Rupertiwinkel

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47.93666388888912.932491666667Koordinaten: 47° 56′ 11,99″ N, 12° 55′ 56,97″ O

Rupertiwinkel in Oberbayern
Historische Karte Erzstift Salzburg

Der Rupertiwinkel (auch: Bayerischer Rupertiwinkel; manchmal fälschlich Rupertigau genannt) im Regierungsbezirk Oberbayern (Deutschland) ist mit den Stillgewässern Waginger See und Tachinger See eine bis 827 m ü. NN hohe Kulturlandschaft im äußersten Südosten von Bayern.

Das Gebiet gehörte bis Anfang des 19. Jahrhunderts zum Erzstift Salzburg. Der Name erinnert an den Heiligen Rupert (um 650–718), den ersten Bischof von Salzburg und „Apostel der Baiern“.

Geographie[Bearbeiten]

Hinweistafel auf historischen Grenzverlauf
Unterrichtungstafel „Rupertiwinkel“ an der Autobahn A8

Geographische Lage[Bearbeiten]

Der Rupertiwinkel deckte sich zu großen Teilen mit dem durch die Gebietsreform 1972 aufgelösten Landkreis Laufen und erstreckt sich heute über Teile der Landkreise Altötting im Norden, Berchtesgadener Land im Südosten und Traunstein im Nordwesten. Das Gebiet des Rupertiwinkels liegt nördlich der Chiemgauer Alpen und nordwestlich der Berchtesgadener Alpen und grenzt im Osten an die österreichische Großstadt Salzburg an.

Die geographische Ausdehnung des Rupertiwinkel reicht (sortiert im Uhrzeigersinn)

Zwischen den vorgenannten Ortschaften liegen im Rupertiwinkel rund um den Waginger See und Tachinger See unter anderem diese Gemeinden (alphabetisch sortiert): Kirchanschöring, Petting, Saaldorf, Taching am See, Waging am See und Wonneberg.

Berge[Bearbeiten]

Zu den Bergen und Erhebungen im Rupertiwinkel gehören − sortiert nach Höhe in Meter (m) über Normalnull (NN):

Gewässer[Bearbeiten]

Bedeutende Flüsse im und am Rupertiwinkel sind Salzach, Saalach, Sur und Götzinger Ache. Zudem befinden sich im Rupertiwinkel zahlreiche Seen: Waginger See und Tachinger See, Abtsdorfer See, Fridolfinger See, Höglwörther See und Leitgeringer See.

Geschichte[Bearbeiten]

Teil des bayerischen Stammesherzogtums[Bearbeiten]

Ölbild: Hl. Rupert von Salzburg, Namensgeber des Rupertiwinkel
Herrschaftsgebiete im nördlichen Salzburggau im Hochmittelalter

Ursprünglich (ab dem 6. Jahrhundert) gehörte das Gebiet des späteren Rupertiwinkels zum damaligen Salzburggau und war Teil des bayerischen Stammesherzogtums. Verstreuten Grundbesitz in der Gegend besaß die Salzburger Kirche bereits in frühester Zeit. So übergab beispielsweise der Bayernherzog Theodo um das Jahr 700 das Dorf Piding mit 30 Bauernhöfen an den ersten Salzburger Bischof Rupert. Nachdem 1229 die Grafen von Lebenau ausgestorben waren, konnte sich Erzbischof Eberhard II. deren Herrschaftsgebiet (u.a. die Nordhälfte des späteren Rupertiwinkels nördlich und östlich des Waginger Sees) sichern. Mit dem Aussterben der Grafen von Plain 1260 fiel ihr Gebiet (u.a. die südliche Hälfte des späteren Rupertiwinkels südlich und westlich des Waginger Sees) schließlich an den Erzbischof. Mit der Anerkennung der Grenzen durch den Bayernherzog im Jahr 1275 ging die Ablösung Salzburgs von Bayern in ihre letzte Phase.

Teil des eigenständigen Fürsterzbistums Salzburg[Bearbeiten]

Durch die Erlassung einer eigenen Landesordnung durch den Erzbischof Friedrich III. von Leibnitz wurde Salzburg dann 1328 ein weitgehend eigenständiger Staat innerhalb des Heiligen Römischen Reiches. Der spätere „Rupertiwinkel“ war wegen seines fruchtbaren Bodens die „Kornkammer“ Salzburgs. Er gehörte zum salzburgischen „Land vor dem Gebirg“, auch „Flaches Land“ genannt, das erst im späten 19. Jahrhundert die Namen Flachgau und Tennengau erhielt, in Anlehnung an die anderen (mittelalterlichen) Landschaftsbezeichnungen (Pinzgau, Pongau, Lungau).

Säkularisation, Anschluss an Bayern[Bearbeiten]

Im Zuge der Säkularisation dankte der letzte Fürsterzbischof, Hieronymus Graf Colloredo, 1803 ab. Danach übernahm der frühere Großherzog von Toskana, Ferdinand III. die Regierung. Von 1806 bis 1809 gehörte das Salzburger Land zu Österreich. Danach stand es für fast ein Jahr unter französischer Verwaltung.

Das Land Salzburg kam 1810 zusammen mit der Fürstpropstei Berchtesgaden zum Salzachkreis des Königreichs Bayern. Mit dem Vertrag von München wurde Salzburg 1816 endgültig an Österreich angeschlossen, der Rupertiwinkel verblieb jedoch bei Bayern, da Metternich in den Verhandlungen auf dem Wiener Kongress auf ihn verzichtete. Nach 1816 kam dann allmählich der Name „Rupertiwinkel“ für dieses ehemals salzburgische Gebiet in Gebrauch.

Nachkriegszeit (ab 1945)[Bearbeiten]

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis etwa zur Währungsreform 1948 gab es Bestrebungen des Salzburger Landeshauptmanns Josef Rehrl (1947-1949), den Rupertiwinkel wieder an Salzburg anzugliedern. Mit einbezogen werden sollte auch der damalige Landkreis Berchtesgaden (mit Bad Reichenhall und Umgebung). Bei dieser Gelegenheit wollte er das Salzburger Land gleich bis zur Traun und an die Alz erweitern. Eine „historische Traungrenze“, die es in Wahrheit nie gegeben hat, sollte wiederhergestellt werden. Die Bevölkerung der Region stand dem Ganzen überwiegend ablehnend gegenüber und auch der bayerische Ministerpräsident Hoegner kündigte entschiedenen Widerstand an: „Wenn es sein muß, werden unsere bayerischen Bauern ihr Land mit Mistgabeln und Sensen verteidigen.“[1]

Geografisch-soziokulturelle Zuordnungen[Bearbeiten]

Die Kulturlandschaft Rupertiwinkel grenzt sich soziokulturell unter anderem vom benachbarten Chiemgau und innerhalb des Landkreises Berchtesgadener Land von der gleichnamigen Kulturlandschaft Berchtesgadener Land in den historischen Grenzen des fürstpropstlichen Kernlandes sowie von den bereits vormals herzoglich bayerischen Einzugsgebieten der heutigen Stadt Bad Reichenhall und den Gemeinden Bayerisch Gmain und Schneizlreuth ab.[2][3]

Kulturell ist der einst zum Fürsterzbistum Salzburg gehörende Rupertiwinkel auch heute noch sehr eng mit dem Salzburger Land verbunden. Als Beispiele sind unter anderem der Brauch des Aperschnalzens und die Bauform des „Salzburger Flachgauhofs“ zu nennen. Im größten Teil des Rupertiwinkels herrscht der Salzburger Flachgauhof vor. Nördlich etwa der Linie Brünning - Tengling - Fridolfing findet sich der Übergang zum Verbreitungsgebiet des Vierseithofes. Sprachwissenschaftler orteten die letzten Reste des alten Salzburger Dialekts im Gebiet des Rupertiwinkels.

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Naturschönheiten[Bearbeiten]

Der Rupertiwinkel, in dem Tourismus eine wesentliche Erwerbsquelle darstellt, hat seine Naturschönheiten u. a. durch eine hohe Dichte an Rad- und Wanderwegen erschlossen. So gibt es Routen auf den Hochstaufen (u.a. Pidinger Klettersteig), auf den Teisenberg sowie den Walderlebnispfad Meggenthal am Rampelsberg.

Ganz oder teilweise verlaufen im Rupertiwinkel auch die Radwege Bajuwaren-Tour, Rund um den Waginger und Tachinger See, Salzachtal-Weg und der zu Ehren des im Rupertiwinkel aufgewachsenen Papstes Benedikt XVI. geschaffene Radpilgerweg Benediktweg. Mountainbiker können die Wege auf dem Teisenberg zur Stoißer Alm nutzen.

Kulturelle Traditionen[Bearbeiten]

Ein nur im Rupertiwinkel und im benachbarten Salzburger Flachgau beheimateter Brauch ist das Aperschnalzen. Darüber hinaus werden die im baierischen Kulturraum verbreiteten Bräuche gepflegt.

Jeder größere Ort besitzt einen Trachtenverein und eine traditionelle Musikkapelle, welche meist dem Gauverband I bzw. dem Bezirksmusikverband Chiem- und Rupertigau des Musikbundes von Ober- und Niederbayern angehören. Daneben tragen katholische Burschenvereine sowie Vereine von Böllerschützen und Perchtenläufern zur Brauchtumspflege bei.

Im Familien- und Freundeskreis ist das Musizieren alpenländischer Volksmusik verbreitet. Zum allgemeinen Brauchtum im Rupertiwinkel zählen das Maibaumaufstellen, Peter und Paul Feuer und der Leonhardiritt.

Festtagskleidung an Sonn- und Feiertagen ist für viele noch die Miesbacher Tracht, seltener die Berchtesgadener Tracht. Im Gegensatz zu früheren Zeiten wird jedoch im alltäglichen Leben kaum noch traditionelle Tracht getragen.

Der Historische Verein Rupertiwinkel e.V. mit Sitz in Laufen an der Salzach wurde 1964, als Nachfolger des von 1918 bis 1936 bestandenen „Verein der Heimatfreunde des Rupertiwinkel“ gegründet. Vereinsziele sind, die Erforschung der Geschichte des Rupertiwinkels, die Förderung der Heimatkunde und der Volksbildung sowie die Erhaltung der Kulturgüter der Heimat.
Dazu werden im Jahreslauf zahlreiche Vorträge, Führungen und Exkursionen durchgeführt. Zweimal jährlich erscheint die Zeitschrift „Salzfass“[4] mit Forschungsbeiträgen und Vereinsnachrichten. Das Deckblatt der Zeitschrift zeigt eine historische Abgrenzungskarte, sowie das Logo des Vereins, bestehend aus stilisierten Elementen, einem hölzernen Salzfass und den Wappen von Bayern und Salzburg.

Museen[Bearbeiten]

Volks- und kulturgeschichtliche Museen im Rupertiwinkel sind das Bajuwarenmuseum in Waging am See und ein Bauernhofmuseum bei Kirchanschöring.

Die „Lokwelt Freilassing“ ist ein Eisenbahnmuseum im Berchtesgadener Land, das in Kooperation von der Stadt Freilassing und dem Deutschen Museum betrieben wird. Das Museum befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerks Freilassing der Deutschen Bahn AG und beherbergt einen Teil der Eisenbahnsammlung des Deutschen Museums.

Bauwerke[Bearbeiten]

Profangebäude[Bearbeiten]

In Tittmoning liegt die Burg Tittmoning oberhalb der Salzach. Ferner verfügt die Stadt über einen großen Stadtplatz. Die Bürgerhäuser dieser ehemals reichen Salzhandelsstädte sind im sogenannten „Inn-Salzach-Stil“ gehalten.

Das Schloss Staufeneck steht am Fuße des Hochstaufen.

Sakralgebäude[Bearbeiten]

Die Laufener Stiftskirche ist die älteste gotische Hallenkirche Süddeutschlands.

Kunsthistorisch bedeutende Sakralbauten im Rupertiwinkel sind zudem die Kirchen von St. Leonhard am Wonneberg bei Waging am See, Weildorf bei Teisendorf, St. Johann in Fridolfing, Asten (Tittmoning) und St. Coloman bei Tengling. Ferner die Kirche St. Laurentius in Piding, die St.-Johannes-Kirche auf dem Johannishögl bei Piding (mit Panoramablick) und das auf einer Halbinsel im Höglwörther See gelegene Kloster Höglwörth bei Anger.

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinz Dopsch: Kleine Geschichte Salzburgs. Anton Pustet 2001, ISBN 3-7025-0441-9.
  • Helga Reindel-Schedl: Laufen an der Salzach - Die alt-salzburgischen Pfleggerichte Laufen, Staufeneck, Teisendorf, Tittmoning und Waging, Historischer Atlas von Bayern, Heft 55, Kommission für bayerische Landesgeschichte, München 1989. ISBN 3-7696-9940-8.
  • Hannes Scheutz (Hg.): Drent und herent. Dialekte im salzburgisch-bayerischen Grenzgebiet. EuRegio Salzburg-Berchtesgadener Land-Traunstein 2007
  • Heinz Dopsch: Länder und Landesgrenzen bis 1803. In: Heimat mit Geschichte und Zukunft. EuRegio Salzburg – Berchtesgadener Land – Traunstein 2004
  • Christian Soika (Hg.): Heimatbuch des Landkreises Traunstein. Bd. 5: Der nördliche Rupertiwinkel. Lkr. Traunstein 1990. ISBN 3-925249-18-4.
  • Friederike Prodinger/Reinhard Heinisch: Gewand und Stand, Kostüm- und Trachtenbilder der Kuenburg-Sammlung. Residenzverlag Salzburg, 1983. ISBN 3-7017-0338-8.
  • Paul Werner (Hg.): Bäuerliche Baukultur im Berchtesgadener Land. 1984. ISBN 3-922590-18-7.
  • Stadt Laufen und die Gemeinden des Rupertiwinkels (Hrsg.): Der Rupertiwinkel. Ein gesegneter Landstrich - Seit 1810 bei Bayern. Panorama Verlag Laufen an der Salzach 2010. ISBN 978-3-902429-81-0
  • Andreas Hirsch: Von Salzburg "retour nach Baiern" - Der Rupertiwinkel fiel vor 200 Jahren an das bayerische Königreich zurück, in: Heimatblätter Nr.9 2010, Reichenhaller Tagblatt

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wysocki, Josef: Leben im Berchtesgadener Land 1800-1990, S. 322-326. (für ganzen Absatz)
  2. www.heimat-bayern.de: Die Kulturlandschaften Bayerns: Vielfalt – Heimat – Schutzgut, PDF-Datei
  3. br-online, 8. Oktober 2010, anlässlich der 200-jährigen Zugehörigkeit des Berchtesgadener Landes zu Bayern
  4. Vereinszeitschrift, "SALZFASS"