Jakob Michael Reinhold Lenz

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Jakob Michael Reinhold Lenz

Jakob Michael Reinhold Lenz (* 12. Januarjul./ 23. Januar 1751greg. in Seßwegen, Livland (heute Cesvaine, Lettland); † 24. Maijul./ 4. Juni 1792greg. in Moskau) war ein deutscher Schriftsteller des Sturm und Drang.

Leben[Bearbeiten]

J. M. R. Lenz wurde als Sohn des pietistischen Pfarrers (ab 1779 Generalsuperintendent von Livland) Christian David Lenz (1720–1798) in Seßwegen, ca. 150 km östlich von Riga, geboren. Im Alter von neun Jahren zog er mit seiner Familie nach Dorpat, wo der Vater eine Pfarrstelle erhalten hatte. Ein erstes Gedicht wurde veröffentlicht, als er 15 Jahre alt war. Von 1768–1770 studierte er mit einem Stipendium zunächst in Dorpat und dann an der Albertus-Universität Königsberg Theologie. In Königsberg hörte er auch Vorlesungen von Immanuel Kant, las auf dessen Anregung Jean-Jacques Rousseau, ging seinen literarischen Interessen nach und vernachlässigte die Theologie. Seine erste eigenständige Buchveröffentlichung, das Langgedicht Die Landplagen, erschien 1769.

1771 brach Lenz sein Studium in Königsberg ab und ging gegen den Willen des Vaters, der deswegen den Kontakt zu seinem Sohn abbrach, als Bediensteter der beiden kurländischen Barone und Offiziersanwärter Friedrich Georg und Ernst Nikolaus von Kleist, die ihren Militärdienst antreten wollten, nach Straßburg. Er kam dort in Kontakt zu dem Aktuarius Johann Daniel Salzmann, um den sich der intellektuelle Zirkel der Société de philosophie et de belles lettres gebildet hatte, in der auch der junge Johann Wolfgang von Goethe verkehrte, der sich zu dieser Zeit ebenfalls in Straßburg aufhielt und dessen Bekanntschaft wie auch die von Johann Heinrich Jung-Stilling hier Lenz machte. Goethe wurde darauf sein bewundertes künstlerisches Vorbild, über ihn entstand auch der Kontakt zu Johann Gottfried Herder und Johann Kaspar Lavater, mit denen er korrespondierte. Im folgenden Jahr 1772 zog er im Gefolge seiner Dienstherren nacheinander in die Garnisonen von Landau, Fort-Louis und Weißenburg. Er verliebte sich in Friederike Brion (Sesenheimer Lieder), die vormalige Geliebte Goethes, seine Gefühle blieben aber unerwidert. 1773 kehrte Lenz nach Straßburg zurück und nahm sein Studium wieder auf. 1774 gab er seinen Dienst bei den Brüdern Kleist auf, lebte als freier Schriftsteller und verdiente seinen Lebensunterhalt mit privater Lehrtätigkeit. Zu Goethe entwickelten sich nun freundschaftliche Beziehungen, dieser stellte Lenz bei einem Besuch beider in Emmendingen auch seiner Schwester Cornelia und ihrem Mann Johann Georg Schlosser vor.

Im April 1776 folgte Lenz Goethe an den Hof nach Weimar, wo ihn die Hofgesellschaft zunächst freundlich aufnahm. Aber bereits Anfang Dezember wurde er auf Betreiben Goethes wieder ausgewiesen. Der genaue Hintergrund ist nicht überliefert, Goethe, der danach den persönlichen Kontakt abbrach, erwähnt in seinem Tagebuch nur vage Lenzens Eseley.

Lenz ging darauf nach Emmendingen, wo er von Cornelia und Johann Georg Schlosser aufgenommen wurde. Von dort unternahm er verschiedene Reisen ins Elsass und in die Schweiz, unter anderem im Mai 1777 zu Lavater nach Zürich. Als er im Juni bei Lavater die Nachricht von Cornelia Schlossers Tod erfuhr, kehrte er nach Emmendingen zurück. Nach einem weiteren längeren Besuch bei Lavater kam es im November bei einem Aufenthalt in Winterthur bei Christoph Kaufmann zu einem Ausbruch seiner psychischen Krankheit, einer paranoiden Schizophrenie. Kaufmann schickte Lenz schließlich Mitte Januar 1778 zu dem Philanthropen, Sozialreformer und Pfarrer Johann Friedrich Oberlin im elsässischen Waldersbach, wo er sich vom 20. Januar bis 8. Februar aufhielt. Trotz der Fürsorge von Oberlin und seiner Frau verschlimmerte sich Lenz' geistiger Zustand. Danach ging Lenz wieder zu Schlosser nach Emmendingen und wurde dort bei einem Schuhmacher und einem Förster untergebracht.

Sein jüngerer Bruder Karl holte Lenz im Juni 1779 aus Hertingen, wo dieser bei einem Arzt in Behandlung war, ab und brachte ihn nach Riga, wo ihr Vater inzwischen zum Superintendenten aufgestiegen war. Er konnte dort aber beruflich nicht Fuß fassen: Der Versuch, Leiter der dortigen Domschule zu werden, scheiterte, Herder verweigerte dafür ein Empfehlungsschreiben. Auch in Sankt Petersburg, wo er sich von Februar bis September 1780 aufhielt, blieb er erfolglos. Er ging darauf als Hofmeister auf ein Gut bei Dorpat. Nach einem weiteren Aufenthalt in Sankt Petersburg im folgenden Jahr reiste Lenz im September 1781 nach Moskau, wo er zunächst bei dem Historiker Friedrich Müller Unterkunft fand und Russisch lernte. Er arbeitete als Hauslehrer, verkehrte in Kreisen russischer Freimaurer und Schriftsteller, beteiligte sich an der Ausarbeitung verschiedener Reformpläne und übersetzte Bücher zur russischen Geschichte ins Deutsche. Dabei verschlechterte sich sein psychischer Zustand immer mehr. Zuletzt überlebte er nur durch die Unterstützung russischer Gönner.

Am frühen Morgen des 24. Maijul./ 4. Juni 1792greg. wurde Lenz tot in einer Moskauer Straße aufgefunden. Der Ort seines Grabes ist unbekannt.

Lenz als literarische Figur[Bearbeiten]

Georg Büchner verarbeitet Lenz' Besuch bei dem evangelischen Pfarrer Johann Friedrich Oberlin im Steintal (in den Vogesen) zu seiner Novelle Lenz. Lenz hatte Oberlin auf Vorschlag von Kaufmann aufgesucht, da dieser als Seelsorger und Psychologe bekannt war. Oberlins Bericht über die Ereignisse um Lenz in dieser Zeit diente Büchner als Quelle zu seiner Erzählung. Diese wiederum ist die Vorlage für Wolfgang Rihms Kammeroper Jakob Lenz.

In jüngerer Zeit haben die Schriftsteller Peter Schneider in seiner Erzählung Lenz (1973) und Gert Hofmann mit der Novelle Die Rückkehr des verlorenen J.M.R. Lenz nach Riga (1984) Lenz' Leben literarisch verarbeitet.

Zu erwähnen ist zudem der Roman Der rote Domino aus dem Jahre 2002 von Marc Buhl, der die Freundschaft zwischen Goethe und Lenz und deren abruptes Ende durch Lenzens Eseley als Ausgangspunkt für eine Kriminalgeschichte nutzt.

Der Lenz in der Darstellung von Georg Büchner ist auch Bezugsfigur im Roman Lena in Waldersbach (2012) von Eduard Habsburg.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Dramen[Bearbeiten]

  • Der verwundete Bräutigam (Drama), entstanden 1766
  • Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung (Komödie), 1774
  • Der neue Menoza oder Geschichte des cumbanischen Prinzen Tandi (Komödie), 1774
  • Die Soldaten (Komödie), 1776
  • Pandämonium Germanicum (Eine Skizze), entstanden 1775, posthum veröffentlicht 1819
  • Die Freunde machen den Philosophen (Komödie), 1776
  • Die beiden Alten (Familiengemälde), 1776
  • Der Engländer – Eine dramatische Phantasey, 1777
  • Die Sizilianische Vesper (historisches Gemälde), 1782
  • Myrsa Polagi oder Die Irrgärten (Komödie), 1782

Übersetzungen und Überarbeitungen[Bearbeiten]

  • Amor vincit omnia (Übersetzung von Shakespeares Drama Loves Labour’s Lost), 1774
  • Coriolan (Übersetzung von Shakespeares Drama Coriolanus), entstanden 1774/75
  • Das Väterchen (Lustspiel nach Plautus Asinaria), im Druck 1773/74
  • Die Aussteuer (Lustspiel nach Plautus Aulularia), 1774
  • Die Entführung (Lustspiel nach Plautus Miles gloriosus), entstanden 1772
  • Die Buhlschwester (Lustspiel nach Plautus Truculentus), entstanden 1772
  • Die Türkensklavin (Lustspiel nach Plautus Curculio)

Prosa[Bearbeiten]

  • Moralische Bekehrung eines Poeten, entstanden 1775
  • Zerbin oder die neuere Dichtung (Erzählung), 1776
  • Der Landprediger (Erzählung), 1777
  • Etwas über Philotas Charakter , 1781
  • Der Waldbruder ein Pendant zu Werthers Leiden (Fragment eines Briefromans), 1797

Theoretische Schriften[Bearbeiten]

  • Entwurf eines Briefes an einen Freund, der auf Akademieen Theologie studiert, entstanden 1771/72
  • Versuch über das erste Principium der Moral, entstanden 1771/72
  • Supplement zur Abhandlung vom Baum des Erkenntnisses Gutes und Bösen, entstanden 1771/72, Teildruck 1780
  • Über die Natur unsers Geistes, entstanden 1771/73
  • Zweierlei über Virgils erste Ekloge, 1773
  • Über Götz von Berlichingen, entstanden 1773/75
  • Anmerkungen übers Theater nebst angehängten übersetzten Stück Shakespears , 1774
  • Briefe über die Moralität der Leiden des jungen Werthers, entstanden 1774/75, galt lange Zeit als verschollen, posthum veröffentlicht 1918
  • Verteidigung der Verteidigung des Übersetzers der Lustspiele, entstanden 1774
  • Über Ovid, entstanden 1755
  • Über die Bearbeitung der deutschen Sprache im Elsaß, Breisgau und den benachbarten Gegenden, entstanden 1775
  • Über die Vorzüge der deutschen Sprache, 1755
  • Über den Zweck der Neuen Straßburger Gesellschaft, entstanden 1775
  • Von Shakespeares Hamlet, entstanden 1775/76
  • Über die Soldatenehen, entstanden 1776
  • Verteidigung des Herrn W. gegen die Wolken – von dem Verfasser der Wolken, 1776
  • Über die Veränderung des Theaters im Shakespeare, 1776
  • Das Hochburger Schloß, 1777

Literatur[Bearbeiten]

Werkausgaben[Bearbeiten]

  • Werke und Briefe. Drei Bände, Herausgegeben von Sigrid Damm. Insel Verlag [Lizenzausgabe im Hanser Verlag], Leipzig [München/Wien] 1987, ISBN 3-446-14665-2.
  • Werke. Ausgewählt und kommentiert von Karin Lauer, Hanser Verlag, München/Wien 1992, ISBN 3-446-16338-7.
  • Werke. Herausgegeben von Friedrich Voit. Reclam Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3-15-008755-4, Auswahlband.
  • Werke. Faksimiles der Erstausgaben seiner zu Lebzeiten selbständig erschienenen Texte. Herausgegeben von Christoph Weiß, 12 Bände, Röhrig Verlag, St. Ingbert 2001, ISBN 3-86110-071-1.
  • Moskauer Schriften und Briefe. Herausgegeben und kommentiert von Heribert Tommek. Text- und Kommentarband. Weidler Buchverlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-89693-486-4.

Einzelausgaben[Bearbeiten]

  • Jacob Michael Reinhold Lenz: Als Sr. Hochedelgebohrnen der Herr Professor Kant den 21sten August 1770 für die Professor-Würde disputierte. Faksimile des Erstdrucks Königsberg 1770. Hrsg. von Christoph Weiß. Wehrhahn Verlag, Laatzen 2003, ISBN 3-932324-68-4.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Sigrid Damm: Vögel, die verkünden Land. Das Leben des Jakob Michael Reinhold Lenz. Insel, Frankfurt 1992, ISBN 3-458-33099-2. Biografie
  • Jean Firges: Büchner, Lenz, Celan: Der Gang durchs Gebirg. Gespräch im Gebirg. (= Exemplarische Reihe Literatur und Philosophie. 29). Sonnenberg, Annweiler 2010, ISBN 978-3-933264-58-9.
  • Gert Hoffmann: Die Rückkehr des verlorenen Michael Reinhold Lenz nach Riga. 1981.
  • Curt Hohoff: J. M. R. Lenz. Rowohlt, Reinbek 1977, ISBN 3-499-50259-3. Biografie (nicht aktuell)
  • Matthias Luserke: Jakob Michael Reinhold Lenz: Der Hofmeister; Der neue Menoza; Die Soldaten. W. Fink, München 1993, ISBN 3-8252-1728-0.
  • Andreas Meier: Jakob Michael Reinhold Lenz: Vom Sturm und Drang zur Moderne. Winter, Heidelberg 2001, ISBN 3-8253-1238-0.
  • Peter Müller (Hrsg.): Jakob Michael Reinhold Lenz im Urteil dreier Jahrhunderte. Texte der Rezeption von Werk und Persönlichkeit; 18.–20. Jahrhundert. 4 Bände. Hrsg. von Peter Müller unter Mitarbeit von Jürgen Stötzer. Peter Lang Verlag, Bern u. a. 1995–2005, ISBN 3-03910-473-X.
  • Peter Schneider: Lenz. Eine Erzählung. Rotbuch, Berlin 1973 u.ö. (Rotbuch 104)
  • Hans-Gerd Winter: Jakob Michael Reinhold Lenz. (= Sammlung Metzler. 233). 2., überarb. und aktual. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2000, ISBN 3-476-12233-6.
  • Wolfgang Wittkowski: Lenz, Jakob. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 14, Duncker & Humblot, Berlin 1985, ISBN 3-428-00195-8, S. 226–231 (Digitalisat).
  • Lenz-Jahrbuch. Sturm-und-Drang-Studien. Röhrig, St. Ingbert, ISSN 0940-7499.
  • Volker Ebersbach: Fünf Etüden über eine Eseley - Goethe und Lenz. Boldt-Literaturverlag, Winsen/Luhe/ Weimar 1994, ISBN 3-928788-10-8.

Filmographie[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Jakob Michael Reinhold Lenz – Quellen und Volltexte
 Commons: Jacob Michael Reinhold Lenz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien