Finanzprodukt

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Unter Finanzprodukt (auch: Anlageprodukt, Geld- oder Kapitalanlage) versteht man im Finanzwesen Produkte, die einem Anleger als Geld- oder Kapitalanlage dienen.

Die Bezeichnung als Produkt ist für Laien irritierend, weil sie unter einem Produkt ein optisch wahrnehmbares materielles Realgut wie etwa ein Automobil verstehen und weniger ein abstraktes, in Schriftform beschriebenes Immaterialgut wie etwa einen Sparbrief.

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Betriebswirt Erich Gutenberg lehnte die Anwendung des Produktionsbegriffs auf Dienstleistungen ab,[1] wodurch sich bis 1969 die Lehrmeinung verfestigte, dass Sachgüter produziert und Dienstleistungen „bereitgestellt“ würden. Es ist anzunehmen, dass er hiermit sein Erkenntnisobjekt eingrenzen, nicht aber bewusst den Herstellungsprozess von Dienstleistungen verneinen wollte. Nassau William Senior sprach bereits 1854 davon, dass Produkte in Dienstleistungen und Waren unterteilt werden (englisch „products are devided into Services and Commodities).[2] Die bankbetriebliche Fachliteratur übertrug ersichtlich erstmals 1969 produktionswirtschaftliche Erkenntnisse auf den Bankbetrieb[3] und sprach fortan von Bankproduktion und ihrem Ergebnis, den Bankprodukten. Insbesondere im Passivgeschäft der Kreditinstitute setzte sich in der Folge zunehmend der Begriff Finanzprodukte durch.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Finanzprodukt beinhaltet die zentralen Elemente Zins/Gewinn, Laufzeit und Währung, die zunächst isoliert und anschließend so zusammengefügt werden, dass ein Finanzprodukt entsteht, welches bestimmte Leistungsmerkmale bündelt.[4] Finanzprodukte besitzen - in unterschiedlicher Gewichtung - die finanzwirtschaftlichen Funktionen der Liquiditätssicherung, Vermögensbildung und Risikoabsicherung. Deren Gewichtung in einem Finanzprodukt hängt von den Liquiditäts-, Ertrags- und Risikovorstellungen des Anlegers ab, was in Risikoklassen zum Ausdruck kommt.

Als Finanzprodukte kommen sämtliche Anlageformen bei Kreditinstituten, Versicherungen, Bausparkassen, Kreditkartenunternehmen, Kapitalanlagegesellschaften, Leasing- oder Factoringgesellschaften oder auch Schattenbanken in Frage. Noch 1985 hielten es Autoren für irreführend, den Versicherungsschutz als ein Produkt zu betrachten,[5] doch ist es heute üblich, Versicherungen als Finanzprodukte zu bezeichnen.[6] Als Anleger gibt es Verbraucher, Unternehmen, institutionelle Anleger, juristische Personen des öffentlichen Rechts oder Kreditinstitute selbst.

Ein Finanzprodukt umfasst als rechtlich bindendes Zahlungsversprechen neben der Spezifikation von Zahlungen über einen bestimmten Zeitraum hinweg weitere Rechte und Pflichten zur Sicherung dieser Zahlungen. Vertragsgegenstand ist der Austausch gegenwärtiger oder künftiger Liquidität. Finanzprodukte sind ein Nominalgut, das Verbraucher, Unternehmen oder juristische Personen des öffentlichen Rechts von einem Finanzintermediär erwerben.[7] Ein perfektes Finanzprodukt, das die Bedürfnisse aller Anleger gleichermaßen erfüllt, gibt es nicht. Die Erwartungen der einzelnen Investoren an die Eigenschaften eines Anlageproduktes im Hinblick auf Liquidität, Laufzeit oder Risiko sind zu unterschiedlich. Finanzprodukte eignen sich - in unterschiedlichem Ausmaß - zu Arbitrage, Spekulation oder Hedging.

Rechtliche Anforderungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im EU-Recht ist sowohl von Finanzdienstleistungen als auch Finanzprodukten die Rede. „Finanzdienstleistung ist jede Bankdienstleistung sowie jede Dienstleistung im Zusammenhang mit einer Kreditgewährung, Versicherung, Altersversorgung von Einzelpersonen, Geldanlage oder Zahlung“.[8] Die Finanzkrise ab 2007 hat verdeutlicht, dass Kleinanleger und nichtprofessionelle Anleger häufig kein ausreichendes Verständnis für die Komplexität der Finanzprodukte hatten, in die sie investiert haben. Kleinanleger sollten die für sie notwendigen Informationen erhalten, um eine fundierte Anlageentscheidung treffen und unterschiedliche Finanzprodukte vergleichen zu können. Dazu schreibt Art. 5 Abs. 1 Verordnung (EU) Nr. 1286/2014 vom 26. November 2014 („PRIIP-Verordnung“) vor, dass für die meisten Finanzprodukte ein Basisinformationsblatt bereitzuhalten ist. Es muss präzise, redlich und klar sein, darf nicht irreführend sein und höchstens 3 Seiten im DIN A4-Format umfassen (Art. 6 PRIIP-Verordnung). Hinter der sperrigen Abkürzung PRIIP (englisch Packaged Retail and Insurance-based Investment Products) verbergen sich Anlagen in verpackter Form, die einem Anlagerisiko unterliegen. Dazu gehören im Wesentlichen[9]

Der Anwendungsbereich ist bewusst weit gefasst, um der Heterogenität der Finanzprodukte in den EU-Mitgliedstaaten gerecht zu werden. Dies verhindert, dass Anbieter die Verordnung umgehen, indem sie etwa eine bestimmte Rechtsform, Bezeichnung oder Zweckbestimmung für das Finanzprodukt wählen.

Arten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Art der Finanzprodukte lässt sich nach ihrem (typischen) Anbieter wie folgt einteilen:

Die meisten Finanzprodukte bieten Kreditinstitute an, wobei Finanzinnovationen ständig zu neuen Produkten oder Modifizierungen bisheriger Produkte führen.

Unterteilt man die Finanzprodukte nach bestimmten Anlagezielen, so kann wie folgt unterschieden werden:

Kunst, Wertgegenstände, Raritäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werbung für Edelpelztierzucht als Kapitalanlage (1933)

Wertgegenstände mit bleibenden Nutzwert oder Materialwert sichern zumindest diesen Wertanteil ab, abzüglich möglicher Lagerkosten. Insbesondere Kunstgegenstände besitzen darüber hinaus oder ausschließlich einen Wert, der sich aus der Wertschätzung der Marktteilnehmer ergibt. Gewinnerwartungen bei Kunst und Antiquitäten sind also in der Regel Spekulationen auf steigende Preise infolge höherer Wertschätzung durch die Marktteilnehmer, beispielsweise in Erwartung weiterer Preissteigerungen. Dementsprechend besteht ein nahezu vollständiges Verlustrisiko, welches am ehesten dann gering ist, wenn der Wert sich über Jahrhunderte langsam auf ein moderates Niveau gesteigert hat, das Kunstwerk den Beginn einer bedeutenden anerkannten neuen Kunstrichtung/Herstellungsart markiert, keine oder wenige vergleichbare Stücke existieren, das Kunstwerk einen hohen Material- oder Nutzwert darstellt und erkennbar aufwändig mit hoher Kunstfertigkeit hergestellt wurde und ein steigendes Interesse zu erwarten ist. Preise für Kunstwerke hängen sehr stark vom „Kurswert“ des Künstlers ab. Will man Gewinne realisieren, so muss man eine Veräußerung meist langfristig planen, um einen Käufer zu finden. Geeignete Auktionen finden nur zu bestimmten Terminen statt. Versicherungsprämien, Transportkosten und Kosten bei Kauf und Verkauf, insbesondere Provisionen der Auktionshäuser verringern den Reinerlös.

Raritäten sind Gegenstände, die von vornherein in limitierter Auflage hergestellt werden und einen gewissen Symbolwert haben durch Gestaltung oder Marke, die im Wert steigen können, zumeist aber nur, wenn sie unbenutzt bleiben (Polierte Platte). Oder es sind Gegenstände, die innerhalb eines populären Sammelgebietes als selten gelten oder in für ihr Alter ungewöhnlich gutem Erhaltungszustand sind. Risiken und Kosten sind ähnlich denen bei Kunst genannten, auch hier besteht die Gefahr etwas als eine „Echte Rarität“ angeboten zu bekommen, wofür am Markt kein Nachfrageüberschuss besteht und auch nicht zu erwarten ist. Für Händler, die gezielt üblicherweise preisgünstige Quellen (Flohmärkte, Auktionen, Entrümpelungen) nach entsprechend qualitätsvollen Objekten absuchen und diese bei Sammlerbörsen mit zahlungskräftigem Publikum anbieten, stellt dies keine Geldanlage, sondern ein Handelsobjekt dar, bei dem die Arbitrage den Gewinn ausmacht.

Risiko[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Gesamtrisikoindikator soll dem Anleger Auskunft über drei wesentliche Anlagerisiken geben:

Jedes einzelne Risiko kann zu einem Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen. Diese Anlagerisiken können auch kumuliert auftreten und sich gegenseitig verstärken. Auf einer Skala von 1 bis 7 (1 = niedriges Risiko, 4 = mittleres Risiko, 7 = höchstes Risiko) schlägt die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin)[10] eine einfache Abstufung dieser 3 Anlagerisiken vor.

Sven Giegold initiierte im Februar 2013 eine Online-Abstimmung unter 2.000 Teilnehmern, die die gefährlichsten Finanzprodukte ermitteln sollten.[11] Danach votierten 46,8 % der Teilnehmer in der Kategorie „Produkte, die Verbraucher oder Investorinnen schädigen“ für Credit Default Swaps auf Staatsanleihen aus Schwellenländern. Es folgten mit 22,4 % der Stimmen Fremdwährungskredite mit endfälligem Tilgungsträger, Kreditkarten mit überhöhten Zinsen (21,2 %) und Aktienanleihen (9,6 %).[12] Die BaFin hat im April 2016 eine Internet-Recherche zu Verstößen gegen Werbevorschriften bei Finanzprodukten veröffentlicht,[13] wonach teilweise gegen Vorschriften des Vermögensanlagengesetzes (VermAnlG), des Wertpapierprospektgesetzes (WpPG), des Wertpapierhandelsgesetzes (WpHG) und des Kapitalanlagegesetzbuchs (KAGB) verstoßen wurde. Insgesamt ermittelte sie bei über 170 Werbeanzeigen 74 Verstöße, von denen die meisten auf nicht der Bankenaufsicht unterliegende Unternehmen entfielen.

Faktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Drei Faktoren verhalten sich bei Finanzprodukten zueinander konkurrierend, das heißt, sie können nicht alle zugleich erfüllt werden. Man spricht in diesem Zusammenhang vom Magischen Dreieck der Vermögensanlage:

hohe Sicherheit
Die Geldanlage sollte möglichst sicher sein, das heißt, die Wertschwankungen und die Wahrscheinlichkeit des Verlustes des eingesetzten Kapitals sollten minimiert werden.
hohe Rendite
Die Geldanlage sollte einen möglichst hohen Ertrag innerhalb einer bestimmten Periode abwerfen.
hohe Liquidität
Die Geldanlage sollte möglichst schnell wieder zu Geld gemacht (das heißt im Allgemeinen: verkauft) werden können. (siehe auch Fungibilität).

Zusätzliche Faktoren sind

Verantwortung
Die Geldanlage sollte ethischen Aspekten entsprechen, z. B. ökologische oder soziale Ziele verfolgen oder zumindest keine vom Anleger abgelehnten Aktivitäten finanzieren (z. B. Kinderarbeit, Rüstung).
Besteuerung
Bei privaten Anlegern ist die Rendite nach Steuern ausschlaggebend, da Kapitaleinkünfte einkommensteuerpflichtig sind (Kapitalertragsteuer). Bis 2009 unterlagen Dividenden zum Beispiel dem Halbeinkünfteverfahren, während Kursgewinne in der Spekulationsfrist oder Zinserträge voll steuerpflichtig waren.

Abgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Begriffe Produktion und Produkt stammen ursprünglich aus der Betriebswirtschaftslehre, wo sie für die Herstellung von Realgütern und das Ergebnis dieser Herstellung verwendet werden. Die Bankbetriebslehre begann in den 1970er Jahren mit der Adaption des Produktions- und Produktbegriffs für die Erstellung von Bankdienstleistungen. Im Zuge der zunehmenden Verwendung kam auch der Begriff Finanzprodukt auf.

Die Begriffe Finanzprodukt und Finanzkontrakt werden in der Fachliteratur manchmal synonym verwendet, Klaus Spremann spricht technisch von Finanzkontrakten.[14] Beim Finanzkontrakt steht eher die vertragliche Beziehung im Vordergrund, beim Finanzprodukt eher das Produkt selbst. Finanzinstrument ist der - nicht deckungsgleiche - Terminus im Rechnungswesen nach IFRS (IAS 32.11 und 39.8) und nach § 2 WpHG. Gemäß § 2 Abs. 2a WpHG sind Finanzinstrumente Wertpapiere, Investmentanteile, Geldmarktinstrumente, Derivate (hier sind Termingeschäfte gemeint), Rechte auf Zeichnung von Wertpapieren und Vermögensanlagen (mit Ausnahme von Genossenschaftsanteilen) sowie Namensschuldverschreibungen von Kreditinstituten. Ein Finanzinstrument ist nach IAS 39.8 ein Vertrag, „der gleichzeitig bei einem Unternehmen zu einem finanziellen Vermögenswert und bei einem anderen Unternehmen zu einer finanziellen Verbindlichkeit oder einem Eigenkapitalinstrument führt“.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andrew Kilpatrick: Warren Buffett. Von bleibendem Wert, München 2002, ISBN 393211471X
  • Benjamin Graham: Intelligent Investieren, München 2005, ISBN 3932114175
  • Andre Kostolany: Der große Kostolany: Börsenseminar. Börsenpsychologie. Die besten Geldgeschichten, Berlin 2006, ISBN 3-5483-6685-6

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikibooks: Geldanlage – Lern- und Lehrmaterialien
 Wiktionary: Geldanlage – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Erich Gutenberg, Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre: Die Produktion, 1953, S. 328
  2. Nassau William Senior, Political Economy, 1854, S. 51-53
  3. Eckehard Butz, Die Anpassung des technisch-organisatorischen Bereichs von Kreditinstituten, 1969, S. 41
  4. Jürgen Reimnitz, Das Primärgeschäft im Emissionsbereich, in: Hans Büschgen/Kurt Richolt, Handbuch des internationalen Bankgeschäfts, 1989, S. 255
  5. H. Möller, Wettbewerb auf den Versicherungsmärkten aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht, in: Zeitschrift Versicherungswissenschaft, 1985, S. 173
  6. Michael Erdmann, Qualität im Versicherungsvertrieb, 2012, S. 88
  7. Mark Roemer, Direktvertrieb kundenindividueller Finanzdienstleistungen, 2013, S. 33
  8. Richtlinie EG/2002/65 vom 23. September 2002
  9. BaFin vom 17. August 2015, Basisinformationsblatt: PRIIPs-Verordnung - Neuer EU-weiter Standard der Produktinformationen für Verbraucher
  10. BaFin vom 17. August 2015, Basisinformationsblatt: PRIIPs-Verordnung - Neuer EU-weiter Standard der Produktinformationen für Verbraucher
  11. Handelsblatt vom 15. März 2013, Das sind die gefährlichsten Finanzprodukte
  12. Die Grünen, Die gefährlichsten Finanzprodukte Europas
  13. Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht vom 15. April 2016, Finanzprodukte: BaFin-Internetrecherche zu Verstößen gegen Werbevorschriften
  14. Klaus Spremann, Investition und Finanzierung, 1991, S. 90