Drusen
Die Drusen (arabisch درزي, derzī oder durzī, Plural durūz, offiziell Din al-Tawhid, so viel wie „Religion der göttlichen Einheit“) sind eine um das Jahr 1010 entstandene Religionsgemeinschaft.
Drusen leben heute hauptsächlich im Nahen Osten, insbesondere im Libanon (ca. 280.000), in Syrien (ca. 700.000)[1] sowie in Israel (125.300, also 1,63 % der Bevölkerung im Jahr 2004),[2] in 18 Dörfern zwischen Akkon im Westen und Safed im Osten sowie in vier Dörfern auf den von Israel annektierten Golanhöhen. Die größte drusische Ansiedlung in Israel ist (hebräisch דאליית אל-כרמל) Daliat al-Carmel mit über 10.000 drusischen Einwohnern.
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Ursprung [Bearbeiten]
Als Begründer der Religionsgemeinschaft gelten die beiden ismailitischen Gelehrten Hamza ibn Ali ibn Ahmad und Muhammad al-Darazi. Von Letzterem leitet sich die Bezeichnung Drusen ab. Sie entwickelten die theologische Lehre, nach der der Kalif al-Hakim bi-Amr Allah (985–1021) als Inkarnation Gottes gilt.[3]
Al-Hakim war der Herrscher der ägyptischen Fatimiden, einer schiitischen Dynastie, die nach Fatima, der jüngsten Tochter des Propheten Mohammed, benannt ist und zu den Ismailiten, einem Zweig der Schiiten, zählt. Der Tod des Kalifen im Jahr 1021 wird von seinen drusischen Anhängern als Übergang in einen Zustand der Verborgenheit verstanden, aus dem er nach 1000 Jahren wieder zurückkehren werde, um die Herrschaft über die Welt anzutreten.
Die Drusen glauben an Reinkarnation und an weitere parallele Welten. Die Umstände der Geburt eines Menschen, seine Eltern und der Geburtshintergrund sind vorbestimmt und von Gott oder einem höheren Wesen allein entschieden. Entsprechend sind Missionierung oder Konvertierung nicht erlaubt. Diese werden als Verweigerung des Gotteswillens angesehen, bzw. als Fall einer niederen Intelligenz – des Menschen –, die versucht, eine höhere Intelligenz – Gott – zu „belehren“. In den Worten der Drusen: „Ein Umhüllter darf den Umhüllenden nicht belehren. Das kann nur Gott entscheiden“. Es besteht ein Grund dafür, weshalb Gott die Menschen in die verschiedenen Religionen verteilte. Dieser Grund ist nicht etwas, mit dem sich der Mensch beschäftigen sollte. Der Mensch soll sich vielmehr mit der Reinigung seiner Seele befassen, um eine höhere Daseinsebene zu erreichen. Auf dem Weg zu diesem Ziel und durch viele Reinkarnationen kann der Mensch viele Rollen bekommen und verschiedene Situationen erleben. Deswegen ist es grundlegend für Drusen, andere Religionen so zu akzeptieren, wie sie sind, da sie in der nicht vom Menschen zu beachtenden Struktur eine ähnliche Rolle innehaben.
Mission und Konvertierung Andersgläubiger wird von den Drusen nicht betrieben, auch freiwillig kann man nicht zum Drusentum übertreten. Außenstehende wurden nur zur Zeit der Gründung der Religion aufgenommen. Heute ist nur Druse, wer Kind drusischer Eltern ist. Die Lehre der Drusen lässt nur eine genau feststehende Zahl ihrer Mitglieder in allen Welten zu. Das heißt, zu jeder Zeit ihres Daseins existieren nie weniger oder mehr Mitglieder.
- Ob man al-Hakim als Gründer der Drusen betrachten kann, ist eine Diskussion, die wohl nie abschließend geklärt werden kann; allerdings nimmt ein Teil der etablierten Forschung an, dass al-Hakim vielleicht Sympathie für diese Gruppe und ihre Ideen hegte, er allerdings nicht als deren Mitglied oder gar Initiator gesehen werden kann.
Die Drusen glauben, dass sie immer unter verschiedenen Namen seit Millionen von Jahren existierten. Al-Hakim zählt als die letzte Manifestation Gottes in einer langen Reihe zuvor. Die Drusen verehren das Grab des Jitro in Hittin.
Lehre [Bearbeiten]
Obwohl der Glaube der Drusen stark von der ismailitischen Tradition geprägt ist, sind die Unterschiede so groß (z. B. durch Beimischung von Platonismus und Neuplatonismus, Seelenwanderung), dass man von einer eigenständigen Religion und nicht von einer Richtung des Islam sprechen muss. Die Drusen haben eine allegorische Interpretation des Koran mit einer eigenen Doktrin.
Die Lehre von der Seelenwanderung widerspricht ebenfalls den Prinzipien des Islam. Demnach wandert die Seele eines Menschen mit dessen Tod sofort in einen neugeborenen Menschen (jedoch nicht in Tiere oder andere Wesen). Auf dem Weg von Mensch zu Mensch strebt die Seele nach Perfektion; nach deren Erreichen geht sie eine Einheit mit al-Hakim ein.
In diesen Lehren liegt die in Ägypten einsetzende islamische Verfolgung der Drusen begründet, aufgrund derer sie sich in die entlegenen Gebirgsgegenden des Libanon (Chouf, Metn) zurückzogen. Dort gab es zeitweise politische Allianzen mit den dort lebenden maronitischen Christen, die jedoch seit dem Osmanischen Reich und erneut seit dem libanesischen Bürgerkrieg einer offenen Feindschaft wichen.
Die Gläubigen werden in „Unwissende“ (dschuhhâl, sg. dschâhil) und Eingeweihte ('Uqqal) (sg. 'âqil, „Verständiger“) unterteilt. Letztere, sowohl Männer als auch Frauen, sind Hüter und Bewahrer der Religion und ihrer Geheimnisse, die den Unwissenden nicht bekannt sind. Sowohl diese Struktur, als auch eine Abschottung gegenüber Außenstehenden aufgrund von Verfolgungen bedingen, dass die Praktiken und Einzelheiten der Religion der Drusen nicht außerhalb der Gemeinschaft bekannt sind. Das Drusentum kann daher auch als Geheimreligion betrachtet werden.
Erkennbar sind die Eingeweihten (auch als die „Religiösen“ bezeichnet) daran, dass sie stets eine weiße Kopfbedeckung mit schwarzen Gewändern tragen. In Drusengebieten gibt es normalerweise keine Moscheen; die meisten Frauen tragen kein Kopftuch.
Schriften [Bearbeiten]
- Kitab al-Hikma
- Rasa'il al-Hind
- al-Munfarid bi-Dhatihi
- al-Scharia al-Ruhaniyya
Drusen im Libanon [Bearbeiten]
Das einzige Land, in dem die Drusen eine größere politische Rolle spielen, ist der Libanon. Dort kämpfen sie seit gut 100 Jahren als Gegenspieler der Maroniten, obwohl im 20. Jahrhundert der Gegensatz durch den gemeinsamen Kampf gegen die Nachbarländer Syrien und Israel etwas gemildert wurde. Nach Schiiten, Maroniten, Sunniten und Rum-Orthodoxen stellen die Drusen die fünft- oder sechstgrößte Religionsgemeinschaft (etwa gleichauf mit den Gläubigen der griechisch-katholischen Kirche) im Land.
Zentrum der Minderheit ist das Chouf-Gebirge, im Südlibanon leben sie mit Christen zusammen (siehe auch: Walid Dschumblat).
Im Libanon wurde im frühen 16. Jahrhundert auch ein Drusen-Emirat gegründet, das bis 1697 von der Maʿn-Dynastie regiert wurde.
Drusen in Syrien [Bearbeiten]
In den 1920ern richtete die französische Mandatsverwaltung im Hauran-Gebiet im Südwesten Syriens mit dem Drusenstaat (Djébel druze) einen autonomen Teilstaat ein, um den syrischen Widerstand gegen die Kolonialherrschaft zu zersplittern. Nachdem Drusen sich jedoch 1925–27 an die Spitze des Aufstands in Damaskus gestellt hatten, wurde der Dschebel ad-Duruz dem restlichen Syrien wiedereingegliedert (siehe auch: Geschichte Syriens).
Neben dem Dschebel ad-Duruz leben Drusen am Osthang des Hermon-Gebirges (Dschebal asch-Schaich) in Dörfern auf 1000 bis 1500 Meter Höhe.
Die Drusen leisteten bewaffneten Widerstand. Um ihren zu brechen, richteten die Franzosen ein Massaker an Drusen und Kurden an. Sie stellten die Leichen auf dem Marktplatz von Damaskus zur Schau.
Drusen in Israel [Bearbeiten]
Drusen in Israel verhalten sich als israelische Staatsbürger gegenüber der israelischen Regierung loyal und leisten Militärdienst in der israelischen Armee. Die Drusen wurden in Israel 1957 als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt. Sie sehen sich als Araber, jedoch (in Israel) nicht als Muslime. Allerdings steigt langsam der Druck von palästinensischer Seite, mit den palästinensischen Muslimen konform zu gehen. Zu den israelischen Drusen zählen nicht die Drusen des im Sechstagekrieg 1967 besetzten syrischen Golan. Diese leben in einigen wenigen Dörfern des Nordgolan unterhalb des Hermon, haben aber ihr Land bei der israelischen Eroberung 1967 im Gegensatz zu den Sunniten der Stadt Quneitra oder der weiter südlich gelegenen, mittlerweile nicht mehr existierenden Dörfer nicht verlassen.
Mitochondriale DNS [Bearbeiten]
Analysen der mitochondrialen DNS von drusischen Einwohnern (311 Haushalte in 20 Dörfern in schwer zugänglichen Berggegenden in Israel) durch ein Team von israelischen und US-amerikanischen Wissenschaftlern belegen mündliche Überlieferungen, die behaupten, dass sich die Drusen vor Jahrtausenden aus vielen verschiedenen Stämmen zusammensetzten. In der untersuchten Bevölkerung findet man etwa 150 verschiedene Varianten der mitochondrialen DNS, die nach Aussage der Autoren ein geschütztes genetisches Reservat („genetic sanctuary“) darstellen und damit einen Einblick in die Populationsdiversität des Nahen Ostens vor einigen Jahrtausenden erlauben.[4]
Literatur [Bearbeiten]
- Général Andrea: La révolte Druze et l'Insurrection de Damas. 1925-1926. Bibliothèque historique. Payot, Paris 1937.
- Paul-Jacques Callebaut: Les mystérieux Druzes du Mont-Liban. La Renaissance du livre, Tournai 2000. ISBN 2-8046-0333-4
- Kais M. Firro: The Druzes in the Jewish State. A Brief History. Social, economic and political studies of the Middle East and Asia Bd 64. Brill, Leiden u. a. 1999. ISBN 90-04-11251-0
- Abbas El-Halabi: Les Druzes. Vivre avec l'avenir. 2. Ausgabe. Editions Dar an-Nahar, Beyrouth 2005. ISBN 9953-74-042-9
- Jad Hatem: Dieu en guise d'Homme dans le Druzisme. Librairie de l’Orient, Paris 2006. ISBN 2-84161-302-X
- Georges Dagher, Isabelle Rivoal: Les Maîtres du Secret. Ordre mondain et ordre religieux dans la Communauté Druze en Israël. Recherches d'histoire et de sciences sociales. Bd 88. Éditions de l'École des hautes études en sciences sociales, Paris 2000. ISBN 2-7132-1338-X
- Fuad Khoury: Being a Druze. Druze Heritage Foundation, London 2004. ISBN 1-904850-00-6
- Peggy Klein: Die Drusen in Israel. Diss. Universität Hannover. Tectum, Marburg 2001. ISBN 3-8288-8305-2 (GoogleBooks)
- Louis Périllier: Les Druzes. Courants universels. Editions Publisud, Paris 1986. ISBN 2-86600-252-0
- Bernadette Schenk: Tendenzen und Entwicklungen in der modernen drusischen Gemeinschaft des Libanon. Versuche einer historischen, politischen und religiösen Standortbestimmung. Islamkundliche Untersuchungen. Bd 245. Schwarz, Berlin 2002. ISBN 3-87997-298-2
- Werner Schmucker: Krise und Erneuerung im libanesischen Drusentum. Studien zum Minderheitenproblem im Islam. Bd 3. Orientalischen Seminars der Universität, Bonn 1979. ISBN 3-447-02058-X
- Sehabeddin Tekindag: Duruz. In: Encyclopaedia of Islam. Bd 2. Leiden 1991, S. 631. ISBN 90-04-07026-5
- Grolier Incorporated (1996). The Encyclopedia Americana. Grolier Incorporated. http://books.google.com/books?id=lm0NAQAAMAAJ. Retrieved 17 March 2011
- Philipp Wolff: Die Drusen und ihre Vorläufer. Leipzig : Vogel, 1845
- Mahmut Randa: Die Drusen. Geschichte und Identität einer Minderheit im Zeitalter des Internets. Magisterarbeit im Fach Islamwissenschaft. Tübingen 2008 (PDF; 547 kB)
Weblinks [Bearbeiten]
- Naim Aridi: The Druze in Israel. 2002 (PDF; 33 kB)
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ : The Economist. 390, Nr. 8618–24, 2009. Abgerufen am 14. April 2011.
- ↑ Statistical abstract of Israel – Population by religion. 2010
- ↑ Gebhard Fartacek: Pilgerstätten in der syrischen Pheripherie. Eine ethnologische Studie zur kognitiven Konstruktion sakraler Plätze und deren Praxisrelevanz. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2003, S. 27
- ↑ The Druze - A Population Genetic Refugium of the Near East. In: PLoS ONE. 7. Mai, 2008.