Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibber Feldscheune

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Opfer des Massenmordes

Die Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibber Feldscheune der Hansestadt Gardelegen in Sachsen-Anhalt erinnert an die Ermordung von mehr als 1000 KZ-Häftlingen bei einem Massaker und bei Todesmärschen um Gardelegen in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs.

Die Tat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 13. April 1945 wurden in der rund einen Kilometer nordöstlich der Stadt gelegenen Isenschnibber Feldscheune 1016 KZ-Häftlinge ermordet.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wegen der sich nähernden Alliierten wurden die Außenlager des KZ Mittelbau-Dora Rottleberode, Stempeda, Ellrich, Günzerode und Ilfeld und das Außenlager des KZ Neuengamme Hannover-Stöcken geräumt. Die KZ-Häftlinge aus den Lagern im Harz wurden in Todesmärschen nach Osterode und Werningerode getrieben, wo sie in Güterwaggons gepfercht und auf die Fahrt geschickt wurden, um sie u. a. in die Konzentrationslager Neuengamme, Bergen-Belsen und Sachsenhausen zu verlegen.[1] Eine Gruppe von rund 600 kranken Häftlingen aus Hannover-Stöcken wurde direkt in Güterwaggons verladen, um nach Bergen-Belsen gebracht zu werden. Nach mehrtägigen Fahrten kamen die Transporte in der Umgebung von Gardelegen – in Mieste, Zienau, Bergfriede und Letzlingen – zum Stehen, weil die Ziele wegen zerstörter Gleisanlagen, defekter Fahrzeuge und der nahenden Front nicht mehr erreichbar waren.[2] Insgesamt befanden sich durch diese Situation 4000 bis 5000 Häftlinge in der Region.

Die Überlebenden der mörderischen Transporte bekamen von den Halteorten der Züge als Marschziel die Remonteschule, ein Kasernengelände zur Ausbildung von Kavallerie in Gardelegen.[3] Am 13. April 1945 befanden sich zwischen 1050 und 1100 Häftlinge in der Kaserne, wobei der Unterschied zwischen der Anzahl der in die Region transportierten und den kasernierten Häftlingen mit Tötungen auf den Todesmärschen und großen Fluchtbewegungen erklärt wird.

Während bei den Häftlingen keine Klarheit über ihr weiteres Schicksal bestand, wurde durch die Verantwortlichen unter dem NSDAP-Kreisleiter Gerhard Thiele deren Ermordung vorbereitet. Die Gefangenen wurden in Kolonnen zu je 100 Personen auf den Marsch zum Gut Isenschnibbe geschickt. Nicht gehfähige Menschen wurden mit Fuhrwerken transportiert. Ziel war eine steinerne und mit Ziegeldach „hartgedeckte“ Feldscheune, in der die Häftlinge eingesperrt wurden. Drei der vier großen Schiebetüren wurden verriegelt.

Tatverlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über den weiteren Tatablauf gibt es im Detail abweichende Darstellungen.

Gardelegen, 16. April 1945

Mehreren Darstellungen zufolge war der Boden der Scheune mit Stroh bedeckt, das von den Tätern mit Benzin getränkt worden war.[4][5] Die Bewacher entzündeten das Stroh. Die Gefangenen konnten zweimal den Ausbruch des Feuers verhindern, indem sie es mit Kleidungsstücken, Säcken oder Decken erstickten.[6]

Die Schilderungen stimmen darin überein, dass die Wachmannschaft in die Scheune schoss, um die Häftlinge zu töten. Als Mordwerkzeuge werden Maschinengewehre, Handgranaten, Panzerfäuste, Signalmunition und Phosphorgranaten genannt. Mit Sicherheit wurde noch in der Nacht Benzin aus Gardelegen herbeigeschafft, um das Innere der Scheune in Brand zu setzen und die Leichen zu verbrennen. Das Verscharren der teils verkohlten Leichen gelang nur unvollkommen, obwohl Männer aus Gardelegen dabei halfen.

Am 14. April gegen 17 Uhr nahm die 102. Infanteriedivision der US-Armee unter dem Befehlshaber Frank A. Keating Gardelegen ein, die Kapitulation der Stadt erfolgte gegen 19 Uhr und damit genau 24 Stunden nach dem Beginn des Massenmordes.[7] Am 15. April entdeckten amerikanische Soldaten der Kompanie F, 2. Bataillon, 405. Regiment, 102. Infanteriedivision den Ort des Geschehens. Die Anzahl der Überlebenden wird nach unterschiedlichen Quellen mit 7 bis 33 angegeben.[8]

Täter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beteiligt an der Ermordung waren Funktionäre der NSDAP, SA-Männer, Mitglieder der SS und Waffen-SS, Soldaten der Luftwaffe und der örtlichen Kavallerieschule, Angehörige einer Fallschirmjägereinheit, Polizeikräfte, Angehörige der Hitlerjugend, Volkssturmmänner, Angehörige des Reichsarbeitsdienstes, Angehörige des Technischen Notdienstes und der Feuerwehr sowie 25 Kapos, die man kurz zuvor freigelassen und in Wächteruniformen gesteckt hatte.[9]

Nach Augenzeugenberichten wurden 20 SS-Männer als Beteiligte am Massenmord von den Amerikanern an Ort und Stelle erschossen.[10] Der Hauptverantwortliche für den Massenmord von Gardelegen, der NSDAP-Kreisleiter und SS-Obersturmbannführer Gerhard Thiele, konnte mit falschen Papieren untertauchen; er wurde nie gefasst, starb 1994 und wurde erst danach enttarnt.[11] SS-Hauptscharführer Erhard Brauny, einer der Transportführer, wurde 1947 in Dachau zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt und starb 1950.

Gedenkstätte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibber Feldscheune

Nach dem Verbrechen wurde am 14. April 1946 ein Gedenkstein in Anwesenheit überlebender Häftlinge eingeweiht.[12] Die weitere Gedenkstätte wurde zwischen 1950 und 1971 eingerichtet und besteht heute aus dem 1953 als Gedenkmauer eingeweihten Fassadenrest der Feldscheune, dem Friedhof, einem Unterstand mit Gedenktafeln und der Übersichtskarte mit den Orten im direkten Umkreis von Gardelegen, wo weitere Häftlinge der Todesmärsche umkamen. Zentrales Gestaltungselement ist der zur Zeit der DDR angelegte Zeremonieplatz, an dem auf Steinen die Namen der Staaten (mit Bezeichnungen nach dem Stand der 1970er Jahre) verzeichnet sind, aus denen die Opfer stammen. Vor der Scheunenfassade steht eine 1971 errichtete Bronzestatue des Bildhauers Jochen Sendler.[12]

Während des Bestehens der DDR wurden jährlich um den 14. April Gedenkveranstaltungen durchgeführt, die von der SED organisiert und von Betrieben, der Verwaltung und anderen Institutionen besucht wurden.[13] Seit der Wiedervereinigung finden Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag des Massakers weniger zentral organisiert statt.[14]

Das Konzept der Gedenkstätte und die Neubeschriftung von Schautafeln waren lange umstritten.[15][16] Im Dezember 2008 wurde zwischen der Stadt Gardelegen und der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt vereinbart, die Gedenkstätte neu zu gestalten.[17] Am 13. April 2011 wurde auf dem Gelände der Gedenkstätte ein neues Besucherleitsystem eingeweiht, 2014 übernahm die Stiftung die Gedenkstätte von der Stadt Gardelegen in ihren Stiftungsbestand.[18]

Isenschnibber Feldscheune nach der Ankunft der Amerikaner

Die Feldscheune[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch das Feuer wurde die Scheune nicht zerstört und nach dem Krieg zur Unterbringung sowjetischer Soldaten genutzt, die u. a. auf dem angrenzenden Truppenübungsplatz Colbitz-Letzlinger Heide eingesetzt waren.[19][20] Ein wesentlicher Teil der Scheune wurde in den weiteren Nachkriegsjahren abgebrochen und die Steine für andere Bauten verwendet. Im Rahmen der Einrichtung der Gedenkstätte wurden die bestehenden rechten zwei Drittel der Scheunenfassade aufgearbeitet und mit Stützmauern gesichert.[21] Für Zeremonien während des Bestehens der DDR wie die Vereidigungen von Soldaten wurden ein breiter Rundweg und eine steinerne Rednertribüne angelegt und zwei Feuerschalen installiert.

Der Friedhof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Buch der Opfer vor dem Friedhof

Nach dem Massaker zwangen die Amerikaner die Einwohner Gardelegens ab dem Morgen des 21. April, die teilweise verscharrten Opfer zu exhumieren und würdig in Einzelgräbern zu bestatten. Alle männlichen Einwohner über 16 Jahren - 250 bis 300 Personen - wurden mit Laken, Spaten und Grabkreuzen zur Scheune beordert, um dabei zu helfen.[22] Dies wurde auch gefilmt. Im Film sind Bergungen ganzer Leichen zu sehen, aber auch Szenen, bei denen sich Körperteile ablösen. Diese Szenen sind Bestandteil des Dokumentarfilms Die Todesmühlen. Die Bestattungen dauerten vier Tage. Der Friedhof erhielt den Status eines Militärfriedhofs, für dessen Schändung schwerste Strafen angedroht wurden.[23] Von der zunächst amerikanischen Militärverwaltung wurden Einwohner Gardelegens zur persönlichen und lebenslangen Pflege eines bestimmten Grabes verpflichtet.[24] Während des Bestehens der DDR wurde diese Aufgabe an einzelne FDJ-Gruppen übertragen.

Eine namentliche Zuordnung gelang nur bei einem Drittel der Opfer. Diese Namen sind in einem metallenen Namensbuch am Rand des Friedhofs verzeichnet. Eine Gedenktafel der US-Amerikaner, auf der die Strafen für eine Friedhofsschändung angedroht wurden, wurde unter sowjetischer Besatzung entfernt und zweckentfremdet. Eine Kopie dieser Gedenktafel wurde der Gedenkstätte nach 1989 wieder beigefügt. Einige namentlich bekannte Opfer aus Belgien und Frankreich wurden exhumiert und in ihre Heimat überführt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibber Feldscheune – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Routen der Todesmärsche; (PDF;1,3 MB); abgerufen am 3. Oktober 2015
  2. Torsten Haarseim: Gardelegen 1945 - Dokumentation des Unfassbaren. edition winterwork, 2015, ISBN 978-3-864-68907-9, S. 8 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Herbert Becker: Gardelegen. Sutton Verlag GmbH, 2011, ISBN 978-3-866-80840-9, S. 5 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. So jüngst umfassend bei Daniel Blatman: Die Todesmärsche 1944/45. Reinbek 2011, ISBN 978-3-498-02127-6, Kapitel 9 und 10, hier S. 553.
  5. Ein Zeuge führte den wahrgenommenen Benzingeruch darauf zurück, dass die Scheune früher als Treibstofflager gedient habe. Siehe Diana Gring: Die Todesmärsche und das Massaker von Gardelegen – NS-Verbrechen in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Gardelegen 1993. S. 20 Anm. 42 bzw. Anm. 40.
  6. Gardelegen Isenschnibbe-Feldscheune (Memento vom 4. August 2012 im Webarchiv archive.is) (Abruf am 7. April 2012) / Daniel Blatman: Die Todesmärsche 1944/45. S. 554
  7. Diana Gring; s. Literatur; S.22
  8. Anzahl der Überlebenden: vgl. Diana Gring und einen Artikel im digitalen Archiv des Spiegel
  9. Daniel Blatman: Die Todesmärsche 1944/45..., S. 541ff, S. 594.
  10. Diana Gring: Die Todesmärsche ..., S. 33.
  11. Steffen Könau: „Die Torgauer Häftlingsurnen.“ In: Mitteldeutsche Zeitung, 12. April 2005; Abruf 16. August 2007.
  12. a b Reinhard Jacobs M. A.: Terror unterm Hakenkreuz – Orte des Erinnerns in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, (PDF, 385 kB); abgerufen am 29. April 2014
  13. Der Opfer werden wir gedenken - Artikel in der Volksstimme vom 13. April 1961
  14. Den Leidensweg der Väter nachempfunden - Artikel im Online-Archiv der Volksstimme vom 15. April 2015; abgerufen am 29. August 2015
  15. Wozu frei erfundene Massaker? - Artikel in der Altmarkzeitung; abgerufen am 5. Oktober 2015
  16. Caroline Vongries: Irgendwie schlimm – Die Stadt Gardelegen in Sachsen-Anhalt schafft es seit Jahren nicht, an eines der schlimmsten NS-Verbrechen zu erinnern, in: Die Zeit 30/2007, 23. Juli 2007.
  17. J. Marten: „Die Menschen sensibilisieren“. In: Volksstimme. 11. Dezember 2008, archiviert vom Original am 1. Februar 2015, abgerufen am 1. Februar 2015.
  18. Stiftung übernimmt Isenschnibber Feldscheune, Bericht auf MDR Sachsen-Anhalt – Region Stendal, abgerufen am 29. April 2014
  19. Luftbilder des angrenzenden Flugplatzes des Truppenübungsplatzes, abgerufen am 30. April 2014
  20. Hinweise auf die untergebrachten sowjetischen Soldaten an der Scheunenwand, Bild in den Wikimedia Commons
  21. Mit Stützmauern gesicherter Fassadenrest der Scheune, Bild in den Wikimedia Commons
  22. Diana Gring: Die Todesmärsche… – Fotoserie: Marschkolonne mit Spaten, Laken und Holzkreuzen.
  23. Die (restaurierte) Tafel der U.S. Army am Friedhof; Bild auf Wikimedia Commons
  24. Karte zur Verpflichtung der Grabpflege in den Wikimedia Commons

Koordinaten: 52° 32′ 16″ N, 11° 25′ 19″ O