Michael Naumann

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Michael Naumann (2007)

Michael Naumann (* 8. Dezember 1941 in Köthen) ist ein deutscher Politiker (SPD). Neben seiner Tätigkeit als Journalist, Publizist und Verleger war Naumann erster Kulturstaatsminister der Bundesrepublik Deutschland. Er war Spitzenkandidat der Hamburger SPD zur Bürgerschaftswahl 2008. Von Anfang 2010 bis Mitte 2012 war Naumann Chefredakteur des Monatsmagazins Cicero. Seitdem ist er Direktor der Barenboim-Said-Akademie in Berlin. Die Akademie befindet sich in der Planung und soll 2016 fertiggestellt sein.[1]

Leben[Bearbeiten]

Naumann wurde als Sohn eines Rechtsanwalts im anhaltischen Köthen geboren. Sein Vater fiel 1942 in der Schlacht von Stalingrad. Mit elf Jahren musste Naumann 1953 mit seiner Mutter nach Hamburg fliehen. Sie war wegen Kontakten zu ihrer in die USA emigrierten jüdischen Verwandtschaft ins Visier des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR geraten.

Ausbildung[Bearbeiten]

Nach dem High-School-Besuch in Missouri und dem Abitur studierte er Politikwissenschaften, Geschichte und Philosophie in Marburg, München und am Queen's College, Oxford University. 1969 wurde er mit seiner Dissertation Der Abbau der verkehrten Welt. Satire und politische Wirklichkeit im Werk von Karl Kraus promoviert. 1984 habilitierte er sich mit der sozialpsychologischen Studie Strukturwandel des Heroismus. Vom sakralen zum revolutionären Heldentum, worin er sich unter anderem mit der Figur des irischen Freiheitskämpfers James Connolly auseinandersetzt.

Berufliche und publizistische Tätigkeit[Bearbeiten]

1969 ging er als außenpolitischer Redakteur zunächst zum Münchner Merkur, ein Jahr später wechselte er zur Wochenzeitung Die Zeit. Er wurde einer der Gründungsredakteure des Zeit-Magazins. Nach 1972 arbeitete er als Wissenschaftlicher Assistent an der Ruhr-Universität Bochum, ging dann 1976 als Florey Stipendiat ans Queen's College in Oxford, ehe er 1978 zur ZEIT zurückkehrte, um die neu gegründete Dossier-Redaktion der „Zeit“ zu leiten. Von 1981 bis 1983 arbeitete er in Washington als Auslandskorrespondent für Die Zeit und übernahm bald darauf die Leitung des Auslandsressorts beim Spiegel bis zum Sommer 1985.

Am 22. Dezember 1984 protestierte das Lektorat des Rowohlt Verlags in einem offenen Brief gegen den von der Holtzbrinck-Gruppe berufenen Naumann als neuen Geschäftsführer der Verlagsleitung, da es davon ausgegangen war, die Verlagsleitung aus den eigenen Reihen besetzen zu dürfen; Naumann blieb jedoch von 1985 an in dieser Position. Nach zehnjähriger erfolgreicher Tätigkeit beim Rowohlt Verlag – der Umsatz verdoppelte sich und mehrere Nobelpreise gingen an die Autorinnen und Autoren des Verlags (Toni Morrison, Claude Simon, José Saramago, Imre Kertesz und Elfriede Jelinek) – ging er im Auftrag der Holtzbrinck-Gruppe 1995 nach New York, um dort zunächst den Verlag Metropolitan Books zu gründen und dann Henry Holt zu leiten. Zu seinen amerikanischen Autoren zählten Salman Rushdie, Paul Auster, Siri Hustvedt, Thomas Pynchon und viele andere.

2001 hat er die Essaysammlung „Die schönste Form der Freiheit“ veröffentlicht.

Nach seiner Zeit als Staatsminister (siehe unten) wechselte Naumann im Januar 2001 als Herausgeber zur Wochenzeitung Die Zeit nach Hamburg. Bis August 2004 war er gemeinsam mit Josef Joffe zugleich deren Chefredakteur. Sein Nachfolger in dieser Position ist Giovanni di Lorenzo.

2004 wurde Naumann wegen Beleidigung des damaligen Berliner Generalstaatsanwaltes Hansjürgen Karge (SPD) zu einer Geldstrafe von 9000 Euro verurteilt. Zuvor hatte Naumann in einer Sendung des Senders n-tv zum Skandal um Michel Friedman (CDU) den ermittelnden Staatsanwalt als „durchgeknallt“ bezeichnet. Gegen das Urteil erhob Naumann eine Verfassungsbeschwerde wegen Verletzung seines Grundrechts auf Meinungsfreiheit, der das Bundesverfassungsgericht am 12. Mai 2009 mit der Begründung stattgab, die Bezeichnung „durchgeknallter Staatsanwalt“ stelle nicht zwingend eine Beleidigung dar.[2]

Zwischen 2004 und 2007 moderierte Naumann die Diskussionssendung Im Palais im Rundfunk Berlin-Brandenburg.[3]

Gemeinsam mit Tilman Spengler gab er von 2005 bis 2008 die vom Zeitverlag verlegte Zeitschrift Kursbuch heraus. Ab Oktober 2007 übernahm er zusammen mit dem „Zeit“-Autor Klaus Harpprecht die Herausgeberschaft der von Hans Magnus Enzensberger gegründeten Reihe Die Andere Bibliothek.

2006 erhielt Naumann den Julius-Campe-Preis der Kritik, den der Verlag Hoffmann und Campe alljährlich vergibt.[4]

Zum 1. Februar 2010 trat Michael Naumann die Nachfolge von Wolfram Weimer an und wurde Chefredakteur des Monatsmagazins Cicero. Seinen Posten als Zeit-Herausgeber gab Naumann auf.[5][6] Im Mai 2012 wurde er durch Christoph Schwennicke abgelöst.[7]

Michael Naumann ist seit 2010 Mitglied im Board of Trustees des Medienkonzerns Thomson Reuters Corporation.[8][9]

Staatsminister im Kanzleramt[Bearbeiten]

Im Oktober 1998 wurde Naumann vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien berufen und bald darauf – nach Änderung des Gesetzes über die Rechtsstellung der Parlamentarischen Staatssekretäre („Lex Naumann“[10]), die notwendig wurde, da Michael Naumann nicht Mitglied des Deutschen Bundestages war – zum Staatsminister für Kultur und Medien beim Bundeskanzler. In seine Amtszeit fielen die abschließende Diskussion und Bundestagsentscheidung zur Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas („Holocaust-Mahnmal“) in Berlin.

Ende Juli 1998 löste Naumann eine deutschlandweite und parteiübergreifende Kritikwelle aus, nachdem er sich gegen den Bau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin ausgesprochen und das geplante Holocaust-Mahnmal mit „Speer-Architektur“ verglichen hatte.[11] Besonders hat ihm neben Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Schäuble ein „zutiefst unfreiheitliches Kulturverständnis“ vorgeworfen.[12] Laut dem damaligen Staatsminister im Kanzleramt, Pfeifer, stand Naumanns Haltung im Gegensatz zu der bisherigen, „gerade in dieser Frage von großer Sensibilität getragenen Haltung der SPD-Fraktion im Bundestag“.[12] Auch die Berliner SPD ging auf Distanz zu Naumann.[11] Naumann nahm seinen Vergleich kurz darauf zurück.[13] Der überarbeitete Entwurf des Architekten Peter Eisenman, der mit großer Mehrheit vom Deutschen Bundestag anerkannt wurde, entsprach schließlich den Vorstellungen Naumanns, der sich für die Einrichtung des unterirdischen Museums eingesetzt hatte.

Spitzenkandidatur in Hamburg 2008[Bearbeiten]

Nachdem der ehemalige Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau eine erneute Kandidatur bei der Bürgerschaftswahl 2008 ausgeschlossen hatte, wählte ein außerordentlicher Landesparteitag am 24. März 2007 Naumann mit 339 von 343 möglichen Stimmen (drei Gegenstimmen, eine Enthaltung) zum Spitzenkandidaten und Herausforderer des Ersten Bürgermeisters Ole von Beust. Naumann wurde außerdem am 22. Juni desselben Jahres mit 303 von 306 Stimmen (zwei Gegenstimmen, eine Enthaltung) auf Platz eins der Liste für die Bürgerschaftswahl gewählt. Seine Mitherausgeberschaft der Wochenzeitung „Die Zeit“ ruhte seit dem 8. März 2007. Beurlaubt wurde er außerdem als Moderator der rbb-Sendung „Im Palais“.

Naumann verlor die Bürgerschaftswahl am 24. Februar 2008 letztlich deutlich – die Sozialdemokraten erreichten mehr als acht Prozentpunkte weniger als die CDU, konnten gegenüber dem letzten Wahlergebnis von 2004 rund vier Prozent hinzugewinnen. Spitzenkandidat Naumann sah die Schuld für das Nichtzustandekommen einer rot-grünen Koalition unter anderem beim SPD-Bundesvorsitzenden Kurt Beck, der nur wenige Tage vor der Wahl die umstrittene Öffnung der SPD gegenüber einer Tolerierung durch die Linken verkündet hatte. Naumann schrieb nur wenige Tage nach der verlorenen Wahl enttäuscht und wütend einen Brief an Beck, in dem er diesen persönlich für einen Stimmenverlust von „zwei bis drei Prozent“ verantwortlich machte und die Führungsfrage stellte. Seine Bemerkungen haben „uns womöglich auch den Wahlsieg gekostet“.[14] Naumanns Brief löste in den darauffolgenden Tagen eine heftige Debatte in der SPD über die Frage des Linkskurses aus, in deren Verlauf unter anderem die hessische Landtagsabgeordnete Dagmar Metzger die Wahl von Andrea Ypsilanti zur hessischen Ministerpräsidentin unter Tolerierung der Linkspartei verhinderte.

Am 22. Mai 2008 informierte Naumann die Hamburger SPD-Mitglieder in einem Brief darüber, dass er sein Bürgerschaftsmandat zum 15. Juni 2008 aufgeben werde. Der zeitliche Aufwand für seine Herausgebertätigkeit in dem Hamburger Verlag „der Zeit“ sei so groß, dass sich dieser nur schwer mit dem Aufwand vereinbaren lasse, den ein Bürgerschaftsmandat mit sich bringe. [15]

Familie[Bearbeiten]

Michael Naumann ist seit 2005 in zweiter Ehe mit der Ärztin Marie Warburg, der Tochter Eric M. Warburgs, verheiratet, mit der er schon zu seiner Studentenzeit befreundet war. Aus seiner ersten Ehe mit Christa Wessel, Tochter des früheren BND-Präsidenten Gerhard Wessel, hat er zwei erwachsene Kinder.

Schriften[Bearbeiten]

  • Der Abbau einer verkehrten Welt. Satire und politische Wirklichkeit im Werk von Karl Kraus. Universität München (1969). (Dissertation)
  • Teheran. Eine Revolution wird hingerichtet. Dokumente und Reportagen aus Die Zeit, München (1982).
  • Ein Konzern hält die Luft an. Ein politisches Sachbuch, Reinbek (1983).
  • Amerika liegt in Kalifornien. Wo Reagans Macht herkommt, Reinbek (1983).
  • Der Strukturwandel des Heroismus. Vom sakralen zum revolutionären Heldentum, (1984). (Habilitationsschrift)
  • Made in the USA (U.S.A.). Neue Stories aus Amerika, Reinbek (1994).
  • Die Geschichte ist offen. DDR 1990: Hoffnung auf eine neue Republik, Reinbek (1996).
  • Große Erzähler des 20. Jahrhunderts, Reinbek (1998).
  • Friedrich Hölderlin-Preis. Reden zur Preisverleihung, Bad Homburg (2000).
  • Die schönste Form der Freiheit. Reden und Essays zur Kultur der Nation, Berlin (2001).
  • Es muß doch in diesem Lande wieder möglich sein. Der neue Antisemitismus Streit, Berlin (2002).
  • Die Kriegsmaschine. Rüstung und Politik in den USA, Reinbek (2005).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Michael Naumann: Barenboim-Said-Akademie wird 2016 stehen, bundestag.de, abgerufen am 29. November 2013
  2. Verfassungsbeschwerde 1 BvR 2272/04. Bundesverfassungsgericht. 12. Mai 2009. Abgerufen am 13. Februar 2013.
  3. „Der Pessimist bin ich“. Der Tagesspiegel. 12. Januar 2006. Abgerufen am 13. Februar 2013.
  4. Hoffmann und Campe vergibt „Preis der Kritik“ 2006 an Michael Naumann. Hoffmann und Campe Verlag. 2006. Abgerufen am 16. Februar 2013.
  5. „Zeit“-Herausgeber Naumann wird „Cicero“-Chef. Spiegel Online. 11. Dezember 2009. Abgerufen am 16. Februar 2013.
  6. Michael Naumann: "Ich werfe ein paar neue Bälle in die Luft". börsenblatt. 1. Februar 2010. Abgerufen am 16. Februar 2013.
  7. Christoph Schwennicke wird neuer Chefredakteur von Cicero. Cicero. 7. Februar 2012. Abgerufen am 20. April 2013.
  8. Thomson Reuters Trustees. Thomson Reuters. Abgerufen am 20. April 2013.
  9. Dr. Michael Naumann. Thomson Reuters. Abgerufen am 20. April 2013.
  10. Thomas Delekat: Noch nicht am Ziel. Die Welt. 12. Dezember 1998. Abgerufen am 20. April 2013.
  11. a b Holocaust-Mahnmal wie Speer-Architektur auf www.kultur-netz.de.
  12. a b Naumanns Nein zum Holocaust-Mahnmal löst heftigen Streit aus. Der Tagesspiegel. 22. Juli 1998. Abgerufen am 24. April 2013.
  13. Debatte über Mahnmal hält an. Die Welt. 27. Juli 1998. Abgerufen am 24. April 2013.
  14. "Du hast Urtugenden auf die Probe gestellt". Spiegel Online. 28. Februar 2008. Abgerufen am 24. April 2013.
  15. Michael Naumann verlässt die Bürgerschaft. Die Welt. 22. Mai 2008. Abgerufen am 24. April 2013.