Mnemotechnik

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Mnemotechnik [mnemoˈtɛçnɪk], auch Gedächtnistraining (von griech. μνήμη mnémē ‚Gedächtnis‘, ‚Erinnerung‘ und τέχνη téchnē ‚Kunst‘) ist ein Kunstwort, das seit dem 19. Jahrhundert für ars memoriae und ars reminiscentiae („Gedächtniskunst“) benutzt wird, meist gleichbedeutend mit Mnemonik (griech. μνημονικά mnēmoniká). Die Mnemotechnik entwickelt Merkhilfen (Eselsbrücken), zum Beispiel als Merksatz, Reim, Schema oder Grafik. Neben kleinen Merkhilfen gehören zu den Mnemotechniken aber auch komplexe Systeme, mit deren Hilfe man sich an ganze Bücher, Listen mit Tausenden von Wörtern oder tausendstellige Zahlen sicher erinnern kann. Mnemotechniken dienen der „Verbesserung des Speicherns und Behaltens von Informationen“[1] im Langzeitgedächtnis.

Bezeichnung und Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das altgriechische Wort μνήμη, mnémē bedeutet Gedächtnis, Erinnerung und mit der Göttin Μνημοσύνη, Mnemosyne verehrten die Griechin eine Göttin der Erinnerung, die gleichzeitig die Mutter der Musen war. Dementsprechend sprach man lange vorwiegend von Gedächtniskunst, wobei die genaue Bezeichnung uneinheitlich war, wie die folgenden lateinischen Ausdrücke zeigen:

  • ars reminiscentiae (Kunst des Erinnerns)
  • ars memoriae (Kunst der Erinnerung)
  • ars memorativa (Erinnerungskunst)
  • ars memorandi (Kunst sich zu erinnern).

In der Neuzeit sprach man schließlich meist von Mnemonik, was auf das Mnemonikón, ein verlorenes Buches des Aristoteles, zurückgeht, bevor Aimée Paris den Begriff Mnemotechnik prägte. [2]

Für die Mnemotechnik existieren viele Definitionen, eine allgemein anerkannte Abgrenzung kann folglich nicht gegeben werden. Dies hängt u.a. mit der hohen Individualität der Autoren zu diesem Thema zusammen, die oftmals ein eigenes System erschaffen oder sich auf einen Teilbereich beschränken wollen. Moderne Autoren vermeiden daher oft eine Definition.

Ulrich Voigt definiert Mnemotechnik als "Technik der Eselsbrücken" und Mnemonik als "ihre Theorie". Dabei betrachtet er ein Modell aus "einem Erinnerungsinhalt A, einer Erinnerungsstütze B und einer Verknüpfung μ zwischen A und B" und definiert: "Eine Eselsbrücke ist ein B, das benutzt wird, um ein A zu erinnern." [3] Dabei zitiert er Johann Christoph Dommerich: "Die Mnemonik oder Gedächtniskunst ist die Wissenschaft der Mittel, das Gedächtnis zu verbessern."[4]

So macht er auch auf das Problem Aufmerksam, dass unter Mnemotechnik die einzelne Merkhilfe, bzw. Eselsbrücke verstanden werden kann, unter der Mnemotechnik aber der gesamte Wissens- und Anwendungsbereich, der bei Dommerich sehr weit gefasst ist. Eine so offene und weite Definition kritisiert Voigt als unpraktikabel. Ebenso kritisiert er die Beschränkung auf eine oder einige aufgezählte Mnemotechniken, für die er den Auctor ad Herennium und die von jenem betrachtete Loci-Methode als Beispiel nennt, da es ihm um "die Grundlage für mögliche Verfahren" geht und nicht um die Hervorhebung eines Verfahrens.[5] Damit ist gleichzeitig die mögliche Spannweite von Definitionen der Mnemotechnik angegeben.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Antike - Erfindung und Klassiker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es ist überliefert, dass sich die Redner des antiken Griechenlands und Roms oftmals mnemotechnischer Mittel bedienten. Der Dichter, Staatsmann und Weltweise Simonides von Keos galt allgemein als Erfinder der Gedächtniskunst. Diesbezügliche Aussagen finden sich bei Cicero, Quintilian, Plinius, Aelianus, Ammianus Marcellinus, Suidas und in der Parischen Chronik. Die Parische Chronik ist eine Marmortafel von etwa 264 vor Christus, die im siebzehnten Jahrhundert auf Paros gefunden wurde und die legendären Daten von Entdeckungen verzeichnet, wie die der Flöte, der Einführung des Getreides durch Ceres und Triptolemos und der Veröffentlichung von Orpheus Dichtungen, sowie in der geschichtlichen Zeit vor allem Feste und die dabei verliehenen Preise verzeichnet. Darunter gibt es auch einen Passus über Simonides: „Seit der Zeit, da der Keaner Simonides, Sohn des Leoprepes, der Erfinder des Systems der Gedächtnishilfen, den Chorpreis in Athen gewann und Statuen zu Ehren des Harmodios und des Aristogeiton errichtet wurden 213 Jahre.“ [6] (das wäre 477 vor Christus).

Die Geschichte, wie Simonides die Gedächtniskunst erfand, schildert Cicero recht anschaulich in seinem Rhetoriklehrbuch De oratore, einer der drei Hauptquellen über die antike Gedächtniskunst: „Bei einem Festmahl, das von einem thessalischen Edlen namens Skopas veranstaltet wurde, trug Simonides zu Ehren seines Gastgebers ein lyrisches Gedicht vor, das auch einen Abschnitt zum Ruhm der Götter Kastor und Pollux enthielt. Der sparsame Skopas teilte dem Dichter mit, er werde ihm nur die Hälfte der für das Loblied vereinbarten Summe zahlen, den Rest solle er sich von den Zwillingsgöttern geben lassen, denen er das halbe Gedicht gewidmet habe. Wenig später wurde dem Simonides die Nachricht gebracht, draußen warteten zwei junge Männer, die ihn sprechen wollten. Er verließ das Festmahl, konnte aber draußen niemanden sehen. Während seiner Abwesenheit stürzte das Dach des Festsaals ein und begrub Skopas und seine Gäste unter seinen Trümmern. Die Leichen waren so zermalmt, dass die Verwandten, die sie zur Bestattung abholen wollten, sie nicht identifizieren konnten. Da sich aber Simonides daran erinnerte, wie sie bei Tisch gesessen hatten, konnte er den Angehörigen zeigen, welcher jeweils ihr Toter war. Die unsichtbaren Besucher, Kastor und Pollux, hatten für ihren Anteil an dem Loblied freigebig gezahlt, indem sie Simonides unmittelbar vor dem Einsturz vom Festmahl entfernt hatten“.[7]

Hierauf beschreibt er die Loci-Methode: "Wer diese Seite seines Geistes zu trainieren suche, müsse deshalb bestimmte Plätze wählen, sich die Dinge, die er im Gedächtnis zu behalten wünsche, in seiner Phantasie vorstellen und sie auf die bewussten Plätze setzen. So werde die Reihenfolge dieser Plätze die Anordnung des Stoffs bewahren, das Bild der Dinge aber die Dinge selbst bezeichnen, und wir könnten die Plätze an Stelle der Wachstafel, die Bilder statt der Buchstaben benützen." [8] Neben der Darlegung von Vorteilen der und der Widerlegung von Einwänden gegen die Gedächtniskunst gibt Cicero dann noch eine Erklärung der Funktionsweise. [9] Bemerkenswert ist, dass schon er den Gesichtssinn als den schärfsten, einprägsamsten Sinn beschreibt und die Mnemotechnischen Mentalfaktoren bei ihm zu finden sind.

Neben der Stelle in Ciceros De oratore sind die Stellen über die Mnemotechnik in der Institutio oratoria, einem Rhetoriklehrbuch von Quintilian, und dem anonymen Ad C. Herennium libri IV wichtig für die Entwicklung der Mnemotechnik. Ad Herennium, im Mittelalter fälschlich Cicero zugeschrieben, bildete das Muster, an dem sich die zahlreichen mittelalterlichen Texte zur Gedächtniskunst – immer als Teil der Rhetorikausbildung – orientierten. Insgesamt gelten diese Texte als die drei Hauptquellen zur antiken Gedächtniskunst, die nicht nur hierzu herangezogen, sondern auch Ausgangspunkt für zahlreiche Neuansätze wurden.

Der Auctor ad Herennium beschreibt die gewünschte Beschaffenheit der Orte und Bilder und gibt Hinweise zur Einübung. Er fordert z.B. für die Orte eine Reihenfolge festzulegen, damit nichts in Unordnung gerät und alle Erinnerungen gut erreichbar sind. Sie sollen weder zu sehr in den Vordergrund drängen, noch zu unauffällig sein, können aber der Fantasie entspringen. 30 Fuß sei der optimale Abstand der Orte zueinander. Zudem empfiehlt er eine Nummerierung jedes fünften Ortes. Dabei überliefert er uns die einzigen bekannten Zahlsymbole aus der Römischen Antike: eine goldene Hand für die 5 und eine Person namens Decimus für die 10. Für das Merken von Zusammenhängen und dasjenige ganzer Sätze, Wort für Wort bringt er jeweils ein Beispiel und erklärt wie man einprägsame Bilder findet. Schließlich wendet er sich gegen vorbereitete Bilder, wie sie von Griechen empfohlen werden, wobei er neben der notwendigerweise zu geringen Auswahl auch die individuellen Unterschiede der Menschen berücksichtigt.[10]

Schon aus früherer Zeit gibt es Fragmente zum Thema und Aristoteles erwähnt die Technik der Verortung von Bildern, um das Gedächtnis zu ordnen. Für seine Erfindung des wissenschaftlichen Modells wird eine Inspiration durch die Methode der Gedächtniskunst kontrovers diskutiert und seine Schriften Über die Seele und Über Gedächtnis und Erinnerung wurden bedeutsam für die Rezeption der Gedächtniskunst durch die Scholastik im Mittelalter.

Mittelalter - Rezeption und Meditation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen 410 und 430 n. Chr. verfasste Martianus Capella die Schrift De nuptiis Philologiae et Mercuriae (Von der Heirat der Philologie mit Mercurius), die die Grundzüge der sieben freien Künste des antiken Bildungssystems (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie) darstellt und damit zu einer Grundlage des mittelalterlichen Bildungssystems wurde. In dieser Schrift bildet die memoria einen Teil der Rhetorik. Die Kirchenlehrer Albertus Magnus in De Bono (vom Guten) und Thomas von Aquin in seiner Summa Theologiae behandelten die Gedächtniskunst dagegen im Zusammenhang der Tugendlehre, und zwar als Teil der Prudentia (Weisheit), ein Bezug, der die Gedächtniskunst späterhin vor theologischen Angriffen schützte. Auf Thomas von Aquin beriefen sich nämlich später fast alle Autoren zur Rechtfertigung und Begründung ihrer Schriften.

1804 - Neubeginn der Mnemotechnik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem es im 18. Jahrhundert still um die Mnemotechnik geworden war, kam es im Jahr 1804 zu einem Neubeginn, der durch drei Veröffentlichungen bestimmt wurde:

  • Christian August Lebrecht Kästner, Pastor in Leipzig, wollte in seiner Mnemonik [11] die Mnemotechnik von ihren Grundlagen her aufbauen, als die er die "berühmten drey Stellen bei den Alten" sah, womit er die schon genannten Stellen bei Cicero, Quintilian und dem Auctor ad Herennium meinte. Durch seine moderne Sprache belebte er das Interesse am Thema neu.
  • Im selben Jahr meldete sich der Freiherr Johann Christoph von Aretin mit einer Denkschrift [12] zu Wort, in der er darauf aufmerksam macht, dass man über eine Modernisierung des alten Systems hinausgehen müsse, und sein schon länger vorbereitetes Werk zu Theorie und Praxis der Mnemotechnik ankündigte. Darin [13] will er die bisherige topologische Verortung der Erinnerungsbilder durch ein System von Zahlenbildern ersetzen und erarbeitete eine bis heute wichtige mnemotechnische Bibliografie. Wegen der den Zahlen zugeschriebenen Ordnungsfunktion gilt dies Werk als Begründung der modernen Mnemotechnik.
  • Ebenfalls 1804 veröffentlichte Gregor von Feinaigle seine Kunst des Gedächtnisses.[14] Nachdem ihn die Säkularisation von Kloster Salem aus seiner Tätigkeit als Ordensgeistlicher, Rhetoriklehrer und Bibliothekar des Klosters vertrieben hatte, verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Wanderlehrer und Gedächtniskünstler in Frankreich und England. Er stand in der Tradition der bisherigen Gedächtniskunst, die er verbessern wollte. In seine Gegenwart wies sein System von Zahlenbildern für die Zahlen bis 100.

Eine gemeinsame Schwäche dieser Drei bestand darin, dass sie kein überzeugendes Merksystem für Zahlen gefunden haben. Ulrich Voigt hebt ihr "Bestreben, die gesamte Technik zusammenzufassen, neu zu begründen und auf ein tragfähiges Fundament zu stellen" hervor.[15]

Zeitalter des Nationalismus - Zahlen, Ideen, Geschichten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herausragende Gestalt der Gedächtniskunst des 19. Jahrhunderts wurde Aimée Paris, der auch den Begriff Mnemotechnik prägte. 1825 veröffentlichte er seinen Zifferncode, den er aus demjenigen Winckelmanns entwickelte. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger basiert der Zifferncode nach Aimée Paris, heute meist als Major-System bezeichnet, auf Lauten statt Buchstaben und ermöglicht eine eindeutige Zuordnung, so dass er auch als Ordnungsinstrument benutzt werden kann und von der Laut-Buchstabenzuordnung der verwendeten Sprache und Rechtschreibung unabhängig ist, wodurch er zur Grundlage der modernen Mnemotechnik wurde, indem die Probleme Aretins und Feinaigles eine gut zu handhabende Lösung fanden. Hinsichtlich der grundlegenden Loci-Methode verortete er Ideen statt Bilder, womit er dem Merkinhalt näher kam und die Merkbarkeit durch das näher Liegende steigerte. Bei ihm begann sich der Nationalismus der Zeit negativ auszuwirken, indem er keine ausländischen Quellen - Feinaigle galt damals als Franzose - zugab. Hierdurch wurde die Kommunikation der nationalen Schulen sehr erschwert, die sich nun im Geist der Zeit entwickelten.

Für die deutsche Mnemotechnik wurde Carl Otto Reventlow bestimmend. Er veränderte, um als sein Schöpfer gelten zu können, aber auch im Sinne des Nationalismus, den Zahlencode nach Aimée Paris. Dabei machte er den Rückschritt zu Buchstaben und gab die Eindeutigkeit der Zuordnung auf, was die deutsche Mnemotechnik in der Folge sehr behinderte. Wie Paris Bilder und Anschauung durch Ideen und Verständnis ersetzen wollte, wollte er auch die Orte dadurch ersetzen. Hier ergab sich ein Ansatz zur Kritik. Hermann Kothe forderte "Gesichtssinn" und "Ideencombination" zu verbinden. Darüber hinaus sollten die einzelnen Bilder und Vorstellungen durch den "zusammenfassenden Gedanken" verbunden werden. Die entstehende Reihung von Verknüpfungen bezeichnete er als Fäden. Hugo Weber-Rumpe ging hier weiter und verarbeitete solche Fäden zu Geschichten. Die Gleichsetzung von "zusammenfassendem Gedanken" und "zusammenfassender Geschichte" lehnte er allerdings ab, da "die Kette aus den einzelnen Kettengliedern besteht und nur aus ihnen ihre Stabilität gewinnt".

An Mnemotechnikern anderer Nationalität sind z.B. Francis Fauvel Gouraud und Ernest E. Wood zu nennen, die sich beide mit dem Zifferncode beschäftigten. Außer durch das Nebeneinander an nationalen Schulen wird die Beschäftigung mit der jüngeren Geschichte der Mnemotechnik durch die Individualität der Autoren behindert, die oft ihre Vorgänger leugneten und ihre eigenen Beiträge in den Vordergrund stellten. Jenseits der Unterhaltung und begrenzter Anwendungen erlahmte das Interesse des Öffentlichkeit, ohne aber ganz zu erlöschen. Und während die Philosophie das Thema im Gedächtnis behielt, konzentrierte sich die Pädagogik auf eigene Methoden.

Übergang zur Gegenwart - Sportler, Trainer, Entertainer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch Auftritte in Fernsehshows hielten in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts Gedächtniskünstler und -trainer wie Harry Lorayne oder Gregor Staub die Mnemotechnik im Bewusstsein eines größeren Publikums. Diese verfolgten, bzw. verfolgen dabei durchaus eigene Ansätze. So nutzt Gregor Staub die Werkzeuge der Mnemotechnik ganz pragmatisch, um sie zu einem System zu verbinden, bei dem die Effektivität gegenüber einer Anwendung nach der reinen Lehre im Vordergrund steht.

Später entstand dann der Gedächtnissport, der die Mnemotechnik als Anwendung hinsichtlich bestimmter Disziplinen nutzt, und auch Gedächtnistrainer wie Ulrich Bien und Jens Seiler trugen am Ende des Jahrhunderts dazu bei, dass die Mnemotechnik im frühen 21. Jahrhundert nicht nur in den Medien präsent, sondern auf verschiedenen Ebenen lebendig ist. Mnemotechnische Autoren und Pädagogen wie Ulrich Voigt verfolgen auch wieder höhere Ansprüche, wobei teils die Systematisierung, teils die Einordnung in die Erkenntnisse der Pädagogik im Vordergrund stehen. [16]

Aufbau der Mnemotechnik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

So wie es zur Definition der Mnemotechnik viele Ansichten gibt, gibt es sie auch zum Aufbau der Mnemotechnik. Für eine konsistente Darstellung kann man sich aber von praktischen Erwägungen leiten lassen, wie es auch viele der Bücher zum Thema tun. Zunächst werden meist Grundlagen thematisiert, die allgemein Einfluss auf das Lernen und die Funktionsweise einzelner Mnemotechniken haben. Dann wird erklärt, wie mit den zu merkenden Stoffen umgegangen wird, um sie in eine möglichst gut zu lernende Form zu bringen. Schließlich geht es um komplexere Mnemotechniken, die den Stoff strukturieren, anordnen und in eine Folge bringen können und helfen, auch große Wissensgebiete zu meistern. [17] Im Folgenden soll diese Einteilung helfen, die Übersicht zu wahren.

Grundlagen der Mnemotechnik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedächtnisprinzipien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gedächtnis funktioniert nach gewissen Prinzipien, welche man für eine effiziente und möglichst langfristige Abspeicherung anwenden sollte.

Mnemotechnische Mentalfaktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt sieben so genannte mnemotechnische Mentalfaktoren:[18][19][20]

1. Fantasie
Das unwillkürliche Vorstellen von Dingen. Ein eher kreativer und ausschweifender Akt.
2. Visualisierung
Das bewusste Vorstellen eines bestimmten Prozesses.
3. Logik
Das Erkennen von Systemen, Sinn in einem bestimmten Komplex erkennen.
4. Emotion
Der wohl wichtigste Gedächtnisfaktor, dem man auch nichts weiter hinzuzufügen braucht.
5. Transformation
Das „Übersetzen“ von abstrakten Informationen in Bilder. Dazu sei auch der Abschnitt Gedächtnistechniken empfohlen.
6. Lokalisation
Ganz speziell: Das Verwenden der Loci-Methode.
7. Assoziation
Das freie Assoziieren. Die Fähigkeit, Dinge miteinander zu verknüpfen.

Die mnemotechnischen Mentalfaktoren lassen sich mit Hilfe folgenden Merksatzes (Akrostichon) leicht einprägen:

"All Factors Lead To Very Efficient Learning"

(Assoziation, Fantasie, Logik, Transformation, Visualisierung, Emotion, Lokalisation)

Allgemeine Gedächtnisprinzipien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die folgenden Prinzipien sind, was die Wortwahl anbelangt, so benannt, dass sie zusammen das Wort Farbenpracht ergeben:

Fantasie
Alle Sinne einsetzen
Reihenfolge und Ordnung (Das Belegen und Ordnen mit Zahlen bzw. Bildern)
Bewegung (Das Vorstellen eines lebhaften Videos, anstatt eines bloßen Bildes)
Erotik (Das Einsetzen sexueller Vorstellungen)
Nummerierung (Das Verwenden von Zahlen)
Positive Vorstellungen (Wir neigen dazu, Negatives zu verdrängen)
Reichtum an Farben
Assoziation
Codes
Humor
Tiefere Eindrücke (Das bewusste und konzentrierte Wahrnehmen; ein genauer Vorgang)

Hilfe zur Anwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der wichtigste Schritt bei der Mnemotechnik besteht darin, sich die generierten Bilderkombinationen oder Filme auf seiner inneren Leinwand vorzustellen. Also Augen zu und vor den inneren Augen sehen. Erst damit erreicht man das beste Ergebnis.

Aufbereitung der Erinnerungsinhalte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sprachen- und Vokabellernen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Schlüsselwortmethode

Ein bekanntes Wort, das ähnlich klingt wie die zu lernende Vokabel, ist das Schlüsselwort. Aus dem Schlüsselwort und der Bedeutung der Vokabel wird im Geist ein Bild erstellt.

Zahl-Symbol-System[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Zahl-Symbol-System

Weitere Zahlenordnungssysteme sind das Zahl-Reim-System sowie das umfassendere Major-System, bei dem den Ziffern Konsonanten zugeordnet werden.

Strukturierende Mnemotechniken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Merksprüche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit dem folgenden Satz kann man sich die Planeten­reihenfolge, von der Sonne aus, einprägen: „Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unseren Nachthimmel.“ Dabei steht jeder der Anfangsbuchstaben für einen Planeten mit dem gleichen Anfangsbuchstaben. Das M in Mein für Merkur (sonnennächster Planet), das V in Vater für Venus (zweitnächster Planet von der Sonne aus), und so weiter für Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Die Merkhilfe setzt voraus, dass man die Planetennamen kennt. Erleichtert wird das Lernen, genau wie bei den komplexen Systemen, wenn man sich den Inhalt der fiktiven Szene, die der Satz beschreibt, möglichst anschaulich, lebendig und farbig vorstellt. Es wäre von Vorteil, wenn man sich den Vater vorstellt, wie er die Planeten mittels einer Zeichnung in einem großen Buch oder einer Wandtafel erklärt. Natürlich mit dem eigenen Vater, in der Atmosphäre und der Umgebung, die in der eigenen Erinnerung sonntags für die eigene Familie typisch ist oder war. Das innere Wiederholen des Satzes sollte betont auf jedes einzelne Wort erfolgen.

Dieses Beispiel für eine einfache Mnemotechnik enthält bereits die beiden Grundelemente auch der kompliziertesten mnemotechnischen Universalsysteme, nämlich Ordnung/feste Reihenfolge auf der einen und anschauliche Bilder sowohl für das Ordnungssystem als auch für das gemerkte Wissen auf der anderen Seite.

Ein weiteres Beispiel ist: „Klio/me/ter/thal/Eu/er/ur/po/kal“ für die 9 Musen des klassischen Altertums: Klio, Melpomene, Terpsichore, Thalia, Euterpe, Erato, Urania, Polyhymnia und Kalliope.

Ein bekanntes Beispiel für das Erlernen des Quintenzirkels ist der Satz: „Geh Du Alter Esel, Hole Fische“. Hilfe leistet durch mnemotechnischen Ansatz ein visueller Vergleich mit kindgerechten Abbildungen. Wichtig ist dabei auch die Wahl von Bildern mit phonetisch treffender Aussprache, also zum Beispiel „Elefant“ und nicht „Eimer“. „Elefant“ hat den weiteren Vorteil, dass es nicht missverständlich ist, im Gegensatz zu „Esel“, der fälschlich auf "Es" deutet.

Kettenmethode, Assoziationsketten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Assoziationskette

Bei typischen Methoden der Mnemotechnik werden die zu lernenden Begriffe wie die Glieder einer Kette so aneinander gehängt, dass die richtige Reihenfolge erhalten bleibt. Man denkt sich einfach eine Geschichte aus, in der die Begriffe vorkommen. Die Gefahr besteht darin, dass, wenn ein Kettenglied verloren geht, die gesamte Assoziationskette sozusagen „reißt“. Es gibt aber auch spezifische Methoden, bei denen diese Gefahr minimiert werden kann.

Die Methoden lassen sich auf Wissensgebiete anwenden, bei denen es auf Stichworte und deren Vollständigkeit und richtige Reihenfolge ankommt. Die verbreitetsten davon sind Zahlen-Symbol-Systeme, das Buchstaben-System sowie die Loci-Methode, die das älteste System ist.

Alphabet-Methode[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Alphabet-Methode bilden die Buchstaben des Alphabetes mit je einem damit fest verknüpften Bild das Erinnerungsgrundgerüst, wobei auch hier die zu merkenden Wörter in Bilder umgewandelt und mit je einem Bild verbunden werden, das fest für einen Buchstaben steht.

Die Bilder für jeden Buchstaben werden aber nicht wie bei der einfachen Zahlen-Methode aus der Form (für 1 steht eine Kerze, ein Füller oder ein Lineal) gebildet, sondern aus einem Wort mit dem gleichen Anfangsbuchstaben. Beim Aufbau des Systems kann sich der Nutzer z. B. dafür entscheiden, sich für Z das Wort und Bild Zitrone zu merken. Ist das Wort „Relativitätstheorie“ in der Liste der Wörter, die man sich gerade merken will und steht es neben „Z“, dann könnte man sich Einstein vorstellen mit einer Tafel, auf der Formeln stehen, während er in eine halbe Zitrone beißt und das Gesicht verzieht. Gerade dieses Bild, in das man noch Geruch und Geschmack einbezieht, ist ein gutes Beispiel für ein Bild, das kaum vergessen wird, weil das Gehirn lebendige Bilder gut speichert. In Kombination mit einem Ordnungsmerkmal, hier der Buchstabe Z, der die Erinnerung aufrufbar macht, ist es leicht möglich eine Liste von Wörtern auswendig zu lernen und in Reihenfolge wiederzugeben oder bei Nennung eines Buchstabens das jeweilige dazu gemerkte Wort wiederzugeben.

Loci-Methode[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Loci-Methode

Eine bekannte und verbreitete mnemotechnische Assoziationstechnik ist die Loci-Methode (von lateinisch locus für Ort/Platz). Es war die Hauptmethode in der Antike und im Mittelalter. Um diese Technik zu beherrschen, braucht es nur sehr wenig Aufwand. Wenn man sich auf herkömmliche Weise eine Abfolge von Dingen zu merken versucht, gerät oft vieles im Gehirn durcheinander. Mithilfe der Loci-Technik werden die Lerninhalte geordnet „encodiert“.

In der Loci-Technik wird für jeden Begriff ein eigener Platz reserviert, quasi Variablen geschaffen, die mit verschiedenen Inhalten belegt werden können. Diese Variablen liegen in einer übergeordneten, fixen Struktur, sodass es möglich wird, bei der Wiedergabe die genaue Reihenfolge einzuhalten. Die fixe Struktur, von der vorher die Rede war, kann ein wohlbekannter Weg sein, aber auch ein Raum. Es muss im zweiten Falle nicht unbedingt ein realer Raum sein. Man kann sich selbst seinen eigenen Raum schaffen, dies muss jedoch in größtmöglicher Detailgenauigkeit geschehen. Bei beiden Varianten ist es notwendig, ganz eindeutige Plätze auszuwählen, wo später die zu merkenden Dinge abgelegt werden können. Anschließend kann man auf die geistig vorbereiteten Plätze das zu Merkende in Form lebendiger Bilder ablegen; besonders günstig ist es, wenn man mehrere Dinge zuerst zu einem Assoziationsbild verknüpft und dann erst gedanklich ablegt. So wird „Platz gespart“ und man erinnert sich obendrein noch leichter. Man kann den Weg oder das Zimmer immer wieder benutzen, quasi neu „beschreiben“.

Einprägung per Spaziergang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Man schreibt den Lernstoff auf Merkzettel.
  2. Man begibt sich mental auf einen Spaziergang (eine bestimmte Tour) und hält dann an bestimmten Orten an (beispielsweise auf einer Bank, an einer Bushaltestelle, bei einem Brunnen, bei einem Restaurant, bei einem markanten Baum) und merkt sich den Stoff eines bestimmten Merkzettels.
  3. Auf dem Merkzettel wird notiert, an welchem Ort der Inhalt gelernt wurde.
  4. Man wiederholt den Spaziergang (mit immer denselben Stationen) so lange, und vertieft dadurch die Information der Merkzettel, bis man das Thema beherrscht.
  5. In einer Prüfungssituation reicht es dann, sich gedanklich auf den Spaziergang zu begeben und man erinnert sich verhältnismäßig mühelos an das Gelernte.

Bekanntes Beispiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gliederung einer typischen frei gesprochenen Rede kann man sich mit der Frontansicht eines griechischen Tempels merken. Die Einleitung der Rede wird mit den Treppenstufen assoziiert, die rechte, sonnenbeschienene Säule mit den Pro-Argumenten und die linke, schattige Säule mit den Kontra-Argumenten. Die mittlere, halbschattige Säule führt Gemeinsamkeiten beziehungsweise unvereinbare Gegensätze zusammen. Das spitz zulaufende Dach des Tempels wird mit dem Endergebnis (beispielsweise ein Kompromiss oder eine Synthese) assoziiert.

Gedächtnispalast[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Gedächtnispalast

Ein Gedächtnispalast ist ein fiktives, im Kopf existierendes Gebilde, das dazu dient, Wissen langfristig abzuspeichern bzw. durch seine örtliche Struktur Logik in ein im Kopf bereits vorhandenes Wissen zu bringen. Er baut im Wesentlichen auf dem Prinzip der Loci-Methode auf, jedoch gibt es bei seinem „Bau“ einige grundlegende Unterschiede.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Frances A. Yates: Gedächtnis und Erinnern. Mnemonik von Aristoteles bis Shakespeare. 3. Auflage. Akademie Verlag, Berlin 1994. ISBN 978-3-05-002617-6.
  • Jörg Jochen Berns, Wolfgang Neuber (Hrsg.): Documenta Mnemonica. Text- und Bildzeugnisse zu Gedächtnislehren und Gedächtniskünsten von der Antike bis zum Ende der Frühen Neuzeit. Band II: Das enzyklopädische Gedächtnis der Frühen Neuzeit. Enzyklopädie und Lexikonartikel zur Mnemonik. (Frühe Neuzeit 43) Niemeyer, Tübingen 1998. ISBN 978-3-484-36543-8.
  • Ulrich Voigt: Esels Welt. Mnemotechnik zwischen Simonides und Harry Lorayne. Likanas Verlag, 2001. ISBN 978-3-935498-00-5.
  • Hermann Hobmair et al.: Pädagogik/Psychologie. 2. Auflage. Bildungsverlag EINS, Troisdorf 2005, ISBN 3-8237-5025-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Mnemotechnik – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hobmair 2005
  2. Ulrich Voigt: Esels Welt - Mnemotechnik zwischen Simonides und Harry Lorayne, Hamburg 2011, S. 23, 28, 266. Aimée Paris: Principes et Applications diverses de la Mnémotechnie, ou l'Art d'aider la Mémoire, Paris 1833.
  3. Ulrich Voigt: Esels Welt - Mnemotechnik zwischen Simonides und Harry Lorayne, Hamburg 2011, S. 36.
  4. Johann Christoph Dommerich, Die Mnemonik und Heuristik nach ihren ersten Zügen entworfen, Halle, Helmstedt 1765.
  5. Ulrich Voigt: Esels Welt - Mnemotechnik zwischen Simonides und Harry Lorayne, Hamburg 2011, S. 33.
  6. August Boeckh: Corpus Inscriptionum Graecarum. Band 2, Nr. 1. Berlin 1828, 12, 6, S. 293–343.
  7. Marcus Tullius Cicero: De oratore, II, 352f.
  8. Marcus Tullius Cicero: De oratore, II, 354.
  9. Marcus Tullius Cicero: De oratore, II, 350-360.
  10. Rhetorica ad Herennium, III, 28-40.
  11. Christian August Lebrecht Kästner: Mnemonik oder System der Gedächtnißkunst der Alten, Leipzig 1804.
  12. Johann Christoph von Aretin: Mémoire sur la Nature et les Avantages de la Mnémonique ou sciènce du souvenir, (Denkschrift über den wahren Begriff und Nutzen der Mnemonik), München 1804.
  13. Johann Christoph Freiherr von Aretin: Systematische Anleitung zu Theorie und Praxis der Mnemonik nebst Grundlinien zur Geschichte und Kritik dieser Wissenschaft, Sulzbach 1810.
  14. Gregor von Feinaigle: Kunst des Gedächtnisses, alle Arten von Wissenschaften auf eine ebenso leichte als haltbare Weise zu erlernen und im Gedächtnis zu befestigen, Straßburg 1804. Die aussagekräftigere Mnemonik oder praktische Gedächtniskunst zum Selbstunterricht nach den Vorlesungen des Herrn von Feinaigle, Frankfurt a.M. 1811 wurde von einem indiskreten Schüler öffentlich gemacht.
  15. Vgl. Ulrich Voigt: Esels Welt - Mnemotechnik zwischen Simonides und Harry Lorayne, Hamburg 2011, S. 27, vgl. auch S.24-30.
  16. Vgl. zur Geschichte der Mnemotechnik allgemein folgende Werke: Ulrich Voigt: Esels Welt - Mnemotechnik zwischen Simonides und Harry Lorayne, Hamburg 2011 betrachtet die Entwicklung der Mnemotechnik innerhalb des Systems und vom Standpunkt der Philosophie. Frances A. Yates: Gedächtnis und Erinnern. Mnemonik von Aristoteles bis Shakespeare, Weinheim 1991 betrachtet vorwiegend die Kulturgeschichte der Mnemotechnik.
  17. Vgl. Ulrich Bien: Einfach. Alles. Merken., Hannover 2012. Gunther Karsten: Erfolgsgedächtnis - Wie sie sich Namen, Fakten, Vokabeln einfach besser merken, München 2002.
  18. Dr. Gunther Karsten: Erfolgsgedächtnis: Wie Sie sich Zahlen, Namen, Fakten, Vokabeln einfach besser merken. Goldmann, München 2002. ISBN 978-3-442-39035-9.
  19. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer: Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Spektrum, Ulm 2003. ISBN 978-3-8274-1396-3.
  20. Friedrich Rost: Lern- und Arbeitstechniken für das Studium. VS Verlag, Wiesbaden 2004. ISBN 978-3-531-34454-6.