Hermann von Wissmann

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Dieser Artikel behandelt den Afrikaforscher Hermann von Wissmann. Zu seinem Sohn, dem gleichnamigen Geographen und Arabienforscher siehe Hermann von Wissmann (Geograph), zum deutschen Regierungsdampfer siehe Hermann von Wissmann (Schiff).
Hermann von Wissmann

Hermann von Wissmann (* 4. September 1853 als Hermann Wilhelm Leopold Ludwig Wissmann, in Frankfurt (Oder); † 15. Juni 1905 in Weißenbach bei Liezen, Steiermark) war ein deutscher Afrikaforscher, Offizier und Kolonialbeamter. Er war vom 8. Februar 1888 bis 21. Februar 1891 Reichskommissar und vom 26. April 1895 bis 3. Dezember 1896 Gouverneur von Deutsch-Ostafrika.

Vor dieser Zeit betätigte er sich als Afrikaforscher unter anderem im Auftrag des belgischen Königs 1883 bis 1885 in Zentralafrika und durchquerte 1886–1887 Afrika vom Kongo bis zur Sambesimündung.

Leben[Bearbeiten]

Der Sohn eines preußischen Regierungsrates besuchte das Gymnasium in Erfurt, trat nach seiner Ausbildung im preußischen Kadettenkorps 1873 als Fähnrich in ein mecklenburgisches Infanterieregiment ein und wurde 1874 Leutnant.

Postkarte von Tanga mit dem Porträt von Major Hermann von Wissmann
Major von Wissmann, 1891

Mit dem Afrikaforscher Paul Pogge näher bekannt geworden, bereitete er sich seit 1880 auf eine Reise nach Afrika vor und wurde 1881 im Dienste der Afrikanischen Gesellschaft nach Afrika entsandt.

Mit Pogge verließ er 1881 Luanda, gelangte über Malanje nach Kimbundo und nach Überschreitung des Kasai in das Gebiet der Tuschilange am Lulua. Von dort kamen sie zum Mukambasee, dessen wahre Ausdehnung bestimmt wurde, dann zu den Bassongo, passierten den Sankuru (Lubilasch) und setzten nach Erreichen des angeschwollenen Luubu die Reise in Booten zum Lualaba fort. In Nyangwe trennten sich die Forscher; Pogge kehrte nach der Westküste zurück, Wissmann aber ging ostwärts weiter und erreichte in Begleitung des Sklavenhändlers Tippu-Tip die Ostküste Afrikas am 15. November bei Saadani. Die erste Durchquerung Zentralafrikas eines Europäers von West nach Ost war gelungen, was bis dahin als undurchführbares Unternehmen galt.

Er kehrte dann über Sansibar und Ägypten nach Deutschland zurück. Nun gewann ihn der König Leopold II. von Belgien für eine Forschungsreise in das südliche Kongobecken. Am 16. November 1883 verließ er, begleitet von den Leutnants Brüder H. und Fr. Müller und Francois sowie Dr. Ludwig Wolf Hamburg, um zunächst in Malanje seine Expedition zu organisieren, was ihm durch die Übernahme von Pogges sämtlichen Leuten schnell gelang, so dass er am 17. Juli 1884 aufbrechen konnte.

Er stellte die verfallene Station Lu-buku wieder her und gründete am Lulua unter 5° 57' südlicher Breite und 22° 20' östlicher Länge die Station Luluaburg (das spätere Kananga). Während für die Talfahrt auf dem Lulua gerüstet wurde, entsandte er Leutnant François ostwärts zum Häuptling Mona Tende und Wolf auf eine Exkursion nach Norden. Die Fahrt wurde am 28. Mai angetreten auf den zu diesem Zweck erbauten zehn großen Kähnen und zehn Kanus der Afrikaner, welche außer Wissmann, François, H. Müller (Fr. Müller war inzwischen gestorben) und Wolf 48 Träger und 150 Baluba trugen. Begleitet wurde er von seinem Blutsbruder Kalamba Mukenge, dem König der Bashilange, welchen er bereits von seiner ersten Durchquerung kannte. Am 5. Juni wurde der Zusammenfluss mit dem Kasai erreicht, am 16. Juni die Mündung des Sankuru passiert. Vom 24. Juni an hatte die Expedition eine Reihe von erbitterten Kämpfen zu bestehen, bis sie am 9. Juli Kwamouth und am 16. Juli nach 50-tägiger Fahrt Léopoldville erreichte.

Die längst vermutete Zugehörigkeit des Kasai zum Kongogebiet war damit festgestellt. Wissmann begab sich darauf zur Erholung nach Madeira, kehrte aber nach kurzem Aufenthalt zum Kongo zurück, um die Erforschung des Gebiets im Nordosten des Lulua wieder aufzunehmen. Nachdem er vergeblich versuchte die Baluba am Gebiet des Buschimanei, einem Zufluss des Lubilasch, mit Hilfe seiner Männer zu unterwerfen, ging er nordostwärts und überschritt den Sankuru. Er musste aber vor dem dichten und sumpfigen Urwald zurückweichen und sich südwärts wenden und gelangte über Nyangwe, den Tanganjikasee und Njassasee auf einer neuen Route nach Mosambik und von dort über Sansibar und Ägypten nach Europa.

Nachdem Wissmann den Winter 1887/88 in Madeira zu seiner Erholung zugebracht und dort seine Reiseveröffentlichungen bearbeitet hatte, ging er im Auftrag des belgischen Königs nach Ägypten und kehrte darauf nach Deutschland zurück, um eine hier geplante Expedition zum Entsatz Emin Paschas (Eduard Schnitzer) zu übernehmen. Inzwischen war ein Aufstand der ostafrikanischen Küstenbevölkerung gegen den Versuch der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft (DOAG) ausgebrochen, ihre Herrschaft über den zu Sansibar gehörenden Küstenstreifen des heutigen Tansania auszuweiten. Das Deutsche Reich entschloss sich einzugreifen, um den deutschen Besitzzustand zu retten und Emin Pascha zu unterstützen.

Der Reichskanzler Otto von Bismarck berief Wissmann, welcher die Beförderung zum Hauptmann erhielt, zum Reichskommissar; der Reichstag bewilligte eine Summe von zwei Millionen Mark. 21 deutsche Offiziere, Ärzte und Beamte sowie 40 Unteroffiziere wurden für den Dienst in der Schutztruppe in Afrika angeworben und aus Somali, Zulu und Sudanesen eine Kolonialtruppe gebildet. Zur Beförderung seiner Truppen von einem Küstenplatz zum anderen und zur Verbindung der Küstenplätze untereinander wurden fünf Dampfer angekauft. Das bei Sansibar stationierte deutsche Kreuzergeschwader unter Konteradmiral Karl August Deinhard leistete bei den sofort eröffneten Operationen gegen die Aufständischen wirksame Hilfe. Am 8. Mai 1889 wurde das befestigte Lager des Rebellenführers Buschiri bei Bagamoyo erstürmt. In schneller Folge wurden sodann Saadani, Pangani und Tanga genommen. Am 4. Dezember 1889 traf Wissmann mit Henry Stanley und Emin Pascha in der Küstenstadt Bagamoyo gegenüber Sansibar zusammen.

Wissmann kehrte nach Deutschland zurück und trat auf Vortragsreisen für die Unterstützung der Kolonien ein. Er beteiligte sich an den Planungen des deutschen Anti-Sklaverei-Komitees, einen Dampfer für den Viktoriasee zu beschaffen. 1893 unternahm er eine erneute Reise nach Ostafrika, um das zerlegte Schiff über den Sambesi zum Nyassasee zu bringen, da der Landweg zum Viktoriasee wegen des Widerstands der Hehe als unsicher galt.

Am 1. Mai 1895 wurde Wissmann zum Gouverneur von Deutsch-Ostafrika ernannt, musste aber bereits im Dezember 1896 sein Amt aus Krankheitsgründen niederlegen und nach Deutschland zurückkehren. 1896/97 unternahm er mit Theodor Bumiller eine Reise nach Russland und Sibirien, 1898/99 hielt er sich in Südafrika auf. Im Mai 1900 nahm Wissmann als Vertreter des Deutschen Reiches an der auf seine Anregung – gemeinsam mit Stanley – in London tagenden Konferenz zur Herbeiführung eines Wildschutzes in Afrika teil.

Privatleben[Bearbeiten]

Wissmann-Gut in Weißenbach bei Liezen

Wissmann heiratete am 20. November 1894 Hedwig Langen, Tochter des Geheimen Kommerzienrates Eugen Langen. Aus der Ehe stammen neben dem Sohn Hermann, der später ein bekannter Arabienforscher wurde, auch drei Töchter.

1899 zog sich Wissmann auf seinen Landsitz in Weissenbach bei Liezen in der Steiermark zurück, wo er am 15. Juni 1905 durch einen Jagdunfall das Leben verlor.

Rezeption und Gedächtnis[Bearbeiten]

Denkmal für Hermann von Wissmann in Bad Lauterberg, geschaffen von Johannes Götz
Rückseite des Wissmann-Denkmals in Bad Lauterberg
Wissmann-Denkmal in Weißenbach bei Liezen

Denkmäler wurden nach seinem Tod in Weißenbach bei Liezen, Bad Lauterberg im Harz und Daressalam (später in Hamburg, derzeit eingelagert) errichtet. In über 20 Städten, u. a. in Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Kassel, Köln und München, gibt es Straßen, die nach ihm benannt wurden. Einige dieser Straßen wurden schon zu seinen Lebzeiten, einige nach seinem Tode und viele erst in den 1920er Jahren und während der Zeit des Nationalsozialismus benannt. Die Wissmannstraße in Hannover wurde am 18. März 2009 auf Antrag der Fraktionen der SPD und der Grünen im Bezirksrat Südstadt-Bult wegen „kolonialistischer Verbrechen“ umgewidmet.[1] Aus demselben Grund wurde am 18. Mai 2009 die Wissmannstraße in Stuttgart-Stammheim in Wolle-Kriwanek-Straße umbenannt.

Zum Kolonialgedenkjahr 1934 brachte die Deutsche Reichspost eine Briefmarkenserie mit den Porträts bekannter Personen der deutschen Kolonialgeschichte heraus. Neben von Wissmann wurde in der gleichen Serie auch der umstrittenere Carl Peters geehrt.

Die Bewertungen Wissmanns gehen weit auseinander: Nach einem angeblichen Zitat Bismarcks kam er „stets mit einer weißen Weste zurück“, zeitgenössische Biografen sahen ihn als „Deutschlands größten Afrikaner“. Laut Joachim Zeller war er „die in der damaligen öffentlichen Meinung weitgehend unumstrittene und sogar über die kolonialen Kreise hinaus populäre Figur“, für Thomas Morlang hingegen war er ein „äußerst umstrittene[r] Kolonialheld“. Gisela Graichen und Horst Gründer bescheinigen ihm, dass er „sehr wohl einen emotionalen Bezug zu den Einheimischen besaß“, und Mubabinge Bilolo aus der DR Kongo lobte ihn in seiner Rede beim 100. Todestag gar als einen „großen Afrikaner“. Andererseits wurde er als „Hauptakteur“ „eines der schlimmsten Verbrechen der deutschen Kolonialgeschichte“[2] bezeichnet, dem Schätzungen zufolge 300.000 tansanische (und 16 deutsche) Menschen zum Opfer fielen. Mubabinge Bilolo lehnt diese Kritik als Übelrede ab und weist darauf, dass man auf die historischen Daten achten sollte: Der Maji-Maji-Aufstand begann am 20. Juli 1905 und dauerte bis 1907/1908, Wissmann war aber schon 1896 von Afrika nach Deutschland zurückgereist. Der kongolesische Wissenschaftler studiert Wissmann und Pogge seit 1990 und hatte ihnen einen Kapitel in dem Buch La Conception Bantu de l'Autorité. Suivi de Baluba: Bumfumu ne Bulongolodi gewidmet [3], das er 1993 gemeinsam mit dem Erzbischof Emery Kabongo veröffentlicht hatte. Seine Würdigung von Wissmann ist daher keine „Anlasswürdigung“ sondern eine wissenschaftliche Schlussfolgerung nach dem Vergleich der afrikanischen Erinnerungen über „den Bruder Wissmann“ mit dessen Schriften. Für Kongolesen ist Wissmann mehr als „großer Afrikaner“; er war ein eingeladener Gast, der zum „Bruder“ wurde.

Werke[Bearbeiten]

  • Im Innern Afrikas. Die Erforschung des Kassai während der Jahre 1883, 1884 und 1885, Leipzig 1888 (Herausgeberschaft mit Ludwig Wolf, Curt von François, Hans Mueller, Hans).
  • Unter deutscher Flagge quer durch Afrika von West nach Ost. Von 1880 bis 1883 ausgeführt von Paul Pogge und Hermann Wissmann, Berlin 1888 (zahlreiche Neuauflagen).
  • Meine zweite Durchquerung Äquatorial-Afrikas vom Congo zum Zambesi während der Jahre 1886 und 1887, Frankfurt an der Oder 1890, Reprint: Salzwasser Verlag, ISBN 978-3-86444-509-5, Paderborn, 2012
  • Afrika. Schilderungen und Rathschläge zur Vorbereitung für den Aufenthalt und Dienst in den Deutschen Schutzgebieten, Berlin 1895 (Sonderdruck aus dem Militär-Wochenblatt 1894).
  • In den Wildnissen Afrikas und Asiens. Jagderlebnisse von Hermann von Wissmann, Berlin 1901. (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Alexander Becker, Conradin von Perbandt, Georg Richelmann, Rochus Schmidt, Werner Steuber: Herrmann von Wissmann. Deutschlands größter Afrikaner. Sein Leben und Wirken unter Benutzung des Nachlasses. Schall, Berlin 1906 (mehrere Neuauflagen, bewundernde, verklärende und kolonialromantische Lebensbeschreibung)
  • Johannes Fabian: Im Tropenfieber. Wissenschaft und Wahn in der Erforschung Zentralafrikas. Beck, München 2001, ISBN 3-406-47397-0 (zu den Expeditionsreisen Wissmanns und anderer)
  • Kanundowi Kabongo, Mubabinge Bilolo: La Conception Bantu de l'Autorité. Suivie de Baluba: Bumfume ne Bulongolodi.(Académie de la Pensée Africaine. Section VI: Sciences Sociales et Politiques, Vol. 2), Publications Universitaires Africaines, Kinshasa, Munich, Paris 1993.
  • Hans Lehr: "In den Wildnissen Afrikas und Asiens", Kleins, Lengerich/Westfalen 1959.
  • Thomas Morlang: „Finde ich keinen Weg, so bahne ich mir einen.“ Der umstrittene „Kolonialheld“ Hermann von Wissmann. In: Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller (Hrsg.): „… Macht und Anteil an der Weltherrschaft.“ Berlin und der deutsche Kolonialismus. Unrast, Münster 2005, ISBN 3-89771-024-2
  • Rochus Schmidt: Hermann von Wissmann und Deutschlands koloniales Wirken. Klemm, Berlin-Grunewald 1925
  • Joachim Zeller: Kolonialdenkmäler und Geschichtsbewußtsein. Eine Untersuchung der kolonialdeutschen Erinnerungskultur. IRO, Frankfurt am Main 1999 (zu den Denkmälern für Wissmann u. a.)
  • Hartmut Pogge von Strandmann: Imperialismus vom Grünen Tisch. Deutsche Kolonialpolitik zwischen wirtschaftlicher Ausbeutung und "zivilisatorischen" Bemühungen. Ch.Links, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-501-0

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hermann von Wissmann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. https://e-government.hannover-stadt.de/lhhsimwebre.nsf/Tagesordnung/18DE307E760E7EFFC12575A20014C6F2?OpenDocument
  2. http://www.werkstatt-der-kulturen.de/219.html
  3. * Kanundowi Kabongo, Mubabinge Bilolo: La Conception Bantu de l'Autorité. Suivie de Baluba: Bumfume ne Bulongolodi. Publications Universitaires Africaines, Kinshasa, Munich, Paris 1993. Siehe I.2. Luba-Lulua : Cadre Géo-Historique und II.2. Dibuela dia Baluba mu mpata ya Lulua - Geschichte von Luba-/Bashilange-Kasayi mit Übersetzung der wichtigen Zitate von Wissmann, Pogge, Schütt und Wolf in die Luba-Sprache