Pierre Vogel

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Pierre Vogel während einer Kundgebung in Freiburg 2014

Pierre Vogel (auch Abu Hamza;[1] * 20. Juli 1978 in Frechen) ist ein deutscher islamistischer Prediger. Er war Mitglied des inzwischen aufgelösten[2] salafistischen Vereins Einladung zum Paradies (kurz EZP), der vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Sicherheitsbehörden halten Vogel, der selber vom evangelischen Glauben zum Islam konvertiert ist, für eine der einflussreichsten Personen der deutschen Konvertitenszene.[3] Verschiedene deutsche Medien bezeichnen ihn als islamistisch[4][5] oder als islamistischen Hassprediger.[5][6]

Leben

Pierre Vogel ist evangelisch getauft und konfirmiert und besuchte eine römisch-katholische Bekenntnisschule.[7]

Er war deutscher Jugend-Meister im Boxen (Halbschwergewicht der 14- bis 16-Jährigen). Mit 16 Jahren wechselte er auf ein Berliner Sportinternat im Sportforum Hohenschönhausen und erwarb dort 1999 sein Abitur. Anschließend leistete er Zivildienst.

2001, als 22-Jähriger, begleitete Vogel einen Trainingspartner in eine Moschee[8] und konvertierte nach eigenen Angaben noch am selben Tag zum Islam.[9] Nach seinem letzten Boxkampf im Juni 2002 gab er den Boxsport auf, da er ihn nicht mehr mit seinem Glauben vereinbaren konnte.

Ein an der Universität Köln aufgenommenes Lehramtsstudium für Grund- und Hauptschulen brach er nach dem ersten Semester ab, im Anschluss begann er in Bonn eine Sprachausbildung in Arabisch, die er ebenfalls abbrach.[8] 2003 heiratete Vogel eine Marokkanerin[10] und ging 2004 mit einem Stipendium für drei Semester an das Arabische Institut für Ausländer an der Umm-Al-Qura-Universität in Mekka.[3]

In einer Talkshow gab Vogel 2010 an, er habe einen der späteren Terroristen der Sauerland-Gruppe im Jahr 2005 oder 2006 in Mekka getroffen und ihm von Anschlägen in Deutschland abgeraten.[11]

2006 kehrte Vogel nach Deutschland zurück, als seine Tochter mit einem Herzfehler in Bonn auf die Welt kam und Tochter und Ehefrau nicht wie geplant nach Mekka nachkommen konnten.[8] Nachdem er 2014 kurz in Hamburg Wilhelmsburg gewohnt hatte, zog Vogel im selben Jahr nach Bergheim bei Köln.[12]

Predigertätigkeit

Pierre Vogel und Bilal Philips
Sven Lau (links) zusammen mit Pierre Vogel bei einer Kundgebung in Freiburg im Juni 2014

Ab 2006 folgte die Tätigkeit als islamistischer Prediger. Vogel ist überwiegend durch seine zahlreichen Vorträge über den Islam (z. B. die Glaubenslehre) wie auch über Einzelthemen (z. B. die Stellung der Frau im Islam) bekannt. Im Internet finden sich zahlreiche Videos von Vogel,[13] darunter viele, die eine von Vogel geleitete Konversion von Deutschen zum Islam zeigen. Öffentlich inszenierte Konversionen sind auch bei seinen Kundgebungen üblich.[14]

Am 20. April 2011 hielt Vogel zusammen mit Bilal Philips vor etwa 1.500 Anhängern eine Kundgebung in der Frankfurter Innenstadt ab, die erst nach juristischen Auseinandersetzungen und unter Auflagen bezüglich der vertretenen Positionen stattfinden konnte.[15] Ein für den 7. Mai 2011 geplantes öffentliches Totengebet für den fünf Tage zuvor getöteten Terroristen Osama bin Laden wurde von der Stadt Frankfurt untersagt. Nach einer gerichtlichen Entscheidung wurde eine andere Kundgebung durchgeführt.[16] Vogel trat am 9. Juni 2012 auf dem 1. Islamischen Friedenskongress in Köln auf, einer von ihm initiierten Kundgebung, die für breite Aufmerksamkeit in den Medien sorgte, weil sie unmittelbar auf die Ausschreitungen von Bonn (Debatten zum Verbot des Salafismus in Deutschland) und der Verteilung von Koran-Übersetzungen in mehreren deutschen Großstädten folgte[17].

Ende Mai 2014 untersagte die Stadt Bremen eine für den 1. Juni angemeldete Kundgebung mit Pierre Vogel und Sven Lau vor dem Bremer Hauptbahnhof, weil die salafistische Ideologie „elementar der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ widerspreche und „den Weg für Gewalt und Terrorismus“ ebne. Doch sowohl das Verwaltungs- als auch das Oberverwaltungsgericht Bremen entschieden, dass sogar verfassungsfeindliche Äußerungen hinzunehmen seien, solange sie nicht strafbar seien. Die Stadt habe keine strafbaren Äußerungen vorlegen können, die das Verbot gerechtfertigt hätten. Auf der Kundgebung nannte Vogel islamische Kämpfer in Syrien „Freiheitskämpfer“, aber er bezeichnete es als „Schwachsinn“, zu behaupten, er fordere in Deutschland dazu auf, sich ihnen anzuschließen. An seine Zuhörer appellierte er, sich als Repräsentanten des Islam „auf beste Art und Weise zu den Mitmenschen zu verhalten“.[18]

Standpunkte und Rhetorik

Pierre Vogel während einer Kundgebung in Koblenz 2011

Vogel verbreitet seine stark umstrittenen[19] Thesen besonders bei einem jüngeren Publikum.[20] In seinen – mehrfach als islamistische Hasspredigten eingestuften[6] – Darstellungen wird oft der Einfluss der Salafiyya deutlich.[6][21][22] Vogel sieht das Tragen von Kopftüchern für weibliche Muslime als verpflichtend,[23] positioniert sich allerdings klar gegen Zwangsheiraten, da diese ausdrücklich vom Propheten Mohammed verboten worden seien. Gewalt gegen Unschuldige, Terroranschläge sowie Ehrenmorde hält Vogel für unvereinbar mit dem Islam.[8] Vogel lehnt die Evolutionstheorie und den Darwinismus ab, der in den Schulen gelehrt werde, „um die Menschen unglücklich zu machen“.

Vogel distanziert sich vom Einsatz von Gewalt zur Missionierung. Der Bundeszentrale für Politische Bildung zufolge ist sein Weltbild jedoch von einer strikten Einteilung in islamisches und unislamisches Verhalten, „richtig“ und „falsch“ beziehungsweise „gut“ und „böse“ geprägt. In diesem Sinne fordert er insbesondere junge, in Deutschland lebende Muslime auf, sich konsequent von ihrer nicht-muslimischen Umwelt abzugrenzen. Damit bergen Vogels Predigten aus der Sicht von Sicherheitsbehörden die Gefahr, zur Radikalisierung „einzelner sehr religiöser Jugendlicher“ beizutragen.[24] Die Situation der Muslime in Deutschland vergleicht Vogel mit der früheren Verfolgung von Juden durch Nationalsozialisten.[25]

Vogel hat mit seinem jovialen und an die Jugendsprache angenäherten Predigt-Stil großen Erfolg insbesondere bei jüngeren Deutschen und Migranten der zweiten und dritten Generation.[26] Hierbei nutzt er zum Teil eine stark polemische und überspitzte Wortwahl und Argumentation, etwa in der Auseinandersetzung mit der Bibel.[24]

Auf die Frage, warum der bekannte Islamist und verurteilte Gewalttäter[27] unterstützende, homophobe[28] Bilal Philips zu einer Predigt am 13. Juni 2009 in die Berliner Al-Nur-Moschee eingeladen wurde, in der Philips neben Vogel predigen sollte, antwortete Vogel anlässlich einer vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland veranstalteten Mahnwache,[29] Philips sei eingeladen worden, weil er viele zum Islam bekehrt habe.

Rezeption

Sowohl aufgrund der Durchführung seiner Veranstaltungen (islamische Geschlechtertrennung) als auch seiner Wortwahl in Bezug auf Christen und andersdenkende Muslime ist Vogel umstritten.[21][30] DerWesten.de schreibt: „Beobachter und liberale Muslime halten seine Ansichten für integrations- und verfassungsfeindlich.“[31] Spiegel Online zufolge gilt Vogel unter Teilen der Salafisten als Mudschahid und „Feind der Ungläubigen“.[32] Christoph Ehrhardt schreibt auf FAZ.net: „Pierre Vogel ist eine der prominentesten – und nach der Einschätzung der Sicherheitsbehörden auch einflussreichsten – Figuren der deutschen Konvertitenszene“.[3]

Vom Berliner Verfassungsschutz wird Vogel als problematisch eingeschätzt, da er zwar, so Frank Jansen im Tagesspiegel, „in seinen Ansprachen im Internet den Terror“ ablehne, aber „andererseits mit seinen Parolen die Radikalisierung von Muslimen“ vorantreibe.[33] Vogel gilt nach Einschätzung des Verfassungsschutzes Schleswig-Holsteins als „einer der bekanntesten Protagonisten des salafistischen Durchschnitts-Spektrums“. Derselbe Bericht bestätigt Vogels Distanzierung von Gewalt, sieht jedoch in seiner Islaminterpretation „deutliche salafistische Züge“, geprägt von „antichristlichem Ressentiment“ und der Darstellung der „absoluten Überlegenheit des Islam“.[34] Auch das Change Institute for the European Commission hält Vogel für eine sehr profilierte Person, die die salafistische Version des Islam predige.[35]

Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann erklärte bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichtes 2007, Vogel habe in einer Moschee in Göttingen die Verheiratung neunjähriger Mädchen gerechtfertigt, der Vortrag sei „nur als abartig zu bezeichnen“.[36] Im Bericht selbst wird Vogel nicht namentlich erwähnt.

Im Vorfeld einer geplanten Veranstaltung des Islamischen Zentralrates Schweiz 2009 in Bern, bei der Vogel als Redner auftreten sollte, wurde gegen ihn ein Einreiseverbot verhängt. Das Schweizer Bundesamt für Migration berief sich dabei nach eigenen Angaben auf das Ausländergesetz, das Einreiseverbote erlaubt, wenn Ausländer in der Schweiz oder im Ausland gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung verstoßen. Beim Versuch, dennoch in die Schweiz einzureisen, wurde Vogel an der Grenze zurückgewiesen.[37]

Literatur

  • Ulrich Kraetzer: Salafismus als Jugendkultur: Der Provokateur Pierre Vogel. In: Ders.: Salafisten: Bedrohung für Deutschland? Gütersloher Verlags-Haus, Gütersloh 2014, ISBN 978-3-579-07064-3, S. 133–162.

Weblinks

 Commons: Pierre Vogel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. Abu Hamza ist Arabisch und bedeutet „Der Vater von Hamza“. Hamza ist Pierre Vogels erster Sohn.
  2. Der Westen am 26. August 2011: Radikalislamischer Verein löst sich auf. Abgerufen am 1. September 2011.
  3. a b c Christoph Ehrhardt: „Ick bin ein Muslim jeworden“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 6. September 2007, abgerufen am 6. Juli 2011.
  4. Umstrittene Islam-Prediger sprechen in Frankfurt. In: Focus. 20. April 2011, abgerufen am 6. Juli 2011.
  5. a b Islamistischer Hassprediger: Nach Kundgebung in Frankfurt ausgewiesen. In: Spiegel Online. 21. April 2011, abgerufen am 6. Juli 2011 (Video).
  6. a b c Islamistischer Hassprediger tritt im Westerwald auf. In: Die Welt, 18. Mai 2011.
  7. de.youtube.com: Mein Weg zum Islam (als Vortrag), Teil 1 (4), 0:50-1:10: Min.
  8. a b c d Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatArne Leyenberg: Vom Boxer Pierre Vogel zum Prediger Abu Hamsa. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 2. Februar 2010, abgerufen am 6. Juli 2011.
  9. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatJulia Gerlach: Die lässigen Gehirnwäscher. In: Die Zeit. 4. Oktober 2007, abgerufen am 7. Juli 2011.
  10. West of Mecca. (Episode Three). RTÉ One, April 2008, abgerufen am 7. Juli 2011 (englisch).
  11. Fernsehskandal -Maischberger - Kopftuch und Koran -- hat Deutschland kapituliert - 1 von 5 – Kopftuch und Koran: Hat Deutschland kapituliert? In: Menschen bei Maischberger. WDR, 21. September 2010, abgerufen am 7. Juli 2011 (Video in der ARD-Mediathek).
  12. Pierre Vogel scheiterte in Hamburg nach wenigen Wochen. In: abendblatt.de, 9. September 2014.
  13. Claudia Dantschke: Die muslimische Jugendszene. In: Bundeszentrale für politische Bildung. 5. Juli 2007, abgerufen am 7. Juli 2011.
  14. Salafistische Propaganda in Deutschland: Mission Konversion qantara.de, 21. Juni 2012
  15. Timur Tinç: Fundamental getrennt. In: Frankfurter Rundschau. 20. April 2011, abgerufen am 7. Juli 2011.
  16. Islamisten dürfen in Frankfurt predigen. In: N24. 6. Mai 2011, abgerufen am 7. Juli 2011.
  17. Jörg Diehl: Islamisten-Prediger kreuzbrav. In: Spiegel Online, 9. Juni 2012.
  18. Salafisten-Auftritt in Bremen verläuft friedlich. In: Neue Osnabrücker Zeitung (Online), 2. Juni 2014.
  19. Lukas Rilke: Islamistischer Prediger muss Deutschland verlassen. 21. April 2011, abgerufen am 7. Juli 2011.
  20. Glossar - Jugendkultur, Islam und Demokratie: Pierre Vogel. Bundeszentrale für politische Bildung, abgerufen am 7. Juli 2011 (Quelle: Redaktion ufuq.de).
  21. a b Jochen Müller, Götz Nordbruch: "Konservative Muslime können mit Pierre Vogel nichts anfangen". In: ufuq.de. 12. September 2008, abgerufen am 7. Juli 2011.
  22. Nora Gantenbrink: Hassprediger, hahaha. In: Spiegel Online, 10. Juli 2011.
  23. YouTube-Auftritt Vogels: [1], abgerufen am 25. September 2012 um 16:17 Uhr
  24. a b Pierre Vogel. In: „bpb.de“. 19. März 2012, abgerufen am 12. Juni 2012.
  25. Wiebke Rannenberg: Protest gegen Pierre Vogel. In: Frankfurter Rundschau, 25. Juli 2011.
  26. Annabel Wahba: Totengebete verboten In: Die Zeit, 14. Mai 2011 (Interview).
  27. Steven Emerson: The Homeland Security Implications of Radicalization. Testimony of Steven Emerson before the United States House Committee on Homeland Security, Subcommittee on Intelligence, Information Sharing, and Terrorism Risk Assessment. 20. September 2006, S. 12f., abgerufen am 7. Juli 2011 (PDF, 180 KB, englisch).
  28. Frank Jansen: Hassprediger kommt doch nicht. In: Der Tagesspiegel. 11. Juni 2009, abgerufen am 7. Juli 2011.
  29. Hass-Prediger auf Deutschlandtour. Queer Communications GmbH, 11. Juni 2009, abgerufen am 7. Juli 2011.
  30. Wilfried Hahn: Islam-Missionar darf nun doch nicht ins Forum. Ludwigsburger Kreiszeitung, 23. Juli 2008, abgerufen am 7. Juli 2011.
  31. Islamisten verurteilen Stockholmer Terroranschlag. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung. 13. Dezember 2010, abgerufen am 7. Juli 2011.
  32. Lisa Erdmann, Ole Reißmann: Islamist Vogel droht Kanzlerin Merkel. In: Spiegel Online. 14. Dezember 2010, abgerufen am 7. Juli 2011.
  33. Frank Jansen: Salafisten: Streng und gläubig. In: Der Tagesspiegel. 3. Dezember 2008, abgerufen am 7. Juli 2011.
  34. Verfassungsschutzbericht 2007. Innenministerium des Landes Schleswig-Holstein, 2007, S. 105f., abgerufen am 7. Juli 2011 (PDF, 470 KB): „Wenngleich er sich von Gewalt klar distanziert, tragen die Inhalte seiner Vorträge doch deutliche salafistische Züge. Wenn er seinen Zuhörern Selbstbewusstsein als Muslime vermitteln will, so tut er dies in Abgrenzung zur deutschen Gesellschaft mit strengen Moralvorstellungen und antichristlichen Ressentiments, kurz: indem er die absolute Überlegenheit des Islams predigt. Mit klaren, leicht verständlichen Regeln gewährt er Orientierung in den oft unübersichtlichen Lebenswelten seiner Anhänger.“
  35. The Change Institute: Studies into violent radicalisation; Lot 2. The beliefs ideologies and narratives. The Change Institute for the European Commission, Directorate General Justice, Freedom and Security, Februar 2008, S. 75, abgerufen am 7. Juli 2011 (PDF, 1,2 MB, englisch): „Currently there is a high profile public figure, the convert Pierre Vogel, who is active in missionary work and presents a Salafi version of Islam to audiences.“
  36. Verfassungsschutz entdeckt islamistisches Netzwerk. In: Die Welt. 24. April 2008, abgerufen am 7. Juli 2011.
  37. Schweizer Grenzer weisen Islamprediger Vogel ab. In: Die Welt. 12. Dezember 2009, abgerufen am 7. Juli 2011.