Sibylle Lewitscharoff

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Sibylle Lewitscharoff auf der Leipziger Buchmesse 2009

Sibylle Lewitscharoff (* 16. April 1954 in Stuttgart) ist eine deutsche Schriftstellerin. Sie wurde 2013 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.

Leben[Bearbeiten]

Sibylle Lewitscharoff wuchs in Stuttgart-Degerloch als Tochter eines bulgarischen Arztes und einer Deutschen auf. Sie hat einen jüngeren Bruder. Ihr Vater, der in den 1940er Jahren nach Deutschland emigriert und in Stuttgart erfolgreich als Gynäkologe tätig war, litt an Depressionen und beging 1965 Suizid. Sie war damals elf Jahre alt. Lewitscharoff interessierte sich früh für Literatur und engagierte sich als Jugendliche und Gymnasiastin politisch. 1972 machte sie ihr Abitur. Sie war in dieser Zeit Trotzkistin, las Karl Marx und beteiligte sich an der Gründung eines regionalen Ablegers des Sozialistischen Büros.[1][2][3][4][5]

1973 ging Lewitscharoff nach Berlin, wo sie seitdem ihren Lebensmittelpunkt hat. Sie studierte Religionswissenschaft an der Freien Universität Berlin bei Klaus Heinrich und Jacob Taubes. Während ihres Studiums hielt sie sich für längere Zeit in Buenos Aires und Paris auf. Nach Abschluss ihres Studiums arbeitete Lewitscharoff seit den 1980er Jahren bis Anfang der 2000er Jahre als Buchhalterin in der Berliner Werbeagentur ihres Bruders und organisierte zudem Ausstellungen. Nebenher begann sie ihre schriftstellerische Tätigkeit und verfasste anfangs Radio-Features und Hörspiele. 1994 erschien ihr erster Roman, seit Anfang der 2000er Jahre ist sie als freie Autorin tätig. Seither veröffentlichte Lewitscharoff mehrere Prosawerke und Essays sowie ein Theaterstück und erhielt für ihr schriftstellerisches Werk zahlreiche Literaturpreise.[1][2][4][6]

Ende 2009/Anfang 2010 beteiligte sie sich mit einer eigenen Ausstellung von verschiedenen Arbeiten und einem begleitenden Essay an der Veranstaltungsreihe FLUXUS des Deutschen Literaturarchivs Marbach im Literaturmuseum der Moderne in Marbach am Neckar.[7] Im Grimm-Jahr 2013 übernahm Lewitscharoff die Grimm-Professur an der Universität Kassel.[8] Ebenfalls im Jahr 2013 wurde sie mit einem Stipendium in der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo ausgezeichnet.[9]

Seit 2005 ist sie Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. Außerdem ist sie seit 2007 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie seit 2010 der Akademie der Künste in Berlin.[10]

Sibylle Lewitscharoff lebt zusammen mit ihrem Mann, dem Künstler Friedrich Meckseper, in Berlin.[6] Sie hat keine Kinder.

Werk[Bearbeiten]

Sibylle Lewitscharoff debütierte 1994 mit dem Prosaband 36 Gerechte, der auch einige ihrer Scherenschnitte enthielt und in kleiner Auflage im Verlag der Galerie Steinrötter in Münster erschien. 1998 veröffentlichte sie die Erzählung Pong, für die sie in Klagenfurt mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde. Pong ist die Geschichte eines Verrückten, der die Welt verändern will und dessen absurde Logik die Perspektive der Erzählung bestimmt.

Im Jahr 2003 erschien der Roman Montgomery, der die Lebensgeschichte eines schwäbisch-italienischen Filmproduzenten mit Namen Montgomery Cassini-Stahl erzählt. Dieser will einen Film über Joseph Süß Oppenheimer drehen und stirbt während der Dreharbeiten; sein Tod ist der Ausgangspunkt des Romans, der das Leben der Hauptfigur in Rückblenden darstellt. In Lewitscharoffs 2006 erschienenem Roman Consummatus sitzt der Lehrer Ralph Zimmermann in einem Café und lässt in einem Monolog sein Leben Revue passieren, darunter den Tod seiner Eltern und die Liebe zu einer Sängerin, mit der er bis zu ihrem Tod einige Monate lang in Europa unterwegs war.

2009 erschien der autobiographisch geprägte satirische Roman Apostoloff, in dem zwei Schwestern in Bulgarien unterwegs sind, wohin die sterblichen Überreste ihres bulgarischen Vaters überführt wurden. Die jüngere Schwester, die Erzählerin, rechnet sowohl mit ihrem toten Vater als auch mit dessen Herkunftsland Bulgarien ab.

In Lewitscharoffs 2011 veröffentlichtem Roman Blumenberg erscheint der Titelfigur, dem Philosophen Hans Blumenberg, eines Nachts ein Löwe im Arbeitszimmer. Er liegt auf dem Teppich und schaut den Hausherrn an und zeigt sich auch während seiner Vorlesung an der Universität. Wahrgenommen wird der Löwe nur von ihm und einer alten Nonne. Die Autorin erzählt aus Blumenbergs akademischer Tätigkeit (nächtliche Arbeit am Schreibtisch und Vorlesungen in der Universität Münster) und das mit ihm unverbundene Schicksal von vier seiner Studenten, die alle früh, plötzlich oder gewaltsam zu Tode kommen. Die Anregung für die Figur des Löwen fand die Autorin in den unter dem Titel Löwen 2001 erschienenen philosophischen Betrachtungen aus dem Nachlass Hans Blumenbergs. Das Buch hat viele lobende Rezensionen in den Feuilletons führender Zeitungen[11] erhalten; kritisch fielen hingegen die Rezensionen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung[12] und in der Kulturzeitschrift Merkur[13] aus.

Im Jahr 2014 erschien Lewitscharoffs erster Kriminalroman Killmousky, der von der Kritik verhalten aufgenommen wurde.[14]

Dresdner Rede[Bearbeiten]

Am 2. März 2014 hielt Lewitscharoff eine Ansprache im Rahmen der traditionsreichen Dresdner Reden im Staatsschauspiel der Stadt,[15] die für einen Eklat sorgte.[16] In ihrer Rede ging Lewitscharoff unter anderem auf die Themen künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft ein. Das „drastische biblische Onanieverbot“, so Lewitscharoff, erscheine ihr heute „geradezu als weise“, angesichts der ihr grotesk und widerwärtig erscheinenden Vorstellung, dass ein Mann in eine Kabine geschickt werde, um unter Umständen mithilfe von Pornographie an einer Zeugung beteiligt zu werden. Angesichts solcher Entwicklungen kämen ihr die „Kopulationsheime“ der Nationalsozialisten „fast wie harmlose Übungsspiele“ vor. Sie sei sogar geneigt, „Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden“ seien, als „Halbwesen“ und „zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas“ anzusehen.[17] Diese und weitere Passagen der Rede lösten scharfe Kritik aus. Robert Koall, der Chefdramaturg am Staatsschauspiel, wandte sich in einem offenen Brief an die Autorin, in dem er ihre Haltung scharf verurteilte. In der taz nannte Dirk Knipphals die Rede „eine schreckliche, menschenverachtende Tirade“.[18] Viele Leitmedien teilten diese Auffassung.[19][20][21] Weitere Kritik kam u. a. vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland[22], dem Dresdener Bischof Heiner Koch[23] und von Klaus Staeck, dem Präsidenten der Berliner Akademie der Künste. Nur einzelne Medien verteidigten die Haltung der Autorin, wie Alexander Kissler, der Kulturchef des Cicero.[24][25]

Der Sozialethiker und -jurist Oliver Tolmein wirft Lewitscharoff „eigentümlich mystisch geprägte Vorstellungen von Reinheit und Schicksal“ vor. Ihre „‚Abscheu‘ angesichts des als ‚absolut widerwärtig‘ und ‚abartig‘ empfundenen ‚Fortpflanzungsgemurkses‘ [schlage] auf die Akteure und die so gezeugten Kinder [durch]“. Ihre Kritik an modernen Entwicklungen in der Medizin beruhe nicht auf Analyse, sondern auf „einer Mystifikation dessen, was sie als wünschenswerte Normalität ansieht, [nämlich] einem Zustand, der das Schicksalsgetriebene der Vormoderne verbindet mit den Bequemlichkeiten der fortgeschrittenen Zivilisation“.[26]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Lewitscharoff beim Literaturfest München 2012

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Prosa
Essays und Gespräche
  • 36 Gerechte. In: Renatus Deckert (Hrsg.): Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-518-45864-8.
  • Der Dichter als Kind. Ein Essay und fünf szenische Objekte. In: Marbacher Magazin 128, Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar 2009, ISBN 978-3-937384-63-4.
  • Der mörderische Kern des Erzählens. Mit einem Nachwort von Gisela Wand. Rede zur Eröffnung des Europäischen Schriftstellerkongresses 2009 in der Stiftskirche St. Arnual, Saarbrücken. Gollenstein, Merzig 2010, ISBN 978-3-938823-66-8.
  • Ein Satz als Instrument. Michael Lentz und Sibylle Lewitscharoff im Gespräch. In: Ich liebe Dich. Marbacher Magazin 136, Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar 2011, S. 5–52,ISBN 978-3-937384-78-8.
  • Über die Niederlage. Klagenfurter Rede zur Literatur 2011. Text (PDF; 18 kB) und Video
  • Vom Guten, Wahren und Schönen: Frankfurter und Zürcher Poetikvorlesungen. Suhrkamp, Berlin 2012, ISBN 978-3-518-12649-3.
  • Ich versus Wider-Ich. Selbstvorstellung in der Akademie der Künste, In: Sinn und Form, 4/2012, S. 571-574.
  • Vom glanzvollen Leben oder war es früher besser? Vortrag am 26. Juni 2012, Studio Eins, Saarländischer Rundfunk. Herausgegeben von Ralph Schock. Gollenstein, Merzig 2012, ISBN 978-3-86390-020-5.
  • Keine Zeit für Erlösung? Reflexion zur Bachkantate „O Ewigkeit, du Donnerwort.“ (BWV 20). Anlässlich der Aufführung durch die J. S. Bach-Stiftung, in Trogen am 27. Juni 2014. St. Gallen 2014.[27][28]
Bühnenwerke
Hörspiele

Ausstellungen[Bearbeiten]

  • 11. Dezember 2009–27. Januar 2010: FLUXUS 12: „Sybille Lewitscharoff: Der Dichter als Kind. Fünf szenische Objekte“, im Rahmen der Veranstaltungsreihe FLUXUS des Deutschen Literaturarchivs Marbach im Literaturmuseum der Moderne in Marbach am Neckar (Lewitscharoff stellte vier Papiertheaterarbeiten und zwei Leporellos aus, die wie ihr begleitender Essay Der Dichter als Kind dem vorliterarischen Leben von Goethe, Schiller, Clemens Brentano, Gottfried Keller und Karl Philipp Moritz galten.)[7]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sibylle Lewitscharoff – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Gemäß Angaben zu Sibylle Lewitscharoff beim Suhrkamp-Verlag; abgerufen am 8. März 2014.
  2. a b Vgl. Dämonen aus Degerloch. In: Wochenmagazin stern vom 5. März 2003, S. 208.
  3. Vgl. Ingrid Reichel: Das Fremde in uns. Rezension von Sybille Lewitscharoffs Roman Apostoloff in der österreichischen Literaturzeitschrift etcetera Nr. 38 vom November 2009, auf www.litges.at; abgerufen am 8. März 2014.
  4. a b Vgl. Sibylle Lewitscharoff: „Ich bin ein Ordnungskasper“. Interview mit Sibylle Lewitscharoff von Jutta Person im Kulturmagazin Cicero vom 23. Oktober 2011; abgerufen am 8. März 2014.
  5. a b Vgl. Sibylle Lewitscharoff. Mehr Schärfe für den Literaturbetrieb: Die Schriftstellerin wählt Feldsalat und Zander. Gespräch mit Sybille Lewitscharoff von Richard Kämmerlings in der Tageszeitung Die Welt vom 22. Januar 2011; abgerufen am 8. März 2014.
  6. a b Vgl. Ausstellungseröffnung: „Der Dichter als Kind“ von Sibylle Lewitscharoff. Pressemitteilung des Deutschen Literaturarchivs Marbach vom Dezember 2009; PDF, abgerufen am 8. März 2014.
  7. a b Vgl. Kasseler Grimm-Professur 2013 an Sibylle Lewitscharoff. Pressemitteilung der Universität Kassel vom 6. Februar 2013; abgerufen am 8. März 2014.
  8. a b Vgl. Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat Rom-Preise 2013 der Villa Massimo vergeben. Pressemitteilung des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung vom 1. Juni 2012 (auf www.themenportal.de); abgerufen am 8. März 2014.
  9. Vgl. Angaben zu Sybille Lewitscharoff bei der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Stand: 4. Juni 2013; abgerufen am 8. März 2014.
  10. Vgl. die Rezension von Ijoma Mangold in „Die ZEIT“ vom 8. September 2011 [1] und die Rezension von Patrick Bahners in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 5. Oktober 2011[2]
  11. Peter Körte: Rezension Blumenberg. In: FASZ vom 2. Oktober 2011
  12. Birgit Recki: Philosophiekolummne: „Blumenberg“ oder Die Chance der Literatur. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Nr. 755. 66.Jg., Heft 4, April 2012, 66. S. 322-328.
  13. Sibylle Lewitscharoff: Killmousky bei perlentaucher.
  14. Volltext der Rede: Sibylle Lewitscharoff, 2. März 2014
  15. (dpa): Dresdner Skandalrede. Lewitscharoff sorgt für Eklat. Nachrichtenmeldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) vom 6. März, hier auf Handelsblatt.com; abgerufen am 19. März 2014.
  16. Originalrede zum Nachhören beim Dresdner Staatsschauspiel - MP3
  17. Dirk Knipphals: Rede von Sibylle Lewitscharoff - Eine schreckliche Tirade. In: taz, 6. März 2014
  18. Lewitscharoff brandmarkt künstliche Befruchtung bei zeit.de, abgerufen am 6. März 2014
  19. Sibylle Lewitscharoff: Hassrede gegen künstliche Befruchtung bei buchreport.de, abgerufen am 6. März 2014
  20. zeit.de 7. März 2014: Ich ertrage es nicht
  21. http://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article125504114/Verlag-distanziert-sich-nach-Skandal-Rede-von-Lewitscharoff.html
  22. http://www.katholisch.de/de/katholisch/themen/news/page_news.php?id=29231
  23. http://www.cicero.de/salon/dresdner-rede-zur-biopolitik-lewitscharoff-trifft-den-wunden-punkt/57178
  24. Skandalrede zu künstlicher Befruchtung: Schriftstellerin Lewitscharoff entschuldigt sich für „Halbwesen“-Aussagen. In: Spiegel Online vom 7. März 2014.
  25. Oliver Tolmein: Auf Leben und Tod. In: Jungle World, 13. März 2014
  26. Veranstaltungsbeschrieb auf der Website der J. S. Bach-Stiftung, abgerufen am 23. Juli 2014.
  27. Charles Uzor: Meisterhaft: Bachs Kantate „O Ewigkeit, du Donnerwort“. In: St. Galler Tagblatt, 30. Juni 2014, abgerufen am 23. Juli 2014.
  28. Bettina Schulte: Wartezimmer zum Jenseits : Sibylle Lewitscharoffs erstes Theaterstück „Vor dem Gericht“ in Mannheim uraufgeführt. In: Badische Zeitung vom 22. Mai 2012.