Georg Herwegh

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Georg Herwegh (1817–1875)

Georg Friedrich Rudolph Theodor Herwegh (* 31. Mai 1817 in Stuttgart; † 7. April 1875 in Lichtental) war ein sozialistisch-revolutionärer deutscher Dichter des Vormärz und Übersetzer. Neben Georg Weerth gilt er als einer der bedeutendsten Dichter des deutschen Proletariats im 19. Jahrhundert. Herweghs teilweise bombastische, gelegentlich blutrünstige Lyrik aus dem sicheren Exil wie sein Versagen in tatsächlichen revolutionären Situationen wurde von Ulrich Enzensberger als eine „Mischung aus Verbitterung und Verbiestertheit, aus Großsprechertum und Gewaltbereitschaft“ gedeutet, die ebenso als stilistische Vorwegnahme des Wilhelminismus gesehen werden kann.[1]

Leben[Bearbeiten]

1817 bis 1848: Vormärz[Bearbeiten]

Georg Herwegh wurde 1817 als Sohn des Gastwirts Ludwig Ernst Herwegh und Rosine Catharina Herwegh geboren. Ab 1828 wohnte er bei Verwandten und besuchte die Lateinschule in Balingen als Klassenkamerad von Gottlieb Rau. Von 1831-35 besuchte er nach bestandenem Landexamen das Evangelische Seminar (Gymnasium) im Kloster Maulbronn und studierte ab 1835 Theologie und Rechtswissenschaften in Tübingen als Stipendiat des Tübinger Stifts, von dem er 1836 verwiesen wurde. Während seines Studiums wurde er 1835 Mitglied der burschenschaftlichen Vereinigung der Patrioten Tübingen. Ab 1836 war er als freier Schriftsteller in Stuttgart tätig, und ab 1837 arbeitete er sowohl an August Lewalds Zeitschrift Europa, als auch an Karl Gutzkows Blatt Telegraph für Deutschland mit. 1839 sah er sich veranlasst, in die Schweiz zu fliehen, weil er auf einem Maskenball einen königlich-württembergischen Offizier beleidigt hatte und ihm die militärische Zwangsrekrutierung drohte.

Seine Flucht führte ihn zunächst nach Emmishofen und dann nach Zürich, wo er für die von Johann Georg August Wirth herausgegebene Zeitschrift Volkshalle den kritischen Teil redigierte. Er freundete sich mit dem Burschenschafter und Dichter August Follen an. Im Sommer 1841 erschien der erste Teil seiner Gedichte eines Lebendigen, die ein polemisches Gegenstück zu den Briefen eines Verstorbenen von Hermann von Pückler-Muskau darstellten und ihn auf einen Schlag berühmt machten. Zu den 1841 entstandenen Gedichten gehören Wiegenlied, Die bange Nacht und O Freiheit, Freiheit!.

O Freiheit, Freiheit! Nicht wo Hymnen schallen,
In reichgeschmückten fürstlichen Arkaden -
Freiheit! Du wohnst an einsamen Gestaden
Und liebst die Stille, wie die Nachtigallen.


Du fliehest das Geräusch der Marmorhallen,
Wo trunkne Schlemmer sich im Weine baden,
Du läßt in Hütten dich zu Gaste laden,
Wo Tränen in die leeren Becher fallen.


Ein Engel nahst du bei verschlossnen Türen,
Stellst lächelnd dich an deiner Treuen Bette
Und horchst der himmlischen Musik der Kette.


Nicht stolze Tempel wollen dir gebühren,
Drin wir als Opfer unsern Stolz dir bieten -
Wärst du die Freiheit, wenn wir vor dir knieten?

Von Herbst 1841 bis Februar 1842 reiste Herwegh nach Paris und traf dort mit Heinrich Heine zusammen, der ihn später in seinem Gedicht An Georg Herwegh ironisch als „eiserne Lerche“ verewigte. Nach seiner Rückkehr nach Zürich lieferte er sich einen publizistischen Kampf mit den Zürcher Konservativen. Aufgrund seiner bissigen Kommentare in der Augsburger Allgemeinen Zeitung und dem von Julius Fröbel herausgegebenen Blatt Schweizerischer Republikaner wurde er vom Zürcher Bezirksgericht zu einer Geldstrafe verurteilt.

Er arbeitete für die von Karl Marx redigierte Rheinische Zeitung (vgl. auch Neue Rheinische Zeitung) und plante, den Deutschen Boten aus der Schweiz zu einem Kampforgan gegen die politische und soziale Unterdrückung in Deutschland umzustrukturieren. In dieser Zeit freundete er sich mit Ludwig Feuerbach an. 1842 reiste er nach Deutschland, um Mitarbeiter für sein Zeitschriftenprojekt zu gewinnen, und lernte in Köln Karl Marx kennen, für dessen Zeitung er schon geschrieben hatte. Außerdem bekam er eine Audienz beim preußischen König Friedrich Wilhelm IV., der gleich nach dem Treffen mit Herwegh die Zeitschrift noch vor ihrer Veröffentlichung verbieten ließ. Im Dezember ließ Friedrich Wilhelm IV. Herwegh aus Preußen ausweisen, nachdem der sich in einem offenen Brief über die politischen Verhältnisse in Deutschland beschwert hatte.

Auf der Rückreise in die Schweiz lernte er in Leipzig den Anarchisten Michail Bakunin kennen, der ihn mit seinen späteren Schriften immer wieder beeinflusste. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz erhielt Herwegh das Bürgerrecht im Kanton Basel-Landschaft und stellte Verbindungen zur kommunistischen Handwerkerbewegung her. Er vermählte sich mit Emma Siegmund, der Tochter eines Berliner Bankiers. Außerdem pflegte er gute Kontakte zu Ludwig Büchner, August Becker und Wilhelm Weitling, dem prägenden Theoretiker des Bundes der Gerechten. Von 1842 bis 1843 arbeitete er als Redakteur für die Zeitschrift Die junge Generation und veröffentlichte 1843 Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz, eine Sammlung unveröffentlichter Beiträge für die Zeitschrift, die die Zwanzig-Bogen-Klausel der deutschen Zensur umgehen sollte.

Spottet des Völkleins nicht! Es hat ja den römischen
Adler eine geringere Zahl solcher Apostel gestürzt.

1843 siedelte er, vom württembergischen König unter der Bedingung der Auswanderung begnadigt, nach Paris um und begegnete dort erneut Karl Marx und Michael Bakunin. Des Weiteren lernte er Jenny Marx, Moses Hess, George Sand, Victor Hugo, Lamartine, Béranger, Carl Vogt und andere prominente Intellektuelle jener Zeit kennen. 1844 erschien hier der zweite Teil seiner Gedichte eines Lebendigen, dem es an Dynamik des ersten Bandes fehlte, der jedoch seine republikanischen Tendenzen noch bestimmter zeigte.

1848 bis 1875: Märzrevolution, Engagement für den Sozialismus[Bearbeiten]

Briefmarke der Deutschen Post der DDR aus der Serie Berühmte Persönlichkeiten (1967)

Nach der Pariser Februarrevolution 1848 wurde Herwegh zum Präsidenten des Republikanischen Komitees und Vorsitzender der Deutschen Demokratischen Legion.

Gegen alle Einsprüche und Ratschläge von Karl Marx und Friedrich Engels eilte er mit einer kleinen bewaffneten Truppe den radikaldemokratischen Aufständischen um Friedrich Hecker in Baden während der Märzrevolution zu Hilfe (vgl. auch Badische Revolution). Am 27. April 1848 wurde die Deutsche Demokratische Legion von württembergischen Truppen im Gefecht bei Dossenbach (nahe Schopfheim) besiegt. Die Freischar von Friedrich Hecker, der so genannte Heckerzug, war schon eine Woche zuvor im Gefecht auf der Scheideck bei Kandern im Schwarzwald besiegt und aufgerieben worden, ohne dass es zur Vereinigung mit Herweghs Freischar gekommen war. Nach dieser Niederlage musste Herwegh erneut fliehen, und wieder endete seine Flucht in der Schweiz. Sein kleiner Aufstand zur Unterstützung der radikaldemokratischen Bewegung im Großherzogtum Baden führte schließlich zum Bruch mit den Begründern des wissenschaftlichen Sozialismus.

Bei seiner darauffolgenden Reise nach Frankreich lernte er Alexander Herzen und Iwan Sergejewitsch Turgenew kennen. Anfang der 1850er Jahre war Herweghs Haus in Zürich ein Treffpunkt für Leute wie Richard Wagner, Gottfried Semper, Wilhelm Rüstow und Franz Liszt. Hier kam es auch zum Bruch mit Alexander Herzen, dessen Frau Natalie Herwegh leidenschaftlich liebte. Er arbeitete während dieser Zeit für die Schweizer liberale Presse und anonym für die satirische Zeitschrift Kladderadatsch.

1863 wurde Herwegh zum Bevollmächtigten des neu gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) in der Schweiz. Der ADAV war die erste Vorläuferorganisation der späteren Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD).

Zur Gründung des ADAV schrieb Herwegh 1863 Das Bundeslied als Hymne auf das revolutionäre Proletariat. Im folgenden die letzten drei von insgesamt zwölf Strophen des Bundeslieds:

Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still.
Wenn dein starker Arm es will.


Deiner Dränger Schar erblaßt,
Wenn du, müde deiner Last,
In die Ecke stellst den Pflug.
Wenn du rufst: Es ist genug!


Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Not der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!

Das Bundeslied wurde sehr schnell verboten und konnte jahrelang nur illegal verbreitet werden. Gleichwohl gilt es bis heute als eines der bekanntesten deutschen Arbeiterkampflieder.

Herwegh befreundete sich mit dem Begründer des ADAV, Ferdinand Lassalle, von dem er sich aber später wegen dessen gemäßigter, eher reformorientierter und staatskonformer Haltung distanzierte. Auch dem ADAV entfremdete er sich wieder.

1866 kehrte er als Mitstreiter der Arbeiterklasse nach Deutschland zurück und wurde noch im selben Jahr zum Ehrenkorrespondenten der ersten Internationale (Internationale Arbeiterassoziation) ernannt. 1869 schloss er sich der von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründeten marxistisch-revolutionären Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) an, mit der sich der ADAV 1875 vereinigte.

Herwegh wurde zum ständigen Mitarbeiter des sozialdemokratischen Blatts Der Volksstaat und veröffentlichte in dieser Position seine schärfsten politischen Gedichte, in denen er den preußischen Militarismus, den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und das deutsche Kaiserreich verurteilte. Am 7. April 1875 starb Herwegh im heute zu Baden-Baden gehörenden Lichtental. Begraben ist er in Liestal. Seine Grabinschrift lautet:[2]

„Hier ruht, wie er’s gewollt, in seiner Heimat freien Erde
Georg Herwegh 31. Mai 1817 – 7. April 1875
Von den Mächtigen verfolgt,
Von den Knechten gehaßt,
Von den meisten verkannt,
Von den Seinen geliebt.“

Grabinschrift Liestal

In Liestal ist 1904 „dem Freiheitssänger und -kämpfer in Dankbarkeit gewidmet von Männern der Arbeit Freunden der Freiheit“ auch ein Denkmal errichtet worden. Es ist mit der dritten Strophe des Gedichts An Herweghs Grab des Frankfurter Dichters und Kampfgefährten Herweghs, Friedrich Stoltze, versehen.[2] In einem Nachruf auf Herwegh schrieb dieser auch:

Nie sang, der Freiheit Heil verkündend,
Ein Dichterherz mit solcher Glut,
In allen Seelen fuhr es zündend,
Dem Volke wuchs der stolze Mut,
Zu den Gestirnen wirst du schweben,
Dein Sängername löscht nicht aus.
Und der Lebendige wird leben
Auch über Tod und Grab hinaus.

Der Nachlass von Georg Herwegh und seiner Frau Emma Herwegh bildet heute den Kernbestand des Dichter- und Stadtmuseums Liestal.

Werke[Bearbeiten]

Titelblatt des Erstdruckes (ohne Nennung des Verfassers)
  • Leicht Gepäck, 1840
  • Gedichte eines Lebendigen, Band 1, 1841 (→ Abb. rechts) (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)
  • Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz, 1843
  • Gedichte eines Lebendigen, Band 2, 1843 (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)
  • Zwei Preußenlieder, 1848
  • Viertägige Irr- und Wanderfahrt mit der Pariser deutsch-demokratischen Legion in Deutschland und deren Ende durch die Württemberger bei Dossenbach, hg. von F. Lipp, 1850
  • Die Schillerfeier in Zürich, 1860
  • Das Bundeslied, 1863 Hymne des ADAV, der SPD-Vorgängerpartei
  • Neue Gedichte, 1877
  • Das Lied vom Hasse, 1841

Übersetzungen[Bearbeiten]

  • Lamartines sämtliche Werke in 6 Bänden, 1839/40
  • Dramatische Werke von W. Shakespeare, 7 Bände (20, 24, 27, 29, 34, 36, 37), 1869/71

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I Politiker, Teilband 2: F–H. Heidelberg 1999, S. 314–316.
  • Ulrich Enzensberger: Herwegh. Ein Heldenleben. Die Andere Bibliothek. Bd 173. Eichborn, Frankfurt am Main 1999. ISBN 3-8218-4173-7
  • Ingo Fellrath: Georg Herwegh – Emma Herwegh: Vive la République! In: Sabine Freitag (Hrsg.): Die Achtundvierziger. Lebensbilder aus der deutschen Revolution 1848/49. Beck, München 1998. ISBN 3-406-42770-7
  • Alfred Georg Frei, Kurt Hochstuhl: Wegbereiter der Demokratie. Die badische Revolution 1848/49. Der Traum von der Freiheit. G. Braun, Karlsruhe 1997. ISBN 3-7650-8168-X
  • Peter Hasubek: Vom Biedermeier zum Vormärz. Arbeiten zur deutschen Literatur zwischen 1820 und 1850. (Büchner, Heine, Grabbe, Immermann, Gutzkow, Herwegh). P. Lang, Frankfurt am Main u.a. 1996. ISBN 3-631-30004-2
  • Martin Glaubrecht: Herwegh, Georg Friedrich Rudolf Theodor Andreas. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 8, Duncker & Humblot, Berlin 1969, ISBN 3-428-00189-3, S. 723–726 (Digitalisat).
  • Bruno Kaiser (Hrsg.): Der Freiheit eine Gasse. Aus dem Leben und Werk Georg Herweghs. Volk und Welt, Berlin (DDR) 1948.
  • Bruno Kaiser (Hrsg.): Georg Herwegh. Frühe Publizistik 1837 – 1841. Akademie-Verlag, Berlin (DDR) 1971.
  • Michail Krausnick: Die eiserne Lerche. Die Lebensgeschichte des Georg Herwegh. Beltz und Gelberg, Weinheim 1993. ISBN 3-407-80723-6
  • Franz Muncker: Herwegh, Georg. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 12, Duncker & Humblot, Leipzig 1880, S. 252–256.
  • Karl Riha: Kritik, Satire, Parodie. Georg Herwegh – in rezeptionsgeschichtlicher Sicht. Westdeutscher Verlag, Opladen 1992. ISBN 3-531-12388-2
  • Walter Schmitz: Das lyrische Werk von Georg Herwegh. In: Walter Jens (Hrsg.): Kindlers Neues Literatur-Lexikon. Das 23-bändige Werk auf CD-ROM. Kindler, München 2000. ISBN 3-463-43001-0

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Georg Herwegh – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Georg Herwegh – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Thomas Kastura: Schaumschläger oder Revolutionär Rezension zu Ulrich Enzensberger: Herwegh. Ein Heldenleben. In www.literaturkritik.de, Nr. 10, Oktober 1999 (1. Jahrgang).
  2. a b www.georgherwegh-edition.de: Georg Herwegh in Liestal