al-Hākim bi-amri ʾllāh

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Dieser Artikel stellt den Fatimiden-Kalifen namens al-Hakim vor, der nicht mit den späteren Abbasiden-Kalifen al-Hakim I. und al-Hakim II. zu verwechseln ist.
al-Hākim bi-amri ʾllāh

Abū ʿAlī al-Mansūr ibn al-ʿAzīz (arabisch ‏أبو علي المنصور بن العزيز‎, DMG Abū ʿAlī al-Manṣūr ibn al-ʿAzīz) mit dem Thronnamen al-Hākim bi-amri Llāh (‏الحاكم بأمر الله‎ / al-Ḥākim bi-ʾamri Llāh / ‚der auf Gottes Geheiß herrscht‘; * 18. August 985; † 13. Februar 1021) war ab dem 13. Oktober 996 der sechste Kalif aus dem Geschlecht der Fatimiden, einer ismailitischen Dynastie, die sich auf die Prophetentochter Fatima zurückführte und seit 969 über Ägypten herrschte. Sein Vater hatte ihn schon im September 993 zum Thronfolger ernannt.

Erste Regierungsjahre[Bearbeiten]

Mit dem Tod seines Vaters al-Aziz (975-996) kam al-Hakim minderjährig auf den Kalifenthron der Fatimiden. Zunächst verhinderte der slawische Eunuch Bardschuwan mit Hilfe türkischer Söldner die Erneuerung des Einflusses der Berbertruppen aus Ifriqiya auf die Regierung. Nach der Ausschaltung anderer Thronanwärter und Konkurrenten übernahm er selbst die Regentschaft. Wenn Bardschuwan auch die Macht der Fatimiden im Inneren des Reiches festigen konnte, so musste er in Nordsyrien im Kampf gegen Byzanz einige Rückschläge hin- und schließlich Verhandlungen aufnehmen. Zu einer Erneuerung des alten byzantinisch-fatimidischen Waffenstillstandes kam es 1001, doch war Bardschuwan zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr am Leben.

Im März 1000 hatte al-Hakim den mächtigen Eunuchen ermorden lassen und daraufhin persönlich die Regierung übernommen. Zunächst konnte er sich dem Ausbau des Reiches widmen, doch wurde die Herrschaft der Fatimiden durch den Aufstand des Abu Rakwa in der Cyrenaika (1004–1005) erschüttert, zumal sich dieser als Vorkämpfer der sunnitischen Muslime gegen die schiitische Ketzerei der Fatimiden darstellte. Zwar wurde die Rebellion niedergeschlagen, doch erfolgte nun eine verstärkte Annäherung al-Hakims an die Sunniten, die 1009 in der zeitweiligen Gleichstellung des sunnitischen mit dem schiitischen Islam gipfelte. Nachdem 1013 auch ein Aufstand der Beduinenstämme in Palästina niedergeschlagen worden war, konnte die Oberhoheit der Fatimiden nach dem Sturz der Hamdaniden 1015 auch auf Aleppo ausgedehnt werden.

Religionspolitik und Drusen[Bearbeiten]

Kirche des Heiligen Grabes Jesu Christi

Im Bestreben, den Islam unter der Bevölkerung zu festigen und unislamische Gewohnheiten zu bekämpfen, erließ al-Hakim ab 1004 mehrere Dekrete, die sich u. a. gegen den Alkoholkonsum der Muslime richteten. Von diesen Anweisungen waren auch die jüdischen und christlichen Minderheiten betroffen, deren bisherige große Freiheiten auf das in anderen islamischen Ländern übliche Maß zurückgeführt wurden. So durften von diesen Minderheiten keine öffentlichen Prozessionen mehr durchgeführt werden. Auch versuchte al-Hakim verstärkt, die von Christen dominierte Verwaltung zu islamisieren, indem er die christlichen Beamten zur Annahme des Islams nötigte. Zu einer erheblichen Verschlechterung der Beziehungen zu den Christen führte die Plünderung und Enteignung christlicher Kirchen ab 1008. Die Zerstörung der Grabeskirche in Jerusalem am 18. Oktober 1009 sollte später ein Auslöser für die Kreuzzüge der Europäer nach Palästina werden.

Während die Maßnahmen gegen die Christen weitgehende Zustimmung der Muslime erlangten, wurde al-Hakim wegen der Vergottung durch die Drusen auch unter den Muslimen ein umstrittener Herrscher. Als die von Hamza ibn Ali und Muhammad ad-Darzi gegründeten Drusen al-Hakim 1019 öffentlich als Gott verehrten, kam es zu schweren Pogromen gegen sie. Bis heute ist das Verhältnis al-Hakims zu den Drusen nicht sicher geklärt.

Sein Verschwinden[Bearbeiten]

Am 13. Februar 1021 kehrte al-Hākim von einem seiner nächtlichen Ausritte auf dem Mukattam-Plateau nicht mehr zurück. Nach dem Bericht des sunnitischen Richters al-Qudāʿī (st. 1062), der sich in späteren Werken erhalten hat, ritt er am frühen Morgen dieses Tages von dem Grabmal des Fuqqāʿī in Begleitung von zwei Reitknechten in die Gegend östlich von Helwan. Einen von ihnen schickte er zusammen mit neun Beduinen, die Ansprüche auf Geldzahlungen hatten, zu seinem Schatzhaus zurück. Wenig später trennte er sich, ohne dass in der Quelle ein Grund dafür angegeben wird, auch von dem anderen Reitknecht. Am hellen Morgen zogen die hohen Würdenträger entsprechend ihrer Gewohnheit zum Fuße des Muqattam, um den Kalifen in den Palast zurückzugeleiten. Dieser ließ sich jedoch nicht blicken. Als er nach drei Tagen immer noch nicht zurückgekehrt war, nahmen verschiedene Höflinge und Bedienstete Nachforschungen auf. Sie entdeckten auf dem Gipfel des Muqattam al-Hākims Esel mit zerschnittenen Knieflechsen. Als sie seiner Spur folgten, stießen sie auf einen Teich östlich von Helwan, in dem sie die Kleider des Kalifen mit Spuren von Messerstichen entdeckten. In Anbetracht dessen waren die Leute überzeugt, dass der Kalif ermordet worden war. Über die Identität des Täters wurde lange spekuliert. Al-Qudāʿī selbst hatte al-Hākims Schwester Sitt al-Mulk im Verdacht, die kurz danach den mächtigen Kutāma-Berber Ibn Dawwās aus dem Weg räumte und dann für kurze Zeit selbst die Regierung übernahm.[1]

Bedeutung[Bearbeiten]

Die al-Hakim-Moschee in Kairo

Auch wenn die Geschichtsschreibung der Christen und der Sunniten die Regierung al-Hakims eher abwertend betrachtet, kann al-Hakim als bedeutender Herrscher angesehen werden, der vor allem bei der Förderung der Wissenschaft große Verdienste erlangt hatte. So ließ er 1005 das „Haus der Weisheit(dar al-hikma) in Kairo errichten, das sich in der Folgezeit zu einem Zentrum der Wissenschaft entwickelte. Dabei wurde besonders die Astronomie gefördert, um mit der Erforschung des Himmels und der Gestirne der Astrologie und dem Aberglauben im Volk den Boden zu entziehen. Unter dem Astronomen Ibn Yunus as-Safadi wurden die „Hakimschen Tafeln“ erstellt, welche eine Sammlung des gesamten astronomischen Wissens der muslimischen Welt darstellten und später auch in Europa weite Verbreitung fanden. Allerdings vernachlässigten schon al-Hakims Nachfolger die Förderung dieses Zentrums der Wissenschaft.

Das vergleichsweise friedliche, von Toleranz geprägte Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen im Fatimidenreich wurde durch al-Hakims Politik vorübergehend schwer gestört. Dieses – nicht immer richtig dargestellte – Zwischenspiel brachte dem Kalifen den Ruf eines Christenverfolgers ein und sollte später noch die Kreuzzugspropaganda nähren.

Al-Hakims rätselhafter Tod im Jahre 1021 bedeutete für die Drusen den Übergang ihres Gottes in einen körperlosen Zustand der Verborgenheit, welcher als Beweis für die Inkarnation des Schöpfers und als Prüfung verstanden wurde. Man erwartete al-Hakims baldige Wiederkehr als Weltrichter. Tatsächlich sollten bis 1043 mehrere Personen auftreten und behaupten, sie seien der noch lebende Kalif.

Literatur[Bearbeiten]

  • Assaad, Sadik A.: The Reign of Al-Hakim Bi Amr Allah (386/996-411/1021). A Political Study. Beirut 1974.
  • M. Canard: Art. "al-Ḥākim bi-amr Allāh" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. III, S. 76b-82a.
  • Ess, Josef van: Chiliastische Erwartungen und die Versuchung der Göttlichkeit. Der Kalif al-Ḥākim (386-411 H.). In: Abhandlungen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. 2. Abhandlung. Heidelberg 1977.
  • Halm, Heinz: "Die Fatimiden." In: Ulrich Haarmann: Geschichte der Arabischen Welt. München: C. H. Beck 2004. S. 166-200. Hier besonders S. 175-183. ISBN 3-406-47486-1.
  • Halm, Heinz: Die Kalifen von Kairo. München: C.H. Beck 2003. S. 167-304. ISBN 3-406-48654-1.
  • Halm, Heinz: "Der Treuhänder Gottes. Die Edikte des Kalifen al-Hakim" In Der Islam 63 (1986) 11-72.
  • Himmich, Bensalem: The Theocrat. Übersetzt von Roger Allen. Kairo 2005.
  • Walker, Paul E.: Caliph of Cairo: al-Hakim bi-Amr Allah. Cairo 2009.
  • Walker, Paul E.: The Ismaili Daʿwa in the Reign of the Fatimid Caliph Al-Ḥākim. In: Journal of the American Research Center in Egypt 30 (1993). S. 161-182.

Belege[Bearbeiten]

  1. Vgl. Halm 2003, 297-300.