Andreas Bodenstein

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Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, Kupferstich (1534/41)[1]
Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt Holzschnitt 1. Hälfte 16. Jahrhundert
Gedenktafel am Haus Kirchplatz 11, in der Lutherstadt Wittenberg

Andreas Rudolf Bodenstein, genannt Karlstadt, lateinisch Carolstadius (* 1486[2][3] in Karlstadt[4][5]; † 24. Dezember 1541 in Basel) war ein deutscher Reformator des 16. Jahrhunderts.[6]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andreas Bodenstein entstammte vermutlich der frühbürgerlichen Führungsschicht seiner Heimatstadt. Als sein Vater wird der bischöflich würzburgische Kellermeister Peter (Rudolf) Bodenstein angenommen,[7] der für 1481 als Bürgermeister belegt ist. Der Vater wohnte mit seiner Familie um 1480 in Karlstadt am Markt in einem Haus des Würzburger Domkapitels.[8][9][10]

Der junge Andreas besuchte wahrscheinlich zunächst die örtliche Lateinschule, bevor er sich 1499 nach seinem Schulabschluss, im Alter von nur 13 Jahren,[11] an der Universität Erfurt immatrikulierte. Im Jahre 1502 legte er das 1. Examen ab. Als Baccalaureus verließ er 1503 Erfurt und wechselte an die Universität Köln, wo er mit den Lehren des Thomas von Aquin vertraut gemacht wurde. Von Köln führte sein Weg im Jahre 1505 an die Alma Mater Leucorea zu Wittenberg. Hier an der Universität Wittenberg wurde er im gleichen Jahr zum Magister artium erhoben. Zwei Jahre später 1507/08 ernannte man ihn dort zum Dekan an der Artistenfakultät. Seine kirchliche Karriere führte ihn über die niederen Weihen im Jahre 1508 schließlich 1510 zur Priesterweihe. Im selben Jahr wurde Bodenstein auch zum Doktor der Theologie promoviert.[12]

Hiernach ging er von Wittenberg zurück in seine Vaterstadt nach Karlstadt am Main, um dort seine Primiz zu halten. Auf dem Weg dorthin besuchte er im unterfränkischen Eußenheim seine verheiratete Schwester. Von Eußenheim aufgebrochen, um nach Karlstadt zu gelangen, wurde er aber 1511 im so genannten „Höul“, einem Hohlweg, von Räubern überfallen und dabei schwer verletzt. Nach diesem Ereignis legte er das Gelübde zu seiner späteren Romreise (1515 - 1516) ab.[13] Er genas, erholte sich in Karlstadt von seinen Verletzungen und feierte dort als Hauptzelebrant seine erste heilige Messe.[14]

Wirken vor der Reformation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Danach begab sich Bodenstein wieder auf den Weg zurück nach Wittenberg, wo er seine akademisch-theologische Karriere fortsetzte. Er habilitierte sich und nannte sich in humanistischer Tradition nach seiner Heimatstadt „Dr. Karlstadt“. Damals begann auch seine tiefe Freundschaft mit Georg Spalatin.[15] Bodenstein nahm 1511 eine Stelle als Dozent an der Theologischen Fakultät an, mit der auch das Archidiakonat an der Stiftskirche Allerheiligen (Schlosskirche) verbunden war.[16] Darüber hinaus übernahm er mehrmals leitende Funktionen an der Universität. In seiner Wirkenszeit als Dozent an der Artistenfakultät hielt er vor allem Vorlesungen über Thomas von Aquin. Er setzte sich jedoch unter anderem auch mit den Schriften von Johannes Duns Scotus und Wilhelm von Ockham auseinander. Als Dekan promovierte er 1512 Martin Luther zum Doktor der Theologie und setzte seine universitäre Ausbildung auf juristischem Gebiet fort. Im Jahre 1515 erfolgte schließlich die Romfahrt, mit der er sein Gelübde aus Eußenheim einlöste. Auf dem Weg nach Rom wurde er in Siena zum Doktor der beiden Rechte (Doctor iuris utriusque) promoviert.[17] Während seines Italienaufenthalts zwischen 1515 und 1516 war er u. a. in Rom[18] auch als Schreiber an der Kurie beschäftigt.

Im Jahre 1517 versuchte das Würzburger Stiftskapitel, Dr. Karlstadt als Domprediger zu gewinnen.

Karlstadt als Wittenberger Reformator[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zunächst Gegner der Hinwendung Luthers zur Theologie des Augustinus von Hippo, entwickelte Bodenstein sich später zum Anhänger dieses Reformators. Außerdem wurde er von den Schriften Johanns von Staupitz und der Mystik Johannes Taulers beeinflusst.[19] Am 26. April 1517 trat Bodenstein mit 152 aus Augustinus exzerpierten Thesen über „Die Natur, das Gesetz und die Gnade“ an die Öffentlichkeit. Mit Klarheit und Strenge formulierte er seine Theologie. Zentral war darin das neue Verständnis von Gnade und menschlichem Willen. Auch sein strenger Biblizismus wurde bereits sichtbar.[20]

1518 eröffnete Karlstadt mit den Apologeticae conclusiones, in denen er unter anderem zum Verhältnis zwischen menschlichem Willen und göttlicher Gnade im augustinischen Sinn Stellung bezog, die Auseinandersetzung mit Johannes Eck. Die Unfähigkeit des Menschen zum Guten ohne eine ihm allein von Gott zukommende und rechtfertigende Gnade behandelte er in seiner Vorlesungsschrift De impii iustificatione. Auf diese Themen beschränkte er sich 1519 in der Leipziger Disputation und seiner ersten deutschen Schrift Auslegung und Erläuterung. Dagegen hielt er sich in der Frage des päpstlichen Primats zurück. Eck hielt danach eine Verständigung mit Karlstadt noch für möglich, nicht jedoch mit Luther.[21]

Erst nach der päpstlichen Bannandrohungsbulle Exsurge Domine vom 15. Juni 1520 durch Papst Leo X. gegen Luther und seine Anhänger einschließlich Karlstadt persönlich vollzog auch dieser den offenen Bruch mit der Papstkirche und der Tradition. Der Papst drohte mit Exkommunikation, die er dann am 3. Januar 1521 mit der Bulle Decet Romanum Pontificem in Kraft setzte.[22]

1521 wurde Justus Jonas neuer Propst am Allerheiligenstift. Die Hoffnungen von Andreas Bodenstein auf dieses Amt hatten sich somit zerschlagen. Für eine kurze Zeit wirkte er, nach einer Einladung durch Christian II., 1521 in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen,[23] kehrte aber schon im Juni des gleichen Jahres nach Wittenberg zurück. Dort wurde er während Luthers Aufenthalt auf der Wartburg zum wichtigsten Protagonisten der Wittenberger Bewegung. Weder der Rat der Stadt noch Melanchthon setzten dieser großen Widerstand entgegen.

Karlstadt predigte und realisierte konsequent die Erneuerung des Gottesdienstes (Abschaffung der Messe), Abschaffung der Heiligenbilder, der Kirchenmusik (die seiner Meinung nach von der Andacht abhielten) und der Privatbeichte sowie des Zölibatzwangs. Eine zentrale Frage wurde für ihn die Feier des Abendmahls in beiderlei Gestalt, d. h. unter Austeilung von Brot und Wein an die Gemeinde. Zum Weihnachtsfest 1521 feierte Karlstadt die erste evangelische Liturgie auf Deutsch. Er trug dabei weltliche Kleidung und feierte das Abendmahl in beiderlei Gestalt, wobei die Laien den Kelch selbst in die Hand nahmen. Damit wurde die Heilsvermittlung durch Priester praktisch aufgehoben. Im Februar 1522 kam es schließlich zu Tumulten und Ausschreitungen bei der Beseitigung der Bilder aus den Kirchen.[24]

Heirat und Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Heirat mit Anna von Mochau (* ca. 1507) aus Seegrehna am 19. Januar 1522 bezeugte seinen Bruch mit dem Zölibat.

Die Familie Bodenstein hatte wahrscheinlich sieben Kinder, den ältesten Sohn Johannes (* 1523), dann den zweitältesten Sohn Andreas (* 1525), sodann Adam (1528–1577), gefolgt von Daniel (* 1539) und Sohn Küngold (* 1573) sowie zwei weiteren Kindern namens Gertrud und Jakob, deren Geburtsdaten unbekannt sind. Adam Bodenstein wurde späterer ein Schüler von Paracelsus und übte den Arztberuf aus.[25]

Georg Major war Bodensteins Schwager, ebenso wie Gerhard Westerburg. Georg Major heiratete 1528 die Schwester von Anna von Mochau, Magarethe von Mochau († 10. Oktober 1577 in Wittenberg).[26]

Erste Differenzen mit Luther[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um die Februarausschreitungen von 1522 zu beenden, rief der Rat der Stadt Luther zu Hilfe, der gegen den Rat des Kurfürsten Friedrich die Wartburg verließ und im März 1522 seine Invokavitpredigten hielt. In diesen kritisierte er die Umsetzung der reformatorischen Gedanken durch Karlstadt, da jener keine Rücksicht auf die Schwachen genommen habe. Zugleich stellte Luther die alten gottesdienstlichen Formen wieder her und setzte ein Predigtverbot für Karlstadt sowie eine Zensur und Beschlagnahme seiner Schriften durch die Universität durch.[27]

Enttäuscht von Luther zog sich Karlstadt von der Universität und aus Wittenberg auf ein erworbenes Gut bei Wörlitz zurück und betrieb dort Landwirtschaft.

Pfarrer in Orlamünde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Sommer 1523 wurde Karlstadt zum Pfarrer von Orlamünde gewählt,[28] nachdem sich die Gemeinde mit seinem Vorgänger wegen der Zehntleistungen überworfen hatte; diese Pfarrstelle war dem Allerheiligenstift zu Wittenberg inkorporiert.[29] Hier setzte er die Reformation mit Unterstützung der Gemeinde in seinem Sinne durch, reformierte die Liturgie, schaffte die Kindertaufe ab und entfernte die Orgel und die Heiligenbilder. Er nahm im gesamten Saaletal Einfluss auf die reformatorische Bewegung. Insbesondere nach Jena, wo zu dieser Zeit Martin Reinhart (* ca. 1500) als erster evangelischer Pfarrer (1522 bis 1524)[30] sowie Gerhard Westerburg wirkten, pflegte er intensive Kontakte. Dort wurden auch mehrere seiner Schriften gedruckt.

In vielen Punkten wie der Bilder- und der Abendmahlsfrage ähnelten seine Positionen denen Zwinglis und Calvins. Kurze Zeit stand er auch mit Thomas Müntzer in Verbindung, trat jedoch dem Allstedter Bund nicht bei, da er Gewalt als Mittel zur Durchsetzung der Reformation ablehnte. Die Gemeinde in Orlamünde verhielt sich später während des Deutschen Bauernkriegs entsprechend passiv. In der Ablehnung von Gewalt und in der Konzeption einer abseits der Welt stehenden Gemeinde ähnelten seine Positionen auch denen der ab 1525 in Erscheinung tretenden Schweizer Täufer. Dennoch sah Luther in ihm einen Anhänger Müntzers und betrieb seine Absetzung und Ausweisung. Im August 1524 kam es während Luthers Visitationsreise durch Thüringen zu zwei Disputationen in Jena und Orlamünde. Nachdem Luther in Orlamünde Karlstadt aus der Kirche verwiesen hatte, gab es einen Zusammenprall mit der dortigen Gemeinde: Die selbstbewussten Bauern bestanden „auf ihrem Pfarrwahlrecht, der Beseitigung der Bilder und der Berechtigung innerer mystischer Erkenntnis der Gotteswahrheit“. Luther schied in unversöhnlicher Feindschaft von den „Schwermgeistern“, die ihrerseits in ihm einen Verräter am Evangelium sahen und sich von ihm lossagten.[31] Daraufhin wurde Karlstadt am 18. September 1524 aus Kursachsen ausgewiesen, obwohl er eine Aufforderung der von Thomas Müntzer geprägten Allstedter Gemeinde, sich dem dort geplanten (Verteidigungs-) Bund anzuschließen, abgelehnt hatte[32]

Weitere Stationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Folgezeit war durch eine unstete Wanderschaft gekennzeichnet, die ihn durch verschiedene oberdeutsche Städte führte. Jedoch wurde er überall nach kurzer Zeit wieder ausgewiesen. Auf Vermittlung Luthers konnte er 1525, nachdem er seine Abendmahlslehre widerrufen hatte, nach Wittenberg zurückkehren, blieb jedoch von Predigt und Universität ausgeschlossen.

Die wichtigsten Aufenthaltsorte und Lebensstationen des Andreas Bodensteins skizziert in eine politische Karte um das Jahr 1547
Die Verbreitung der Täuferbewegung zwischen 1525 und 1550

Sein Weg führte ihn nach Zürich und Basel, dort nahm er Kontakt zu den Täufern auf. Hiernach ging es nach Heidelberg; von dort über Schweinfurt, Kitzingen und Nördlingen gelangte er Ende 1524 nach Rothenburg ob der Tauber, wo Freunde ihn und seine Familie gastlich aufnahmen. In Rothenburg sah er erstmals seine Kinder Johannes und den im Jahre 1525 in Kemberg bei Wittenberg geborenen Sohn Andreas, doch zum Jahresanfang 1525 erging schon bald die Ausweisung durch den Rat der Stadt. Karlstadt tauchte zunächst in Rothenburg unter; wegen der unsicheren Situation auch durch die Auswirkungen des Bauernkrieges verließ die Familie die Stadt wieder. Karlstadt geriet zwischen die Fronten der kämpfenden Parteien und wäre beinahe von einem Bauernführer vor den Toren Rothenburgs erschlagen worden, weil er sich gegen den gewaltsamen Aufruhr ausgesprochen hatte.[33] Erneut ging er in seine Heimatstadt Karlstadt und von dort in die Freie und Reichsstadt Frankfurt am Main. An Pfingsten 1525 reiste Bodenstein nach Karlstadt, um in der Kirche St. Andreas die erste evangelische Predigt zu halten; am 12. Juni 1525 verweilte er erneut in Frankfurt am Main. Seine Ehefrau, Anna von Mochau, nahm von dort Verbindung zu Martin Luther in Wittenberg auf; man versuchte, für die Familie Bodenstein durch Luthers Hilfe eine Einreise- und Aufenthaltserlaubnis für das Kurfürstentum Sachsen zu erwirken. Im Jahre 1526 lebten Bodenstein und seine Familie in großer materieller Not.

Der Kurfürst Johann der Beständige stimmte letztlich seiner Rückkehr nach Kursachsen zu, stellte aber die Bedingung, dass Bodenstein sich von allen Vorwürfen zum Aufruhr distanzieren müsse. Bodenstein ließ sich mit seiner Familie in Seegrehna, dem Geburtsort seiner Ehefrau, nieder. In Seegrehna wurde dann im März 1526 ihr zweiter Sohn Andreas getauft. Die Lage in Kursachsen verschlimmerte sich, als ein von ihm mit Caspar von Schwenckfeld unterhaltener Briefwechsel öffentlich wurde. Um Strafmaßnahmen zuvorzukommen, entwich Bodenstein Anfang 1529 heimlich aus Sachsen und kehrte Kursachsen endgültig den Rücken.[34][35]

Seine Umgebung in der Vermutung lassend, er ginge nach Zürich, wandte er sich zunächst in Richtung Norddeutschland. Melchior Hofmann hatte ihn eingeladen, ihn gegen die Positionen der Lutheraner in Holstein zu unterstützen. Hofmann versuchte für Karlstadt auch eine Teilnahme an der Flensburger Disputation zu erwirken. Ein Bemühen, das für beide darin gipfelte, dass Karlstadt und Hofmann als Sakramentierer aus der Grafschaft verwiesen wurden. Über Kiel gelangte er nach Ostfriesland. Während eines achtmonatigen Aufenthalts in Ostfriesland wirkte er zeitweise zusammen mit dem Täufer Melchior Hofmann. Beide hatten sich zunächst nach Emden (unter anderem auch Pilsum) gewandt, wo sie Ende April oder Anfang Mai 1529 eintrafen.[36] Während Hofmann wenig später nach Straßburg weiterzog, blieb Karlstadt in Ostfriesland und entfaltete dort eine nachhaltige Wirksamkeit. Enno II. wurde auf dem Reichstag zu Speyer vom sächsischen Kurfürsten gedrängt, sich im Sinne der lutheranischen Überzeugungen auszurichten. Karlstadt genoss zwar einen großen Respekt in weiten Kreisen des Landadels, der Geistlichkeit und auch der Bevölkerung, wurde aber als Kritiker Luthers Anfang Februar 1530 unter Androhung von Gewalt durch Enno II. ausgewiesen.

Von Ostfriesland reiste Bodenstein nach Straßburg; in der elsässischen Metropole traf er Ehefrau und Kinder wieder. Doch Straßburg bot ihnen keine Bleibe; nach einem kurzen Aufenthalt komplementierte man sie auch dort aus der Stadt. 1530 ging Karlstadt mit der Zwischenstation Basel nach Zürich, Ende Juli erreichten sie diesen Hauptort des Kantons Zürich.[37]

Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Zürich wirkte Bodenstein zunächst als Diakon des Spitals und nahm 1531 die Pfarrstelle in Altstetten an, die er aufgrund des Sieges der altgläubigen Kantone im Zweiten Kappelerkrieg wieder aufgeben musste. Anschließend wirkte er in Zürich an der Schule des Grossmünsters. Auf Fürsprache Heinrich Bullingers wurde er 1534 Dozent und Pfarrer in Basel; 1537 war er Rektor der Universität Basel. Nach einem bewegten Leben starb er dort am Heiligabend 1541 an der Pest.

Während Luther 1542 den Tod Karlstadts kommentierte: „Wenn man den Baum nach seinen Früchten beurteilt, so ist dieser Mensch geradewegs zur Hölle getanzt, ja er hat sich selbst kopfüber hineingestürzt“,[38] verfasste hingegen Heinrich Pantaleon, Schüler und Freund Bodensteins aus Basler Zeiten, diesem zu Ehren ein Trauergedicht mit den folgenden Worten:

„En CAROLSTADIUS, quem olim Franconia misit,
Occidit, Helvetium Gloria, fama, decus“

(Oh, Karlstadt, den Franken einst schickte, ist tot, der Schweizer Ruhm, Ehre und Zierde).

Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Titelblatt: Von der Abtuung der Bilder. 1522

Zunächst Förderer und Weggefährte Luthers, entwickelte Karlstadt bald eine eigene reformatorische Konzeption. So war er im Jahre 1519 in Leipzig als Disputant an der Seite Luthers. Während Luthers Aufenthalt auf der Wartburg 1521 bis 1522 setzte sich Karlstadt für die Ideen der Reformation in Wittenberg forciert ein; aus der Sicht Luthers war sein Bestreben aber zu energisch. Insbesondere in seinen Vorstellungen von der Laienkompetenz ging Karlstadt weiter als viele andere Reformatoren.

Abendmahlsfrage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1524 eröffnete Karlstadt mit einem Traktat zur Abendmahlsfrage den Abendmahlsstreit zwischen Martin Luther und Ulrich Zwingli, der zur Spaltung zwischen Wittenberger und oberdeutscher Reformation beitrug.

Nach seiner Flucht im Juni 1525 nach Süddeutschland nahm Karlstadts Frau von Frankfurt am Main aus Kontakt mit Luther auf. Karlstadt wurde gezwungen, in der Frage des Abendmahls die Ansicht Luthers von der Realpräsenz Christi öffentlich zu billigen. So wurde eine verklausulierte Erklärung abgegeben: „Erklärung wie Carlstat sein lere von dem hochwirdigen Sacrament vnd andere achtet vnd geacht haben wil“ (Wittenberg 1525). Es kam zur Unterstützung Luthers, der Karlstadt zunächst und insgeheim in seinem Haus aufnahm. 1526 durften Karlstadt und seine Familie 1526 wieder in das Kurfürstentum Sachsen zurückkehren.

Wie der Spiritualist Karlstadt wollten auch der Basler Humanist und Reformator Johannes Oekolampad und Zwingli „die Tilgung aller magisch-sakralen Elemente, die sie im Widerspruch zur geistigen Wirkungsart Gottes sahen.“[39]

Ihren Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung um die Wandlung dann im März des Jahres 1536. Bei dem Basler Buchdrucker Thomas Platter erschien die erste Ausgabe der Institutio Christianae Religionis von Johannes Calvin. Als eines der wichtigsten Bücher der Reformation wurde die Institutio das theologische Lehrbuch der französischsprachigen reformierten Kirche und Grundlage der Theologie der reformierten Kirche außerhalb Frankreichs. Im Mai desselben Jahres schlossen reformatorische Theologen die Wittenberger Konkordie. Dabei ging es um die Auslegung des Abendmahls, die zwischen den Wittenberger Reformatoren einerseits sowie Vertretern der Schweizer und der Oberdeutschen Reformation andererseits strittig war. An den Verhandlungen vom 21. Mai bis 28. Mai nahmen teil: die Wittenberger Martin Luther, Philipp Melanchthon, Johannes Bugenhagen, Caspar Cruciger der Ältere, Matthäus Alber und Johannes Schradin aus Reutlingen, Jacob Ottner aus Esslingen am Neckar, Johann Bernhard aus Frankfurt am Main, Martin Bucer und Wolfgang Capito aus Straßburg, Martin Frecht aus Ulm, Justus Menius aus Eisenach, Friedrich Myconius aus Gotha, Wolfgang Musculus und Bonifacius Wolfhart aus Augsburg, Gervasius Schuler aus Memmingen, und der erst später eingetroffene Johannes Zwick aus Konstanz. Justus Jonas der Ältere unterzeichnete die Konkordie nachträglich. Mit Ausnahme des Konstanzer Predigers Zwick, der vorgab, hierzu nicht legitimiert zu sein, nahmen die oberdeutschen Städte die Konkordie an, nicht aber die Schweizer Städte.

Verfasserfrage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ob Karlstadt der Verfasser der anonymen, 1525 publizierten Bauernkriegs-Flugschrift An die Versammlung gemeiner Bauernschaft ist, ist in der Geschichtsforschung umstritten und bisher nicht bewiesen. Allerdings hat er sich mehrmals gegen gewaltsamen Aufruhr ausgesprochen, so schon 1524 in der Schrift der Orlamünder an die Allstedter, wie man christlich fechten soll: „lasst uns nicht zu Messern und Spießen laufen“.[40] Auch am 14. Mai 1525 in Rothenburg ob der Tauber und am 1. Juni 1525 in Schweinfurt forderte er die Bauern auf, die Waffen niederzulegen und zu verhandeln.[41]

Bilderfrage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aber (got klag ichs) mein hertz ist von Jugend auff yn eher erbiethung vnd wolachtung der bildnis ertzogen vnd auffgewachßen. vnd ist mir ein schedliche forcht eingetragen / der ich mich gern wolt endletigen / vnd kan nit. Alßo stehn ich in forcht / das ich keynen olgotzen dorfft verbrennen. Ich hette sorg der Teuffels narr mocht mich beleydigen. Wie wol ich die schrifft (an einem teyll) hab / vnd weiß. dz Bilder nicht vermogen / haben auch weder leben / bluth / nach geyst. Idoch helt mich forcht am andern teyll / vnd macht / das ich mich vor eynem gemalten teuffell / vor eynem schatwen / vor eynem gereusch eines leychten bletlins forcht / vnd flihe das / das ich menlich solt suchen.

Andreas Bodenstein: Von abtuhung der Bylder. Wittenberg 1522[42]

Andreas Bodensteins radikale Aufforderung zur Beseitigung der Bilder scheint wie ein Versuch, sich in einem Gewaltakt von der eigenen Bilderfurcht zu lösen. Der Bildersturm wurde zum symbolhaften Bruch mit seiner früheren „Abgötterei“.

Aktueller Hinweis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 500. Jahr der Reformation würdigt bis 31. Oktober 2017 das „Stadtgeschichtliche Museum“ in Karlstadt den Reformator durch eine Sonderausstellung „Andreas Bodenstein, genannt Dr. Carlstadt und die Reformation in Deutschland“.[43]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Belletristik
  • Alfred Otto Schwede: Der Widersacher (Ein Karlstadt-Roman). Union Verlag, Berlin 1975.
  • Barbara Wolf: Carlstadt contra Luther - sie wollten nur die Reformation. Edition Winterwork, Borsdorf 2016, ISBN 978-396-0141-97-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Andreas Bodenstein – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Andreas Bodenstein. 100 Jahre St. Johanniskirche 1904 – 2004. Nr. 7, Februar 2007S. 2.
  2. Alejandro Zorzin: Karlstadt, Andreas Rudolff Bodenstein von. In: Mennonitisches Lexikon. Band 5 (MennLex 5).
  3. Hans Ulrich Bächtold: Karlstadt. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  4. Allerdings gibt es auch abweichende Angaben: 1477: Ulrich Bubenheimer: Consonantia Theologiae et Iurisprudentiae. Andreas Bodenstein von Karlstadt als Theologe und Jurist zwischen Scholastik und Reformation. Tübingen 1977. S. 1; Ernst Kähler: Artikel Bodenstein, Andreas Rudolf. In NDB, Band 2. 1955. S. 356. bzw. 1480: Alfred Otto Schwede: Andreas Rudolph Bodenstein genannt Karlstadt. In: Andreas Bodenstein von Karlstadt 1480-1541. Festschrift der Stadt Karlstadt zum Jubiläumsjahr 1980. Karlstadt 1980
  5. Aus Karlstadt stammen einige weitere gelehrte Zeitgenossen von Bodenstein, so Johann Draconites (1494–1566), Johann Schöner (1477–1547), Michael Beuther (1522–1587).
  6. Armin Kohnle, Beate Kusche (Hrsg.): Professorenbuch der theologischen Fakultät der Universität Wittenberg 1502 bis 1815/17 (= Leucorea-Studien zur Geschichte der Reformation und der Lutherischen Orthodoxie [LStRLO] Band 27). Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2016, ISBN 978-3-374-04302-6, S. 32–34 (PDF-Datei).
  7. Philipp Melanchthon (bearbeitet von Heinz Scheible, unter Mitwirkung von Corinna Schneider): Melanchthons Briefwechsel. Band 12 der Regesten. Stuttgart-Bad Cannstatt 2005 (Fromann-Holzboog). ISBN 3-7728-2258-4. S. 399
  8. Karlstadter Humanisten. St. Johannis Karlstadt.
  9. Wahrscheinlich war dieses „Haus am Markt“ das zu späteren Zeiten betriebene „Gasthaus zum Ochsen“, welches jedoch abgerissen wurde.
  10. Es war ein massives Steingebäude, was damals für Wohnhäuser ungewöhnlich war und daher auf einen herrschaftlichen Besitzer, wie das Domkapitel hinweist.(So Ulrich Bubenheimer: Andreas Rudolff Bodenstein von Karlstadt, in: Festschrift der Stadt Karlstadt zum Jubiläumsjahr 1980, Karlstadt 1980, S. 5.)
  11. Andreas Bodenstein. 100 Jahre St. Johanniskirche 1904 – 2004. Nr. 7, Februar 2007S. 2.
  12. [1]
  13. Andreas Bodenstein. 100 Jahre St. Johanniskirche 1904 – 2004. Nr. 7, Februar 2007S. 3.
  14. [2]
  15. http://www.karlstadt-evangelisch.de/online/index.php/geschichte-und-geschichten/karlstadter-humanisten
  16. http://www.mennlex.de/doku.php?id=art:karlstadt_andreas_rudolff_bodenstein_von
  17. http://www.mennlex.de/doku.php?id=art:karlstadt_andreas_rudolff_bodenstein_von
  18. Renate Meincke: Editionsdesiderate zur Frühen Neuzeit: Beiträge zur Tagung der Kommission für die Edition von Texten der Frühen Neuzeit. Bände 24-25 von Chloe (Amsterdam), Band 1, Rodopi, Amsterdam 1997, ISBN 9-0420-0332-4, S. 553 f.
  19. http://www.mennlex.de/doku.php?id=art:karlstadt_andreas_rudolff_bodenstein_von
  20. [3]
  21. http://www.mennlex.de/doku.php?id=art:karlstadt_andreas_rudolff_bodenstein_von
  22. http://www.mennlex.de/doku.php?id=art:karlstadt_andreas_rudolff_bodenstein_von
  23. [4]
  24. http://www.mennlex.de/doku.php?id=art:karlstadt_andreas_rudolff_bodenstein_von
  25. Ferdinand Brüggemann: Biographie der Aerzte. Bd. 1, F. Brockhaus, Leipzig 1829, S. 478
  26. Johannes Hund, Jan Martin Lies, Hans-Otto Schneider: Controversia et confessio: der interimistische Streit (1548-1549). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, ISBN 3-5255-6008-7, S. 48–49
  27. Johannes Wallmann: Kirchengeschichte Deutschlands seit der Reformation. Tübingen 2005, S. 44.
  28. Vgl. TRE 17, 652,12–21
  29. Gottfried Seebass: Geschichte des Christentums. Band 2, W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-1701-8780-5, S. 150 f.
  30. Martin Reinhart. personendaten.org
  31. Schilling, Heinz: Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Beck, München 2012. S. 288.
  32. http://www.mennlex.de/doku.php?id=art:karlstadt_andreas_rudolff_bodenstein_von
  33. Ausstellung zum Reformationsjahr 2017 im Stadtgeschichte-Museum Karlstadt Andreas Bodenstein genannt Dr. Carlstadt und die Reformation in Deutschland.
  34. Alejandro Zorzin: Andreas Bodenstein von Karlstadt (1486-1541). S. 1–12
  35. Ulrich Bubenheimer, Stefan Oehmig (Hrsg.): Querdenker der Reformation - Andreas Bodenstein von Karlstadt und seine Wirkung. Religion-und-Kultur-Verlag, Zell am Main 2001, ISBN 3-9338-9107-8, S. 277 f.
  36. Thomas Stäcker: Ostfriesische Landschaft: Karlstadt (Andreas von Bodenstein) Ostfriesische Landschaften, S. 1–5
  37. Andreas Bodenstein. 100 Jahre St. Johanniskirche 1904 – 2004. Nr. 7, Februar 2007
  38. Luther Martin: Werke. Kritische Gesamtausgabe / Weimarer Ausgabe. 4. Abteilung: Briefwechsel, Weimar 1883, WB10, Nr. 3714.
  39. Schilling, Heinz: Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Beck, München 2012. S. 288.
  40. [5]
  41. Ausstellung zum Reformationsjahr 2017 im Stadtgeschichte-Museum Karlstadt Andreas Bodenstein genannt Dr. Carlstadt und die Reformation in Deutschland.
  42. Transkription auf Wikisource
  43. Main-Echo, Aschaffenburg v. 8. April 2017, S. 24.[6]