Mary Wigman

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Dieser Artikel beschäftigt sich mit der deutschen Tänzerin und Choreografin. Für die deutsche Malerin siehe Marie Wiegmann.
Mary Wigman,
Fotografie von Abraham Pisarek, 1946

Mary Wigman (* 13. November 1886 in Hannover; † 19. September 1973 in Berlin; eigentlich Karoline Sofie Marie Wiegmann) war eine deutsche Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin. Sie machte den Ausdruckstanz als New German Dance international bekannt.

Sie gilt als eine der einflussreichsten Wegbereiterinnen des rhythmisch-expressiven Ausdruckstanzes, der in den Jahren zwischen 1920 und 1935 nicht nur in Deutschland seine Blütezeit erlebte.

Leben[Bearbeiten]

Anfänge[Bearbeiten]

Marie Wiegmann war die Tochter eines Fahrradhändlers. Bereits als Kind wurde sie Mary gerufen, „weil doch die Hannoveraner einmal Könige von England waren und der Welfenstolz den Niedergang des Königreiches Hannover zur preußischen Provinz nie ganz verwunden hat.“[1] Zu ihren ersten Auftritten passte sie den Familiennamen als „Wigman“ dem englischen Vornamen an, sprach ihn jedoch deutsch „Wiggmann“ aus.

Sie verbrachte ihre Jugend in Hannover, England, den Niederlanden und Lausanne. Wigman studierte 1910-1911 in Hellerau bei Émile Jaques-Dalcroze und bei Suzanne Perrottet rhythmische Gymnastik, fühlte sich dort jedoch künstlerisch unbefriedigt: Wie Suzanne Perrottet suchte auch Mary Wigman nach von Musik unabhängigen Bewegungen und selbständigem Körperausdruck. [2] Danach hielt sie sich in Rom und Berlin auf. Auf Anraten des Malers Emil Nolde trat sie 1913 in Rudolf von Labans Schule für Kunst auf dem Monte Verità in der Schweiz ein. Laban war wesentlich an der Entwicklung des modernen Ausdruckstanzes beteiligt (Labanotation).

In München zeigte sie ihre ersten öffentlichen Tänze Hexentanz I, Lento und Ein Elfentanz. Sie blieb während des Ersten Weltkrieges in der Schweiz bei Laban als dessen Assistentin und unterrichtete in Zürich und Ascona. 1917 bot sie in Zürich drei verschiedene Programme, unter anderem mit den Tänzen Der Tänzer unserer lieben Frau, Das Opfer, Tempeltanz, Götzendienst und Vier ungarische Tanze nach Johannes Brahms. Dieses Programm führte sie erneut 1919 in Zürich und später in Deutschland auf. Erst die Aufführungen in Hamburg und Dresden brachten ihr den großen Durchbruch.

Die Zeit der Weimarer Republik[Bearbeiten]

Wigmans Schulgebäude an der Bautzner Straße
Gedenktafel am Schulgebäude
Ernst Ludwig Kirchner: Totentanz der Mary Wigman, 1926–28

Im Jahr 1920 eröffnete sie selber eine Schule für modernen Tanz an der Bautzner Straße in Dresden. In der Dresdner Zeit hatte Wigman Kontakte zur lebendigen Kunstszene der Stadt, beispielsweise zu Ernst Ludwig Kirchner. Ab 1921 fanden erste Aufführungen mit ihrer Tanzgruppe statt. 1923 im Berliner Botanischen Garten gemachte Filmaufnahmen der Gruppe mit Ausschnitten von Szenen aus einem Tanzdrama wurden 1925 in dem Film Wege zu Kraft und Schönheit veröffentlicht. Die Schule in der Bautzner Straße in Dresden ist heute die kleine Bühne (Kleine Szene) der Sächsischen Staatsoper Dresden.

Ihr berühmtester männlicher Schüler war Harald Kreutzberg. Berühmte Schülerinnen waren unter anderen Gret Palucca, Hanya Holm, Yvonne Georgi, Margherita Wallmann, Lotte Goslar, Birgit Akesson und Hanna Berger. Dore Hoyer, die den Ausdruckstanz einer Wigman und Palucca weiter entwickelte, arbeitete mehrfach mit Mary Wigman zusammen, war jedoch nie ihre Schülerin. Zu Wigmans Schülern zählte auch Ursula Cain.

Auf Tourneen bereiste Mary Wigman mit ihrer gegründeten Kammertanzgruppe Deutschland und die Nachbarländer. 1928 trat sie erstmals in London und 1930 in den USA auf. Wigman war in den 1920er Jahren das Idol einer Bewegung, die den Tanz aus der Unterordnung unter die Musik lösen wollte. Nur selten tanzte sie zu nicht für sie komponierter Musik. Es wurde oft lediglich mit der Begleitung durch Gongs oder Trommeln und in seltenen Fällen ganz ohne Musik getanzt, was besonders in intellektuellen Kreisen auf großen Anklang stieß.

Wigman kreierte unablässig neue Solotänze, darunter Tänze der Nacht, Der Spuk, Vision (alle 1920), Tanzrhythmen I und II, Tänze des Schweigens (alle 1920–23), Die abendlichen Tänze (1924), Visionen (1925), Helle Schwingungen (1927), Schwingende Landschaft (1929) und Das Opfer (1931). Gruppentänze trugen die Titel Die Feier I (1921), Die sieben Tänze des Lebens (1921), Szenen aus einem Tanzdrama (1923/24), Raumgesänge (1926), Die Feier II (1927/28) und Der Weg (1932).

1930 wirkte sie beim Münchner Tänzerkongress als Choreografin und Tänzerin in dem von Albert Talhoff geschaffenen Chorwerk Das Totenmal zu Ehren der Toten im Ersten Weltkrieg mit. Zu Beginn der 1930er Jahre hatte Wigman allein in Dresden 360 Schüler, an den Filialen einschließlich der in New York wurden weitere 1.500 Schüler unterrichtet. Der Ingenieur und Siemens-Manager Hanns Benkert[3] half ihr nebenberuflich bei der Verwaltung dieser großen Organisation und wurde zwischen 1930 und 1941 auch ihr Lebenspartner. Mary Wigman ist von vielen namhaften Fotografen tanzend und in Portraits aufgenommen worden, darunter Hugo Erfurth, Charlotte Rudolph, Albert Renger-Patzsch und Siegfried Enkelmann. Die hier abgebildete Sonderbriefmarke der deutschen Bundespost geht auf ein Foto von Renger-Patzsch zurück. Ernst Ludwig Kirchner schuf Mitte der 1920er Jahre das Gemälde Totentanz der Mary Wigman.

Die Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wirkte sich umgehend durch das neue Gesetz Gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen vom 25. April 1933 auf die Schule aus. Mary Wigman erlangte zunächst eine Ausnahmeregelung, indem ihr für den Lehrgang ab September 1933 „ausnahmsweise 5% Schülerinnen nicht-arischer Abstammung“ genehmigt wurden.[4] Im Laufe der folgenden Jahre waren jedoch auch Schülerinnen wie die Jüdin und Berliner Primaballerina Ruth Abramowitsch zur Emigration gezwungen, ebenso wie das Mitglied ihrer Compagnie Pola Nirenska (1910-1992)[5], die Wigman noch 1935 bei einem Vortanzabend der Schule auftreten ließ und als Lehrerin für einen Sommerkurs engagieren wollte, woraufhin ihr 1935 und 1937 „Judenfreundlichkeit“ vorgehalten wurde.[6] Die Wigman-Schule wurde 1933 Mitglied im Kampfbund für deutsche Kultur, Wigman selbst übernahm 1933-1934 die Ortsgruppenleitung der „Fachschaft Gymnastik und Tanz“ im Nationalsozialistischen Lehrerbund, notierte aber beispielsweise „Ortsgruppensitzung – zum Kotzen!“ in ihrem Tagebuch.[7] Mit Schicksalslied (1935) und Herbstliche Tänze (1937) entstanden weitere Solotänze. 1936 choreografierte sie mit einer Gruppe von 80 Tänzern die Totenklage für das Festspiel Olympische Jugend anlässlich der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele 1936.

1942 musste sie ihre Dresdner Schule verkaufen. Sie erhielt einen Gastlehrervertrag an der Abteilung Tanz der Hochschule für Musik in Leipzig. Im selben Jahr trat sie letztmals als Solotänzerin mit Abschied und Dank auf.

Die Nachkriegszeit[Bearbeiten]

100. Geburtstag von Mary Wigman: deutsche Briefmarke 1986
Mary Wigman, 1959
(links) mit der Schülerin Nahami Abbell
Stadttafel in Hannover am Elternhaus

Nach 1945 begann sie erneut mit einer Leipziger Schule und inszenierte 1947 an der Oper Leipzig eine Aufsehen erregende Vorführung von Orpheus und Eurydike mit ihren Schülern. 1949 ließ sich Mary Wigman in West-Berlin nieder, wo sie eine neue Ausdruckstanzschule gründete, das Mary-Wigman-Studio.

Mit ihrer Gruppe bot sie Chorische Studien (1952) und Chorische Szenen (1953) dar. 1953 trat sie bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zusammen mit ihren Schülern in Die Seherin ein letztes Mal selbst auf. Am Nationaltheater Mannheim choreographierte und inszenierte sie Saul (1954), Carl Orffs Catulli Carmina (1955) und Alkestis (1958), an der Städtischen Oper Berlin Sacre du printemps (1957) und zuletzt Orpheus und Eurydike (1961, Regisseur: Gustav Rudolf Sellner).

1953 erhielt sie das Verdienstkreuz (Steckkreuz) der Bundesrepublik Deutschland, 1954 den Schillerpreis der Stadt Mannheim. 1967 schloss sie ihr Berliner Studio und widmete sich der Vortragstätigkeit im In- und Ausland. Mary Wigman starb 1973 und wurde in einem Urnengrab auf dem Ostfriedhof Essen beigesetzt.

Tanztechnik und Improvisation basierend auf dem Wigmanstil unterrichtet heute noch ihre Schülerin Katharine Sehnert. In Dresden und Mannheim wurden jeweils eine Straße nach Mary Wigman benannt. In Hannover wurde an ihrem früheren Wohnhaus in der Schmiedestraße 18 eine Hinweistafel angebracht.[8]

Archivalienbestände zu Mary Wigman in öffentlichen Sammlungen:

  • Mary Wigman Archiv in der Akademie der Künste, Berlin. (Manuskripte, choreographische Aufzeichnungen, Tagebücher, Skizzen, Briefe an sie, Hunderte Fotos, ferner Programme, Drucksachen, Kritiken, Bücher etc.)
  • Mary Wigman Familienarchiv im Deutschen Tanzarchiv Köln. (Manuskripte, Diplome und Urkunden, Skizzen, ca. 1.300 Briefe von ihr, Hunderte Fotos, ferner Programme, Kritiken, Bücher, Tanzmasken, Musikinstrumente, Kunstwerke etc.)[9]
  • Mary Wigman Sammlung im Tanzarchiv Leipzig.
  • weitere Bestände: im Stadtarchiv Dresden (Akten der Schule);[10] im Albert Renger-Patzsch Archiv der Stiftung Ann und Jürgen Wilde / Pinakothek der Moderne, München.

Tänzerische Werke und Choreographien[Bearbeiten]

Einen Überblick über ihre Werke bietet das aktualisierte Werkverzeichnis ihrer Biographin Hedwig Müller.[11] Auf der Tanzbühne lebendig sind heute vor allem noch ihr solistischer "Hexentanz" (2. Version, 1926), da er als – wenn auch fragmentarischer – Film vorliegt, und ihre Choreographie des Sacre du Printemps (Deutsche Oper Berlin 1957), die 2013 von den Theatern Osnabrück und Bielefeld rekonstruiert wurde (2014 beim Bayerischen Staatsballett München).

Mary Wigman Stiftung[Bearbeiten]

Die Mary Wigman Gesellschaft e.V., die sich jahrzehntelang für die Geschichte und Zukunft des modernen Tanzes eingesetzt, die Zeitschrift Tanzdrama herausgegeben und etliche Symposien veranstaltet hat, wurde 2013 in eine Mary Wigman Stiftung umgewandelt.[12] Diese ist beim Deutschen Tanzarchiv Köln angesiedelt, wo auch die Nutzungsrechte an den Werken Mary Wigmans liegen.[13]

Schriften[Bearbeiten]

  • Die sieben Tänze des Lebens. Tanzdichtung. Diederichs, Jena 1921.
  • Komposition. Seebote, Überlingen o.J. (1925).
  • Deutsche Tanzkunst. Reißner, Dresden 1935.
  • Die Sprache des Tanzes. Battenberg, Stuttgart 1963; Neuauflage: Battenberg, München 1986, ISBN 3-87045-219-6.

Literatur[Bearbeiten]

  • Rudolf von Delius: Mary Wigman. Carl Reissner, Dresden 1925.
  • Kurt Linder: Die Verwandlungen der Mary Wigman. Urban-Verlag, Freiburg im Breisgau 1929.
  • Rudolf Bach: Das Mary Wigman Werk. Carl Reissner, Dresden 1933.
  • Georg Zivier: Harmonie und Ekstase: Mary Wigman. Akademie der Künste, Berlin 1956.
  • Dianne Shelden Howe: Manifestations of the German Expressionist Aesthetic as presented in Drama and Art in the Dance and Writings of Mary Wigman. Phil.Diss., University of Wisconsin – Madison, 1985.
  • Walter Sorell: Mary Wigman – ein Vermächtnis. Noetzel, Wilhelmshaven 1986. ISBN 3-7959-0464-1.
  • Hedwig Müller: Die Begründung des Ausdruckstanzes durch Mary Wigman. Phil.-Diss., Köln 1986.
  • Hedwig Müller: Mary Wigman. Leben und Werk der großen Tänzerin. Hrsg. von der Akademie der Künste Berlin. Quadriga, Weinheim 1986 und 1992, ISBN 3-88679-148-3.
  • Dietrich Steinbeck (Hrsg.): Mary Wigmans Choreographisches Skizzenbuch. 1930-1961. München – Leipzig – Mannheim – Berlin. Edition Hentrich, Berlin 1987.
  • Susan Allene Manning: Body Politics: The Dances of Mary Wigman. Phil.Diss., Columbia University 1987.
  • Gabriele Fritsch-Vivié: Mary Wigman. Rowohlt, Reinbek 1999, ISBN 3-499-50597-5.
  • Claudia Gitelman (ed.): Liebe Hanya. Mary Wigman's Letters to Hanya Holm. The University of Wisconsin Press, Madison 2003.
  • Ursula Pellaton: Mary Wigman. In: Andreas Kotte (Hrsg.): Theaterlexikon der Schweiz. Band 3, Chronos, Zürich 2005, ISBN 3-0340-0715-9, S. 2104.
  • Angela Rannow, Ralf Stabel (Hrsg.): Mary Wigman, eine Künstlerin in der Zeitenwende. Verlag Tanzwissenschaft e.V., Dresden 2006, ISBN 3-9803626-4-7.
  • Heide Lazarus (Hrsg.): Die Akte Wigman / The Wigman File. Eine Dokumentation der Mary Wigman-Schule-Dresden (1920-1942) mit regionalen Archivdokumenten, Prospekten, kompletter Zeitschriftenreproduktion "Die Tanzgemeinschaft" (1929/30), Hörspielauszug (1932), Kontextbeiträgen in Deutsch und Englisch. (CD-ROM). Olms, Hildesheim/Zürich/New York 2006.
  • Susan Manning: Ecstasy and the Demon: The Dances of Mary Wigman. [1993] Neuausgabe. University of Minnesota Press 2006, ISBN 978-0-8166-3802-4 und ISBN 0-8166-3802-0.
  • Mary Anne Santos Newhall: Mary Wigman. Routledge Verlag, London und New York 2009.

Film[Bearbeiten]

  • Mary Wigman – die Seele des Tanzes. Dokumentation, Deutschland/USA, 2007, 51 Min., Buch und Regie: Christof Debler, Norbert Busè, Produktion: ZDF, Erstausstrahlung: 23. Juni 2008 (s. Inhaltsangabe von arte); DVD 2014.

Mary-Wigman-Preis[Bearbeiten]

Mit dem Mary-Wigman-Preis ehrt die Stiftung zur Förderung der Semperoper seit 1993 herausragende Künstler oder Ensembles, die der Sächsischen Staatsoper angehören oder angehörten. Die Ehrung erfolgt jährlich im Rahmen einer Gala – dem Preisträgerkonzert der Stiftung. Erster Preisträger im Jahr 1993 war Stephan Thoss. Von 2006 bis 2012 wurde der Preis nicht vergeben. [14]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Mary Wigman – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Müller 1986, S. 11
  2. Giorgio J. Wolfensberger: Suzanne Perrottet - ein bewegtes Leben. Benteli Verlag Bern und Quadriga Verlag Weinheim / Berlin. ISBN 3-88679-246-3
  3. bei dnb
  4. Fritsch-Vivié 1999, S. 92
  5. Biografisches und Link zum Nachlass von Pola Nirenska
  6. Müller 1986, S. 241
  7. Mary Wigman Archiv der Akademie der Künste Berlin, zitiert nach Fritsch-Vivié 1999, S. 97
  8. Mary Wigman – Ehrung mit Stadttafel durch die Landeshauptstadt Hannover, abgerufen am 2. März 2010
  9. Bestandsübersicht
  10. veröffentlicht auf der CD-ROM von Heide Lazarus
  11. Werkverzeichnis.
  12. Irene Sieben, in: Tanz, Januar 2012, S. 58. Siehe auch: Mary Wigman Stiftung
  13. Webseite zu Mary Wigmans Nutzungsrechten.
  14. Mary-Wigman-Preis