Tomáš Garrigue Masaryk

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Tomáš Garrigue Masaryk

Tomáš Garrigue Masaryk (* 7. März 1850 in Hodonín, Mähren; † 14. September 1937 in Lány) war ein tschechischer Philosoph, Schriftsteller und Politiker sowie Mitbegründer und erster Staatspräsident der Tschechoslowakei (1918–1935).

Selten wird er auch als Tomáš Masaryk angegeben. In Tschechien wird sein Name oft zu TGM abgekürzt. Den zweiten Namen Garrigue nahm er nach der Heirat mit der amerikanischen Industriellentochter Charlotte Garrigue an.

Leben[Bearbeiten]

Masaryk stammte aus einfachen Verhältnissen. Er war Sohn eines slowakischen Kutschers auf kaiserlichen Gütern und einer Bauerntochter und Köchin aus Auspitz. Er bezeichnete seine Mutter später unterschiedlich als Deutsche, Hanakin oder Mährerin, sich selbst als Tschechen, als Mährer oder als Slowaken.[1] Trotz dieses einfachen Hintergrunds konnte er mit Hilfe des damaligen Polizeidirektors von Brünn, Anton Ritter von Le Monnier, das deutsche Gymnasium in Brünn und später das Akademische Gymnasium in Wien [2] besuchen. Danach studierte er von 1872 bis 1876 Philosophie in Wien (unter anderen bei Franz Brentano) und Leipzig (unter anderen bei Wilhelm Wundt), wo er auch Edmund Husserl kennenlernte. 1876 promovierte er, 1878 habilitierte er mit einer Schrift über den Suizid. 1879 wurde er Dozent in Wien, 1882 außerordentlicher und 1897 ordentlicher Professor in Prag.

1886 wurde er auf einen Schlag einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als er sich in den Streit um zwei angeblich aus dem Mittelalter stammende, in Wirklichkeit aber zu Anfang des 19. Jahrhunderts gefälschte Handschriften („Königinhofer Handschrift“ und „Grünberger Handschrift“) einschaltete. In der Zeitschrift Athenäum ließ er die Gegner der Echtheit dieser Handschriften zu Wort kommen und vertrat vehement die Meinung, dass eine moderne Nation sich nicht auf eine erfundene Vergangenheit berufen solle. Ebenso entschieden verteidigte er 1899 in einem der letzten Ritualmordprozesse Mitteleuropas den jüdischen Angeklagten Leopold Hilsner.[3]

Masaryk heiratete 1878 bei einem Amerikaaufenthalt die gleichaltrige US-Amerikanerin Charlotte Garrigue. Ihre gemeinsamen Kinder waren der früh verstorbene Maler Herbert Masaryk, der Diplomat und Politiker Jan Masaryk, die Soziologin Alice Masaryk und Olga Masaryk, die ihn nach 1914 im Exil begleitete.

Politik[Bearbeiten]

Inschrift am Haus der Tschechoslowakischen Exilregierung in Paris

1887 ging er in die Politik und gründete eine Gruppe unter dem Namen Die Realisten. 1891 wurde er für die so genannten Jungtschechen, eine tschechischnationale Partei, in den österreichischen Reichsrat gewählt, trat aber wegen Meinungsverschiedenheiten mit dieser Partei 1893 wieder zurück. 1900 gründete er die Realistische Partei, für die er 1900-1914 im Reichsrat saß.
Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs verfolgte er seine Pläne für einen eigenständigen tschechoslowakischen Staat und wurde damit ohne seine Absicht mit 64 Jahren zur Schlüsselfigur des beginnenden tschechischen Widerstandskampfes, an dessen Ende die Auflösung Österreich-Ungarns stand. Im September und Oktober 1914 unternahm er zwei konspirative Reisen in die Niederlande und im Dezember 1914 eine weitere nach Italien und in die Schweiz. In der Schweiz wurde er gewarnt, dass ihm bei der Rückkehr die Verhaftung drohe, so dass er mit seiner Tochter Olga im Ausland blieb. Von Genf aus begann er eine Exilbewegung zu bilden, die mit dem Prager Untergrund, in dem sich tschechische Politiker in einer „Maffia“ genannten Geheimgesellschaft zusammengeschlossen hatten, um den Gedanken der angestrebten staatlichen Selbstständigkeit zu popularisieren,[4] in Verbindung stand und mit den Exilgruppen in Frankreich, Großbritannien, den Vereinigten Staaten und Russland zu koordinieren war.

Im Herbst 1915 reiste Masaryk über Paris, wo sein engster Mitarbeiter Edvard Beneš war, nach London als dem politischen Zentrum der Alliierten. Am 14. November 1915 verkündete das Comité d'action tchèque à l'étranger, in dem sich die auslandstschechischen Organisationen zusammengeschlossen hatten, die Errichtung eines unabhängigen tschechoslowakischen Staates als ihr Ziel. Das Komitee wurde im Februar 1916 zum Tschechoslowakischen Nationalrat, dessen Vorsitz Masaryk übernahm. Es gelang ihm, die tschechoslowakische Frage und damit die der kleinen europäischen Nationen zu einer internationalen zu machen. Auf Initiative des Tschechoslowakischen Nationalrats und Masaryks wurde eine auf Seiten der Alliierten kämpfende tschechoslowakischen Exilarmee gegründet. Kurz nach der Februarrevolution 1917 übernahm Masaryk im Mai 1917 die Organisation der dortigen Exilarmee. Im Dezember 1917 erlaubte Frankreich auf seinem Territorium die Errichtung einer tschechoslowakischen Armee. Ab Februar 1918 sahen die Alliierten die tschechoslowakische Armee in Russland als Teil der in Frankreich zusammengestellten Truppen an. Während seines Russland-Aufenthalts begann Masaryk in Sankt Petersburg mit der Niederschrift seines politischen Programms, die er in den USA beendete: Das neue Europa. Der slawische Standpunkt. Zunächst sollte sie dazu dienen, den Soldaten „die prinzipiellen Probleme des Krieges klarzumachen“.[5]

Von Mai bis Dezember 1918 gelang es Masaryk, die Alliierten von einer tschechoslowakischen Staatsbildung zu überzeugen. Frankreich akzeptierte als erster Alliierter am 29. Juni 1918 den Tschechoslowakischen Nationalrat als Grundlage einer künftigen Regierung, am 9. August 1918 folgte Großbritannien, am 3. September 1918 die USA. In Paris bildete Edvard Beneš am 14. Oktober 1918 den bisherigen Nationalrat als provisorische tschechoslowakische Regierung mit Masaryk als Ministerpräsidenten. Am 18. Oktober 1918 proklamierte Masaryk in der so genannten Washingtoner Deklaration (siehe Pittsburgher Abkommen) einen unabhängigen tschechoslowakischen Staat, indem er sich auf das Naturrecht, die Geschichte und die demokratischen Prinzipien der USA sowie Frankreichs berief. Der neue Staat sollte eine Republik mit parlamentarischer Regierungsform, garantierten Grundrechten der Bürger, der Trennung von Kirche und Staat, allgemeinem Wahlrecht, Gleichberechtigung der Frauen, Minderheitenschutz und weitreichenden sozialen Reformen wie der Enteignung des Großgrundbesitzes und der Abschaffung aristokratischer Vorrechte sein. Am 28. Oktober 1918 akzeptierte die österreichisch-ungarische Regierung Präsident Woodrow Wilsons Bedingungen für die Beendigung des Krieges und bot den sofortigen Waffenstillstand an, so dass dieser Tag offiziell als Gründungstag der Tschechoslowakischen Republik gilt.[6]

Präsidentschaft[Bearbeiten]

Tomáš Garrigue Masaryk, 1932

Am 14. November 1918 wurde er von der Tschechoslowakischen Nationalversammlung zum Präsidenten gewählt, am 21. Dezember 1918 kehrte er in die Tschechoslowakei zurück. In der Folge wurde ganz Böhmen und Mähren (einschließlich des geschlossenen deutschen Siedlungsgebiets in Böhmen, Mähren und österr. Schlesien - Sudetenland) sowie ungefähr das Gebiet der heutigen Slowakei zum Teil auch gegen den Widerstand der Bewohner von tschechoslowakischen Truppen und Truppen der Alliierten als das Gebiet des neuen Staats Tschechoslowakei besetzt.

In den Nationalitätenkonflikten vertrat er als Verfechter eines liberalen und demokratischen Humanismus zwar eine gemäßigte Richtung, konnte aber die Scharfmacher in der tschechischen 5-Parteien-Regierung nicht zu einem Ausgleich mit den großen Minderheiten von Sudetendeutschen, Slowaken, Ungarn und Ukrainern bewegen. In einem bis in die Gegenwart zitierten Interview[7] während der Verhandlungen, die zum Vertrag von St. Germain führten, äußerte er sich jedoch so zweideutig, dass sich die deutsche Minderheit, zumal von Truppen besetzt, vor allem durch die Verwendung des Begriffs „Entgermanisierung“ bedroht fühlen konnte: „(...) unsere geschichtlichen Grenzen stimmen mit den ethnographischen Grenzen ziemlich überein. Nur die Nord- und Westränder des böhmischen Vierecks haben infolge der starken Einwanderung während des letzten Jahrhunderts eine deutsche Mehrheit. Für diese Landesfremden (franz. „étrangers“) wird man vielleicht einen gewissen modus vivendi schaffen, und wenn sie sich als loyale Bürger erweisen, ist es sogar möglich, dass ihnen unser Parlament (…) irgendeine Autonomie zugesteht. Im übrigen bin ich davon überzeugt, dass eine sehr rasche Entgermanisierung dieser Gebiete vor sich gehen wird“ (Le Matin, Paris, 10. Januar 1919). Unter anderem blieb entgegen allen Versprechungen von 1919 Tschechisch die einzige Staatssprache.

Masaryk wurde insgesamt dreimal wiedergewählt (1920, 1927 und 1934) und war bis zu seinem Tod die dominierende Persönlichkeit des neuen Staates. Außenpolitisch lehnte er sich an Großbritannien und Frankreich an. Nach seinem Rücktritt am 14. Dezember 1935 folgte ihm Edvard Beneš nach.

Im Zuge der Stabilisierung der Tschechoslowakischen Republik ab Mitte der 1920er Jahre erwarb sich Masaryk, dessen Muttersprache auch Deutsch war, ein gewisses Ansehen auch bei Teilen der sudetendeutschen Bevölkerung und wurde damit zu einem der wenigen integrativen Faktoren des neuen Staates, was anlässlich seines 70. Todestages auch im tschechischen Rundfunk hervorgehoben wurde.[8]

Wirkung[Bearbeiten]

Als Philosoph und überzeugter Demokrat entwickelte er zum Teil utopische Ideen über die Entstehung eines „neuen Menschen“ durch eine bessere Gesellschaft. Als notwendige Grundlage hierfür erachtete er ein christlich-soziales Weltbild, in dem allerdings Religion „vom Staate und der Willkür absolutistischer Dynastien frei“ sein sollte: „Jesus, nicht Caesar − so lautet die Losung des demokratischen Europas (...).“[9] Dem Staat galt sein grundsätzliches Misstrauen, weil er der Nation als demokratische Organisation entgegenstehe. In der Nation sei jeder Einzelne dazu berufen, sich zur Geltung zu bringen; „der Staat ist eine aristokratische, Zwangsmittel anwendende, unterdrückende Organisation: demokratische Staaten sind erst im Entstehen begriffen“.[10] Das Scheitern dieser Vorstellungen in „seinem“ Land – nicht zuletzt wegen des ungelösten Nationalitätenproblems – erlebte er nicht mehr. Neben vielen anderen waren der Autor Max Brod, Thomas Mann sowie der Philosoph und Journalist Felix Weltsch Kenner der Schriften Masaryks.

Die 1919 gegründete Masaryk-Universität in Brünn trägt seinen Namen, auch eine Rennstrecke, das Automotodrom Brno, ist in Tschechien als Masaryk-Ring (tschechisch Masarykův okruh) bekannt. In Prag wurde der älteste Bahnhof erstmals 1919 nach ihm benannt und trägt auch heute wieder den Namen Praha Masarykovo nádraží. Außerdem war er maßgeblich an der Gründung der School of Slavonic and East European Studies beteiligt, einem Teil der Londoner Universität.

Der Schweizer Jurist Radan Hain nannte 2002 T. G. Masaryk eine überragende, aber im Westen wenig bekannte Persönlichkeit der modernen europäischen Geschichte.[11] Inzwischen gibt es zum Beispiel auf Deutsch neben Radan Hains Arbeit über Staatstheorie und Staatsrecht in Masaryks Ideenwelt von 1999 eine Studie von Dalibor Truhlar über Masaryks Philosophie der Demokratie (1994) und eine 2008 publizierte Arbeit von Frank Henschel, in der Masaryks Europaidee mit Friedrich Naumann und dessen 1915 veröffentlichten, ganz anders gelagerten Vorstellungen von Mitteleuropa unter deutscher Vorherrschaft verglichen wird.[12]

2003, zum 85. Jahrestag der Gründung der tschechoslowakischen Republik, nannten die Tschechen bei Umfragen nach ihrem größten Landsmann an erster Stelle Masaryk, Jan Hus oder Karl IV.[13]

Nach ihm wurde die Avenida Presidente Masaryk in Mexiko-Stadt benannt.

Werke[Bearbeiten]

  • Der Selbstmord als soziale Massenerscheinung der modernen Zivilisation. 1881
  • D. Humes Prinzipien der Moral, 1883
  • D. Humes Skepsis und die Prinzipien der Wahrscheinlichkeitsrechnung, 1884
  • Versuch einer konkreten Logik, 1886
  • Česká otázka, Prag 1895 (die tschechische Frage)
  • Otázka sociální, Prag 1895 (die soziale Frage)
  • Jan Hus, 1896
  • Die philosophischen und soziologischen Grundlagen des Marxismus, Wien 1899.
  • Zur Berichtigung [Antwort auf Labriola], in Die Neue Zeit, 1899 bis 1900, Bd. I, S. 217-219 antwortend auf Labriola, Antonio: Zur Krise des Marxismus, in Die Neue Zeit, 1899-1900 Bd. I, S. 68-80
  • Rusko a Evropa, Prag 1913. dt: Russland und Europa. Studien über die geistigen Strömungen in Russland. Erste Folge Zur russischen Geschichts- und Religionsphilosophie. Sociologische Skizzen. 2 Bde Jena: Diederichs 1913
  • Das neue Europa, engl. und frz. 1918, dt. 1922
  • Světová revoluce. Za války a ve válce 1914-1918, Prag 1925 dt: Die Weltrevolution. Erinnerungen und Betrachtungen. 1914-1918. Berlin 1927
  • The Making of a State, 1925; Engl. 1927

Werkausgaben[Bearbeiten]

  • Masaryk, Thomas Garrigue: Werke (tschechisch), 1930ff.

Literatur[Bearbeiten]

  • Josef Hromádka: Masaryks Religionsphilosophie und die Grundlagen einer wissenschaftlichen Dogmatik. [üb Masaryk] Habil an der Hus Fakultät Prag 1920
  • Herben, J.: Thomas Garrigue Masaryk. 2 Bde. 1926 (tschech)
  • Bulgakov, Sergij: Was ist das Wort?, in: Festschrift Th. G. Masaryk, Bonn 1930, S. 25-46
  • Festschrift Th. G. Masaryk zum 80. Geburtstag, Bonn 1930
  • Hromádka, Josef L.: Masaryk. 1930, Masaryk as European 1936
  • Petrus, Johann: Thomas Garrigue Masaryk. Von der Pike auf. Der Lebensroman eines grossen Mannes. Reichenberg: Nordböhmischer Verlag 1934
  • Oskar Kraus: Grundzüge der Weltanschauung Thomas Garrigue Masaryks, 1937

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Tomáš Garrigue Masaryk – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Walter Schamschula: Geschichte der tschechischen Literatur II. Von der Romantik bis zum Ersten Weltkrieg Bausteine zur Geschichte der Literatur bei den Slawen. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 1990, ISBN 3412027952, S. 249.
  2. http://www.landeszeitung.cz/archiv/2003/index.php?edt=08&id=07
  3. Erich Später: „Villa Waigner“. Hanns Martin Schleyer und die deutsche Vernichtungselite in Prag 1939–1945. Konkret Literatur Verlag, Hamburg, 2009 ISBN 978-3-930786-57-2 S. 30.
  4. Jörg K. Hoensch, Geschichte Böhmens: Von der slavischen Landnahme bis zur Gegenwart, 3. Auflage, C. H. Beck: München 1997, S. 410; ISBN 3-406-41694-2.
  5. T. G. Masaryk, Das neue Europa. Der slawische Standpunkt, Volk und Welt: Berlin 1991, S. 7; ISBN 3-353-00809-8.
  6. Vgl. zu Masaryks politischer Tätigkeit die Darstellung von Radan Hain.
  7. Vgl. Festschrift zum 50-jährigen Bestehen des Verbandes der Volksdeutschen Landsmannschaften Österreichs, S. 42 f. – Andererseits eine linke Sichtweise, S. 2.
  8. Vgl. Masaryk zum 70. Todestag
  9. Letzter Satz in seiner Schrift Das neue Europa. Der slavische Standpunkt, Volk und Welt: Berlin 1991, S. 201.
  10. T. G. Masaryk (1991), S. 54.
  11. Radan Hain über T. G. Masaryk
  12. Vgl. Frank Henschel, Mitteleuropa gegen das neue Europa. Ein Vergleich der Schriften Friedrich Naumanns und Tomas Garrigue Masaryks, GRIN Verlag: September 2008; ISBN 3-640-17148-9.
  13. Silja Schultheis über Masarykverehrung