Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten

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Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten (Originaltitel: Zen and the Art of Motorcycle Maintenance) ist ein Werk des US-amerikanischen Autors Robert M. Pirsig aus dem Jahr 1974. Es ist eine Mischung aus Roman, Autobiographie und philosophischer Abhandlung.[1]

Das Werk[Bearbeiten]

Als Roman erzählt es eine Motorradreise durch den Nordwesten der Vereinigten Staaten. Als Autobiographie enthält es Erinnerungen des Autors an sich selbst und an sein früheres Denken. Als Philosophie besteht das Werk in einer Auseinandersetzung mit der zunehmend technisierten (westlichen) Lebensweise der 1950er und 1960er Jahre. Die Auseinandersetzung kann in Teilen als erkenntnistheoretisch aufgefasst werden, weil sie den handelnden Umgang mit der Technik und die sich daraus ergebenden Folgen thematisiert.[2]

Die philosophischen Überlegungen sind als Unterrichtseinheiten in die Rahmenhandlung der Motorradreise eingeschoben. Pirsig bezeichnet die Einheiten als „Chautauqua“ (wandernde Sommerschule).[3] Das Werk wurde nach seiner Veröffentlichung 1974 beliebt, weil die darin behandelten Themen mit den Interessen der Gegenkultur der 1960er und frühen 1970er Jahre kompatibel sind, insbesondere was die Kritik an der Art der Bildung und der Lebensziele der konservativen bürgerlichen Schichten der USA der 1950er Jahre betrifft.

Der Titel selbst ist eine Anspielung auf Eugen Victor Herrigels Buch Zen in der Kunst des Bogenschießens von 1948.

Qualitätsbegriff[Bearbeiten]

Im Mittelpunkt der Philosophie, die Pirsig in Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten entwickelt, steht der Begriff der „Qualität“. Dieser Begriff kann sowohl erkenntnistheoretisch als auch metaphysisch aufgefasst werden. „Qualität“ geht einer Aufspaltung der Wahrnehmung voraus, aus der Subjektives und Objektives, Geistiges und Körperliches hervorgeht. Der Qualitätsbegriff ist somit eine Antwort auf dualistische Denkweisen.

Ein besonderes Kennzeichen der „Qualität“ ist Dynamik. Dies steht im Gegensatz zur Wahrnehmung von den Dingen in der Welt, die als statisch erscheinen. Pirsig definiert „Qualität“ diesbezüglich als Ereignis.[4] Als solches ist „Qualität“ nie komplett erfassbar. Folglich kann „Qualität“ auch nicht im naturwissenschaftlichen Sinne wie ein abgegrenztes Untersuchungsobjekt beobachtet werden. Pirsig betont häufig, dass sich „Qualität“ nicht „definieren“ lasse.[5] In seinen erkenntnistheoretischen Überlegungen geht Pirsig von einem prä-intellektuellen Bewusstsein aus, das sich auf „Qualität“ bezieht und das er „Qualitätsbewusstsein“ nennt. Das „Qualitätsbewusstsein“ entspricht nicht dem alltäglichen Verständnis von Bewusstsein oder Intellekt als Erfassen von statischen Dingen in der Welt oder als Sammlung feststehender Verstandesbegriffe.[6] Alles intellektuell (durch den Verstand) Erfasste und Abgegrenzte ist für Pirsig nachträglich gegenüber dem Qualitätsbewusstsein. Diese Nachträglichkeit betrifft auch die Trennung der Welt in Subjekte und Objekte, in erkannte Gegenstände und erkennende Menschen. Menschliches Handeln und Sprechen beruhen für Pirsig darauf, im vorbewussten, prä-intellektuellen Qualitätsbewusstsein Analogien zu früheren Erfahrungen zu finden.[7]

Zur Verdeutlichung und Illustration des Qualitätsbegriffs verwendet Pirsig das Beispiel eines Güterzuges.[8] An diesem Beispiel lassen sich zwei Betrachtungsweisen unterscheiden: (1) der Blick auf den Zug, in dem dieser als ein statisches Gebilde aus Lokomotive und einzelnen Waggons erscheint, wie auf einer Fotografie; (2) der Blick auf den Zug, in dem dieser als ein dynamisches Gebilde erscheint, das fährt und dabei Strecke zurücklegt. Es handelt sich um zwei Arten und Weisen, dasselbe zu betrachten. In der ersten Betrachtungsweise ist der Zug in Form von Einzelteilen behandelt. Pirsig nennt das Resultat dieser Betrachtungsweise „klassisches Wissen“ oder „klassische Qualität“. In der zweiten Betrachtungsweise ist der Zug in Bewegung betrachtet, und dabei fokussiert Pirsig genau auf den vordersten Teil, den er als „Leitkante der Lokomotive“ bezeichnet. Das Resultat dieser zweiten Betrachtungsweise nennt Pirsig „romantisches Wissen“ oder „romantische Qualität“.

Mit Hilfe der zweiten Betrachtungsweise verdeutlicht Pirsig das, was er unter „Qualität“ versteht. Er bezeichnet das Gleis, auf dem der Zug fährt, als „Qualitätsgleis“. Die Perspektive ist auf die vorderste Seite des Zuges und auf die Bewegung verschoben. Aus dieser Perspektive ist das Gleis und sein weiterer Verlauf nicht (oder nur sehr wenig) einsehbar. Anders als in der ersten („klassischen“) Betrachtungsweise, in der ein Zug auf einem festgelegten Gleis fährt, ist das Gleis der zweiten („romantischen“) Sichtweise nicht vorher festgelegt. Für den Beobachter an der Leitkante des Zuges entsteht das Gleis mitsamt dem Zuge im Moment des Fahrens. Einteilungen der Wahrnehmung in einen Zug mit einzelnen Waggons, der einem Gleisverlauf folgt, entstehen gegenüber dieser Sichtweise erst später. Dazu muss der Beobachter sich von der Vorderkante des Zuges entfernen.

Pirsig nennt diesen Zug auch „Wissenszug“.[9] In erkenntnistheoretischer Interpretation verdeutlicht das Beispiel des Zuges den Prozess des Erkennens oder Erfahrens.[10] Der Erkenntnisprozess ist ereignishaft und findet an der „Vorderkante der Zeit“ statt.[11] Im Moment des Erkennens bestehen noch keine Einteilungen und Abgrenzungen. Einteilungen sind notwendig, aber sie entstehen erst nachträglich. Sie sind im „Wissenszug“ durch die einzelnen Waggons symbolisiert, die hinter der Lokomotive angeordnet sind. Der so beschriebene Erkenntnisprozess geht sämtlichen Dualismen voraus.

Beobachter- und Problembezogenheit des Werks[Bearbeiten]

Der Beobachter ist bei Pirsig in das philosophische Denken einbezogen. Dies zeigen seine zahlreichen Erläuterungen zum Qualitätsbegriff. Doch Pirsig belässt es nicht dabei. Er beschreibt die Auswirkungen der beiden Betrachtungsweisen im täglichen Umgang mit der Technik. Er erzählt davon im Verlauf des gesamten Werks am Beispiel einer konkreten, nicht ungewöhnlichen Problemstellung – die Wartung seines Motorrades während der Motorradreise. Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten ist auf diese Weise ein Beispiel für philosophisches Denken, das beobachter- und anwendungsbezogen ist und auf das Leben in der heutigen Zeit abzielt.

Am Beispiel der Motorradwartung zeigt Pirsig ausführlich, dass die traditionelle naturwissenschaftliche Betrachtungsweise, die Pirsig als die „klassische“ bezeichnet, für Problemlösungen zwar notwendig ist, aber nicht hinreicht. Erst eine Neubewertung der als problematisch erfahrenen Situation ermöglicht eine Problemlösung, und dafür ist die dynamische, qualitative Betrachtungsweise notwendig, die Pirsig als „romantische“ bezeichnet. Als Beispiel für eine solche Neubewertung unter der dynamischen Betrachtungsweise gibt Pirsig das Problem einer lockeren Lenkstange an. Es fehlt ein Unterlegstück. Dies ist eine Problemstellung, die in der klassischen, statischen Sichtweise erfolgt. Neben dem Motorrad liegt eine weggeworfene Bierdose. Hier wirkt die dynamische Sichtweise: Die Bierdose kann neu und adaptiv wahrgenommen werden, beispielsweise als Blech für ein neues Unterlegstück. Diese Neubewertung macht eine Problemlösung möglich. Ein anderes Beispiel für Problemlösungen durch Neubewertungen der Situation, das Pirsig näher erläutert, ist das Problem einer festsitzenden Schraube.[12]

Der Name Zen im Titel des Werks Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten steht symbolisch für die Auffassung, dass eine bestimmte Herangehensweise zu Problemlösungen im Bereich der Technik führen kann. In dieser Herangehensweise hat der Beobachter sich selbst noch nicht so weit von der beobachteten Welt getrennt, dass er nur noch statische, unveränderliche Dinge vor sich sieht, die den Zwecksetzungen des Beobachters entsprechend funktionieren oder nicht funktionieren. Der Beobachter in dieser Herangehensweise ist noch so weit mit den Dingen verbunden, dass er Neues wahrnehmen kann, und dass er auf diese Weise die Dinge – und damit seine Welt – dynamisch den auftretenden Problemen anpassen kann.[13]

Kritik an den griechischen Klassikern[Bearbeiten]

Die Philosophie im Werk Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten ist mit einer deutlichen Kritik an den dualistischen Philosophien der griechischen Klassiker verbunden (insbesondere Platon und noch mehr Aristoteles). Durch die Übernahme dieser klassischen Theorien wurde Pirsig zufolge „dieser Welt unsäglicher Schaden zugefügt“.[14] Pirsig kritisiert insbesondere die Abspaltung einer Vernunft (oder Rationalität) von den Dingen und auch von den platonischen Ideen und setzt als Alternative seine Sichtweise dagegen, in der ein handelnder Mensch (ein Beobachter) im Moment seines Handelns mit den Produkten seines Handelns verbunden ist. Als Mittelpunkt dieser Alternative kann der Qualitätsbegriff angesehen werden.[15] Im Zusammenhang mit der Kritik an den griechischen Klassikern steht zugleich eine Kritik an einem universitären Bildungssystem, in dem mehr Wert auf das Auswendiglernen der Klassiker und das Wiedergeben von Einteilungen und Listen als auf Problemlösung gelegt wird. In diese Kritik geht die persönliche Erfahrung Pirsigs als Lehrer in Bozeman (Montana) ein. Diesbezüglich nennt Pirsig das „Great Books“-Programm, mit dessen Vertretern er sich an der Universität von Chicago auseinandersetzte.[16]

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Zen and the Art of Motorcycle Maintenance: An Inquiry into Values. William Morrow, 1974, ISBN 0-688-00230-7
deutsch
  • Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Ein Versuch über Werte. Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein. S. Fischer, Frankfurt 1976, ISBN 3-10-061901-3; Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 1978, ISBN 3-596-22020-3
    • Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Ein Versuch über Werte. Mit einem Nachwort des Autors: Zehn Jahre nach Erscheinen der ersten Ausgabe. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 2005, ISBN 3-596-50855-X

Literatur[Bearbeiten]

  • Ronald L. DiSanto & Thomas J. Steele: Guidebook to Zen and the Art of Motorcycle Maintenance. William Morrow, 1990, ISBN 0688084613

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Klappentext der Taschenbuchausgabe des zweiten Werks Lila (Fischer Taschenbuch Verlag, 2006)
  2. Die folgenden Seitenangaben beziehen sich auf die folgende Ausgabe: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Ein Versuch über Werte. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 1978, ISBN 978-3596220205
  3. S. 15 f.
  4. S. 252
  5. Siehe beispielsweise S. 265. Hier ist es angebracht, zwischen „Qualität“ als Phänomen (als Erscheinung, als Wahrnehmungs-Ereignis) und „Qualität“ als Begriff zu unterscheiden. „Nicht definieren können“ kann so verstanden werden, dass es nicht möglich ist, „Qualität“ als Phänomen (als konkrete, wahrnehmbare Erscheinung) abzugrenzen, zu bestimmen und zu beobachten. Wenn „Qualität“ als Begriff verstanden wird, passt der Ausdruck „nicht definieren können“ streng genommen nicht, weil Begriffe definiert werden können und für kommunikative Zwecke auch definiert werden müssen. Auch Pirsig definiert „Qualität“ als Begriff mit Hilfe seiner Beschreibungen.
  6. S. 260, S. 263 f.
  7. S. 263
  8. Zum Folgenden siehe S. 298 f.
  9. S. 299
  10. Die Romanform bringt es mit sich, dass die Begriffe nicht immer eindeutig verwendet sind.
  11. S. 260
  12. S. 58 f.; S. 296–303. Zur Erläuterung: Auch ein defektes Teil erfüllt die Kausalgesetze, eine gültige traditionelle wissenschaftliche Betrachtung beschreibt also lediglich einen Zustand. Zum Problem wird dieser Zustand erst durch eine Bewertung in Bezug auf momentane Ziele und Zwecke. Das Gleiche gilt auch für Problemlösungen. In diesen Beispielen wird der Einbezug des Beobachters bei Pirsig besonders deutlich.
  13. Im Titel heißt es „Zen“, dies kann als Verallgemeinerung der im Werk beschriebenen Herangehensweise an technische Probleme aufgefasst werden. Pirsig verbindet Elemente seiner Philosophie mit seinen Kenntnissen über fernöstliche Philosophien. Er verbindet seinen Qualitätsbegriff mit dem Begriff des Dao aus dem Daodejing, S. 266 f.
  14. S. 370
  15. Pirsig selbst spricht nicht von Handeln und Handlungen. Seine Beispiele des Umgangs mit der Technik legen eine solche Interpretation jedoch nahe.
  16. Über das Great Books Program siehe den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia