Bakteriophagen

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Viruspartikel von Bacillus-Phage Gamma, Isolat d'Herelle, aus der Gattung Wbetavirus (alias Wbetalikevirus)[1][2] im Transmissionselektronenmikroskop (TEM) nach Negativkontrastierung

Als Bakteriophagen oder kurz Phagen (Singular Phage, der; von altgriechisch βακτήριον baktérion ‚Stäbchen‘ und φαγεῖν phageín ‚fressen‘) bezeichnet man verschiedene Gruppen von Viren, die auf Bakterien als Wirtszellen spezialisiert sind.[3] Der Wirtsspezifität entsprechend werden die Phagen in taxonomische Gruppen unterteilt, zum Beispiel in Coli-, Staphylokokken-, Diphtherie- oder Salmonella-Bakteriophagen. Mit einer geschätzten Anzahl von 1030 Virionen im gesamten Meerwasser sind Phagen häufiger als jede Art von Lebewesen und bilden das sogenannte Virioplankton.

Zu beachten: Viren sind keine Lebewesen, denn sie besitzen keinen eigenen Stoffwechsel. Sie werden von einigen Wissenschaftlern als "dem Leben nahe" bezeichnet.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wirkung von Phagen wurde 1917 von dem Kanadier Félix Hubert d’Hérelle erstmals beschrieben.[4] Zwar hatte der Engländer Frederick Twort bereits 1915 an Staphylokokken-Kulturen Zersetzungsprozesse beobachtet, die auf die Einwirkung von Bakteriophagen zurückzuführen sind, jedoch wurde seine Veröffentlichung praktisch nicht beachtet. D’Hérelle gilt somit neben Frederick Twort als einer der Entdecker der Bakteriophagen, den sogenannten „Bakterienfressern“. Ihren Namen und ihre Entdeckung verdanken sie jedoch d’Hérelle. Parallel zu d’Hérelle postulierte der deutsche Mikrobiologe Philalethes Kuhn aufgrund von Beobachtungen der Veränderungen von Bakterienkulturen unter bestimmten Bedingungen die Existenz von Bakterienparasiten. Er bezeichnete diese als Pettenkoferien und sah die von d’Hérelle beschriebene „unsichtbare, dem Ruhrbazillus entgegenwirkende Mikrobe“ als Sonderfall dieser Parasiten an. Wie sich später herausstellte, beruhten seine Beobachtungen jedoch nicht auf der Existenz eines Bakterienparasiten, sondern lediglich auf Formveränderungen der von ihm untersuchten Bakterien.

D’Hérelle stellte sich den Bakteriophagen als ein „ultravisibles, korpuskulares Lebewesen“ vor, das in einer Grundform existiere und sich an verschiedene Wirte, also Bakterien anpasse. Tatsächlich sind Bakteriophagen nach heutigem Wissensstand hochspezialisierte Viren, die an einen spezifischen Wirt gebunden sind. Auch wenn in diesem Kontext von Wirten die Rede ist, sind nach heutiger Definition Bakteriophagen, da sie als Viren keine Lebewesen sind, keine Parasiten[5]. Die ersten Phagen, die untersucht wurden, waren sieben Phagen des Bakteriums Escherichia coli. Sie wurden in der Reihenfolge ihrer Entdeckung als Typ 1 (T1), Typ 2 (T2) und so weiter benannt.

Aufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufbau und Infektionszyklus von Phage T4.
Bakteriophagenstruktur

Die Gestalt der Bakteriophagen wurde vorwiegend an den Phagen der T-Reihe (T-Serie) von Escherichia coli aufgeklärt. Der Coliphage T2 besteht aus einem polyedrischen Kopf von 100 nm Länge, an dem ein etwa gleich langer Schwanz sitzt. Bakteriophagen werden taxonomisch nach ihrer Morphologie, ihrem Genom und ihrem Wirt eingeteilt. So unterscheidet man DNA-Phagen mit einzelsträngiger DNA, sogenannte ss-DNA-Phagen (von engl. single-stranded), und solche mit doppelsträngiger DNA, sogenannte ds-DNA-Phagen (von engl. double-stranded). Die hier exemplarisch behandelten Escherichia coli-Phagen der T-Reihe werden zu letzterer Gruppe gezählt.

Die sogenannten T-Phagen (z. B. T4-Phage) zeichnen sich gegenüber anderen Bakteriophagen durch einen relativ komplexen Aufbau aus. Grundlegend setzen sie sich aus einer Grundplatte (9), einem Einspritzapparat (Injektionsapparat, 2) und einem Kopf (1), bestehend aus dem so genannten Kapsid (4) und der darin enthaltenen Nucleinsäure (3) zusammen. Die Module Kopf und Einspritzapparat sind durch einen Hals (Collar, 5) verbunden. Die Grundplatte (die wie Kapsid und Injektionsapparat aus Proteinen aufgebaut ist) ist mit Schwanzfibern (7) und Spikes (8) besetzt, die der Adsorption auf der Wirtszellwand dienen. Der Injektionsapparat besteht aus einem dünnen Rohr, auch Schwanzrohr (6) genannt, durch das die Phagen-DNA (3) in die Wirtszelle injiziert wird. Das Rohr wird von einer kontraktilen Schwanzscheide umhüllt, die sich während der Injektion zusammenzieht. Das Kapsid ist mit ikosaedrischer Symmetrie aus 152 Kapsomeren aufgebaut und enthält die DNA des Phagen. Aufgrund dieses Aufbaus zählen die Phagen der Gattung T4-ähnliche Viren (Familie Myoviridae) zu den strukturell komplexesten Viren.

Phagen mit einzelsträngiger DNA sind dagegen meist klein, sphärisch und schwanzlos oder filamentös. Die ebenfalls auftretenden RNA-Phagen bestehen meist (soweit bis zu diesem Zeitpunkt beschrieben) aus einer Proteinhülle, die ein einsträngiges RNA-Molekül umschließt. Der Durchmesser dieser Phagen beträgt etwa 25 nm, sie gehören also zu den kleinsten Phagen.

Vermehrung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der lytische (A) und lysogene (B) Zyklus zur Phagenvermehrung.

Viren benötigen mangels eines eigenen Stoffwechsels zur Reproduktion einen Wirt, im Falle der Bakteriophagen eine geeignete, lebende Bakterienzelle. Die Reproduktion lässt sich in fünf Phasen gliedern:

  • Adsorption an spezifische Zellwandrezeptoren: Bei der Adsorption koppeln die Enden der Schwanzfasern an passende Moleküle (Rezeptoren) der Oberfläche des Bakteriums.
  • Injektion der Phagen-Nukleinsäure in die Wirtszelle: Die phageneigene Nukleinsäure, DNA bzw. RNA, gelangt in das Bakterium. Die nun funktionslosen Proteine der leeren Phagenhülle bleiben außen auf der Oberfläche des Bakteriums zurück.
  • Latenzphase: Während dieser Phase lassen sich im Bakterium keine Phagen nachweisen. Nun beginnt die Transkription des Virusgenoms, die Translation der viralen mRNA und die Replikation der Virusnukleinsäure. Dieser Vorgang dauert maximal einige Stunden.
  • Produktionsphase: Nachdem die Phagengene in einer festgelegten Reihenfolge aktiv geworden sind, werden alle Virusbestandteile, Hüllproteine und Schwanzfasern, gebildet.
  • Reifephase: In dieser Phase der Morphogenese erfolgt der Zusammenbau (assembly) zu reifen Phagenpartikeln. Zunächst wird ein Kopfteil, das Kapsid, gebildet. Die Proteine im Innern dienen als Platzhalter und werden später durch die Phagen-Nukleinsäure, die in das Kapsid eindringt, ersetzt. Dabei nehmen die Nukleinsäure-Fäden, gleich einem Wollknäuel, eine platzsparende Form an.
  • Freisetzung: Die fertigen Viruspartikel werden durch enzymatische Auflösung der Wirtszelle befreit. Das Lysozym, welches von dem umprogrammierten Bakterium gebildet wurde, löst die bakterielle Mureinzellwand auf. Die Zelle platzt, und etwa 200 infektiöse Phagen werden frei.

Die Vermehrung verläuft bei einigen Phagenarten nicht immer nach dem oben beschriebenen, lytischen Schema ab. Bei temperenten Phagen unterscheidet man zwischen lysogenen und lytischen Vermehrungszyklen beziehungsweise Infektionszyklen. Bei einem lysogenen Zyklus wird die DNA des Phagen in das Chromosom des Bakteriums eingebaut, wodurch ein Prophage entsteht. Bei jeder folgenden Zellteilung werden die Gene des Phagen und die des Bakteriums gemeinsam verdoppelt und weitergegeben. Dieser Zyklus kann später in den lytischen Zyklus münden.

Riesenphagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Doppelstrang-DNA-Phagen mit einer Genomgröße von mehr als 540 kbp werden als Megaphagen bezeichnet, kleinere mit mehr als 200 kbp als Jumbo-Phagen.[6] Die Autoren hatten 2018/2019 Fäkalien von Menschen in Bangladesh und Tansania, sowie von Pavianen in Afrika und Schweinen in Dänemark untersucht. Die Proben enthielten Bakterien der Gattung Prevotella (Prevotellaceae), die von einer Reihe von dsDNA-Megaphagen infiziert waren, die von den Autoren „Lak-Phagen“ (nach dem Ort Laksam Upazila, Bangladesh) genannt wurden. Die gefundenen Phagen wurden (vorläufig) als Lak-A1, Lak-A2, Lak-B1 bis Lak-B9 und Lak-C1 bezeichnet. Es könnte eine lose phylogenetische Beziehung zu „Sphingomonas Phage PAU[7][8] (dieser Riesenphage infiziert Bakterien der Spezies Sphingomonas paucimobilis, Sphingomonadaceae) und damit zur Phagenfamilie Myoviridae bestehen. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass „Lak-Phagen“ „weit verbreitet, aber bisher übersehene Mitglieder des Darm-Mikrobioms“ sind.[6][9][10][11]

Im Februar 2020 veröffentlichten Basem Al-Shayeb und Kollegen eine Analyse, die diese Untersuchungen fortführt.[12] Darin ziehen sie die Grenze für Megaphagen bei 500 kb (was offenbar Basenpaare im doppelsträngigen Fall und Basen oder Nukleotide in einzelsträngigen Fall bedeutet). Die Autoren ziehen es aber vor, alle Phagen mit mehr als 200 kb (also Jumbo-Phagen und Megaphagen) als „englisch huge phages“ (hier mit Riesenphagen übersetzt) zusammengefasst zu betrachten. Die Autoren identifizierten unter dieser Gruppe eine Reihe von zehn Kladen, für die sie folgende Namen vorschlugen: „Kabirphage“, „Mahaphage“ (darunter die Gruppe der „Lak-Phagen“), „Biggiephage“, „Dakhmphage“, „Kyodaiphage“, „Kaempephage“, „Jabbarphage“, „Enormephage“, „Judaphage“ und „Whopperphage“ (alle Namen beziehen sich auf „riesig“ oder engl. „huge“ in den verschiedenen Sprachen der Autoren).[13] Durch ihre Metagenomanalysen verschiedener Proben konnten sie 351 dsDNA-Phagensequenzen identifizieren, davon nur 3 unter 200 kb. Das größte Genom hatte eine Länge von 735 kb (ein Mahaphage, was offenbar neuer Rekord ist; der vorherige lag bei 596 kb); gewöhnliche Nicht-Riesenphagen haben im Mittel lediglich 52 kb. Einige Riesenphagen scheinen einen vom Standard abweichenden Genetischen Code zu benutzen, in dem das Stop-Codon UAG für eine Aminosäure kodiert. Die Wirte sind (meist) Bakterien der Firmicutes oder der Proteobacteria, aber auch – wie bei den Mitgliedern der Mahaphage-Gruppe mit den „Lak-Phagen“ – der Bacteroidetes. Das Genom kodiert neben den phageüblichen Proteinen für tRNAs. Die Phagen interagieren darüber hinaus im CRISPR/Cas-System (siehe CRISPR, CRISPR/Cas-Methode, Genom-Editierung): Alle bedeutenden Typen des Systems waren vertreten, die meisten Phagen schienen aber Cas-Proteine des Wirts zu benutzen um sich selbst zu schützen. Darüber hinaus schienen die Phagen das CRISPR-Immunsystem der Wirte darin zu unterstützen, konkurrierende Phagen abzuwehren. Manche Pseudomonas-infizierende Phagen kodieren auch für Anti-CRISPRs (Acrs) und Proteine, die eine Zellkern-ähnliches Kompartiment bilden, in dem der Phage sein Genom unabhängiger vom Wirt replizieren kann (siehe Viroplasma). Die Autoren sehen ihre Arbeit als einen weiteren Beleg für die weltweite Verbreitung der Riesenphagen. Sie fanden Belege, dass die Phagen zwischen verschiedenen Wirten und Ökosystemen wanderten, was eine Bedeutung für die Verbreitung von Toxin- und Antibiotikaresistenz-Genen hat. Ihre CRISPR-Werkzeuge könnten sich in Zukunft nutzenlassen, um die „Genschere“ CRISPR/Cas zu verbessern und ihre Funktionalität zu erweitern.[12][14][15][16][17][18][19]

Schwanzlose Phagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lange Zeit hat die Forschung nur Mitglieder der Ordnung Caudovirales betrachtet, deren Vertreter Phagen (Bakterien- und Archaeenviren) mit Kopf-Schwanz-Struktur sind. Erst in letzter Zeit sind „schwanzlose“ Phagen Gegenstand von Forschungsarbeiten geworden.Einige Vertreter sind:

Haloviren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter der informellen (nicht-taxonomischen) Bezeichnung Haloviren (englisch haloviruses)[26][27] werden Phagen klassifiziert, die halophile Bakterien und Archaeen befallen. Dies sind neben der Gattung Myohalovirus[28] (Caudovirales: Myoviridae) mit der vom ICTV bestätigten Spezies Halobacterium virus phiH[29] und der vorgeschlagenen Spezies „Halorubrum phage HF2[30][31] weitere nicht-klassifizierten ebenfalls noch unbestätigten Spezies „HF1“,[32] „HCTV-1“, „2“ und „5“, „HGTV-1“,[32] „HHTV-1“ und „2“, „HRTV-4“, „5“, „7“ und „8“(Caudovirales[32]), „HSTV-1“ (Caudovirales: Podoviridae[33])[34] und „2“ (Caudovirales: Myoviridae[33]),[35] „HVTV-1“ (Caudovirales: Siphoviridae[33]),[36]Halovirus VNH-1“ („VNH-1“, Fuselloviridae[37][38])[39] sowie „Haloferax tailed virus 1“ (HFTV1, Caudovirales[40]).[41]

Magroviren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marine Archaeen der Euryarchaeota werden klassifiziert als Marine Gruppe (englisch Marine Group) II (MG-II, bestehend aus MG-IIa bis MG-IId), III (MG-III) und IV (MG-IV)[42] – die Marine Gruppe I (MG-I) bezeichnet dagegen marine Archaeen der Thaumarchaeota.[43][42][31][44][45]

Mit der ebenfalls nicht-taxonomischen Bezeichnung Magroviren (englisch magroviruses, MArine GROup II viruses) werden Phagen klassifiziert, die Euryarchaeota der ersten genannten Gruppe MG-II parasitieren. Es handelt sich um dsDNA-Viren mit einer Genomgröße von 65–100 kbp mit Kopf-Schwanz-Struktur: „Magrovirus A“, „Magrovirus B1“ und „B2“, sowie „Magrovirus C“ und (vermutet) „Magrovirus D“.[42][31]

Anwendungsgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Phagen haben in Medizin, Biologie, Agrarwissenschaften, vor allem im Bereich der Gentechnologie, ein breites Anwendungsspektrum gefunden. So verwendet man Phagen in der Medizin aufgrund ihrer Wirtsspezifität zur Bestimmung von bakteriellen Erregern. Dieses Verfahren nennt man Lysotypie. Aufgrund der immer häufiger auftretenden multiplen Antibiotikaresistenzen wird zurzeit intensiv an der Anwendung von Bakteriophagen als Antibiotika-Ersatz in der Humanmedizin (siehe: Phagentherapie) geforscht. Probleme ergeben sich hierbei durch die geringe Stabilität von Phagen im Körper, da sie in recht kurzer Zeit durch Fresszellen als Fremdkörper beseitigt werden. Diese Anwendung von Phagen zur Therapie bakterieller Infektionen entdeckte Felix d’Hérelle (s. o.) lange vor Entdeckung des Penicillins und der Antibiotika. Später wurde die Phagentherapie jedoch mit der Einführung der Chemotherapie per Antibiotika als unpraktisch erachtet und geriet in Vergessenheit. D’Hérelle gründete 1934 zusammen mit dem georgischen Mikrobiologen Georgi Eliava in Georgien das Eliava-Institut für Phagenforschung, welches heute noch besteht.[46] Heute wird dort sowie am Ludwik-Hirszfeld-Institut für Immunologie und Experimentelle Therapie in Breslau (Teil der Polnischen Akademie der Wissenschaften) die Phagentherapie bei ansonsten therapieresistenten bakteriellen Infektionen durchgeführt.[2] In Deutschland ist die Anwendung zu therapeutischen Zwecken bisher nicht zulässig.

Die Anwendungen in der Lebensmittelproduktion sind vielfältig; so kommt beispielsweise ein Sprühnebel aus Phagen beim Verpacken von Würstchen oder dem Aufschneiden von Käseaufschnitt zum Einsatz.[47]

In der Gentechnik werden temperente Phagen als Vektoren (z. B. der Phage λ) benutzt. Hierzu werden Phagen so präpariert, dass ihrem Genom die Gene, welche die Virulenz hervorrufen, entnommen und durch Gene ersetzt werden, die für gentechnologische Belange interessant sind, wie beispielsweise Gene, die zur Insulinproduktion benötigt werden. Diese veränderten Phagen werden nun mit geeigneten Bakterien, zum Beispiel E. coli, in Kontakt gebracht. Nach einer Überprüfung, ob das gewünschte Gen in die Erbsubstanz des Bakteriengenoms integriert wurde (man bedient sich hierzu genexprimierter Antibiotikaresistenzen, die an die zu klonierenden Wunschgene angeschlossen werden) können die modifizierten Bakterienzellen weiterkultiviert werden und das in diesem Falle produzierte Insulin isoliert werden. Ähnlich werden Phagen in der Agrartechnologie zur Transduktion bestimmter Gene in Nutzpflanzen eingesetzt. Eine wichtige Anwendung in der Biochemie ist das Phagen-Display zur Identifikation von Bindungspartnern, z. B. bei der Isolierung neuer Wirkstoffe.

Einfacher als die Nutzung von Phagen ist jedoch die Transformation freier DNA, die heutzutage überwiegend zum Transfer in die Bakterienzellen verwendet wird.

Phagen und -Bestandteile werden für die Entfernung von mikrobiellen Verunreinigungen in Lebensmitteln (z. B. per affinitätsmagnetischer Separation) sowie mit Endotoxinen kontaminierte Laborproben verwendet.[48][49] Des Weiteren ergeben sich humandiagnostische Anwendungen, vor allem im klinischen Bereich zur Dekolonisierung von pathogenen Krankenhauskeimen wie MRSA.[50][51] Durch Proteindesign lassen sich die Phagenproteine zum jeweiligen Anwendungszweck optimieren.

Möglicher wirtschaftlicher Schaden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bakteriophagen können überall dort Schaden anrichten, wo bakterielle Prozesse dem Menschen dienen und erwünscht sind. Infektion von Milchsäurebakterien (LAB) durch Phagen aus Rohmilch ist die häufigste Ursache für verringerte oder fehlende Enzymaktivität in Starterkulturen für die Käse- oder Dickmilchproduktion.[52]

Klassifikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die prokarytischen Viren (Bakterien- und Archaeenviren, „Bakteriophagen“) bilden keine geschlossene Verwandtschaftsgruppe (Taxon).

Klassifikation nach Baltimore[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Baltimore-Klassifikation lassen sich Phagen wie folgt gruppieren:

  • dsDNA-Bakteriophagen:
  • ssDNA-Bakteriophagen:
  • Sonderfall
  • dsRNA-Bakteriophagen:
  • ssRNA-Bakteriophagen:

Taxonomische Klassifizierung nach ICTV[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Systematik der Virus-Taxonomie nach dem International Committee on Taxonomy of Viruses (ICTV) finden sich Phagen in folgenden taxonomischen Gruppen:

Taxonomie der prokaryotischen Viren (Bakterien- und Archaeen-Viren) nach ICTV[60]
Bereich Ordnung Familie Morphologie Genom Beispiele
Riboviria Levivirales Leviviridae unbehüllt, isometrisch[61] ssRNA, linear MS2,
Mindivirales Cystoviridae behüllt, sphärisch dsRNA, segmentiert Phi6
Varidnaviria Belfryvirales Turriviridae behüllt, isometrisch dsDNA, linear STIV1
Halopanivirales Sphaerolipoviridae behüllt, isometrisch dsDNA, linear
Kalamavirales Tectiviridae unbehüllt, isometrisch dsDNA, linear PRD1
Vinavirales Corticoviridae unbehüllt, isometrisch dsDNA, zirkulär PM2
Duplodnaviria Caudovirales Ackermannviridae unbehüllt, kontraktiler Schwanz dsDNA, linear ϕMAM1
Autographiviridae unbehüllt, kontraktiler Schwanz dsDNA, linear Acintetobacter-Phage P2
Myoviridae unbehüllt, kontraktiler Schwanz dsDNA, linear T4, Mu, P1, Coliphage P2
Siphoviridae unbehüllt, nichtkontraktiler Schwanz (lang) dsDNA, linear λ, T5, HK97, N15
Podoviridae unbehüllt, nichtkontraktiler Schwanz (kurz) dsDNA, linear T7, T3, Φ29, P22
Monodnaviria Haloruvirales Pleolipoviridae behüllt, pleomorph ssDNA, zirkulär / dsDNA, zirkulär / dsDNA linear HHPV1, HRPV1
Petitvirales Microviridae unbehüllt, isometrisch ssDNA, zirkulär ΦX174
Tubulavirales Inoviridae unbehüllt, filamentös ssDNA, zirkulär M13
nicht zugeordnet Ligamenvirales Lipothrixviridae behüllt, stabförmig dsDNA, linear AFV1
Rudiviridae unbehüllt, stabförmig dsDNA, linear SIRV1
nicht zugeordnet nicht zugeordnet Ampullaviridae[62] behüllt, flaschenförmig dsDNA, linear ABV
Bicaudaviridae[63] unbehüllt, zitronenförmig dsDNA, zirkulär ATV
Clavaviridae unbehüllt, stabförmig dsDNA, zirkulär APBV1
Finnlakeviridae dsDNA FLiP[64]
Fuselloviridae[65] unbehüllt, zitronenförmig dsDNA, zirkulär
Globuloviridae[66] behüllt, isometrisch dsDNA, linear
Guttaviridae unbehüllt, ovoid dsDNA, zirkulär SNDV, APOV1
Plasmaviridae behüllt, pleomorph dsDNA, zirkulär L2-Phage
Portogloboviridae behüllt, isometrisch dsDNA, zirkulär
Spiraviridae unbehüllt, stabförmig ssDNA, zirkulãr
Tristromaviridae behüllt, stabförmig dsDNA, linear TTSV1

Die Mitglieder der Familie Picobirnaviridae (Ordnung Durnavirales) scheinen ebenfalls Bakterien zu infizieren, keine Säugetiere.[67]

Eine weitere vorgeschlagene Phagenfamilie sind die „Autolykiviridae“ (dsDNA).[21]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. NCBI: Bacillus phage Gamma (species)
  2. a b Daniel Bojar: Nützliche Bakterienkiller, Spektrum der Wissenschaft, Juni 2020, S. 40–45
  3. SIB: Viruses infecting bacteria, auf: ViralZone
  4. F. d’Hérelle (1917): Sur un microbe invisible antagoniste des bacilles dysentériques. In: C. R. Ac. Sciences. 165: 373–375.
  5. Loos-Frank, Brigitte, Lane, Richard P.: Biologie von Parasiten. 3., aktualisierte und überarbeitete Auflage. Springer Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-662-54862-2, S. 4 (google.de [abgerufen am 17. März 2019]).
  6. a b Audra E. Devoto, Joanne M. Santini et al.: Megaphages infect Prevotella and variants are widespread in gut microbiomes, in: Nature Microbiology, Band 4, S. 693–700, 28. Januar 2019, doi:10.1038/s41564-018-0338-9, insbes. Table 1 und Supplementary Figure 11
  7. NCBI: Sphingomonas phage PAU (species)
  8. Richard Allen White III, Curtis A. Suttle: The Draft Genome Sequence of Sphingomonas paucimobilis Strain HER1398 (Proteobacteria), Host to the Giant PAU Phage, Indicates That It Is a Member of the Genus Sphingobacterium (Bacteroidetes), in: Genome Announc. 1(4), Juli-August 2013, e00598-13, doi:10.1128/genomeA.00598-13, PMID 23929486, PMC 3738902 (freier Volltext)
  9. University of California - Berkeley: [1], ScienceDaily, 28 Januar 2019
  10. UCL: New, giant bacterial virus found in human gut, University College London, 29. Januar 2019
  11. Colm Gorey: Gargantuan viruses discovered in humans raise questions about life itself, auf: siliconrepublic.com vom 29. Januar 2019
  12. a b Basem Al-Shayeb, Rohan Sachdeva, L. Chen, Jillian F. Banfield et al.: Clades of huge phages from across Earth’s ecosystems, in: Nature vom 12. Februar 2020, doi:10.1038/s41586-020-2007-4, bioRxiv: 10.1101/572362v1 (Preprint-Volltext)
  13. Ed Yong: A Huge Discovery in the World of Viruses, auf: The Atlantic vom 20. Februar 2020
  14. Michael Le Page: Giant viruses have weaponised CRISPR against their bacterial hosts, auf: NewScientist vom 30. März 2019
  15. Giant Bacteriophages Bridge Gap between Living Microbes and Viral Machines, auf: SCI-NEWS vom 13. Februar 2020
  16. Tessa Koumoundouros: Scientists Discover Giant Viruses With Features Only Seen Before in Living Cells, auf: ScienceAlert vom 14. Februar 2020
  17. Daniela Albat: Phage mit rekordgroßem Genom entdeckt, auf: scinexx vom 18. Februar 2020
  18. Jan Osterkamp: Anti-CRISPR soll CRISPR besser machen, auf: Spektrum.de vom 16. Januar 2020
  19. Annika Röcker: Gegen manche Viren ist die Genschere machtlos, auf: Spektrum.de vom 10. Dezember 2019
  20. Elina Laanto, Sari Mäntynen, Luigi De Colibus, Jenni Marjakangas, Ashley Gillum, David I. Stuart, Janne J. Ravantti, Juha Huiskonen, Lotta-Riina Sundberg: Virus found in a boreal lake links ssDNA and dsDNA viruses, in: Proceedings of the National Academy of Sciences 114(31), Juli 2017, doi:10.1073/pnas.1703834114
  21. a b Kathryn M. Kauffman, Fatima A. Hussain, Joy Yang, Philip Arevalo, Julia M. Brown, William K. Chang, David VanInsberghe, Joseph Elsherbini, Radhey S. Sharma, Michael B. Cutler, Libusha Kelly, Martin F. Polz: A major lineage of non-tailed dsDNA viruses as unrecognized killers of marine bacteria, in: Nature Band 554, S. 118–122, 24. Januar 2018, doi:10.1038/nature25474
  22. Scientists Find New Type of Virus in World’s Oceans: Autolykiviridae, auf: sci-news vom 25. Januar 2018
  23. Forscher entdecken ein mysteriöses Virus, das die Ozeane dominiert, auf: business insider vom 29. Januar 2018
  24. Never-Before-Seen Viruses With Weird DNA Were Just Discovered in The Ocean, auf: sciencealert vom 25. Januar 2018
  25. NCBI: Autolykiviridae (family) – unclassified dsDNA viruses
  26. Nina S. Atanasova, Hanna M. Oksanen, Dennis H. Bamford: Haloviruses of archaea, bacteria, and eukaryotes, in: Curr Opin Microbiol vom 25. Juni 2015, S. 40–48, doi:10.1016/j.mib.2015.04.001, PMID 25932531
  27. NCBI: Haloviruses (clade)
  28. NCBI: Myohalovirus (genus)
  29. ICTV: ICTV Taxonomy history: Halobacterium virus phiH
  30. NCBI: Halorubrum phage HF2 (species)
  31. a b c Yosuke Nishimura, Hiroyasu Watai, Takashi Honda, Tomoko Mihara, Kimiho Omae, Simon Roux, Romain Blanc-Mathieu, Keigo Yamamoto, Pascal Hingamp, Yoshihiko Sako, Matthew B. Sullivan, Susumu Goto, Hiroyuki Ogata, Takashi Yoshidacorresponding: Environmental Viral Genomes Shed New Light on Virus-Host Interactions in the Ocean, in: mSphere 2(2), März–April 2017, e00359-16, doi:10.1128/mSphere.00359-16, PMC 5332604 (freier Volltext), PMID 28261669, insbes. Fig. 4
  32. a b c Darius Kazlauskas, Mart Krupovic, Česlovas Venclovas: The logic of DNA replication in double-stranded DNA viruses: insights from global analysis of viral genomes, in: Nucleic Acids Res. 44(10), 2. Juni 2016, S. 4551–4564, doi:10.1093/nar/gkw322, PMC 4889955 (freier Volltext), PMID 27112572
  33. a b c D Prangishvili, DH Bamford, P Forterre, J Iranzo, EV Koonin, M Krupovic: The enigmatic archaeal virosphere. In: Nature Reviews Microbiology. 15, Nr. 12, 10. November 2017, S. 724–739. doi:10.1038/nrmicro.2017.125. PMID 29123227. Siehe insbes. Fig. 1
  34. NCBI: Halovirus HSTV-1 (species)
  35. NCBI: Halovirus HSTV-2 (species)
  36. NCBI: Halovirus HVTV-1 (species)
  37. Anukriti Sharma, Matthias Schmidt, Bärbel Kiesel, Nitish K. Mahato, Lauren Cralle, Yogendra Singh, Hans H. Richnow, Jack A. Gilbert, Wyatt Arnold, Rup Lal: Bacterial and Archaeal Viruses of Himalayan Hot Springs at Manikaran Modulate Host Genomes, in: Front Microbiol. 2018; 9: 3095, 14. Dezember 2018, doi:10.3389/fmicb.2018.03095, PMC 6302217 (freier Volltext), PMID 30619174, PDF
  38. SIB: Fuselloviridae, auf: ViralZone
  39. NCBI: Halovirus VNH-1 (species)
  40. Carolina M. Mizuno, Bina Prajapati, Soizick Lucas‐Staat, Telesphore Sime‐Ngando, Patrick Forterre, Dennis H. Bamford, David Prangishvili, Mart Krupovic, Hanna M. Oksanen: Novel haloarchaeal viruses from Lake Retba infecting Haloferax and Halorubrum species, in: environmental microbiology Band 21, Nr. 6, sfam, 28. März 2019, doi:10.1111/1462-2920.14604
  41. NCBI: Halovirus, Haloviruses
  42. a b c Alon Philosof, Natalya Yutin, José Flores-Uribe, Itai Sharon, Eugene V. Koonin, Oded Béjà: Novel Abundant Oceanic Viruses of Uncultured Marine Group II Euryarchaeota, in: Curr Biol. 27(9) vom 8. Mai 2017, S. 1362–1368, doi:10.1016/j.cub.2017.03.052, PMC 5434244 (freier Volltext), PMID 28457865
  43. Luis H. Orellana, T. Ben Francis, Karen Krüger, Hanno Teeling, Marie-Caroline Müller, Bernhard M. Fuchs, Konstantinos T. Konstantinidis, Rudolf I. Amann: Niche differentiation among annually recurrent coastal Marine Group II Euryarchaeota, in: Nature ISME Journal 13, S. 3014–3036, 26. August 2019, doi:10.1038/s41396-019-0491-z
  44. Xiaomin Xia, Wang Guo, Hongbin Liu: Basin Scale Variation on the Composition and Diversity of Archaea in the Pacific Ocean, in: Front. Microbiol., 23. Oktober 2017, doi:10.3389/fmicb.2017.02057
  45. Ana-Belen Martin-Cuadrado et al.: A new class of marine Euryarchaeota group II from the mediterranean deep chlorophyll maximum, in: Nature ISME Journal Band 9 (2015), S. 1619–1634, 23. Dezember 2014, doi:10.1038/ismej.2014.249
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  47. Bettina Hofer: Konservieren mit Viren. Heise Technology Review, 28. Februar 2013, abgerufen am 7. August 2014.
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Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: Bakteriophage – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Commons: Bakteriophagen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien