Bar-Kochba-Aufstand

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Münze zum Bar-Kochba-Aufstand

Als Bar-Kochba-Aufstand bezeichnet man den jüdischen Aufstand gegen das Römische Reich von 132 bis 135 n. Chr. unter Führung von Simon bar Kochba. Nach dem ersten Jüdischen Krieg 66–73 war er, je nachdem ob man den Diasporaaufstand 115–117 mitzählt, der zweite oder dritte jüdisch-römische Krieg. Er führte schließlich zur Zerstörung der letzten Reste eines größeren, geschlossenen, jüdischen Siedlungsgebiets in der römischen Provinz Judäa, und löste die Diaspora des Judentums bis in die Gegenwart bzw. bis zur Gründung des Staates Israel 1948 aus.

Anlass[Bearbeiten]

Welcher Anlass zum Ausbruch des Aufstandes führte, ist unklar. Einige Quellen berichten von einem allgemeinen Beschneidungsverbot sowie von Absichten, an der Stelle des im Jahre 70 zerstörten Jerusalemer Tempels ein römisches Heiligtum zu errichten, doch ist umstritten, ob diese Maßnahmen nicht eher als Strafen nach dem Krieg verfügt wurden. Einige Historiker sind der Ansicht, das Beschneidungsverbot sei ohnehin nicht ausreichend gut belegt – da man lediglich von einer Lockerung des Verbotes, das Hadrians Nachfolger Antoninus Pius verfügte, wisse, sei keineswegs eindeutig zu sagen, ob wirklich Hadrian zuvor das allgemeine Verbot erlassen hatte. Viele Forscher halten es daher für wahrscheinlicher, dass vielmehr die Errichtung einer römischen colonia namens Aelia Capitolina den Anlass für die Unruhen dargestellt habe – die Gründung dieser römischen Stadt an der Stelle von Jerusalem lässt sich durch neue Münzfunde bereits auf 131 datieren. Die Gründung einer römischen Siedlung war ursprünglich kaum als Strafe, sondern eher als wohlwollende Geste gemeint, doch hatte Kaiser Hadrian die Reaktion der Juden wohl falsch eingeschätzt. Die ältesten Quellen, Pausanias und Eusebius, führen den Aufstand lediglich ganz allgemein auf die grundsätzliche Ablehnung der römischen Herrschaft durch die Juden zurück und erwähnen keine konkreten Anlässe.

Verlauf[Bearbeiten]

Rabbi Akiba, der den Aufruhr stützte, hielt Bar Kochba („Sternensohn“; eigentlicher Name vermutlich Ben Kosiba) für den langerwarteten jüdischen Messias. Deswegen prophezeite er, dass der Aufstand erfolgreich sein werde. Trotz erheblicher Anfangserfolge der Juden endete der Aufstand in einer schweren Niederlage; er wurde auf Befehl des römischen Kaisers Hadrian durch seinen Feldherrn Julius Severus niedergeschlagen. Etwa 580.000 Juden verloren ihr Leben, 50 Städte und 985 Dörfer wurden zerstört (so jedenfalls Cassius Dio). Vermutlich nahmen die Römer damals auch blutige Rache für den Diasporaaufstand, der unter Kaiser Trajan letztlich zum Scheitern eines Partherkrieges geführt hatte. Aber auch die kaiserlichen Truppen scheinen aufgrund des verbissenen Widerstandes der Juden enorme Verluste erlitten zu haben. So mussten in den Jahren 133 und 134 die Flottenmannschaften aus Misenum unter Verleihung des Bürgerrechts in die Legionen eingegliedert werden, um deren Ausfälle möglichst zeitnah zu kompensieren.[1] Wie groß die Rolle war, die religiöse Motive bei dem Aufstand spielten, ist in der Forschung umstritten: Außer Rabbi Akiba scheinen die meisten Schriftgelehrten eher abseits gestanden zu haben, und auch die Legenden der von den Aufständischen ausgegebenen Münzen sprechen nur von der „Erlösung“ bzw. „Befreiung“ Israels und Jerusalems. Die Rebellion scheint vor allem von der Landbevölkerung getragen worden zu sein.

Simon bar Kochba wurde schließlich 135 in einem Gefecht nahe der Festung von Betar, seinem letzten Rückzugsort südwestlich von Jerusalem, getötet. Viele seiner Anhänger wurden hingerichtet, unter ihnen auch Rabbi Akiba.

Im Rückblick mussten auch die überzeugtesten Anhänger von Bar Kochba davon Abstand nehmen, ihn als Messias zu sehen. Denn in der jüdischen Heilserwartung sollte das Wirken des Messias in eine Zeit des Weltfriedens münden (Mi 4,3 LUT), und alle Juden würden Gottes Gebote achten (Ez 37,24 LUT).

Folgen[Bearbeiten]

Mit dem Tod Bar Kochbas war der Aufstand endgültig beendet. Jerusalem wurde vollends zerstört, Juden wurde verboten, dort zu leben. Auf den Ruinen Jerusalems wurde die römische Stadt Aelia Capitolina erbaut. An der Stelle des im Jahr 70 zerstörten jüdischen Tempels entstand ein Jupiter-Tempel. Laut Cassius Dio wurde der Jupiter-Tempel allerdings schon vorher an der Stelle des zerstörten Tempels errichtet, und dieses "Sakrileg" soll dann nach Ansicht vieler Forscher Auslöser des Kriegs gewesen sein.

Auch wenn die von Cassius Dio genannte Zahl von 580.000 unmittelbar bei Kämpfen Getöteter und einer unbekannten Zahl an Kriegsfolgen Umgekommener bezweifelt wird, so muss von einschneidenden Verlusten ausgegangen werden. Im ölreichen Galiläa sei in den folgenden Jahren der Ölbaum eine Seltenheit geworden und die Gefangenen seien so zahlreich gewesen, dass auf den Sklavenmärkten die Preise abgestürzt seien, so berichten (aus großem zeitlichen Abstand) Hieronymus und das Chronicon Paschale.

Bis in die Neuzeit wirkte sich der Verlust des Zentrums aus: Bereits vor dem Aufstand hatte ein Großteil der Juden außerhalb des jüdischen Kernlands gelebt. Doch infolge des Babylonischen Aufstands waren mit Alexandria und Antiochia zwei der großen Zentren des jüdischen Lebens in der Diaspora vernichtet worden. Am ehesten noch hatte sich in der Folge Galiläa den Charakter eines geschlossenen jüdischen Siedlungsgebietes bewahrt.[2] Dort entstanden wieder erste Sammelpunkte jüdischen Lebens: Unter den Tannaiten Rabbi Meir und Schimon ben Jochai wurde in der kleinen Ortschaft Uscha in Galiläa der Sanhedrin neu begründet. Schimon ben Gamliel wurde dort erster der jüdischen Patriarchen, deren Sitz unter Jehuda ha-Nasi nach Bet Sche'arim verlegt wurde.

Die römische Provinz Judäa wurde in Syria Palaestina umbenannt und behielt diesen Namen bis zur Eroberung durch die Araber im 7. Jahrhundert.

Quellen[Bearbeiten]

  • Cassius Dio: Römische Geschichte. 69.12-14,3.
  • Justin der Märtyrer: Apologien 1.31
  • Hieronymus: Commentarius in Zachariam zu 11, 5 und Commentarius in Jeremias 31, 15
  • Chronicon Paschale zur 224. Olympiade

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter Schäfer (Hrsg.): The Bar Kokhba War reconsidered. New perspectives on the Second Jewish Revolt against Rome. Mohr Siebeck, Tübingen 2003, ISBN 3-16-148076-7 (Rezension)
  • Jigael Jadin (Hrsg.): The documents from the Bar Kokhba period in the cave of letters. Israel Exploration Society, Jerusalem
    • Hebrew, Aramaic and Nabatean–Aramaic Papyri. Judean desert studies Bd. 3. 2002. Text- und Tafelband. ISBN 965-221-046-3
    • Greek Papyri. Herausgegeben von Naphtali Lewis. Judean desert studies Bd. 2. 1989. ISBN 965-221-009-9
    • The finds from the Bar Kokhba period in the Cave of Letters. Judean desert studies Bd. 1. 1963
  • Werner Eck: The Bar Kokhba Revolt: The Roman Point of View. In: Journal of Roman Studies 89 (1999). S. 76–89
  • B. Isaac, A. Oppenheimer: The revolt of Bar Kokhba: ideology and modern scholarship. In: Journal of Jewish Studies Bd. 36 Nr. 1 (1985), S. 33 – 60
  • Mordechai Gichon: New Insight into the Bar Kokhba War and a Reappraisal of Dio Cassius 69.12-13. In: The Jewish Quarterly Review, New Series, Bd. 77, Nro. 1 (Juli 1986), S. 15-43
  • Peter Schäfer: Der Bar Kokhba-Aufstand. Studien zum zweiten jüdischen Krieg gegen Rom. Mohr Siebeck, Tübingen 1981, ISBN 3-16-144122-2
  • Leo Mildenberg: Bar Kokhba Coins and Documents. In: Harvard Studies in Classical Philology, Bd. 84 (1980), S. 311-335
  • Jigael Jadin: Masada. London 1966. Deutsch: Hamburg 1967
  • Jigael Jadin: Israel Exploration Journal 15 (1965). (Grabungsbericht Masada)
  • M. Avi-Yonah u. a.: Israel Exploration Journal 7 (1957). S. 1–160 (Grabungsbericht Masada)
  • Heinrich Graetz: Geschichte der Juden. Bd. 4. Leiner, Leipzig 1908. Dritter Zeitraum, Erste Epoche, Kap. 8 bis 10. S. 135-171

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Christian Mann: Militär und Kriegführung in der Antike, in Enzyklopädie der griechisch-römischen Antike, Bd. 9, Oldenbourg, München 2013, ISBN 978-3-486-59682-3, S. 114 - 115.
  2. Klaus Bringmann: Geschichte der Juden im Altertum. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-94138-X. S. 292ff