Arado Flugzeugwerke

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Arado Flugzeugwerke GmbH war ein deutscher Flugzeughersteller aus Warnemünde. Die Flugzeugwerft entstand 1921 auf dem Gelände und in den Hallen der früheren Außenstelle der Flugzeugbau Friedrichshafen. Ab 1924 wurden Motorflugzeuge für die unterschiedlichen Anwendungsfälle von Schulflugzeugen bis zu (späteren) Bombern produziert. Zwischen 1936 und 1942 existierten zahlreiche Zweigwerke in Deutschland. Die Flugzeugherstellung endete im Mai 1945, die Firma wurde 1961 liquidiert.

Geschichte[Bearbeiten]

„Arado L II, Berlin, Deutschlandflug 1931, Theodor Osterkamp ist auch mit von der Partie“
Arado Ar 66
Arado Ar 96
Arado Ar 196, Bordflugzeug auf dem Schweren Kreuzer Admiral Hipper
Arado Ar 79
Arado Ar 234

Die Arado Flugzeugwerke GmbH firmierten ursprünglich in Warnemünde als Zweigwerk der Firma Flugzeugbau Friedrichshafen, die im Ersten Weltkrieg militärische Wasserflugzeuge herstellte. Sie musste ihre Tätigkeiten mit Ende des Ersten Weltkriegs aufgrund der Bedingungen der Versailler Verträge einstellen.

1921 kaufte Heinrich Lübbe die Fabrikgebäude in Warnemünde auf und begann 1924 mit der erneuten Herstellung von Flugzeugen, die allerdings nur für den Export bestimmt waren. Dafür gründete er im damaligen Jugoslawien eine Zweigstelle namens Ikarus. Lübbe stellte Walter Rethel als Chefentwickler ein, der zuvor schon bei Kondor und, wie Lübbe, bei Fokker tätig gewesen war.

1925 wurde die Firma in die Arado Handelsgesellschaft mit dem Geschäftssitz im Hamburger Hof, Jungfernstieg 30, in Hamburg eingegliedert, die von dem Industriellen Hugo Stinnes junior für den – damals wegen des Versailler Vertrags illegalen – Handel mit Militärtechnik gegründet worden war. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten emigrierte Stinnes 1933 und Lübbe übernahm die Leitung der Firma. Das Werk in Warnemünde begann, Flugzeuge für die neu aufgestellte Luftwaffe zu bauen. Schon vorher (Anfang 1932) war Rethel durch das Reichsverkehrsministerium von Walter Blume als Betriebsleiter ersetzt worden, der zuvor noch bei Albatros gearbeitet hatte.

Ab 1926 entstanden mit der S I und S III, sowie deren Nachfolger SC I und SC II die ersten leichten Schulflugzeuge (nur dies war im Vertrag von Versailles erlaubt), die fast alle an die Deutsche Verkehrsfliegerschule geliefert wurden. Ab 1927 wurde jedes Jahr mindestens ein neues Flugzeugmodell − sowohl zivile Post- und Verkehrsflugzeuge als auch Schulungsflugzeuge für das Militär wie z. B. die Arado W II − auf den Markt gebracht, dennoch wurden in dieser Zeit pro Jahr nur etwa zehn bis zwölf Flugzeuge verkauft. 1929 begann die Konstruktion des zweisitzigen Hochdeckers L I durch den Konstrukteur Hermann Hofmann, der im August 1929 mit dieser Maschine beim Europarundflug 1929 tödlich verunglückte. Walther Rethel entwarf noch im gleichen Jahr auf Basis der L I die L II, die als Prototyp des modernen Sportflugzeugs galt. Diese blieb ebenfalls ein Einzelstück. 1930 wurden vier Maschinen der vergrößerten L IIa für einen weiteren Europaflug – wohl den Europarundflug 1930 – gebaut, von denen zwei das Ziel auf Platz 18 und 22 erreichten.[1]

Im September 1934 begannen die Bauarbeiten für ein Zweigwerk in Brandenburg an der Havel. Der Aufbau des Werkes am Flugplatz Brandenburg-Briest dauerte bis 1939/1940; bereits 1937 wurde begonnen, den Werksteil Neuendorf zu errichten. Am 11. April 1935 verließ die erste in Brandenburg-Briest gebaute Maschine, ein Schulflugzeug des Typs Arado Ar 66, die Werkshallen.

Die Geschäftsführung setzte sich zunehmend gegen die rüstungspolitischen Ziele der Nationalsozialisten zur Wehr. Das Reichsluftfahrtministerium (RLM) bestand jedoch darauf, dass Lübbe Parteimitglied der NSDAP werden müsse. Als Lübbe ablehnte, musste er sein Unternehmen im Frühjahr 1936 an das Reich verkaufen[2] und wurde aus seiner eigenen Firma entlassen, wonach Arado in Arado Flugzeugwerke GmbH umfirmiert wurde. Die Unternehmensanteile des Reiches verwaltete die als Tarngesellschaft vom Reichsluftfahrtministerium gegründete Luftfahrtkontor GmbH.[2] Die Leitung der Arado Flugzeugwerke oblag danach Erich Serno und Felix Wagenführ. In dieser Zeit erlangte Arado Bedeutung als Lieferant für die Luftwaffe, wobei die Ar 66 zum Standardtrainingsflugzeug – noch bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein – wurde. Arado produzierte darüber hinaus mit der Ar 65 und der Ar 68 zwei der ersten Jagdflugzeug-Typen für die Luftwaffe.

Von 1936 bis 1943 entstanden weitere Arado-Zweigwerke in Rathenow, Anklam, Potsdam-Babelsberg,[3] Alt-Lönnewitz, Landeshut, Sagan und Wittenberg. In Wittenberg erfolgt neben der Produktion von Arado-Flugzeugen (Ar 95, Ar 96 und Ar 234) auch die Produktion von Rümpfen und Tragflächen für Heinkel (He 111 und He 177), Focke-Wulf (Fw 190) und Junkers-Flugzeuge (Ju 88), z. T. durch Kriegsgefangene; das Lager befand sich westlich angrenzend (nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute eine Kleingartenanlage). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Werksgelände als sowjetische Kaserne genutzt. Heute ist im ehemaligen Verwaltungsgebäude das Finanzamt Wittenberg; mehrere ehemalige Werkstattgebäude wurden zu Wohnhäusern umgebaut.

Das Herz des Unternehmens, die Konstruktionsabteilung, wechselte 1935 von Warnemünde nach Brandenburg. Hier entstanden bis 1943 unter der Führung von Walter Blume, dem Chefkonstrukteur der Arado-Flugzeugwerke, etwa 80 neue Flugzeugprojekte.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges war Arado zu einem bedeutenden Lieferanten für die Luftwaffe aufgestiegen. Die Ar 96 wurde das meistgenutzte Trainingsflugzeug und die Ar 196, ein Aufklärer, wurde zur Standardausstattung der großen Schiffe der deutschen Kriegsmarine.

Im Werk Brandenburg wurden mehr als 20 Flugzeugtypen als Muster oder in Serie gebaut. Trotz umfangreicher Lizenzfertigungen entstanden hier 1939 beispielsweise das Weltrekordflugzeug Ar 79 und der erste Kampfzonentransporter der Welt, die Ar 232. Ein weiteres bekanntes Flugzeug ist die Ar 234, der weltweit erste strahlgetriebene Aufklärer und Bomber. Allerdings kam die Entwicklung dieses zukunftsweisenden Flugzeugtyps zu spät, um noch eine entscheidende Rolle im Krieg zu spielen. Dennoch setzte sie Zeichen für die Entwicklung der Nachkriegsflugzeuge.

Die Zahl der Arbeiter bei Arado in Brandenburg/Neuendorf stieg von 900 Mitarbeitern im Jahr 1935 auf 7.900 1940 und erreichte 1944 mit annähernd 10.000 den Höchststand. Bereits 1936 war Arado zum größten Betrieb in Brandenburg aufgestiegen. Infolge des Krieges und der Besetzung europäischer Länder kamen zunehmend ausländische Arbeitskräfte zu Arado nach Brandenburg; die meisten waren Holländer, Franzosen und Tschechen. (siehe auch NS-Zwangsarbeit)

In allen Arado-Werken waren im Juli 1935 3.749 Mitarbeiter beschäftigt, im Jahr 1938 14.090 Mitarbeiter und bereits 1942 standen infolge von Einberufungen 22.000 deutschen Beschäftigten rund 4.000 ausländische gegenüber. Am Ende des Jahres war die Zahl der ausländischen, überwiegend aus Fremdarbeitern, Gefangenen und Häftlingen bestehende, Mitarbeiter auf 17.600 gestiegen, während 9.300 deutsche Arbeitskräfte zur Verfügung standen. Am 30. Juni 1944 verzeichnete das Unternehmen mit 30.670 Mitarbeitern die höchste Beschäftigungszahl.

Ein amerikanischer Bombenangriff auf das Arado-Werk in Heidefeld bei Rathenow am 18. April 1944 beendete dort die Produktion des Heinkel He 177, welcher zuvor von Balten, Serben, Spaniern, Franzosen, Holländern und Belgiern produziert wurde, die dort zu Tausenden Zwangsarbeit verrichten mussten. Nach diesem Angriff konnte auf Grund der Zerstörungen am Kesselhaus und an zwei der drei großen Montagehallen nur noch die leichtere Focke-Wulf Fw 190 hergestellt werden. Die Produktion wurde zum Teil von Rathenower Betrieben wie der optischen Fabrik O. W. Wagener & Co. übernommen. Auch die Ofenfabrik Fritz Brucks sprang für Arado ein, bis die Fertigung nach sechs Wochen wieder voll aufgenommen werden konnte.

Weitere Luftangriffe am 6. August 1944 und 30. März 1945 unterbrachen den Flugzeugbau zeitweilig. Bis zur Einstellung der Montage im April 1945 verließen mehr als 4.000 Maschinen die Brandenburger Werkhallen.

Mit der Besetzung des Werkes in Brandenburg durch die Rote Armee Anfang Mai 1945 endete der Flugzeugbau. Die Werksanlagen wurden dem Potsdamer Abkommen entsprechend zum größten Teil beseitigt, Maschinen und Geräte kamen als Reparationen in die UdSSR. Die Anlagen in Rathenow wurden nach dem Krieg Volkseigentum. 1954 wurde von einem Explosionsunglück auf dem ehemaligen Arado-Gelände berichtet, bei dem sechs sowjetische Soldaten ums Leben kamen und zahlreiche andere verletzt wurden, nachdem Artilleriemunition in einem Betonbunker explodiert war. Weitere Gebäude auf dem Areal wurden beschädigt.

1945 wurde die Firma aufgelöst und zerschlagen, jedoch wurde die Ar 96 noch bis 1949 in der Tschechoslowakei von Avia und Letov hergestellt.

1961 wurde die Arado-Flugzeugwerke GmbH endgültig liquidiert.

Arado Flugzeugtypen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Arado setzt Akzente – Vom Kabinenflugzeug zum Anfangstrainer. In: FliegerRevue. Berlin 2009, 4 (Apr.), S. 89–93. ISSN 0941-889X
  2. a b Johannes Bähr: Die Luftfahrtkredite und die Beziehungen zum Junckers-Konzern. In: Klaus-Dietmar Henke (Hrsg.): Die Dresdner Bank in der Wirtschaft des Dritten Reichs. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2006, ISBN 3-486-57780-8, S. 391.
  3. „Teilschuldverschreibung“ über 1000 Reichsmark aus dem Jahr 1942. Abgerufen am 13. März 2009.

Literatur[Bearbeiten]

  • Volker Koos: Arado Flugzeugwerke 1925 - 1945, Heel, Königswinter 2007, ISBN 978-3-89880-728-9.
  • Jörg Armin Kranzhoff: Arado Flugzeuge - Vom Doppeldecker zum Strahlflugzeug, Die deutsche Luftfahrt Bd. 31, Bernhard & Graefe Verlag, Koblenz 2001, ISBN 3-7637-6122-5
  • Christian Möller: Die Einsätze der Nachtschlachtgruppen 1, 2 und 20 an der Westfront von September 1944 bis Mai 1945. Mit einem Überblick über Entstehung und Einsatz der Störkampf- und Nachtschlachtgruppen der deutschen Luftwaffe von 1942 bis 1944. Helios, Aachen 2008, ISBN 978-3-938208-67-0. (Zugl.: München, Univ. der Bundeswehr, Diss., 2007).
  • Renate Gruber-Lieblich: „… und morgen war Krieg!“ – Arado Flugzeugwerke GmbH Wittenberg 1936–1945. Ein KZ-Lager entsteht. Projekte-Verlag, Halle 2007, ISBN 978-3-86634-312-2.
  • Michael Bera: Flugzeugbau verboten! Von Fliegern, Kuttern und Kommoden. Die „Werft Warnemünde“ in eigenen Bildern 1918–1920. ß Verlag & Medien, Rostock 2011, ISBN 978-3-940835-28-4.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Arado Flugzeugwerke – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

54.1767212.13047Koordinaten: 54° 10′ 36″ N, 12° 7′ 50″ O