Kreis Heiligenbeil

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Wappen des Kreises Heiligenbeil

Der Kreis Heiligenbeil war ein preußischer Landkreis in Ostpreußen. Mit seinem Vorgängerkreis Zinten bestand er von 1818 bis 1945.

Der Kreis Heiligenbeil umfasste am 1. Januar 1945:

  • die beiden Städte Heiligenbeil und Zinten
  • sowie 111 weitere Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern
  • und einen Gutsbezirk (Anteil Frisches Haff).

Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rittergut Weßlienen um 1860, Sammlung Alexander Duncker

Der Kreis Heiligenbeil lag im westlichen Teil Ostpreußens am Frischen Haff. Er hatte die Form eines spitzwinkligen Dreiecks. Von seiner 1137 km² großen Gesamtfläche waren 229 km², also ein Fünftel, Haffanteil. Der westlichste Punkt des Kreises lag westlich von Alt Passarge, der östlichste ostwärts von Robitten, die nördlichste Spitze lag nordöstlich von Dümpelkrug und der südlichste Punkt südöstlich von Schönborn. Seit 1819, als der Kreis mit Heiligenbeil als Kreisstadt gegründet wurde, hatte der Kreis die obige Form und Ausmaße. Bei der Volkszählung im Mai 1939 lebten im Kreisgebiet 53.207 Einwohner. Das waren rund 59 Menschen auf einen Quadratkilometer. Sie lebten in zwei Städten und 111 Landgemeinden. Die 113 Orte gehörten zu 17 Kirchspielen (Kirchengemeinden). Die Namen der Kirchspiele und ihrer Landgemeinden waren:

  1. Balga mit den Landgemeinden Balga, Follendorf, Groß Hoppenbruch, Kahlholz, Wolitta.
  2. Bladiau mit den Landgemeinden Bladiau, Bolbitten, Fedderau, Groß Rödersdorf, Grünwiese, Jürkendorf, Klein Rödersdorf, Königsdorf, Lank, Partheinen, Pottlitten, Quilitten, Schölen, Schönrade, Windkeim, Wolittnick.
  3. Brandenburg mit den Landgemeinden Brandenburg, Pinnau, Pokarben, Schoschen.
  4. Deutsch Thierau mit den Landgemeinden Deutsch Thierau, Freudenthal, Gallingen, Hanswalde, Herzogswalde, Lönhöfen.
  5. Eichholz mit den Landgemeinden Eichholz, Kildehnen, Kölmisch Gehdau, Lichtenfeld, Müngen, Perbanden, Schönborn, Wilknitt mit Bartken, Wohlau.
  6. Eisenberg mit den Landgemeinden Eisenberg, Grunenfeld, Hohenwalde, Rödersdorf, Schönlinde.
  7. Grunau-Alt Passarge mit den Landgemeinden Alt Passarge, Grunau, Hammersdorf, Rossen.
  8. Heiligenbeil-Land und Heiligenbeil-Rosenberg mit den Landgemeinden Deutsch Bahnau, Grünwalde, Karben, Leisuhnen, Preußisch Bahnau, Schirten, Steindorf, Thomsdorf, Wangnicken, Wermten.
  9. Hermsdorf-Pellen mit den Landgemeinden Hasselpusch, Hermsdorf, Lauterbach, Pellen, Schönwalde, Stolzenberg.
  10. Hohenfürst mit den Landgemeinden Bönkenwalde, Groß Hasselberg, Hohenfürst, Lüdtkenfürst, Rauschbach.
  11. Lindenau mit den Landgemeinden Breitlinde, Kirschdorf, Lindenau, Sonnenstuhl, Vogelsang.
  12. Pörschken mit den Landgemeinden Barsen, Groß Klingbeck, Konradswalde, Laukitten, Ludwigsort, Patersort, Perwilten, Poplitten, Pörschken, Rippen, Schwanis, Sollecken, Wargitten.
  13. Tiefensee mit de Landgemeinden Arnstein, Sargen, Schönfeld, Tiefensee.
  14. Waltersdorf mit den Landgemeinden Birkenau, Kleinwalde, Rehfeld, Waltersdorf.
  15. Zinten Stadt und die Landgemeinden Bombitten, Dösen, Jäcknitz, Klaussitten, Kukehnen, Kumgarben, Kuschen, Langendorf, Maraunen, Nemritten, Plössen, Robitten, Schwengels, Wesselshöfen.

Im Februar und März 1945 wurde das Kreisgebiet Kriegsschauplatz. Es bildete sich der militärische "Heiligenbeiler Kessel". Nach schwersten und wochenlangen Abwehrkämpfen der 4. deutschen Armee gegen mehrere sowjetische Armeen erfolgte der endgültige Untergang in den letzten Märztagen. Im Morgengrauen des 29. März 1945 haben sich die letzten deutschen Soldaten vom Haffufer unterhalb der Burgruine Balga in Richtung Pillau eingeschifft. In den Winterwochen zuvor flüchteten hunderttausende von Ostpreußen aus allen Teilen der Provinz, darunter auch der größte Teil der Bevölkerung des Kreises Heiligenbeil, über das Eis des Haffs auf die Frische Nehrung und von dort auf die rettenden Schiffe in Pillau oder auf dem Landweg der Nehrung nach Danzig.

Von den rund 53.000 Bewohnern des Kreises Heiligenbeil verloren ca. 20 % ihr Leben durch Krieg, Flucht, Vertreibung, Deportation, Vergewaltigungen, Hunger, Krankheiten oder unmenschliche Behandlungen in ostpreußischen Zwangslagern.

Verwaltungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Königreich Preußen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach den preußischen Verwaltungsreformen nach dem Wiener Kongress entstand am 1. Februar 1818 der Kreis Zinten im Regierungsbezirk Königsberg in der preußischen Provinz Ostpreußen.

Dieser umfasste die Kirchspiele:

Das Landratsamt war in Zinten.

Bereits am 1. April 1819 erfolgten folgende Änderungen von Kreisgrenzen:

  • Eingliederung der Kirchspiele Brandenburg und Pörschken aus dem Kreis Kreuzburg in den Kreis Zinten,
  • Eingliederung der Kirchspiele Albrechtsdorf, Borken, Buchholz, Canditten, Eichhorn, Gutenfeld, Landsberg, Peisten, Petershagen und Reddenau aus dem Kreis Zinten in den Kreis Kreuzburg.

Gleichzeitig änderte sich der Kreisname in Heiligenbeil.

Ab dem 3. Dezember 1829 gehörte der Kreis – nach dem Zusammenschluss der bisherigen Provinzen Preußen (nicht: Ostpreußen) und Westpreußen – zur neuen Provinz Preußen mit dem Sitz in Königsberg i. Pr.

Norddeutscher Bund/Deutsches Reich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab dem 1. Juli 1867 gehörte der Kreis zum Norddeutschen Bund und ab 1. Januar 1871 zum Deutschen Reich. Am 13. Oktober 1876 wurde das Landratsamt von Zinten nach Heiligenbeil verlegt, nachdem die Stadt Heiligenbeil hierfür ein Gebäude errichtet hatte. Zum 16. Februar 1878 wurde das bisher kommunalfreie Vorwerk Banditten aus dem Kreis Preußisch Eylau in den Kreis Heiligenbeil eingegliedert. Nach der Teilung der Provinz Preußen in die neuen Provinzen Ostpreußen und Westpreußen wurde der Kreis Heiligenbeil am 1. April 1878 Bestandteil Ostpreußens. Zum 30. September 1929 fand im Kreis Heiligenbeil wie im übrigen Preußen eine Gebietsreform statt, bei der alle bisher selbstständigen Gutsbezirke aufgelöst und benachbarten Landgemeinden zugeteilt wurden.

Unter polnischer und sowjetischer Verwaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab Januar und Februar 1945 wurde das Kreisgebiet schrittweise durch die Rote Armee besetzt. Nach der vollständigen Besetzung spätestens im Frühjahr 1945 wurde das gesamte Kreisgebiet von der sowjetischen Besatzungsmacht zunächst unter polnische Verwaltung gestellt. Die polnische Verwaltung führte für Kreis und Kreisstadt die Bezeichnung Święta Siekierka ein, die polonisierte (und in Polen auch schon zuvor gebräuchliche) Bezeichnung der Stadt Heiligenbeil.

Im Spätsommer bzw. Frühherbst des Jahres 1945 revidierte die sowjetische Besatzungsmacht die bisherige Zonenaufteilung und vorschob die Grenze der sowjetischen Verwaltungszone erheblich in südliche Richtung, so dass der größere Nordteil des Kreises einschließlich der Kreisstadt Heiligenbeil unter sowjetische Verwaltung kam. Die bereits zugewanderten polnischen Migranten, die schon mit deren Verdrängung und Vertreibung begonnen hatten, wurden einschließlich der polnischen Zivilverwaltung kurzfristig aus dem nunmehr sowjetisch verwalteten Nordteil wieder ausgewiesen.[1] Der kleine Südteil des Kreises verblieb unter polnischer Verwaltung und wurde dem Kreis Braniewo (Braunsberg) angeschlossen. Die dort noch ansässige deutsche Bevölkerung wurde, sofern sie nicht bereits geflüchtet war, in der Folgezeit vertrieben.

Landräte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Landräte im Kreis Brandenburg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1800–1818: Johann von Podewils

Landräte im Kreis Zinten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1818–9999: Ernst von Brandt
  • 1818–1819: Ritter Meyn (kommissarisch)

Landräte im Kreis Heiligenbeil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Amtsbezirke 1874–1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben den beiden Städten Heiligenbeil (heute russisch: Momonowo) und Zinten (Kornewo) wurden im Kreis Heiligenbeil Amtsbezirke gebildet, in denen mehrere Landgemeinden und Gutsbezirke zusammengeschlossen waren.[2] Die Orte liegen heute sowohl auf russischem (RUS) wie auch auf polnischem (PL) Staatsgebiet:

Deutscher Name Heutiger Name Deutscher Name Heutiger Name
Arnstein Jarzeń (PL) Karben Prigorkino (RUS)
Balga Wesjoloje (RUS) Keimkallen
ab 1929: Schirten
Krasnodonskoje (RUS)
Potjomkino (RUS)
Bladiau Pjatidoroschnoje (RUS) Kukehnen Ladoschskoje (RUS)
Brandenburg Uschakowo (RUS) Laukitten
ab 1929: Ludwigsort
Bolschedoroschnoje (RUS)
Laduschkin (RUS)
Bregden Wawilowo (RUS) Lindenau Lipowina (PL)
Deutsch Thierau Iwanzowo (RUS) Maraunen Michailowskoje (RUS)
Eichholz Dębowiec (PL) Pellen Piele (PL)
Eisenberg Żelazna Góra (PL) Pörschken (RUS)
Frisches Haff
Amtssitz:
Alt Passarge
bzw. Pillau


Stara Pasłęka (PL)
Baltijsk (RUS)
Pohren
ab 1929 Windkeim
Rasdolnoje (RUS)
(RUS)
Groß Klingbeck (RUS) Pokarben (RUS)
Groß Rödersdorf Nowosjolowo (RUS) Quilitten Schukowka (RUS)
Grunau Gronowo (PL) Rippen
seit 1929 Ludwigsort
Sowchosnoje (RUS)
Laduschkin (RUS)
Grunenfeld Gronówko (PL) Rossen Rusy (PL)
Hermsdorf Pogranitschny (RUS) Stuthenen
ab 1929 Wolittnik
(RUS)
Primorskoje-Nowoje (RUS)
Hohenfürst Wyszkowo (PL) Waltersdorf Pęciszewo (PL)
Jäcknitz Usornoje (RUS) Wesselshöfen Puschkino (RUS)

Kommunalverfassung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kreis Heiligenbeil gliederte sich in Stadtgemeinden, in Landgemeinden und – bis zu deren nahezu vollständigem Wegfall – in selbstständige Gutsbezirke.

Mit Einführung des preußischen Gemeindeverfassungsgesetzes vom 15. Dezember 1933 sowie der Deutschen Gemeindeordnung vom 30. Januar 1935 wurde zum 1. April 1935 das Führerprinzip auf Gemeindeebene durchgesetzt.

Eine neue Kreisverfassung wurde nicht mehr geschaffen; es galt weiterhin die Kreisordnung für die Provinzen Ost- und Westpreußen, Brandenburg, Pommern, Schlesien und Sachsen vom 19. März 1881.

Ortsnamen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kleinere Namenskorrekturen fanden wie folgt statt:

  • Brandenburg: 1935: Brandenburg (Frisches Haff)
  • Carben: 1931: Karben
  • Königlich Rödersdorf: 1931: Rödersdorf
  • Kuyschen: 1938: Kuschen
  • Polnisch Bahnau: 1920: Deutsch Bahnau

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gustav Neumann: Geographie des Preußischen Staats. 2. Auflage, Band 2, Berlin 1874, S. 17–18, Ziffer 11.
  • Adolf Schlott: Topographisch-statistische Uebersicht des Regierungs-Bezirks Königsberg, nach amtlichen Quellen. Hartung, Königsberg 1861, S. 98-108.
  • Preußisches Finanzministerium: Die Ergebnisse der Grund- und Gewerbesteuerveranlagung im Regierungsbezirk Königsberg: Berlin 1966, Kreis Heiligenbeil, S. 1–43.
  • Adolf Rogge: Das Amt Balga. Beiträge zu einer Geschichte des Heiligenbeiler Kreises. In: Neue Preußische Provinzial-Blätter. Vierte Folge. Band 5, Königsberg i. Pr. 1868, S. 115-140; Band 6, Königsberg i. Pr. 1869, S. 116–141 und S. 463–508; Band 7, Königsberg i. Pr. 1870, S. 97–139 und S. 603–647; Band 8, Königsberg i. Pr. 1871, S. 315–336 und S. 701–718; Band 9, Königsberg i. Pr. 1872, S. 97–112.
  • Emil Johannes Guttzeit: 100 Jahre Kreissparkasse Heiligenbeil. Geschichtlicher Rückblick auf Gründung und Entwicklung der Sparkasse des Kreises Heiligenbeil. Heiligenbeil 1942
  • Emil Johannes Guttzeit: Der Kreis Heiligenbeil. Ein ostpreußisches Heimatbuch. (Hrsg.: Kreisgemeinschaft Heiligenbeil), Leer 1975
  • Emil Johannes Guttzeit: Die Ordensburg Balga. Heiligenbeil 1925
  • Emil Johannes Guttzeit: Die Kirche in Bladiau und ihre familiengeschichtlichen Denkmäler. Heiligenbeil 1930
  • Emil Johannes Guttzeit: 600 Jahre Grunau, Kreis Heiligenbeil. Heiligenbeil 1931
  • Emil Johannes Guttzeit: 600 Jahre Hohenfürst. Heiligenbeil 1932
  • Emil Johannes Guttzeit: 700 Jahre Balga. Heiligenbeil 1939
  • Emil Johannes Guttzeit: Jäcknitz: Rosen und Woyditten. Die Geschichte eines ostpreußischen Ritterguts. Kiel 1957
  • Michaal Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte Ostpreußen – Landkreis Heiligenbeil (2006).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kreis Heiligenbeil – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://historia-wyzynaelblaska.pl/granica-polsko-radziecka-w-b.-prusach-wschodnich.html
  2. Rolf Jehke, Städte und Amtsbezirke im Landkreis Heiligenbeil