, ISBN 3-421-05465-7.
  34. Susanne Gaschke: Hexen, Hobbits und Piraten: Die besten Bücher für Kinder. DVA, München 2002, ISBN 3-421-05668-4.
  35. Susanne Gaschke: Die Emanzipationsfalle: Erfolgreich, einsam, kinderlos. C. Bertelsmann, München 2005, ISBN 3-570-00821-5.
  36. Antje Schrupp: Die Verantwortung der Frauen. In: Frankfurter Rundschau, 25. Januar 2006, S. 27.
  37. Paul Nolte: Endlich erwachsen werden. In: die tageszeitung, 19. Oktober 2005, S. 17.
  38. Gesine Schwan, Susanne Gaschke: Allein ist nicht genug: Für eine neue Kultur der Gemeinsamkeit. Herder, Freiburg 2007, ISBN 978-3-451-29477-8.
  39. Jörg Thomann: Wer nur zuschaut, will nicht schimpfen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 204, 3. September 2009, S. 36.
  40. Susanne Gaschke: Die Verkürzung der Kindheit. In: Die Zeit, Nr. 37, 8. September 2011, abgerufen am 27. August 2014.
  41. Michael Neumann: Das große Mobbing oder die Ehre der SPD. In: die tageszeitung, 15. September 2014, abgerufen am 16. September 2014.