Frank Schirrmacher

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Frank Schirrmacher (2007)

Frank Schirrmacher (* 5. September 1959 in Wiesbaden; † 12. Juni 2014 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Journalist, Essayist, Buchautor und von 1994 bis zu seinem Tod Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Leben[Bearbeiten]

Schirrmacher wurde 1959 als Sohn eines Ministerialrates geboren. Sein Vater stammt aus Ostpreußen, seine Mutter ist polnischer Herkunft. Schirrmacher hat eine ältere Schwester.[1] Er legte 1979 das Abitur an der privaten Humboldt-Schule in Wiesbaden ab. Schirrmacher studierte bis 1984 Germanistik und Anglistik an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg sowie am Clare College der Universität Cambridge in Cambridge (England) Literatur und Philosophie.[2] Seine Studien schloss der Philologe mit dem Magister ab.[1]

Kurze Studienaufenthalte führten ihn nach Montpellier (Frankreich) und in die USA, nach New Haven (Connecticut), an die Yale University.[3]

1988 wurde Schirrmacher, bereits als Redakteur in der Redaktion des FAZ-Feuilletons tätig, mit der 180-seitigen Dissertation Schrift als Tradition – die Dekonstruktion des literarischen Kanons bei Kafka und Harold Bloom an der Universität-Gesamthochschule Siegen zum Dr. phil promoviert.[4] Das Verfahren wurde in der Folge Gegenstand einer kritisch geführten öffentlichen Diskussion.[5]

Schirrmacher war in zweiter Ehe mit der Journalistin und Schriftstellerin Rebecca Casati verheiratet. Er lebte mit seiner Ehefrau in Potsdam und hatte einen zweiten Wohnsitz im Frankfurter Westend. In Potsdam gehörte er dem Beirat des M100 Sanssouci Colloquiums an.[6][7]

Schirrmacher starb an den Folgen eines Herzinfarkts.[8] Er hinterließ seine Ehefrau und die gemeinsame Tochter sowie einen Sohn aus der früheren Ehe mit der Schriftstellerin Angelika Klüssendorf.[9] Die Trauerfeier fand in der Heilandskirche am Port von Sacrow statt. An der Feier und der Beisetzung auf dem Friedhof seines Wohnortes, Potsdam-Sacrow, nahmen zahlreiche Gäste teil.[10][11]

Promotion[Bearbeiten]

Schirrmacher hatte an der Universität-Gesamthochschule Siegen eine Dissertation eingereicht, deren Text sehr weitgehend mit dem einer im Februar 1987 von ihm publizierten Arbeit (Verteidigung der Schrift. Kafkas „Prozess“ (edition suhrkamp, 220 S., ISBN 3-518-11386-0) übereinstimmt.[12][5][13]

Nach Auskunft der beiden an der Magisterprüfung beteiligten Gutachter der Germanistischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg war der Text des bei Suhrkamp publizierten Buches weitgehend identisch mit dem der Magisterarbeit aus dem Jahr 1984, die als verschwunden und nicht verfügbar gilt. Ein Vergleich der beiden öffentlich verfügbaren Texte ergab, dass der Wortlaut der Dissertation mit dem bei Suhrkamp publizierten Text, um eine zehnseitige Einleitung erweitert, ein so genannter zweiter Teil mit einem Umfang von 22 Seiten (ebenfalls neu formuliert) sowie einige Textstellen im zentralen Teil gestrichen waren.[5][14]

Die Universität-Gesamthochschule Siegen war über die Publikation des vorgelegten Textes bei Suhrkamp informiert und die Promotionsordnung dieser Universität ließ die Annahme bereits veröffentlichter Arbeiten in Ausnahmefällen zu. Kritiker führten an, dass die Doppelverwertung ein und derselben wissenschaftlichen Arbeit dem Ziel der guten wissenschaftlichen Praxis entgegenstehe, eine originäre Arbeit abzuverlangen, die wissenschaftlich Neues bietet. Siegfried Unseld kommentierte die Kritik, es sei damit „aus einem höchstmöglichen Nichts an Inhaltlichem die höchstmögliche Wirkung von Häme“ ermittelt worden.[14]

Tätigkeit bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung[Bearbeiten]

Aufgrund einer Empfehlung von Dolf Sternberger (1907-1989), Professor für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg, der FAZ-Redaktion langjährig als Mentor und Leitartikler verbunden, erhielt Schirrmacher 1984 von FAZ-Herausgeber Joachim Fest eine Hospitanz bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung; im Juli 1985 wurde er Redakteur in deren Feuilleton-Redaktion.[3][15]

Von 1989 bis 1993 war er in der Nachfolge von Marcel Reich-Ranicki Leiter der Redaktion „Literatur und literarisches Leben“. Seit 1. Januar 1994 stand er als Nachfolger von Joachim Fest als einer der fünf Herausgeber, zuständig für das Feuilleton, in der journalistischen Gesamtverantwortung für die FAZ.[9][2] Die Redakteure der FAZ nannten ihn niemals beim Namen, sondern stets den „Herausgeber“.[16]

Die US-Zeitschrift Newsweek rühmte Schirrmacher als einen der führenden Intellektuellen. Jakob Augstein nannte ihn 2006 in der Wochenzeitung Die Zeit den „Dirty Harry des Feuilletons“.[17]

Im Jahr 2000 weitete Schirrmacher das Feuilleton der FAZ erheblich aus und warb namhafte Journalisten von anderen Zeitungen ab. Doch schon zwei Jahre später mussten wegen der allgemeinen Zeitungskrise die Seitenumfänge reduziert und Mitarbeiter entlassen werden, ein bisher einmaliger Vorgang in der Geschichte der FAZ. Außerdem wurden die von Schirrmacher ins Leben gerufenen „Berliner Seiten“ im Jahr 2003 eingestellt. Auch sein Versuch, die Feuilleton-Redaktion nach Berlin umzusiedeln, scheiterte.

Schirrmacher öffnete früh die Bereiche Wissenschaftsgeschichte und Technikphilosophie für das Feuilleton in Deutschland und brachte die Ideen etwa von Bill Joy, Ray Kurzweil, V. S. Ramachandran, Patrick Bateson, James Watson und Craig Venter in den Vordergrund der öffentlichen Diskussion. Schirrmacher förderte David Gelernter, Evgeny Morozov, Constanze Kurz, George Dyson und Jaron Lanier, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2014. Sie bekamen im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Raum, um ihre Gedanken in einem Umfang und über eine Dauer hinweg zu entwickeln, die es sonst nur in akademischen Journalen gab.[13]

Als einer der Herausgeber war Frank Schirrmacher daran beteiligt, dass die Tätigkeit von Hugo Müller-Vogg als Herausgeber der FAZ am 21. Juni 2001 endete. Die vier weiteren Herausgeber Günther Nonnenmacher, Jürgen Jeske, Berthold Kohler und Frank Schirrmacher hatten am 20. Juni 2001 entschieden, die Zusammenarbeit mit Müller-Vogg, der seit 1988 in der Position eines der Herausgeber tätig war, wegen zerstörter Vertrauensbasis mit sofortiger Wirkung zu beenden. Die Gründe für diese Personalentscheidung wurden nicht extern kommuniziert.[18]

Öffentliche Debatten[Bearbeiten]

Tod eines Kritikers[Bearbeiten]

Aufsehen erregte Schirrmacher 2002 mit einem offenen Brief, in dem er Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers noch vor dessen Erscheinen angriff und ihm ein „Spiel mit antisemitischen Klischees“ vorwarf. Walser hatte der FAZ den Roman, in dem einige Kritiker eine Attacke auf Marcel Reich-Ranicki sehen, zum Vorabdruck überlassen.

Das Methusalem-Komplott[Bearbeiten]

2004 veröffentlichte Schirrmacher Das Methusalem-Komplott, in dem er lange vorliegende demographische Fakten zusammenfasst, auf eine Vergreisung der Gesellschaft aufgrund niedriger Geburtenraten hinweist und zu einem „Aufstand der Alten“ aufruft. Dieses Buch, das massiv in den Medien diskutiert wurde und das von einem Vorabdruck im Spiegel, einer Artikelserie in der Bild-Zeitung und Fernsehauftritten Schirrmachers begleitet wurde, entwickelte sich zu einem Bestseller und wurde in 14 Sprachen übersetzt.[17][19] Hierfür wurde Schirrmacher mit der Goldenen Feder und dem Literaturpreis Corine in der Kategorie Sachbuch ausgezeichnet. 2004 wurde er vom Medium Magazin für Das Methusalem-Komplott und seine „meisterhafte Vermarktungsstrategie des Themas und der eigenen Person“ zum Journalisten des Jahres gewählt.[20]

Schirrmacher spricht auf dem „Fonds professionell Kongress“ über die „Investmentchance Demographie“.

Minimum[Bearbeiten]

2006 erschien sein Buch Minimum. Der Titel verweist auf Schirrmachers Analyse der Folgen der Auflösung der Familie als „Keimzelle der Gesellschaft“ und damit der Schrumpfung sozialer Beziehungen auf ein Minimum. Die soziale Überlegenheit der „Überlebensfabrik Familie“ in Notzeiten lässt sich seiner Argumentation nach besonders mit einem amerikanischen Mythos belegen: der Tragödie der Siedler am Donnerpass, wo überwiegend „Einzelkämpfer“ ohne familiäre „Blutsbande“ im Schneesturm zu Tode kamen, Familienmitglieder hingegen überlebten. Kritiker warfen ihm vor, ein neokonservativ geprägtes Frauenbild zu propagieren und Statistiken überzubewerten. Unter anderem durch Abdrucke und Berichterstattung im Spiegel und Bild-Zeitung sowie durch Fernsehvorstellungen gelang es dem Journalisten abermals, weite Aufmerksamkeit und einen hohen Buchabsatz zu erlangen.[21]

Interview mit Günter Grass[Bearbeiten]

Für einen weiteren großen Mediencoup sorgte Schirrmacher am 14. August 2006 mit einem FAZ-Interview mit Günter Grass, in dem dieser einräumte, in den letzten Kriegsmonaten als SS-Sturmmann zur Waffen-SS eingezogen worden zu sein. Obwohl er sich über Grass in den Jahren zuvor nur noch in negativer Weise geäußert hatte,[22] konnte Schirrmacher kurz vor der Veröffentlichung des Romans Beim Häuten der Zwiebel dieses weltweit beachtete Interview mit Grass führen. Der erst für September vorgesehene Verkaufsbeginn wurde in der Folge bereits auf die Woche nach dem Interview vorgezogen. Ein Jahr später bereute Grass, der FAZ dieses Interview gegeben zu haben: „Ich würde mich nicht mehr mit der FAZ einlassen. Das ist sicher.“[23] Die FAZ hatte unrechtmäßig aus privaten Briefen zitiert, in denen Grass den SPD-Politiker Karl Schiller aufgefordert hatte, seine NS-Vergangenheit zu bekennen.[24]

Öffentliche Auftritte[Bearbeiten]

2007 erhielt Schirrmacher unter anderem für „Das Methusalem-Komplott“ den mit 30.000 Euro dotierten Jacob-Grimm-Preis „… für seine sprachlichen Leistungen als Zeitungsjournalist und Buchautor und in Würdigung der sprachlichen Kultur des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das immer wieder Maßstäbe setzt.“ Seine Thesen stellte Schirrmacher auch für eine Veranstaltung („Investmentchance Demographie“) des Versicherungs- und Finanzdienstleistungskonzerns Allianz vor.[25]

Ebenfalls im Jahr 2007, als Scientology-Führer David Miscavige bekundete, dass Tom Cruise der Messias von Scientology werde,[26][27] hielt Frank Schirrmacher am 29. November in Düsseldorf bei der Bambi-Verleihung die Laudatio auf Tom Cruise.[28][29] Cruise wurde dort der Courage-Bambi als Stauffenberg-Darsteller und Mitproduzent des Films Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat verliehen, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch niemand den Film gesehen hatte, da er noch gar nicht fertig gestellt war.[28] Nach mehrfachen Verschiebungen fand die Premiere des Films erst am 15. Dezember 2008 in New York und am 20. Januar 2009 in Berlin statt. Schirrmachers Laudatio wurde am 30. November 2007 in der FAZ abgedruckt.[29]

Payback[Bearbeiten]

Im November 2009 erschien Schirrmachers Buch Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen, in dem er sich mit dem Einfluss moderner Informationsmedien auf den Menschen auseinandersetzt. Es wurde von dem Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman, dem Wirtschaftsjournalisten und Internet-Kritiker Nicholas Carr, dem amerikanischen Psychologieprofessor John Bargh und dem Virtual-Reality-Pionier Jaron Lanier als wichtiger Beitrag zur Debatte über die sozio-kulturellen Auswirkungen des Internets gewürdigt.[30] John Bargh bemerkte: „Schirrmacher sorgt sich völlig zu Recht über die Konsequenzen einer universellen digitalisierten Wissens-Datenbank, besonders wenn es darum geht, vorherzusagen, was Menschen tun werden. Und besonders dann, wenn die künstliche Intelligenz in der digitalisierten Welt Daten zusammensetzen kann, die berechnen kann, welche Situation welchen Menschen zu Handlungen bewegt.“[31]

Bei einer „Digital Life Design“-Podiumsdiskussion vertrat Schirrmacher zum Verhältnis von Informationen und Nutzern die Befürchtung, dass sich Benutzer im Internet letztendlich durch Maschinen (etwa Suchalgorithmen von Google) bevormunden lassen. In einem Bericht von stern.de erfuhr er deswegen die scharfe Kritik, er vertrete einen populistischen Kulturpessimismus, der ihn im Vergleich zu Debattenbeiträgen von John Brockman und David Gelernter, zwei Vordenkern der digitalen Welt, blamiere.[32] Einen ziemlich ironischen Blickwinkel auf die Diskussion vertrat Hal Faber (Pseudonym) von Heise-Online: „Mit einem klaren Unentschieden endete zuvor in München die Debatte darüber, ob Maschinen oder Menschen die besseren Informationsfresser sind. Zu sehr ähnelten sich die Argumente der Teilnehmer in der entsprechenden Diskussionsrunde des DLD. Der Informatiker David Gelernter stimmte wunderbar mit den Zeitungsmachern Frank Schirrmacher (FAZ) und Andrian Kreye (Süddeutsche Zeitung) überein. So viel Harmonie muss belohnt werden und wird auch belohnt: Ab nächsten Frühjahr bekommt Gelernter eine regelmäßige Kolumne in der FAZ.“[33] Die gleiche Diskussion wurde von anderer Quelle als wichtiger Beitrag zur Debatte über das Verhältnis von Institutionen zur digitalen Zukunft beschrieben: „Beim Zusammentreffen von Schirrmacher und Gelernter wird deutlich: Man kann Algorithmen als etwas sehen, was Institutionen gefährdet – oder als etwas, was Institutionen schafft. Letztlich haben dabei beide Seiten Recht: Algorithmen sorgen gerade für beides. Es ist wichtig, das erste zu thematisieren ohne das zweite aus dem Blick zu verlieren.“[34]

Jakob Augstein kritisierte in der „Welt“ die Eindimensionalität der Debatte um das Buch und verwies darauf, dass sich Schirrmacher seit dem Jahre 2000 um einen Dialog zwischen Informatik und Feuilleton bemühe. „Hat sich in Deutschland eine ‚Dritte Kultur‘ etabliert, ein neuer Dialog zwischen Gedanken und Gewerken, in dem die technologische Avantgarde mit dem Rest der Gesellschaft über Ziele und Risiken, Verantwortung und Ohnmacht, Herrschaft und Glaube, Menschenbilder und Identitäten streitet? Wenn man sich die Rezeption von Schirrmachers Buch ansieht und wenn man einen Blick auf den Stand der zeitgenössischen digitalen Debatte wirft, dann darf man das bezweifeln.“[35] „Payback“ war im Februar 2010 in der Kategorie Sachbuch für den Preis der Leipziger Buchmesse 2010 nominiert.[36]

Journalist des Jahres 2010[Bearbeiten]

Nachdem er bereits 2004 zum „Journalisten des Jahres“ gewählt worden war, zeichnete ihn die Jury des Medium Magazins 2010 erneut aus, diesmal als „Kulturjournalisten des Jahres“. Die Begründung der Jury lautet: „Frank Schirrmachers Meisterstück war 2010 die wegweisende und beispielgebende Behandlung des Aufregers des Jahres: Thilo Sarrazins Thesen aus dem Buch ‚Deutschland schafft sich ab‘. Seine Essays, Interviews und Themensetzungen, auch zu anderen Themen wie zum Beispiel Internet oder Auswärtiges Amt, sind der beste Beweis dafür, dass die Auseinandersetzung mit der Kultur einer Gesellschaft das Fundament der politischen Berichterstattung ist.“[37]

Auseinandersetzung mit der Wirtschaftskrise[Bearbeiten]

In einem für Aufsehen sorgenden Artikel[38] unter dem Titel Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat schrieb Schirrmacher im August 2011, dass er als Konservativer anerkennen müsse, dass die gegenwärtige „bürgerliche“ (Anführungszeichen von Schirrmacher) Politik unter anderem zu schlechteren individuellen Lebensmöglichkeiten und größerer Ungleichheit geführt habe und die Linke in ihrer Kritik daran richtig lag. „Die CDU hat ihre an die Finanzmärkte ausgeliehenen immateriellen Werte, ihre Vorstellung vom Individuum und vom Glück des Einzelnen, niemals zurückgefordert. Sie […] hat sich noch nicht einmal über die Verhunzung und Zertrümmerung ihrer Ideale beklagt.“ Die „Fähigkeit zu bürgerlicher Gesellschaftskritik“ müsse wiedererfunden werden.[39] Bezüglich der Finanz- und Schuldenkrise in der EU sieht Schirrmacher ein Zurückdrängen des Primats des Politischen gegenüber dem Interesse der Wirtschaft und er wirft Bankern und führenden Politikern mangelnde Achtung vor europäischen Werten und der Demokratie vor.[40]

Ego: Das Spiel des Lebens[Bearbeiten]

Schirrmachers 2013 veröffentlichtes Buch Ego: Das Spiel des Lebens sorgte schon vor dem offiziellen Erscheinungstermin für zahlreiche kontrovers geführte gesellschaftspolitische Stellungnahmen in den Medien.[41]

Nachrufe[Bearbeiten]

Die Süddeutsche Zeitung schrieb, Schirrmacher habe begonnen „als konservativer Revolutionär, dessen Helden Ernst Jünger, Stefan George und Rudolf Borchardt hießen, und der in provozierendem Gegensatz zur Gesinnungsästhetik der alten Bundesrepublik mit Lust das „gefährliche“ Denken der deutschen Rechten neu erprobte.“ Sie bescheinigte ihm die ausgeprägte „Fähigkeit, kommende Dinge zu erahnen, neue Konstellationen zu entdecken, Alternativen zuzuspitzen und Positionen blitzschnell zu wechseln“, die sich in taktischen Fragen zu einer geradezu „dämonischen Geschicklichkeit“ gesteigert habe. Schirrmacher sei „nicht nur ein scharfer Gesellschaftskritiker konservativer Tradition, nicht nur ein großer Publizist“ gewesen, sondern auch „einer der ersten, Digerati‘ […] Weil er aber aus der europäischen Tradition des kritischen Denkens kam, war er weitgehend immun gegen die verführerische Euphorie, die von den amerikanischen Küsten über den Atlantik wehte.“[13]

Der ehemalige Zeit-Mitherausgeber Michael Naumann attestierte Schirrmacher, er sei der „lebendigste Feuilleton-Chef Deutschlands seit Jahrzehnten“ gewesen. Schirrmacher habe dem „doch sehr konservativen Blatt“ FAZ „eine geistige, intellektuelle, aber auch journalistische Frische inhaliert“, die „überraschend war“. Er sei „auf alle Fälle ein Mann mit einem enormen Innovationspotenzial“ gewesen: „Nicht immer auf der richtigen Seite, aber insgesamt ein blitzgescheiter, innovativer, intelligenter, gut schreibender Intellektueller, den es in einen Beruf verschlagen hatte, den er möglicherweise gar nicht angestrebt hat, denn seine ursprünglich akademischen Interessen, literaturwissenschaftlichen Interessen hätten ihn genauso gut an einer Universität platzieren können. Aber so ist er eben zur FAZ gekommen.“[42]

Der Literaturagent John Brockman nannte Schirrmachers Tod einen „Verlust, den Sie nicht nur in Deutschland spüren werden, sondern in der ganzen Welt […] Er schaffte es, dass das intellektuelle Leben in Deutschland über das in Amerika triumphieren konnte. Weil er es wagte, Themen auf die Agenda zu setzen, die niemand in Amerika auf die Agenda setzen wollte.“[13]

Sascha Lobo schrieb, Schirrmachers große Leistung sei „die Inszenierung gesellschaftlich wirksamer Debatten“ gewesen. Wichtig für die politische Wirksamkeit einer Debatte sei eine Debatteninszenierung, die viele und vielfältige Reaktionen erzeugt.[43]

Am 5. September 2014 veranstalteten die FAZ und die Stadt Frankfurt eine von Prominenten besuchte Gedenkfeier.[44]

Kritik[Bearbeiten]

Im Mai 1996 veröffentlichte der Spiegel einen kritischen Artikel über Schirrmacher, in dem ihm „Ungereimtes“ in Äußerungen über die eigene Biografie vorgeworfen wurde.[5]

Der Direktor am Internationalen Institut für empirische Sozialökonomie (INIFES), Ernst Kistler, kritisiert die im Buch Das Methusalem-Komplott gezogenen Schlüsse und hergestellten Zusammenhänge: „Problematisch wird die Sache allerdings dann, wenn demographisch unbedarfte Laien wie Frank Schirrmacher daraus luftige Verbindungen konstruieren.“[45] – „Dann zieht er das Knäuel seiner verschlungenen Gedanken apokalyptisch zusammen…“[45] Der Statistiker Gerd Bosbach kritisierte die von Schirrmacher vertretenen Thesen zum Kindermangel in Deutschland als Übertreibung, die von der Statistik nicht gedeckt sei.[46]

Seine Thesen aus Payback wurden von Peter Kruse kritisiert, der Schirrmacher als einen „Zaungast“ bezeichnet, der „Denkfehler durch die Einseitigkeit der von ihm gewählten Perspektive“ begehe.[47] Der Schriftsteller Peter Glaser kritisierte, dass Schirrmachers Buch einerseits „Quatsch“ enthalte, wie die irrige Behauptung, die Google-Gründer hätten den ersten Server gebaut, und andererseits „Geplapper, das sich so hektisch hingesagt liest, als habe der Autor Angst, verstanden zu werden.“ Glasers Fazit: „Der Versuch, sich […] dem digitalen Mainstream insgesamt als Auskenner anzuempfehlen, ist damit schon schiefgegangen.“[48]

In der Monatszeitschrift Merkur wies Joachim Rohloff anlässlich des Erscheinens des Buches Ego: Das Spiel des Lebens anhand von zahlreichen Beispielen grammatikalische, stilistische und inhaltliche Fehler in Payback nach und legte Schirrmacher die Worte in den Mund: „Lieber Leser, es ist mir schnuppe, was für einen Dreck ich dir vorsetze, denn ich weiß ja, dass du ihn fressen wirst.“[49]

Mitgliedschaften[Bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

  • Schrift als Tradition. Die Dekonstruktion des literarischen Kanons bei Kafka und Harold Bloom. Universität-Gesamthochschule Siegen, Dissertation, 1987, II, 180 S.
  • Als Herausgeber: Verteidigung der Schrift. Kafkas „Prozess“. edition suhrkamp Nr. 1386, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-518-11386-0.
  • Marcel Reich-Ranicki. Sein Leben in Bildern. Eine Bildbiographie. DVA, Stuttgart 2000, ISBN 3-421-05320-0.
  • Das Methusalem-Komplott. Karl Blessing Verlag, München 2004, ISBN 3-89667-310-6.
  • Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft. Karl Blessing Verlag, München 2006, ISBN 3-89667-291-6.
  • Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen. Karl Blessing Verlag, München 2009, ISBN 978-3-89667-336-7.
  • Als Herausgeber zusammen mit Thomas Strobl: Die Zukunft des Kapitalismus. edition suhrkamp Nr. 2603, Berlin 2010, ISBN 978-3-518-12603-5.
  • Ego: Das Spiel des Lebens, Karl Blessing Verlag, München 2013, ISBN 978-3-89667-427-2.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Frank Schirrmacher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Zur Person 10 x Frank Schirrmacher. Website Focus, Artikel Focus Magazin Nr. 9, 1. März 1993. Abgerufen 15. Juni 2014.
  2. a b Frank Schirrmacher Herausgeber (Schi.). Website Frankfurter Allgemeine, Redaktion. Abgerufen 14. Juni 2014.
  3. a b Frank Schirrmacher Biographie. Website Munzinger, Internationales Biographisches Archiv. Abgerufen am 14. Juni 2014.
  4. Dissertation Frank Schirrmacher Katalogdatensatz DNB. Website Deutsche National Bibliothek. Abgerufen 16. Juni 2014.
  5. a b c d  Überflieger im Abwind. In: Der Spiegel. Nr. 20, 1996 (online).
  6. Zum Tode von Frank Schirrmacher Website Landeshauptstadt Potsdam, Pressemitteilung Nr. 388, 12. Juni 2014. Abgerufen 14. Juni 2014.
  7. M100 Beirat Frank Schirrmacher. Website M100 Sanssouci Colloquium. Abgerufen 14. Juni 2014.
  8. http://www.tagesschau.de/kultur/schirrmacher-102.html Frank Schirrmacher ist tot, 12. Juni 2014 18:29 Uhr.
  9. a b Frank Schirrmacher gestorben, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Juni 2014. Abgerufen am 12. Juni 2014.
  10. Bundesprominenz nimmt Abschied vom FAZ-Mitherausgeber Letztes Geleit für Frank Schirrmacher. Website MAZ-online, Artikel 22. Juni 2014, Autor Ildiko Röd. Abgerufen 23. Juni 2014.
  11. Abschied von Frank Schirrmacher Der Tod, die Worte - und ein Pfau. Website Tagesspiegel. Artikel 22. Juni 2014, Autor Gerrit Bartels. Abgerufen 23. Juni 2014.
  12. Publikation Frank Schirrmacher bei edition Suhrkamp Katalogdatensatz DNB. Website Deutsche National Bibliothek. Abgerufen am 15. Juni 2014.
  13. a b c d Franziska Augstein, Andrian Kreye und Gustav Seibt: Zum Tod von Frank Schirrmacher: Mann der Zukunft, Süddeutsche Zeitung, 12. Juni 2014. Abgerufen am 14. Juni 2014.
  14. a b Franziska Augstein, Andrian Kreye und Gustav Seibt: Zum Tod von Frank Schirrmacher: Machtanspruch und Unsicherheit, Süddeutsche Zeitung, 12. Juni 2014. Abgerufen am 14. Juni 2014.
  15. Dolf Sternberger Dies wählerische Verhältnis. Website FAZ. Artikel FAZ.NET-Spezial, 28. Juli 2007, Autor Frank Schirrmacher. Abgerufen 15. Juni 2014.
  16. Julia Encke, Dann wurde es spannend, in: F.A.S. Nr. 24, 15. Juni 2014, S. 41.
  17. a b Jakob Augstein: Ein Mann ohne Komplex. In: Die Zeit, Nr. 10/2006. 'Dirty Harry' ist die literarische Figur eines unkonventionellen Inspektors (im Film von Clint Eastwood dargestellt)
  18. Vertrauen zerstört FAZ-Herausgeber Müller-Vogg vom Amt entbunden. Website Handelsblatt, Artikel 22. Februar 2001. Abgerufen 15. Juni 2014.
  19. Ein Mann ohne Komplex. In: Die Zeit, Nr. 10/2006. Zitat: „Schirrmacher hat Helfer seines Erfolges. Schon das Methusalem- Buch war im Spiegel vorabgedruckt worden. Und die Bild-Zeitung hatte eine Serie daraus gemacht.“
  20. Erwähnung der Vermarktungsstrategie bei Susanne Lang: So regiert Frank Schirrmacher. In: taz, 24. Juni 2006. Zitat: „Für seine gesellschaftlich relevante Leistung erhält Schirrmacher 2004 die ‚Goldene Feder‘ des Heinrich-Bauer-Verlags und den ‚Corine-Sachbuch-Preis‘ für sein »Methusalem-Komplott«. Im Dezember desselben Jahres wird der Themensetzer von der Branchenzeitschrift Medium-Magazin zum Journalisten des Jahres gewählt, nicht ohne die süffisante Anerkennung seiner meisterhaften Vermarktungsstrategie des Themas und der eigenen Person.“
  21. „Die Kampagnieros: Wie Mediendebatten inszeniert werden“ (Audio-Datei). In: Der Tag. hr2: 17. März 2006. (Audio, 46 Minuten) Audio Die Kampagnieros: Wie Mediendebatten inszeniert werden. (Version vom 1. Juli 2007 im Internet Archive) (MP3; 10,6 MB).
  22. Jürgen Schreiber: Beichte beim Lieblingsfeind. In: Tagesspiegel, 20. August 2006.
  23. Martin Scholz: „Selbstbildnisse eines Dichters“ In: Frankfurter Rundschau, 4. Oktober 2007; Grass-Interview, auch als Perlentaucher-Zitat.
  24. Rechtsstreit: Günter Grass gewinnt gegen "FAZ" – SpOn, 2008.
  25. Horizont ist auch eine Frage des Standorts. In: Berliner Zeitung, 11. Februar 2009.
  26. http://www.welt.de/vermischtes/article711101/Tom-Cruise-soll-der-neue-Messias-werden.html
  27. http://www.sfgate.com/entertainment/morford/article/Is-Tom-Cruise-The-Messiah-The-Church-of-2620118.php
  28. a b Stern 30. November 2007 "Courage-Bambi" für Tom Cruise: Würde unter Druck.
  29. a b FAZ: Laudatio auf Tom Cruise: Ein Mann der Courage.
  30. The Age of Informarvore. Edge.org.
  31. Nicholas Carr: The informavore in its cage.
  32. Dirk Liedtke: Konferenz Digital Life Design: Wo die Zukunft schon da ist. stern.de.
  33. Hal Faber: Was war. Was wird. heise.de, 31. Januar 2010.
  34. Robin Meyer-Lucht: Gelernter/Schirrmacher: Im Haus der algorithmischen Institutionen. carta.info, 2010.
  35. Jakob Augstein: Mein Hirn gehört mir. welt.de.
  36. Preis der Leipziger Buchmesse: Die Nominierten stehen fest.
  37. a b Annette Milz: Die Journalisten des Jahres 2010. 21. Dezember 2010, abgerufen am 21. Dezember 2010.
  38. vgl. etwa: Frank Schirrmacher und die Erosion des Bürgertums. In: Cicero, 16. August 2011 und Aus Erfahrung klüger. In: taz, 20. August 2011.
  39. Frank Schirrmacher: Bürgerliche Werte – „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“. FAZ, 15. August 2011.
  40. Frank Schirrmacher: Demokratie ist Ramsch. FAZ, 1. November 2011.
  41. Nina May: Das Spiel des Lebens läuft ohne den Menschen … (siehe Literatur).
  42. Vgl. Michael Naumann im Interview mit Karin Fischer am 12. Juni 2014 17:35 Uhr (online).
  43. spiegel.de 18. Juni 2014 (Kolumne): Digitale Debatten: Was man von Frank Schirrmacher lernen kann.
  44. FAZ.net: „Vergessen, seine Kindheit abzulegen“
  45. a b Ernst Kistler: Die Methusalem-Lüge. Wie mit demographischen Mythen Politik gemacht wird. S. 22.
  46. Schirrmacher, Der Spiegel und die demografische Entwicklung – Vom unsauberen Umgang mit Fakten.Nachdenkseiten, 15. März 2006.
  47. Johannes Kuhn: Schirrmacher ist Zaungast. In: Süddeutsche Zeitung, 26. November 2009.
  48. Peter Glaser: Sammeln Sie Hirnchen? In: Stuttgarter Zeitung, 28. Dezember 2009.
  49. Joachim Rohloff: Sorgfaltspflichten. Wenn Frank Schirrmacher einen Bestseller schreibt. Merkur Online vom 16. Februar 2013.
  50. Helmut Glück, Walter Krämer, Eberhard Schöck (Hrsg.): Kulturpreis Deutsche Sprache 2007 – Reden und Ansprachen. Paderborn 2007, ISBN 978-3-931263-79-9.
  51. Auszeichnung: Kulturpreis Kataloniens für Frank Schirrmacher. In: FAZ, 1. Oktober 2008.
  52. Josef-Neuberger-Medaille: Jüdische Gemeinde ehrt Frank Schirrmacher. Rheinische Post, 21. September 2012.
  53. Die „Global-Thought-Leader“ 2013 Website Gottlieb Duttweiler Institut. Abgerufen 3. Dezember 2013.