Grafschaft Bentheim

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Dieser Artikel behandelt die historische Grafschaft Bentheim; zum gleichnamigen Landkreis in Niedersachsen siehe Landkreis Grafschaft Bentheim.


Flag-Holy-Roman-Empire.png

Territorium im Heiligen Römischen Reich

Grafschaft Bentheim
Wappen
Wappen Grafschaft Bentheim.svg
Karte
Locator County of Bentheim (1560).svg
Die Grafschaft Bentheim im Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis 1560
Bestehen ca. 1228–1806
Herrschaftsform Monarchie
Herrscher/Regierung Graf
Reichskreis Niederrheinisch-Westfälisch
Hauptstädte/Residenzen Bentheim
Dynastien Haus Bentheim-Steinfurt
Konfession/Religionen ev.-reformiert, katholisch
Sprache/n Deutsch, Niederdeutsch, Niederländisch
Fläche 966,6 km²
Aufgegangen in Berg (1806),
Frankreich (1810),
Hannover (1815),
Preußen (1866)
Die Grafschaft Bentheim um 1794/95 von Franz Johann Joseph von Reilly
Landkarte der Hanseatischen Departements mit dem Departement Lippe 1812
Karte des Königreichs Hannover 1815–1866

Die Grafschaft Bentheim ist eine historische Grafschaft, deren Hauptsitz auf der Burg Bentheim im heutigen Bad Bentheim in Niedersachsen lag. Das regierende gräfliche, später fürstliche Haus Bentheim gehört dem Hochadel an.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Geschichte der Region der späteren Grafschaft Bentheim lässt sich bis in das Jahr 1050 zurückverfolgen: Damals wurden Ortsnamen des Bentheimer Landes erstmals urkundlich erwähnt.[1] Die Burg Bentheim wurde bereits um 1020 als Eigentum des Grafen Otto von Northeim erwähnt.[2] Schüttorf ist die älteste Stadt der Grafschaft Bentheim. Der Ort wurde 1154 das erste Mal urkundlich genannt unter der Bezeichnung curtis Scutthorp als Besitz der damaligen Grafen, die auch Bentheim besaßen. Die Stadtrechte wurden Schüttorf am 6. November 1295 von Graf Egbert zu Bentheim verliehen. Im Umkreis von 30 km um Schüttorf gab es nur zwei weitere Städte: Horstmar und Oldenzaal, was die junge Stadt zu einem bedeutenden Markt- und Umschlagplatz und bald zum Mitglied der Hanse machte. Die Grafschaft Bentheim als solche wurde erstmals 1228 genannt, davor ist nicht mit Gewissheit zu sagen, ob diese schon den Status einer Grafschaft hatte oder nur ein Herrschaftsgebilde war bestehend aus einigen Herrschaften.[3]

Im 14. Jahrhundert waren die Grafen Otto, Christian und Bernhard von Bentheim zeitweise Dompröpste des Domkapitels Münster. 1421 erbte Eberwin I. von Götterswyk Bentheim und wurde 1425 auch Herr von Ottenstein, 1451 Herr von Steinfurt. Schon unter seiner Nachkommenschaft teilten sich die Herren zu Bentheim in die Linie Bentheim-Steinfurt und Bentheim. Nachdem durch Erbschaft weitere Herrschaften hinzugekommen waren (Gemen, Tecklenburg), fanden später noch weitere Erbteilungen in die Linien Bentheim-Tecklenburg, Bentheim-Limburg und Bentheim-Alpen statt. Die Grafschaft Bentheim gehörte als unmittelbare Reichsgrafschaft[4] zum Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1500–1806).

Im 17. Jahrhundert begann mit dem Anlegen der Siedlung Alte Piccardie (heute Gemeinde Osterwald) durch Johan Picardt die Moorkolonisation in der Grafschaft Bentheim.

Im Laufe der jüngeren Geschichte hat sich die Zugehörigkeit der Grafschaft Bentheim oft verändert. Zunächst wurde die freie Reichsgrafschaft 1753 unter Graf Friedrich Karl an den König von Großbritannien und Kurfürsten von Braunschweig und Lüneburg auf 30 Jahre verpfändet. 1757, während des Siebenjährigen Krieges zwischen England und Frankreich, besetzte Graf Friedrich Karl sein ehemaliges Territorium mit seinem französischen Regiment und ließ sich wieder in den Besitz der Grafschaft setzen. Bereits 1758 jedoch besetzten hannoversche Truppen Bentheim und zwangen die Besatzer zum Abzug. Am 4. Dezember 1781 kündigte Friedrich Karl den Pfandschaftsvertrag, schaffte es jedoch nicht, die erforderliche Summe zu beschaffen. Die Regierung in Hannover erklärte daraufhin, dass der Vertrag sich am 1. Januar 1783 automatisch um weitere 30 Jahre verlängere.

In der Franzosenzeit wurde die Grafschaft 1804 zunächst Graf Ludwig Wilhelm von Bentheim-Steinfurt als Erbe Friedrich Karls übergeben. 1806 beraubte Napoleon Bonaparte durch die Rheinbundakte die Grafen aller Rechte und so gehörte Bentheim bis 1811 zum Département Ems des Großherzogtums Berg im von ihm begründeten Rheinbund. Mit der Annexion des Königreichs der Niederlande durch Frankreich 1810 änderte sich die Zugehörigkeit abermals: Mit Wirkung vom 1. Januar 1811 gehörte die Grafschaft übergangsweise zum einen Teil (Distrikt Neuenhaus) zum Departement Ems-Occidental und zum anderen Teil (Bentheim als Teil des Distrikts Steinfurt) zum Departement Bouches-de-l’Yssel. Ab dem 27. April 1811 war die Grafschaft Teil des neuen Departments Lippe, das nach den weiteren französischen Annexionen als Teil der Hanseatischen Departements gebildet wurde.

Nach der Niederlage Napoleons fiel die Grafschaft Bentheim dann im Rahmen des Wiener Kongresses 1815 dem Königreich Hannover zu. Im Rahmen dessen wurde die Grafschaft bei der Gaußschen Landesaufnahme kartografiert und das zu dieser Zeit in der Grafschaft noch verwendete holländische Geld durch die gemeinsame hannoversche Währung ersetzt. Mit Verlust der Unabhängigkeit des Königreichs Hannover kam auch die Grafschaft Bentheim 1866 nach dem Deutschen Krieg unter die Herrschaft des Königreichs Preußen. Von 1866 bis zur Reichsgründung 1871 war die Grafschaft Bentheim nunmehr Teil der Provinz Hannover des Königreichs Preußen im Norddeutschen Bund, ab 1871 im Deutschen Kaiserreich. Verwaltungsorganisatorisch gehörte die Grafschaft Bentheim zum Steuerkreis Lingen in der Landdrostei Osnabrück und war in die beiden Ämter Neuenhaus und Bentheim gegliedert,[5] die beide Standort eines Amtsgerichts waren (Neuenhaus seit 1860,[6] Bentheim seit 1857[7]).

Mit der preußischen Kreisreform 1885 wurde der neue Landkreis Grafschaft Bentheim im Regierungsbezirk Osnabrück gegründet, der aus den beiden vorherigen Ämtern Bentheim und Neuenhaus hervorgegegangen war.

Während des 19. Jahrhunderts wanderten auch zahlreiche Grafschafter in die Vereinigten Staaten aus und ließen sich z. B. in der Region um Holland (Michigan) nieder.[8][9]

Postgeschichtlich bestehen aufgrund der Beziehungen zur Herrschaft Steinfurt enge Verbindungen der Grafschaft Bentheim mit der Postgeschichte von Steinfurt.

Anton Friedrich Büschings Beschreibung der Grafschaft Bentheim (1771)[Bearbeiten]

Der königlich preußische Oberkonsistorialrat und Direktor des Berliner Gymnasiums Anton Friedrich Büsching (1724–1793) behandelte in seiner „Neuen Erdbeschreibung“ (1. Band, 3. Teil, 5. Auflage, 1771; 1. Auflage 1754) „das Königreich Böhmen sowie den österreichischen, burgundischen, westphälischen, chur-rheinischen (Kurrheinischer Reichskreis) und oberrheinischen Kreis“.

Der westfälischen Grafschaft Bentheim widmete der Theologe und Geograf ein kurzes Kapitel. Büsching erwähnt dort die Lage der Grafschaft – umgeben „von der niederländischen Provinz Ober-Yssel (Overijssel) und der Landschaft Drenthe, und von dem Hochstift Münster“, ihre Ausdehnung: „10 Meilen lang und 2,3 bis 4 Meilen breit“, das von Flüssen durchzogene, fruchtbare Land, seine arbeitsamen Einwohner, deren Handel mit Garn, Wolle, Leinewand, Honig, Vieh, Steinen, Holz und anderen Gütern, die zum größten Teil nach Holland ausgeführt wurden.

Büsching zählt fünf Ämter auf: Schüttorf, Northorn (Nordhorn), Emblicheim (Emlichheim), Nienhus oder Neuenhaus und Ulsen (Uelsen), er führt die drei Städte der oberen und unteren Grafschaft an: Schüttorf, Northorn, Nienhus sowie den Flecken Bentheim. Erwähnung finden weiter alle damaligen Kirchspiele und Dörfer, die „Herrlichkeit Emblicheim“, adlige Besitzungen, das Kloster Frenswegen und das adlige freiweltliche Frauenstift Wietmarschen, das zuvor eine „Benediktiner-Manns-Abtey“, dann ein Benediktinerinnen-Kloster war. Büsching notiert auch, wer Sitz und Stimme in den Landtagen hatte. Weiter geht der Theologe kurz auf die religiösen Gegebenheiten in der Grafschaft ein. Die Geschichte der Grafen von Bentheim erfährt eine etwas ausführlichere Darstellung. (Vollst. Textauszug mit Ausnahme der Geschichte der Grafen von Bentheim unter Zitate.)[10][11]

Burg Bentheim[Bearbeiten]

Hauptartikel: Burg Bentheim

Die Burg Bentheim ist eine frühmittelalterliche Höhenburg. Die Anfänge der Festung, welche auf den Resten einer germanischen Volksburg errichtet wurde, lassen sich historisch nicht genau belegen; erstmals urkundlich wurde die mächtige Burganlage der Grafen von Bentheim um 1050 im zweiten Essen-Werdener Heberegister erwähnt. Die Burg steht auf einem großen Felsen aus Bentheimer Sandstein hoch über der Stadt; dieser auch Bentheimer Höhenrücken genannte Berg ist der letzte Ausläufer des Teutoburger Waldes.

Herren und Grafen von Bentheim[Bearbeiten]

Stammwappen der Grafen zu Bentheim

Gerulfinger[Bearbeiten]

  • Otto I., deren Sohn, Herr von Bentheim, 1166/1208 bezeugt
  • Balduin I., dessen Sohn, kam 1209 in den Besitz der Herrschaft Bentheim und trug spätestens seit 1228 den Titel Graf von Bentheim[12]
  • Otto II., dessen Sohn, 1248 Graf von Bentheim, 1264 Graf von Tecklenburg
  • Egbert I. († vor 1311), dessen (jüngerer) Sohn, Graf von Bentheim
  • Johann († vor 1333), dessen Sohn, 1305 Graf von Bentheim
  • Simon I. († 1344), dessen Sohn, 1333 Graf von Bentheim
  • Otto III. († nach 1379), dessen Bruder, 1344 Graf von Bentheim, verzichtet um 1364
  • Bernhard († 1421), dessen Bruder, 1364 Graf von Bentheim
    • Hedwig, 1347/71 bezeugt, dessen Schwester; ∞ Everwin von Götterswick († 1378)

Herren und Grafen zu Bentheim[Bearbeiten]

Erbteilung an seine Söhne Arnold (Steinfurt) und Bernhard (Bentheim)

Bentheim-Bentheim[Bearbeiten]

  • 1454–1473: Bernhard von Bentheim
  • 1473–1530: Eberwin von Bentheim, Statthalter von Friesland

Seine Tochter erbt Bentheim und heiratet Arnold III. von Bentheim-Steinfurt.

Bentheim-Steinfurt (bis 1606)[Bearbeiten]

Fürstliches Wappen zu Bentheim und Steinfurt nach 1589
  • 1454–1466: Arnold II. von Bentheim-Steinfurt
  • 1466–1498: (Graf) Eberwin II. von Bentheim-Steinfurt, Steinfurt wird 1495 Grafschaft
  • 1498–1544: Graf Arnold III. zu Bentheim und Steinfurt (in der Grafschaft Bentheim benannt als Arnold I.), heiratet Marie Gräfin von Bentheim-Bentheim und vereinigt so die Grafschaften wieder
  • 1544–1562: Graf Eberwin III. zu Bentheim und Steinfurt (1536–1562), heiratet Anna, Erbtochter der Grafschaft Tecklenburg
  • 1562–1606: Graf Arnold IV. zu Bentheim und Steinfurt (1554–1606) (in der Grafschaft Bentheim benannt als Arnold II.), erbt Tecklenburg und Rheda, heiratet Magdalena von Neuenahr-Alpen, Erbin von Limburg, Alpen, Linnep, Wevelinghoven und Helpenstein sowie der Kölner Erbvogtei.

Nach dem Tod von Graf Arnold 1606 wurde der Besitz nach seinem Testament von 1590 unter seinen Söhnen aufgeteilt. Der erstgeborene Adolf von Bentheim, der 1623 verstarb, erhielt die Reichsgrafschaft Tecklenburg sowie die Herrschaft Rheda, während seine nachgeborenen Brüder Arnold Jobst und Wilhelm Heinrich die Regentschaft in den Reichsgrafschaften Bentheim und Steinfurt und in Wevelinghoven antraten. Die jüngeren Söhne von Graf Arnold wurden aus der 1592 an Bentheim gefallenen Erbmasse der Mutter Magdalena von Neuenahr-Alpen abgefunden. Graf Konrad Gumprecht erhielt die Grafschaft Limburg und Friedrich Ludolf die Herrschaft Alpen. Die Linien Limburg und Alpen starben schnell wieder aus und fielen an Steinfurt zurück.

Haus Bentheim-Tecklenburg[Bearbeiten]

Hauptartikel: Bentheim-Tecklenburg

Häuser Bentheim und Steinfurt (bis 1918)[Bearbeiten]

Bentheim und Steinfurt (1606–1693)[Bearbeiten]

Territorien der Grafschaften Bentheim und Steinfurt (Blaeu 1645)
  • 1606–1643: Graf Arnold Jobst zu Bentheim und Steinfurt
  • 1643–1693: Graf Ernst Wilhelm zu Bentheim und Steinfurt

Erbteilung an seinen Sohn Ernst (Steinfurt) und seinen Neffen Arnold Moritz Wilhelm (Bentheim, s. u.)

Bentheim-Bentheim (1693–1819)[Bearbeiten]

  • 1693–1701: Graf Arnold Moritz Wilhelm von Bentheim-Bentheim
  • 1701–1731: Graf Hermann Friedrich von Bentheim-Bentheim
  • 1731–1753: Graf Friedrich Karl von Bentheim-Bentheim, verpfändet Bentheim 1753 an Hannover

1819 fällt Bentheim von Hannover an die Linie Bentheim-Steinfurt.

Bentheim-Steinfurt (1693–1819)[Bearbeiten]

Bentheim und Steinfurt (1819–1918)[Bearbeiten]

Oberhäupter des Hauses zu Bentheim und Steinfurt (ab 1918):

  • 1918–1919: Alexius II. Fürst zu Bentheim und Steinfurt
  • 1919–1961: Victor Adolf Fürst zu Bentheim und Steinfurt
  • seit 1961: Christian Fürst zu Bentheim und Steinfurt

Landtagsfähige Rittersitze der Grafschaft Bentheim[Bearbeiten]

Trivia[Bearbeiten]

In der Grafschaft Bentheim wurde die inzwischen fast ausgestorbene Hausschweinrasse Bentheimer Landschwein gezüchtet.

Literatur[Bearbeiten]

  • Steffen Burkert (Hrsg.): Die Grafschaft Bentheim – Geschichte und Gegenwart eines Landkreises. Verlag Heimatverein Grafschaft Bentheim e. V., Bad Bentheim 2010.
  • Ludwig Edel: Die Stadtrechte der Grafschaft Bentheim. Dissertation, Leipzig 1909.
  • Ernst Finkemeyer: Verfassung, Verwaltung und Rechtspflege der Grafschaft Bentheim zur Zeit der hannoverschen Pfandschaft 1753-1804. Dissertation, Münster 1967.
  • Hermann Grote: Stammtafeln. Hahn, Leipzig 1877.
  • Stephanie Marra: Allianzen des Adels. Dynastisches Handeln im Grafenhaus Bentheim im 16. und 17. Jahrhundert. 1. Auflage, Böhlau, 2007, ISBN 9783412311056.
  • Peter Veddeler: Die territoriale Entwicklung der Grafschaft Bentheim bis zum Ende des Mittelalters. (Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas von Niedersachsen, H. 25), Göttingen 1970.
  • Wessel Friedrich Visch: Geschichte der Grafschaft Bentheim. übersetzt nach der Ausgabe Zwolle 1820 von Lucie Rakers (Nordhorn), Verlag Heimatverein der Grafschaft Bentheim e. V., Das Bentheimer Land, Band 103, 1984. - Geschiedenis van het Graafschap Bentheim door W. F. Visch, Prekidant te Wilsum, in het vornoemde Graafschap. Te Zwolle, Bij J. L. Zeehuisen, 1820.
  • Anton Friderich Büsching (1724-1793): „D. Anton Friderich Büschings neuer Erdbeschreibung dritten Theils erster Band, worinnen das Königreich Böhmen, der östreichische, burgundische, westphälische, chur-rheinische und oberrheinische Kreis beschrieben werden. Fünfte Auflage, 1771. - D. Anton Friderich Büschings, königl. preussischen Oberconsistorialraths und Directors des berlinischen Gymnasii, neue Erdbeschreibung dritter Theil, welche das deutsche Reich nach seiner gegenwärtigen Staatsverfassung enthält. Fünfte rechtmässig verbesserte und stark vermehrte Auflage. Mit Röm. Kaiserl. und Churf. Sächs. wie auch der Eidgenossenschaft Zürich, Glarus, Basel, Appenzell, Reichstädte S. Gallen, Mühlhausen und Biel. Hamburg, bey Joh. Carl Bohn, 1771. Darin: „Der Westphälische Kreis.“, S. 622-1012. „Die Grafschaft Bentheim“, S. 931-940.

Zitate[Bearbeiten]

Aus: Anton Friedrich Büsching (1724-1793): „D. Anton Friderich Büschings neuer Erdbeschreibung dritten Theils erster Band, worinnen das Königreich Böhmen, der östreichische, burgundische, westphälische, chur-rheinische und oberrheinische Kreis beschrieben werden. Hamburg, bey Joh. Carl Bohn, fünfte Auflage, 1771. Darin: „Der Westphälische Kreis.“, S. 622-1012. „Die Grafschaft Bentheim“, S. 931-940.

Die Grafschaft Bentheim

§. 1. Von der Grafschaft Bentheim hat D. Johann Westenberg (Ohne 1595-Oldenzaal 1636 [13]) eine Charte gezeichnet, welche Blaeuw (Joan Blaeu, 1596-1673, niederl. Kartograf]]), Gerhard, Valk und Peter Schenk herausgegeben haben. Man sieht diese Grafschaft auch auf den oben S. 626 von dem Hochstift Münster angeführten Charten.

§. 2. Sie ist von der niederländischen Provinz Ober-Yssel und Landschaft Drenthe, und von dem Hochstift Münster umgeben, ungefähr 10 Meilen lang, und 2,3 bis 4 Meilen breit.

§. 3. Das Land ist fruchtbar und angenehm, ernähret seine Einwohner hinlänglich, und verschaffet ihnen auch vortheilhafte Ausfuhren. Auf den Bergen um Bentheim und Gildehauß sind vortreffliche und einträgliche Steinbrüche, aus welchen die Steine insonderheit nach den Niederlanden und in das Hochstift Münster geführet werden. In den Ebenen sind fruchtbare Aecker, gute Wiesen und Weiden. Die Viehzucht ist gleichfalls gut. Hölzungen und Wälder sind reichlich vorhanden, und in denenselben ist eine vortreffliche Wildbahn. Unter denen durchfließenden Flüssen ist insonderheit die Vechte zu bemerken, welche aus dem münsterschen Amt Horstmar kömmt, auf der Gränze nicht weit von Ohne die steinfurtische Aa, und unweit Nienhaus die Dinkel, welche auch in dem münsterschen Amt Horstmar entspringt, aufnimmt, und, nachdem sie die ganze Grafschaft der Länge nach durchflossen, in die Provinz Ober-Yssel tritt. Sie ist nicht nur sehr fischreich, sondern kann zur meisten / (S. 932) Jahrszeit mit kleinen Fahrzeugen, Prahmen und Holzflössen befahren werden, welches den Handel der Grafschaft nicht wenig befördert.

§. 4. In dieser Grafschaft sind 3 Städte und 1 Flecken. Die Einwohner sind arbeitsam, und handeln mit Garn, Wolle, Leinewand, Honig, Vieh, Steinen, Holz und anderen Gütern und Waaren, welche mehrenteils nach Holland gebracht werden, wohin auch die jungen Leute beyderley Geschlechts gern in Dienste gehen, und zum Theil sich daselbst niederlassen.

Auf den Landtagen erscheinen theils Deputirte (Deputierter) der Provinz Ober-Yssel, oder des Prinzen von Oranien, welche wegen ihrer bentheimischen Güter die erste Stimme haben, theils die Besitzer der adelichen Häuser Brandlecht, Laer (Laar), Lagen, Ravenshorst und Wolda, theils die Klöster Frenswegen und Wietmarschen, theils die Bürgermeister deren 3 Städte, welche aber nur eine gemeinschaftliche Stimme haben.

§. 5. Graf Arnold I führete 1544 die evangelisch-lutherische Lehre in diesem Lande ein; sein Enkel Arnold II aber verursachte, daß die reformirten (reformierten) Gemeinen [sic!] die stärksten wurden, und seit 1668, da Graf Ernst-Wilhelm römisch-katholisch geworden, haben sich die Katholiken vermehret, welche aber nur zu Bentheim öffentliche, und anderwärts auf den Amthäusern geheime gottesdienstliche Uebungen haben; und damit keine Neuerungen geschehen, so sind insonderheit die Generalstaaten Beschützer des Religions-Zustandes in der Grafschaft.

§. 6. Die Geschichte der Grafen zu Bentheim,... (S. 932-936)

§. 7. Der gräflich bentheimische Titel ist: Graf zu Bentheim, Tecklenburg, Steinfurt und Limburg etc. Herr zu Rheda, Wevelinghoven, Hoya, Alpen und Helfenstein, Erbvogt zu Cöln etc. Das Wappen wegen Bentheim sind 19 goldene Pfennige im rothen Feld; wegen Tecklenburg drei rothe Herzen im silbernen Feld; wegen Steinfurt ein rother Schwan mit schwarzem Schnabel und Füssen, im goldenen Feld; wegen Limburg ein rother, gekrönter Löwe, im silbernen Feld; wegen Rheda ein schwarzer Löwe, auf dessen Leib drei goldene Ringe, am Ende des Schwanzes aber eine goldene Rose, im silbernen Feld; wegen Wewelinghoven zwei silberne Querbalken, im rothen Feld; wegen Hoya 2 schwarze auswärts gekehrte Bärenklauen, im goldenen Feld; wegen Alpen ein silberner Löwe im rothen Feld; wegen Helfenstein ein Löwe in einem von Roth und Silber getheilten Feld; wegen der Erbvogtey Cöln 5 goldene Querfaden, im goldenen Feld.

§. 8. Der Graf von Bentheim-Bentheim hat Sitz und Stimme sowohl im westphälischen Residenz-Collegio, als auf den westphälischen Kreistagen, auf welchen letztern er nach Lippe folget. Die / (S. 937) Grafschaft ist zu den Reichs-Anlagen auf 6 zu Ross, 20 zu Fuß, oder 152 Fl., zu jedem Kammerziel aber auf 121 Rthlr. (Reichthaler), Reichstaler) 66 ¾ Kr. (Kronen) angesetzet.

§. 9. Die Grafschaft Bentheim wird in die obere und untere Grafschaft abgetheilet; jene ist, nebst der genannten Herrlichkeit Emblicheim, ein Reichslehn (Reichslehen); diese aber ist vor Alters von dem Bischof zu Uetrecht, nachgehender von der Provinz Ober-Yssel, und durch deren Abtretung von dem Prinzen von Nassau-Oranien zu Lehn (Lehen) getragen; worüber gegen das Ende des 17ten Jahrhunderts bey Verwechselung der Landesherrschaft zwischen Bentheim und Steinfurt ein noch nicht entschiedener Streit entstanden ist. Beyde Theile der Grafschaft sind auch, in Ansehung mancher Landesbräuche, Statuten und Rechte, voneinander unterschieden. Wir bemerken nun

I. Die obere Grafschaft, zu welcher folgende Aemter gehören:

1. Das Amt Schüttorf, in welchem

1) Bentheim, ein ziemlich grosser Flecken, welcher theils auf einem Berg, theils am Fuß desselben liegt. Das Residenzschloss steht nordwärts auf einem besonders hohen Felsen, ist mit Thürmen umgeben, und hat seit 1668 eine münstersche Besatzung, welche Graf Ernst Wilhelm bey seiner Religionsveränderung unter gewissen Bedingungen eingenommen. Es ist eines ältesten Schlösser dieser Gegend, und es soll schon Drusus, Kaiser Augustus Stiefsohn, hieselbst ein Castel aufgeführet haben. 1760 wurde es von den Franzosen beschossen und eingenommen, gleich darauf aber von den Aliirten wieder erobert. In der Stadt ist eine reformirte Kirchspiels-Kirche, und seit der Grafen Ernst Wilhelm Zeit auch eine katholische Kirche.

2) Schüttorf, die älteste Stadt in dieser Grafschaft, liegt an der Vechte. Graf Egbert hat solche im 13ten Jahrhundert angelegt und mit guten Privilegien versehen, sein Enkel Simon aber hat sie mehr befestiget: allein im 30jährigen Krieg ist der Wall abgetragen, und die Gräben sind angefüllet, so, daß nur noch die Mauern vorhanden sind. Die hiesige gräfliche Burg Altena hat mehrmals zum Witwensitz gedienet.

3) Ohne, ein Kirchdorf and der Vechte, dessen Kirche für die älteste in hiesiger Gegend gehalten wird. 1754 brannte es ganz ab, ist aber wieder aufgebauet.

4) Gildehauß, ein grosses Kirchdorf, welches wegen der bey demselben befindlichen Steingruben und anderer Nahrung einer Stadt nichts nachgiebt.

5) Langen, ein adeliches Haus, nahe bey Bentheim, gehöret der Familie von Etzbach, und hat Sitz und Stimme auf den Landtagen.

6) Ravenshorst, ein adeliches Haus derer von Hövel, liegt im Kirchspiel Gildehauß, und hat Sitz und Stimme auf den Landtagen. Anmerk. Der Richter zu Schüttorf ist zugleich Gograf von Emsbüren im Hochstift Münster, woselbst der Graf von Bentheim concurrentem Juridictionem hat. s. oben S. 638.

2. Das Amt Northorn, in welchem

1) Northorn, eine kleine offene, aber von der Vechte umgebene Stadt, welche gute Handlung treibt.

2) Frenswegen, ein Kloster, nahe bey Northorn, welches mit can. Reg. Ord. August. (Augustinerorden) besetzt, und woselbst vor der Kirchenverbesserung des 16. Jahrhunderts der gräflich-bentheimische Begräbnisort gewesen ist. Graf Bernhard hat es vornehmlich eingerichtet, hat sich auch selbst zuletzt in dasselbe begeben. Es hat auf dem Landtag Sitz und Stimme.

3) Wietmarschen, oder Wittmarschen, ein adeliches frey-weltliches Frauenstift, an der münsterschen Gränze, welches 1152 mit Erlaubniß der verwittweten Gräfinn Ger/(S. 939)trud von Bentheim (Gertrud von Bentheim-Bentheim, geb. van Zelst, ca. 1645-1679 [14], Ehefrau des Grafen Ernst Wilhelm) gestiftet worden, und anfänglich eine Benedictiner Manns-Abtey gewesen; die Mönche aber haben sich im 12ten Jahrhundert von hier weg, und nach Uetrecht begeben, worauf es ein adeliches Benedictiner-Nonnenkloster und 1675 ein frey-weltliches Stift geworden, welches unter dem Schutz des Bisthums Münster steht. Zu demselben gehöret eine Bauerschaft gleiches Namens, nebst anderen Eigenbehörigen in der Grafschaft Bentheim, daher das Stift einen eigene Amtmann hält. Es hat auf den Landtagen Sitz und Stimme.

4) Brandlecht, ein adeliches Haus derer von Drosten auch Sitz und Stimme auf den Landtagen.

3. Das Amt Emblicheim wird auch noch zu Obergrafschaft gerechnet, und als eine besondere Herrlichkeit angesehen, auch in den kaiserlichen Lehnbriefen besonders mit angeführet. In dieses Land erstrecket sich aus der Landschaft Drenthe ein grosser Morast. Man bemerke

1) Emblicheim, in gemeinen Reden Emblikamp genannt, ein Dort unweit der Vechte.

2) Laerwald, ein Dorf an der Vechte, wo selbst das adeliche Haus Laer, welches der ausgestorbenen Familie von Laer Gut Laar gehöret hat, und das adeliche Haus Wolda (Gut Wolda), denen von Bentink (Bentinck) zuständig, sind, so beyde auf den Landtagen Sitz und Stimme haben.

II. Die untere Grafschaft, zu welcher gehören

1. Das Amt Nienhus, in welches sich aus dem Hochstift Münster ein grosser Strich Moor erstrecket. Dahin gehöret

1) Nienhus oder Neuenhaus, eine Stadt an der Dinkel, welche nicht weit von hier in die Vechte fällt. Das hiesige ehemals ziemlich fest gewesene Schloss ist jetzt fast ganz verfallen. Graf Johann II hat es am Ende des 13ten Jahrhunderts zuerst angelegt, und es hat die Anbauung vieler Häuser veranlasst, aus welchen endlich / (S. 940) eine Stadt geworden, die von Graf Bernhard 1376 die ersten Stadtfreyheiten (Stadtfreiheit) erhalten hat. Das Schloss wurde 1417 von dem Bischof Friderich zu Uetrecht, mit Hilfe der Städte Deventer, Campen und Zwoll (Zwolle), eingenommen, und als es zurückgegeben wurde, musste der Graf es als ein uetrechtisches Lehn erkennen, wofür man hernach die ganze Grafschaft hat ausgeben wollen.

2) Velthausen, ein Dorf, eine halbe Stunde Weges von Nienhus, in einer fruchtbaren Gegend. Es sind daselbst die adelichen Häuser Schulenburg und zum Esch oder Oedinghof.

2. Das Amt Ulsen, in welchem

1) Ulsen, das grösste Kirchspiel in der Grafschaft.

2) Wilsum, ein Kirchspiel.

Film[Bearbeiten]

  • Die Grafschaft Bentheim 1866–1946 – Eine Filmchronik, Dokumentation, Regie: Elisa Bertuzzo, Hermann Pölking; Saeculum-Verlagsgesellschaft 2009.[15]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Landkreis Grafschaft Bentheim (Hrsg.): Zahlen, Daten, Fakten 2011. Nordhorn/Bentheim, 2011, S. 7.
  2. Burg Bentheim: Geschichte
  3. 1228 wurde das erste Mal der Begriff comitatus, also Grafschaft, in Zusammenhang mit Bentheim verwendet. Davor gab es zwar Grafen, die sich "von Bentheim" nannten, aber wohl nur Herren von Bentheim waren, was aber bedeutet, dass es zu dieser Zeit vielleicht noch keine Grafschaft Bentheim gegeben hat. Vgl. Veddeler, 1970, S. 53
  4. Vgl. Reichsmatrikel von 1521, in: Karl Zeumer (Hrsg.): Quellensammlung zur Geschichte der Deutschen Reichsverfassung in Mittelalter und Neuzeit, 2. vermehrte Auflage, Verlag von J. C. B. Mohr, Tübingen 1913, S. 316 (online bei Wikisource).
  5. Christian H. Ebhardt (Hrsg.): Gesetze, Verordnungen und Ausschreiben für das Königreich Hannover aus dem Zeitraume von 1813 bis 1839. Band 2, Hannover 1839, S. 39 und 42.
  6. Grafschafter Nachrichten vom 23. November 2006: Aus Amtsgericht wird Seniorenresidenz. Historisches Gebäude in Neuenhaus vollständig saniert – Krankenhausverein als Pächter.
  7. Grafschafter Nachrichten vom 16. Juli 2009: Scherben auf der Mauer sollten das Gefängnis sichern – Das alte Amtsgericht in Bad Bentheim war früher das neue – Zwei Wachtmeister für bis zu 30 Gefangene.
  8. Homepage des Projekts „German Immigrants“, abgerufen am 3. Januar 2012.
  9. vgl. auch grafschafter-geschichte: Aus der Grafschaft nach Amerika, abgerufen am 30. April 2012.
  10. Anton Friderich Büsching (1724–1793): D. Anton Friderich Büschings neuer Erdbeschreibung dritten Theils erster Band, worinnen das Königreich Böhmen, der östreichische, burgundische, westphälische, chur-rheinische und oberrheinische Kreis beschrieben werden. Fünfte Auflage, 1771
  11. D. Anton Friderich Büschings, königl. preussischen Oberconsistorialraths und Directors des berlinischen Gymnasii, neue Erdbeschreibung dritter Theil, welche das deutsche Reich nach seiner gegenwärtigen Staatsverfassung enthält. Fünfte rechtmässig verbesserte und stark vermehrte Auflage. Mit Röm. Kaiserl. und Churf. Sächs. wie auch der Eidgenossenschaft Zürich, Glarus, Basel, Appenzell, Reichstädte S. Gallen, Mühlhausen und Biel. Hamburg, bey Joh. Carl Bohn, 1771. Darin: „Der Westphälische Kreis.“, S. 622–1012. „Die Grafschaft Bentheim“, S. 931–940.
  12. 1228 wurde das erste Mal der Begriff comitatus, also Grafschaft, in Zusammenhang mit Bentheim verwendet. Davor gab es zwar Grafen, die sich "von Bentheim" nannten, aber wohl nur Herren von Bentheim waren, was aber bedeutet, dass es zu dieser Zeit vielleicht noch keine Grafschaft Bentheim gegeben hat. Vgl. Veddeler, 1970, S. 53
  13. http://www.stenvorde.de/professoren/johann_westenberg.html
  14. http://www.myheritage.de/names/gertrud_von%20bentheim-bentheim
  15. Saeculum-Verlagsgesellschaft: Die Grafschaft Bentheim 1866–1946, abgerufen am 28. Dezember 2013.