Guter Hirte

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zu anderen Bedeutungen siehe Der gute Hirte
Jesus, der gute Hirte; Fresko in der Calixtus-Katakombe, Rom
Kirchenfenster in Woppenroth „Der gute Hirte“ (Joh 10,1–30 LUT) / „Das wiedergefundene Schaf“ (Lk 15,1–7 LUT)

Guter Hirte bzw. der gute Hirte (griech. ὁ ποιμὴν ὁ καλὸς ho poimen ho kalos, lat. pastor bonus) ist im Christentum eine der ältesten und verbreitetsten Bezeichnungen für Jesus Christus. Das Bild begegnet aber auch schon in vorneutestamentlicher Zeit. „Der H[irt] hat wie bei allen gehobenen Nomaden, so auch in Israel religiösen Symbolcharakter.“[1]

Christliche Bibel[Bearbeiten]

Altes Testament[Bearbeiten]

Im Alten Testament ist das Hirtenbild verbreitet, Abel,[2] Abraham,[3] Isaak[4] oder Jakob[5] waren Hirten. Mose wurde als Hirte seines Volkes angesehen.[6] Es wurden verheißene Führer des Volkes einerseits, verantwortungslose Könige und Richter andererseits als gute oder schlechte Hirten[7] bezeichnet. Die bedeutendste Rolle als Hirte nahm David ein.[8] Dem messianischen Hirten „mein Knecht David“, der das getrennte Volk vereinigen würde, schlägt aber Ablehnung und Mord entgegen.[9]

Vielfach wird das Hirtenbild unmittelbar auf Gott bezogen.[10] Besonders findet sich das Bild aber im Psalm 23, dem „Hirtenpsalm“ sowie in Jer 31,10 EU[1].

Neues Testament[Bearbeiten]

Der gute Hirte. Mosaik im Mausoleum der Galla Placidia, Ravenna, 1. Hälfte 5. Jh.

In einer der großen Gleichnisreden des Johannesevangeliums (Kap. 10,1–18 LUT) sagt Jesus von sich selbst: „Ich bin der gute Hirte“ (Joh 10,11.14 LUT) und führt das Bildwort unter verschiedenen Aspekten aus: Der gute Hirte kennt die Schafe und ruft sie einzeln beim Namen. Die Schafe erkennen ihn an der Stimme. Bis zur Hingabe des eigenen Lebens setzt sich der gute Hirte im Gegensatz zum Lohnhüter für die Herde ein. Den Hintergrund der allegorischen neutestamentlichen jesuanischen Hirtenworte (Joh 9,35–41 EU; 10,22–30 LUT) bildet das Hirtenmotiv des Alten Testaments, das auf Gott selbst bezogen ist. Die Darstellung von Juden in diesen Erzählungen, die Steine aufheben um Jesus zu steinigen, deutet darauf hin, dass Jesus, gemäß dem Johannesevangelium seine Göttlichkeit andeutete, was als schwerste Gotteslästerung galt. Indirekt erscheint der Hirtentitel auch in der Erzählung vom verlorenen und geretteten Schaf (Mt 18,12–14 EU par. Lk 15,1–7 LUT): Nicht den 99 anderen Schafen, sondern dem einen verlorenen, dem Sünder, gilt sein Suchen.

Einen Gegenpol hat die Allegorie Jesu als dem guten Hirten in dem des „Lammes Gottes“. Hier erscheint Jesus als makelloses Lamm, das zur Vergebung der Sünden geopfert wird.[11]

Hirtenmotive[Bearbeiten]

Das Hirtenbild wurde vorchristlich im ganzen Alten Orient (Sumerer, Akkadier, Assyrer, Babylonier, Ägypter) und auch bei Griechen und Römern auf Herrscher und Verantwortungsträger aller Art angewendet. Das Christentum bezieht das Bild der Hirten der Kirche auf das Amt des Bischofs. Das lateinische Wort Pastor ist v.a. in Norddeutschland zur Bezeichnung des Pfarrers geworden. Versinnbildlicht wird das Bild des guten Hirten durch die liturgische Insigne des Palliums, das vom Papst und den Metropoliten der katholischen Kirche bei der Heiligen Messe getragen wird. Dieses symbolisiert das wiedergefundene Schaf, das der gute Hirte auf den Schultern trägt. Das Äquivalent der orthodoxen Kirche zum Pallium ist das Omophorion.

Oberhirte[Bearbeiten]

Guter Hirte ist ein beliebtes Patrozinium für Kirchen – hier die Guthirt-Kirche in Zürich

Im allgemeinen Sprachgebrauch ist die Bezeichnung Oberhirte verbreitet. Oberhirte, könnte im entfernten Sinne, aus dem lateinisch magister pecoris[12] abgeleitet worden sein. Oberhirte steht in der Regel für einen in der kirchlichen Hierarchie über den anderen stehenden Amtsträger. So bezeichnet man den Bischof als den Oberhirten seines Bistums und den Papst als den Oberhirten der katholischen Kirche. Mit dem „obersten Hirten“ (1 Petr 5,4 EU) ist Jesus Christus gemeint. Der Oberhirte soll wie der gute Hirte die ihm anvertraute Gemeinde behüten und im Notfall unter Einsatz des eigenen Lebens schützen.

Guthirtensonntag im Kirchenjahr[Bearbeiten]

Seit die Alte Kirche die Evangelienlesungen für die einzelnen Sonntage festgelegt hatte, stand der 2. Sonntag nach Ostern (Misericordias Domini) im Zeichen des guten Hirten (so bis heute in der lutherischen und reformierten wie auch in der alt-katholischen Kirche). Die römisch-katholische Kirche verlegte mit der Liturgiereform den Sonntag des guten Hirten auf den vierten Sonntag der Osterzeit, um die ersten drei Sonntage den eigentlichen Osterevangelien (Begegnungen mit dem Auferstandenen) vorzubehalten.

Kunst[Bearbeiten]

In der christlichen Kunst ist der Hirte mit dem verlorenen Schaf auf den Schultern die älteste Christusdarstellung überhaupt, häufig in den römischen Katakomben[13]. Da dieses Motiv bereits in vorchristlichen Schäferszenen beliebt war und auch in den Totenkult Eingang gefunden hatte (s. Mithraismus), ist oft nicht eindeutig zu klären, ob es sich bereits um ein christliches Zeugnis handelt.

Im 19. Jahrhundert erlebte das Bild eine Renaissance und wurde in vielfältigen Variationen als Kunstdruck im Nazarener Stil zum beliebten Wohn- und Schlafzimmerschmuck.

Gegenüber der westkirchlichen Tradition kennt „die Kunst des christlichen Ostens […] das Bild vom Guten H[irten]“ praktisch nicht.[14]

Ursprung der künstlerischen Darstellungen[Bearbeiten]

Die Darstellungen des Guten Hirten haben ihren Ursprung in älteren Darstellungen von Tierträgern wie dem Kalbträger und dem Widderträger.[15] [16][17]

Der griechische Gott Hermes wurde unter anderem als kriophoros bezeichnet. [15][17] In den römischen Katakomben findet man häufig pagane Darstellungen neben frühchristlichen, wobei der Übergang oft fließend ist.[18]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Fischer u.a. (Hrsg.): Das Motiv des guten Hirten in Theologie, Literatur und Musik. Mainzer hymnologische Studien 5. Francke, Tübingen u.a. 2002; ISBN 3-7720-2915-9.
  • Gerd Heinz-Mohr: Artikel „Hirt“. In: Gerd Heinz-Mohr: Lexikon der Symbole: Bilder und Zeichen der christlichen Kunst. Eugen Diederichs, München, 198810; ISBN 3-424-00943-1; S. 136–138
  • Anton Legner: Artikel „Hirt, Guter Hirt“. In: Engelbert Kirschbaum (Hrsg.): Lexikon der christlichen Ikonographie, Band 2. Herder, Freiburg im Breisgau u. a., 1970; ISBN 3-451-22568-9; S. 290–299

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Der Gute Hirte – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Manfred Lang: Art. Hirte; in: WiBiLex. Das Bibellexikon; Stand: Juni 2010

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Heinz-Mohr: Hirt, S. 136.
  2. Gen 4,2 EU
  3. Gen 13,2 EU
  4. Gen 27,9 EU
  5. Gen 30,31 EU
  6. Jes 63,11 EU; Num 27,17 EU
  7. Jer 23,1–4 EU; Hes 34 EU
  8. 1 Sam 16,19 EU; 17,15.28 EU; 2 Sam 7,8 EU, Ps 78,70–72 EU
  9. Sach 13,7 EU
  10. Gen 48,15 EU; Ps 23, Ps 80; Ps 95; Jes 40,11 EU; Jer 31,10 EU
  11. Mt 26,31–32 EU par. Mk 14,27–28 EU
  12. Georges, 1910 (zeno.org)
  13. Legner, Sp. 289.
  14. Heinz-Mohr, S. 137.
  15. a b Peter and Linda Murray, The Oxford Companion to Classical Art and architecture, S. 475: "Thus we find philosophers holding scrolls or a Hermes Kriophoros which can be turned into Christ giving the Law (Traditio Legis) and the Good Shepherd respectively."
  16. [1] Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst: Widderträger
    "Dass ein Christ sich beim Anblick des Bildes der neutestamentlichen Gleichnisse erinnern konnte, die vom Guten Hirten berichten, der das verlorene Schaf auf seinen Schultern zur Herde zurückträgt, muss deswegen nicht in Frage gestellt werden. Viele in der Spätantike verwendete Bilder konnten bei Bedarf mit konkreten religiösen Inhalten verbunden werden oder wurden ihnen allmählich angepasst."
  17. a b Reinhard Herbig: Pan, der griechische Bocksgott - Versuch einer Monographie, Klostermann 1949, ISBN 978-3-465-00175-1, S.23 "Zu solcher Kunstdarstellung hat sicherlich einer seiner Väter, Hermes im Typus des Kriophoros-Widderträgers, Pate gestanden. In der Vorstellung des guten Hirten ist diese Form dann bekanntlich in den frühchristlichen Bilderkreis eingedrungen und hat dort ihren sinnbildlichen Charakter empfangen und bewahrt."
  18. Victor Schultze, Die Katakomben: Die Altchristlichen Grabstätten - Ihre Geschichte und Ihre Monumente, SEVERUS Verlag 2012 (Nachdruck von 1882), ISBN 978-3-942382-79-3, S.35 "Der Raum enthält drei Arkosolien von denen zwei mit Malereien geschmückt sind, welche, mit Ausnahme einer Darstellung, im christlichen Bilderkreise nicht nur keine Analogien haben, sondern sogar heidnische Gottheiten - Pluton, Merkur, die Parzen - und mythologische Scenen vorführen."