Geschichte Afghanistans

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heutige Nationalflagge Afghanistans

Für die antike und mittelalterliche Geschichte der Gebiete, die heute zum modernen Afghanistan gehören, siehe auch den Hauptartikel: Geschichte Irans.

Von der Antike bis zur Neuzeit[Bearbeiten]

Das Perserreich der Achämeniden um 500 v. Chr.

Im Norden von Afghanistan blühte im dritten und zweiten Jahrtausend v. Chr. die sogenannte Oasen-Kultur. Die Menschen lebten vom Ackerbau und wohnten teilweise in Ortschaften, die schon städtischen Charakter hatten. Einzelne befestigte Bauten deuten auf Fürstensitze und eine deutlich sozial gegliederte Gesellschaft. Bronze und Gold wurden verarbeitet. Diese Kultur ging um 1700 v. Chr. unter.[1]

Ab etwa 500 v. Chr. gehörte das Gebiet des heutigen Afghanistan zum Perserreich. Besonders hervorzuheben sind die Satrapien Baktrien und Gandhara. Im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. war in Baktrien ein Griechisch-Baktrisches Königreich, das von den Nachkommen der Truppen Alexanders des Großen regiert wurde. Danach wurde das Gebiet geteilt vom Kuschan-Reich im Osten und von den Parthern und Sassaniden im Westen regiert.

Unter der Herrschaft der Kuschana-Dynastie festigte sich der Buddhismus allmählich im Gebiet des Hindukusch. Zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. entstanden entlang der damaligen Handelsrouten eine Reihe von buddhistischen Stätten – Stupas, Tempel und Klosterstätten, dies sowohl südlich als auch nördlich des Hindukusch-Gebirges.[2]

Nach dem Fall der Sassaniden und der Invasion der muslimischen Araber dominierten bis zum Mittelalter persische Lokaldynastien, die dem muslimischen Kalifat unterstanden. Der Islam setzte sich dennoch in dieser Region verhältnismäßig langsam durch. Erst gegen Ende des 10. Jahrhunderts, das heißt nach der großen Völkerwanderung der Türken ins Iranische Hochland, sollen nach einer islamischen Chronik die meisten Einwohner im Raum Ghur (zwischen Herat und Kabul) Moslems gewesen sein. Zu dieser Zeit (983) hielt sich aber beispielsweise in Ohind (d. h. in Gandhara) noch ein hinduistisches Königreich unter König Jaipal, sodass das angezweifelt werden kann. Letztendlich stieg dennoch der Islam, vor allem in seiner sunnitischen Form, zur vorherrschenden Religion auf. So verzeichnete man unter den Samaniden, Ghaznawiden und Ghuriden eine politische, wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit in der Region.

Diese blühende Stadtkultur wurde aber durch den Mongolenangriff im 13. Jahrhundert arg in Mitleidenschaft gezogen. In der Folge behaupteten die Kartiden kurzzeitig eine gewisse Eigenständigkeit der Region, bevor Timur Lenk das türkisch-persische Timuriden-Reich gründete, zeitweilig mit Herat als Hauptstadt.

Ab dem 16. Jahrhundert gehörten Herat und Ghur zum Reich der Safawiden, während Kabul dem Mogulreich unterstand. Kandahar gehörte abwechselnd Persien und Indien, bis sich im 18. Jahrhundert einige paschtunische Stämme gegen die Perser und Mogulen erhoben.

Die Paschtunen[Bearbeiten]

Siedlungsgebiet der Paschtunen

Die Geschichte des modernen Afghanistan ist unzertrennlich mit der nationalen Geschichte der Paschtunen verbunden. Unzählige paschtunische Aufstände gegen die jeweiligen Herrscher (persische Safawiden und indische Mogulen) führten schließlich mit dem Aufstand des Stammes Ghilzai (1719) zum Sturz der Safawiden in Persien (1722) (siehe auch: Hotaki-Dynastie). Dieser Sieg der Paschtunen hielt aber nicht lange an. Nur sieben Jahre später wurden sie von Nadir Schah besiegt und zurück nach Kandahar verdrängt. Durch die folgenden Eroberungen Nadir Schahs (1736–1747) erlangte das persische Reich vorübergehend wieder die Gewalt über die Region, die heute Afghanistan heißt. Nach dessen Ermordung übernahm der Stamm der Durrani, der mit Nadir Schah gegen die Ghilzai verbündet war und unter seinem Befehl kämpfte, selbständig die Macht. Ihr Führer, der Paschtune Ahmad Schah Durrani begründete im Jahr 1747 ein selbstständiges Königreich im Osten Persiens, das als Durrani-Reich bekannt ist. Damit gilt er allgemein als der Begründer Afghanistans, denn sein Königreich diente als Vorgänger und Wegbereiter des modernen Staates. Abgesehen von zwei kleinen Ausnahmen haben die Paschtunen das Land seit seiner Gründung durchgehend beherrscht.

19. und frühes 20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Zentralasien am Ende des 19. Jahrhunderts

Der Name Afghanistan bedeutet wörtlich Land der Afghanen. Bereits in den tschagataischsprachigen Memoiren Baburs aus dem 16. Jahrhundert wird das Wort in einem regional begrenztem Sinne erwähnt.[3] Die gebräuchliche Bezeichnung des heutigen Gebiets lautete Chorasan. Afghanistan wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zum offiziellen Namen des Königreiches. Wegen innerer Stammesstreitigkeiten kam es im frühen 19. Jahrhundert zu Teilungen des Landes und bedeutenden Einmischungen von außen, vor allem durch die Engländer und Russen.

Im 19. Jahrhundert führte der Konflikt zwischen den Kolonialmächten Russland und Großbritannien (The Great Game) zum Eingreifen der Briten in einen Thronfolgerkrieg in Afghanistan. Mehrere Anglo-Afghanische Kriege waren die Folge, der erste von 1839–1842. Der britische Versuch scheiterte, Afghanistan zu besetzten und Indien anzugliedern. Der zweite Afghanisch-Britische Krieg 1878–1881 veränderte den Status Quo nicht.

Die Engländer entschlossen sich dazu, Abdur Rahman Khan (* 1844; † 1. Oktober 1901), einen Enkel von Dost Mohammed, auf den Thron zu setzen. Abdul Rahman wird allgemein als der Gründer des modernen Afghanistans angesehen. Unter seiner Herrschaft legten Briten und Russen die heutigen Grenzen Afghanistans fest. 1893 wurde mit der Durand-Linie eine Demarkationslinie zwischen Afghanistan und Britisch-Indien geschaffen, welche die Verantwortung über die jeweiligen Gebiete festlegte. Sie durchtrennte aber auch das Siedlungsgebiet des größten Volkes dieser Region, der Paschtunen.[4] Im Jahre 1898 erhielt Afghanistan den Südteil des Khanates Buchara (Süd-Turkestan) zugesprochen und so seine bis heute gültige Nordgrenze.

Während des Ersten Weltkriegs versuchten das Deutsche und das Osmanische Reich, Afghanistan auf Seiten der Mittelmächte in den Krieg zu ziehen (→ Niedermayer-Hentig-Expedition).

Der Friede von Rawalpindi beendete 1919 den dritten Afghanisch-Britischen Krieg, brachte dem Land die Souveränität und führte zum Vertrag von Kabul (1921) mit der Anerkennung der vollen Unabhängigkeit Afghanistans durch Großbritannien und Russland. Seit 1925 bestand ein konstitutionelles Königreich. Nach der Ermordung des Schahs Mohammed Nadir am 8. November 1933 bestieg sein 19-jähriger Bruder und Prinz Mohammed Haschem Khan den Thron. Er wurde zusammen mit weiteren Brüdern als Ministerpräsident zum Regenten für den 19-jährigen Thronfolger Mohammed Sahir Schah gewählt.

In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre schloss das Deutsche Reich einige Staatsverträge mit Afghanistan auf militärischem, wirtschaftlichen und kulturellem Gebiet. Sicherheitspolitisch schloss sich Afghanistan im Vertrag von Saadabad vom 8. Juli 1937 mit dem Irak, dem Iran und der Türkei auf einer gegenseitigen Nichtangriffsbasis gegen die Sowjetunion zusammen. Offiziere der Wehrmacht modernisierten Afghanistans Armee, Polizei und Geheimdienst wurden von Deutschen reorganisiert. Deutschland wurde für die gesamte landwirtschaftliche und industrielle Planung sowie den Ausbau des Straßenwesens Afghanistans federführend. Auch in das gesamte Erziehungs- und Ausbildungswesen schalteten sich die Nationalsozialisten ein.[5] Trotz enger Handelsbeziehungen zu Deutschland, Italien und Japan, erklärte Sahir Schah zu Beginn des Zweiten Weltkriegs die Neutralität des Landes.[6]

Zeit des Kalten Krieges (nach 1945)[Bearbeiten]

König Mohammed Nadir Schah

Nach der Empfehlung einer Aufnahme des Landes zu den Vereinten Nationen durch die Resolution 8 des UN-Sicherheitsrates trat es am 19. November 1946 der Internationalen Gemeinschaft bei.

Erst 1964 kam es mit der Verabschiedung einer neuen Verfassung durch die Loya Dschirga (Große Ratsversammlung) zur Einführung der konstitutionellen Monarchie.

Die ersten freien Wahlen fanden im September 1965 statt. Erstmals wurde ein Ministerium, nämlich das Gesundheitsministerium, einer Frau (der Abgeordneten K. Noorzai) übertragen. Immer wieder gab es schwere Auseinandersetzungen zwischen den Volksteilen und Krisen durch Nahrungsmittelmangel. Am 17. Juli 1973 kam es in Abwesenheit des Königs Mohammed Sahir Schah, der zu einem Kuraufenthalt in Italien weilte, zu einem Staatsstreich unter Führung von dessen Schwager, dem ehemaligen Ministerpräsidenten General Sardar Mohammed Daoud Khan, der aber relativ wenige Opfer forderte. Daoud Khan rief die Republik Afghanistan aus und übernahm sofort alle politisch bedeutenden Ämter: So wurde er Staatspräsident, Regierungschef, Verteidigungs- und Außenminister in Personalunion. Am 24. August 1973 dankte der gestürzte König Mohammed Sahir Schah auf Daoud Khans Verlangen ab. Außenpolitisch strebte Daoud Khan die Beibehaltung des Status Afghanistans als Pufferstaat zwischen der Sowjetunion und dem Westen an.[7] Daouds Regierung entwickelte sich zu einer brutalen Diktatur und wurde von Anfang an von der linken Opposition, die insbesondere in der Khalq-Partei (dt. Volkspartei) organisiert war, als auch von islamischen Gruppierungen aus der Illegalität und dem pakistanischen Exil heraus bekämpft.[7] Die Anführer der Khalq-Partei sahen eine Unterwanderung des afghanischen Militärs und die Durchführung eines Staatsstreiches als notwendiges Mittel zur Machtübernahme an.[7]

Der Kampf gegen Daoud Khan kulminierte in der Saurrevolution im April 1978, in der der afghanische Diktator durch das Militär nach einer blutigen Belagerung seiner Residenz abgesetzt und hingerichtet wurde.[7] Neue Machthaber in dem in „Demokratische Republik Afghanistan” umbenannten Staat waren die Anführer der vorher illegalen Khalq-Partei Nur Muhammad Taraki, Hafizullah Amin und Babrak Karmal. Sie starteten einen radikalen Versuch, das völlig unterentwickelte Land mittels einer Bodenreform und weiterer Maßnahmen zu einem modernen sozialistischen Staat zu entwickeln.[8][7] Ihre Abhängigkeit von sowjetischer Hilfe nahm zu, als die während der Bodenreform enteigneten Großgrundbesitzer zusammen mit dem lokalen muslimischen Klerus zu bewaffnetem Widerstand gegen das neue Regime aufriefen und dabei Unterstützung von chinesischer und wenig später von amerikanischer Seite erhielten.[7] Zusätzlich begann sich die Khalq-Partei zu radikalisieren und gegen Taraki opponierende Mitglieder aus ihren Reihen auszuschließen, zu verhaften oder zu ermorden. Einer der gefährlichsten Widersacher Tarakis war Hafizullah Amin, dem es schließlich gelang, den sowjetfreundlichen Taraki töten zu lassen.[7]

Als die Regierung gegenüber den konservativ-islamischen geprägten Kräften immer mehr in Defensive geriet, ließ die Sowjetunion am 25. Dezember 1979 Truppen in Afghanistan einmarschieren und setzte Karmal als Präsidenten ein. Amin wurde bei dem Einmarsch von sowjetischen Spezialeinheiten ermordet.[7] Afghanistan wurde Opfer eines „Stellvertreterkrieges“. Es gelang den Sowjets jedoch nicht, den Widerstand der verschiedenen islamischen Gruppen (Mudschaheddin) zu brechen, obwohl eine waffentechnische Überlegenheit gegeben war. Die letzten sowjetischen Truppen verließen am 15. Februar 1989 das Land. Die afghanischen Widerstandskämpfer gewannen letztendlich den Konflikt mit Hilfe der gleichen Guerillataktik (Vermeidung offener Feldschlachten) wie in den Afghanisch-Britischen Kriegen; außerdem konnten sie auf die Unterstützung aus Pakistan, Saudi-Arabien, den USA bauen, die zum Beispiel chinesische Waffen für die Mudschahidin kauften und lieferten.[4] Speziell in orthodoxen islamischen Ländern wie Saudi Arabien wurden Söldner angeworben, die sich nach Kriegsende im zersplitterten Land festsetzten.

Islamischer Staat Afghanistan[Bearbeiten]

Nachdem sich die UdSSR im Februar 1989 aus Afghanistan komplett zurückgezogen hatte, dauerten die Kämpfe zwischen der von der UdSSR gestützten Regierung und den Mudschaheddin weiter an. Mit Unterstützung der Sowjetunion konnte die Regierung von Mohammed Nadschibullāh überleben. Jedoch brach die UdSSR 1991 zusammen. So konnte sich Nadschibullāh nicht mehr halten und am 18. April 1992 eroberten die Truppen von Ahmad Schah Massoud und Abdul Raschid Dostum Kabul.

Im April 1992 wurde der Islamische Staat Afghanistan durch die Peshawar Accords gegründet. Gulbuddin Hekmatyār begann mit der Unterstützung Pakistans einen jahrelangen Krieg in Kabul gegen den Islamischen Staat, der weite Teile Kabuls zerstörte. Zusätzlich kam es zum grausamen Krieg zwischen weiteren befeindeten Milizen. Der Süden Afghanistans war weder unter der Kontrolle der Zentralregierung noch unter der Kontrolle von außen kontrollierter Milizen wie der Hekmatyārs. Lokale Milizen- oder Stammesführer beherrschten den Süden. 1994 traten die Taliban in der südlichen Stadt Kandahar erstmals in Erscheinung. Die Taliban-Bewegung stammte ursprünglich aus religiösen Schulen für afghanische Flüchtlinge in Pakistan, welche meist von der politischen pakistanischen Partei Jamiat Ulema-e-Islam geführt wurden.[9] Im Laufe des Jahres 1994 übernahmen die Taliban die Macht in verschiedenen südlichen und westlichen Provinzen Afghanistans.

Ende 1994 gelang es dem afghanischen Verteidigungsminister Ahmad Schah Massoud Hekmatyār und die verschiedenen Milizen militärisch in Kabul zu besiegen. Die Bombardierung der Hauptstadt wurde gestoppt.[10][11] Massoud initiierte einen landesweiten politischen Prozess mit dem Ziel nationaler Konsolidierung und demokratischen Wahlen. Es fanden drei Konferenzen mit Vertretern aus vielen Teilen Afghanistans statt. Massoud lud die Taliban ein, sich diesem Prozess anzuschließen und sich an der Schaffung von Stabilität zu beteiligen.[12] Die Taliban lehnten ab.[12] Statt einer Demokratie wollten sie ein diktatorisches Emirat errichten.

Anfang 1995 starteten die Taliban großangelegte Bombenkampagnen gegen Kabul.[13] Amnesty International schrieb dazu:

„Dies ist das erste Mal nach einigen Monaten, dass die Zivilisten Kabuls das Ziel von Bombenangriffen wurden, die sich gegen Wohnbezirke in der Stadt richteten.“[10]

Die Taliban erlitten eine vernichtende Niederlage gegen die Truppen Massouds.[10]

Taliban-Emirat gegen Vereinte Front[Bearbeiten]

Territoriale Kontrolle Afghanistans im Winter 1996: Massoud (blau), Taliban (grün), Dostum (rosa), Hezb-i Wahdat (gelb)

Im September 1996 hatten sich die Taliban mit militärischer Unterstützung Pakistans und finanziellen Hilfen aus Saudi-Arabien neu formiert. Sie planten eine erneute Großoffensive gegen Kabul. Am 26. September 1996 befahl Massoud einen strategischen Rückzug seiner Truppen in den Norden Afghanistans.[14] Am 27. September 1996 marschierten die Taliban in Kabul ein und errichteten das Islamische Emirat Afghanistan, welches lediglich von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt wurde. Die Regierung des Islamischen Staates Afghanistan, zu der der Verteidigungsminister Massoud gehörte, blieb die international anerkannte Regierung Afghanistans (mit Sitz bei den Vereinten Nationen).

Die früheren Gegner Ahmad Schah Massoud und Abdul Rashid Dostum gründeten die Vereinte Front ursprünglich als Reaktion auf massive Talibanoffensiven gegen die Gebiete unter der Kontrolle Massouds auf der einen Seite und die Gebiete unter der Kontrolle Dostums auf der anderen Seite. Schon bald entwickelte sich aus der Vereinten Front jedoch eine nationale politische Widerstandsbewegung gegen die Taliban. Ahmad Schah Massoud verfolgte mit ihrer Hilfe das Ziel, eine demokratische Staatsform in Afghanistan zu errichten. Der Vereinten Front trat die von den Taliban verfolgte Volksgruppe der Hazara ebenso bei wie die paschtunischen Führer Abdul Qadir oder Hamid Karzai, der aus dem Süden stammende spätere Präsident Afghanistans. Qadir entsprang einer einflussreichen Familie, welche großen Einfluss im paschtunischen Osten Afghanistans um Dschalalabad genoss.

Ahmad Schah Massoud blieb der einzige Kommandeur, der seine Gebiete ab 1998 erfolgreich gegen die Taliban verteidigen konnte. Pakistan intervenierte militärisch auf Seiten der Taliban, konnte jedoch keine Niederlage Massouds herbeiführen. Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf – damals u. a. als Stabschef des Militärs – entsandte zehntausende Pakistaner, um an der Seite der Taliban und Al-Qaida gegen die Truppen Massouds zu kämpfen.[12][15][16][17] Insgesamt gehen Schätzungen von 28.000 pakistanischen Staatsbürgern, die innerhalb Afghanistans kämpften, aus.[12] Weitere 3.000 Soldaten auf Seiten der Taliban waren Milizionäre aus arabischen Ländern oder Zentralasien.[18] Von geschätzten 45.000 Soldaten, die gegen die Vereinte Front innerhalb Afghanistans kämpften, waren nur etwa 14.000 Afghanen.[18][12]

Die Taliban verhängten über die Gebiete unter ihrer Kontrolle ihre politische und juristische Interpretation des Islam. Die Hälfte der Bevölkerung, die Frauen, lebte quasi unter Hausarrest.[19] Nach einem Bericht der Vereinten Nationen begingen die Taliban systematische Massaker gegen die Zivilbevölkerung, während sie versuchten ihre Kontrolle im Westen und Norden Afghanistans zu konsolidieren.[20][21] Die Vereinten Nationen benannten 15 Massaker in den Jahren 1996 bis 2001.[20][21] Diese seien "höchst systematisch gewesen und alle auf das Verteidigungsministerium [der Taliban] oder Mullah Omar persönlich zurückzuführen."[20][21] Die sogenannte 055 Brigade Al-Qaidas war ebenfalls an Gräueltaten gegen die afghanische Zivilbevölkerung beteiligt.[18] Der Bericht der Vereinten Nationen zitiert Zeugenaussagen, welche beschreiben, dass arabische Milizionäre lange Messer mit sich trugen, mit denen sie Kehlen aufschnitten und Menschen häuteten.[20][21]

Anfang 2001 wandte die Vereinte Front eine neue Strategie von lokalem militärischem Druck und einer globalen politischen Agenda an.[22] Ressentiments und Widerstand gegen die Taliban, ausgehend von den Wurzeln der afghanischen Gesellschaft, wurden immer stärker. Dies betraf auch die paschtunischen Gebiete.[22] Insgesamt flohen schätzungsweise eine Million Menschen vor den Taliban.[23] Hunderttausende Zivilisten flohen in die Gebiete von Ahmad Schah Massoud.[16][24] Der National Geographic kam in seiner Dokumentation "Inside the Taliban" zu dem Schluss:

„Das einzige, was zukünftigen Massakern der Taliban im Wege steht, ist Ahmad Schah Massoud.“[16]

Im Frühling 2001 sprach Ahmad Schah Massoud vor dem Europäischen Parlament in Brüssel und bat die internationale Gemeinschaft um humanitäre Hilfe für die Menschen Afghanistans.[23] Er erklärte, dass die Taliban und Al-Qaida eine "sehr falsche Interpretation des Islam" eingeführt hätten und dass die Taliban, wenn sie nicht die Unterstützung Pakistans hätten, ihre militärischen Kampagnen in dem Zeitraum eines Jahres nicht mehr aufrechterhalten könnten.[23] Während seines Besuchs in Europa, bei dem ihn die europäische Parlamentspräsidentin Nicole Fontaine den "Pol der Freiheit in Afghanistan" nannte, warnte Massoud davor, dass sein Geheimdienst Informationen habe, denen zufolge ein großangelegter Anschlag auf amerikanischem Boden unmittelbar bevorstehe.[25]

Nach dem 11. September 2001[Bearbeiten]

Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 begannen die USA am 7. Oktober mit der Operation Enduring Freedom, das seit 1996 in Afghanistan herrschende Talibansystem zu stürzen und die dort nach US-Angaben operierende Terrororganisation Al-Qaida mit ihrem Anführer Osama bin Laden durch massive Angriffe aus der Luft zu zerschlagen. Während unter den NATO-Staaten Einigkeit darüber herrschte, dass der Militärschlag gerechtfertigt sei, kam es in islamischen Ländern, zum Beispiel im Nachbarland Pakistan, zu Demonstrationen gegen den Krieg. Am 13. November 2001 fiel die Hauptstadt Kabul. Wenige Wochen nach den ersten Angriffen gelang es der Nordallianz, die bis dahin etwa zehn Prozent des Landes kontrollierte, nahezu das gesamte Land einzunehmen. Nach der ersten internationalen Afghanistan-Konferenz in Bonn wurde Hamid Karsai 2002 als Übergangspräsident eingesetzt und eine internationale Schutztruppe unter dem ISAF-Kommando aufgestellt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Habibo Brechna: Die Geschichte Afghanistans. Das historische Umfeld Afghanistans über 1500 Jahre. Vdf Hochschul-Verlag an der ETH Zürich, Zürich 2005, ISBN 3-7281-2963-1.
  • Bernhard Chiari (Hrsg.): Wegweiser zur Geschichte. Afghanistan. 3., durchgesehene und erweiterte Auflage. Ferdinand Schöningh, Paderborn u. a. 2009, ISBN 978-3-506-76761-5, online (PDF, 8,7 MB).
  • Karl-Heinz Golzio: Geschichte Afghanistans. Von der Antike bis zur Gegenwart (= Bonner Asienstudien. Bd. 9). Eb-Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-86893-035-1.
  • Conrad Schetter: Kleine Geschichte Afghanistans (= Beck'sche Reihe. Bd. 1574). C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51076-0 (z. T. online).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Viktor Sarianidi Die Kunst des alten Afghanistan. Architektur, Keramik, Siegel, Kunstwerke aus Stein und Metall. VCH, Acta Humaniora, Leipzig 1986, ISBN 3-527-17561-X (gute Zusammenfassung, allerdings nicht mehr auf den neuesten Stand der Forschung).
  2. Kosaku Maeda: The Mural Paintings of the Buddhas of Bamiyan: Description and Conservation Operations. In: Juliette van Krieken-Pieters (Hrsg.): Art and Archaeology of Afghanistan. Its Fall and Survival. A multi-disciplinary Approach (= Handbook of Oriental Studies. = Handbuch der Orientalistik. Section 8: Handbook of Uralic Studies. Bd. 14). Brill Academic Publishers, Leiden u. a. 2006, ISBN 90-04-15182-6, S. 127–144, hier S. 129.
  3. Baburnama in der Übersetzung von Annette S. Beveridge.
  4. a b Afghanistan-Experte Christian Sigrist im Interview bei Q History, 07/2010.
  5. Gerhard Schreiber: Die politische und militärische Entwicklung im Mittelmeerraum 1939/40. In: Gerhard Schreiber, Bernd Stegemann, Detlef Vogel: Der Mittelmeerraum und Südosteuropa. Von der „non belligeranza“ Italiens bis zum Kriegseintritt der Vereinigten Staaten (= Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Bd. 3). Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984, ISBN 3-421-06097-5, S. 4–271, S. 145 ff.
  6. Stephan Massing: Afghanistan. Geschichte seit 1747.
  7. a b c d e f g h Mohammed S. Agwani: The Saur Revolution and After. In: Kashi P. Misra (Hrsg.): Afghanistan in Crisis. Advent Books, New York NY 1981, ISBN 0-89891-003-X, S. 1–18.
  8. Im Jahre 1977 waren laut M. S. Agwani 90 % aller afghanischen Männer und 98 % aller afghanischen Frauen Analphabeten.
  9. Kamal Matinuddin: The Taliban Phenomenon. Afghanistan. 1994–1997. Oxford University Press, Karachi u. a. 1999, ISBN 0-19-577903-7, S. 25–26.
  10. a b c Amnesty International: Document – Afghanistan: Further Information on Fear for Safety and new Concern: deliberate and arbitrary Killings: Civilians in Kabul. 16. November 1995. Abgerufen am 22. Dezember 2013.
  11. Afghanistan: escalation of indiscriminate shelling in Kabul. International Committee of the Red Cross. 1995. Abgerufen am 21. Januar 2011.
  12. a b c d e Marcela Grad: Massoud. An intimate Portrait of the legendary Afghan Leader. Webster University Press, St. Louis MO 2009, ISBN 978-0-9821615-0-0.
  13. siehe Video
  14. Steve Coll: Ghost Wars. The secret History of the CIA, Afghanistan, and bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001. Penguin Books, London 2005, ISBN 0-14-102080-6, S. 14.
  15. Documents Detail Years of Pakistani Support for Taliban, Extremists. George Washington University. 2007. Abgerufen am 21. Januar 2011.
  16. a b c Inside the Taliban. National Geographic. 2007. Abgerufen am 21. Januar 2011.
  17. History Commons. History Commons. 2010. Abgerufen am 21. Januar 2011.
  18. a b c Afghanistan resistance leader feared dead in blast. Ahmed Rashid in the Telegraph. 2001. Abgerufen am 21. Januar 2011.
  19. The Taliban's War on Women. A Health and Human Rights Crisis in Afghanistan. Physicians for Human Rights. 1998. Abgerufen am 21. Januar 2011.
  20. a b c d Newsday: Taliban massacres outlined for UN. Chicago Tribune. October 2001. Abgerufen am 21. Januar 2011.
  21. a b c d Newsday: Confidential UN report details mass killings of civilian villagers. newsday.org. 2001. Abgerufen am 12. Oktober 2001.
  22. a b Steve Coll: Ghost Wars. The secret History of the CIA, Afghanistan, and bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001. Penguin Books, New York NY 2004, ISBN 1-59420-007-6.
  23. a b c Massoud in the European Parliament 2001. EU media. 2001. Abgerufen am 21. Januar 2011.
  24. Inside the Taliban. National Geographic. 2007. Abgerufen am 21. Januar 2011.
  25. Defense Intelligence Agency (2001) report http://www.gwu.edu/~nsarchiv/NSAEBB/NSAEBB97/tal31.pdf