Ärmelkanal

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Ärmelkanal
Blick vom Cap Gris-Nez über den Kanal auf die Kreidefelsen von Dover
Blick vom Cap Gris-Nez über den Kanal auf die Kreidefelsen von Dover
Verbindet Gewässer Nordsee
mit Gewässer Atlantischer Ozean
Trennt Landmasse Großbritannien
von Landmasse Europa
Daten

Geographische Lage

50° 11′ N, 0° 32′ WKoordinaten: 50° 11′ N, 0° 32′ W
Karte von Ärmelkanal
Geringste Breite 34 km
Küstenorte Le Havre, Saint Malo, Southampton, Portsmouth, Plymouth
Inseln Kanalinseln, Isle of Wight
Ärmelkanal, Satellitenbild
Ärmelkanal, Satellitenbild

Der Ärmelkanal (kurz auch Der Kanal; englisch English Channel, wörtlich ‚Englischer Kanal‘; französisch La Manche, wörtlich ‚Der Ärmel‘; bretonisch Mor Breizh, wörtlich ‚Bretonische See‘; kornisch Mor Bretannek, wörtlich ‚Britische See‘) ist ein Meeresarm des Atlantiks und verbindet diesen über die Straße von Dover mit der Nordsee.

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der etwa 563 Kilometer lange Ärmelkanal setzt als Meeresarm den Atlantik Richtung Osten fort und verjüngt sich dabei wie ein menschlicher Arm oder Kleidungs-Ärmel. Dies erklärt auch den deutschen Namen Ärmelkanal, auch als evtl. Übersetzung aus dem Französischen.

Die Römer nannten das Seegebiet in der Antike Oceanus Britannicus, was unter anderem bei Claudius Ptolemaeus belegt ist. Dieser Name wurde auch beinahe das gesamte Mittelalter hindurch benutzt oder in die jeweilige Sprache übersetzt. Eine Bezeichnung, die auf Englischer Kanal hindeutet, findet sich vermutlich erstmals auf einer italienischen Karte[1] von 1450 als Canalites Anglie. Diese Bezeichnung wurde auch auf den Karten der damals in Nordeuropa führenden Seefahrtsnation auf Niederländisch als Het Engelse Kanaal benutzt, die sich seit spätestens dem 18. Jahrhundert auch in Großbritannien als The English Channel durchsetzte. Englischsprechende Nord- und Westeuropäer lassen meistens die nähere Bestimmung ganz weg, wenn eindeutig ist, welcher Kanal gemeint ist.

Angesichts der wachsenden Rivalität zwischen Frankreich und England zum Ende des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit war Frankreich jedoch nicht dazu bereit, mehrere hundert Kilometer der eigenen Küstengewässer „englisch“ zu nennen. Bis zum 17. Jahrhundert entwickelte sich daher, inspiriert durch die Ärmelform der Küstenlinie, der französische Name La Manche.

Das französische Département Manche reicht bis zur Kanalmitte und wird seit 1790 nach dem Kanal bezeichnet.

Geographische Übersicht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ärmelkanal liegt zwischen Großbritannien im Norden und Frankreich im Süden. Nach der Definition der International Hydrographic Organization wird die Ostgrenze zur Nordsee durch eine Linie gebildet, die etwa zehn Kilometer östlich der Line Dover–Calais zwei historische Landmarken[2] verbindet. Die Westgrenze wird durch die Linie von Land’s End zum Leuchtturm der Île Vierge gebildet. Die britische Küste enthält die Jurassic Coast, eine geschützte Naturlandschaft. Ein Teil der französischen Küste des Ärmelkanals ist die Alabasterküste.

Im Kanal liegen die britischen Kanalinseln im Südwesten und die Isle of Wight, die von einem Seitenarm, dem Solent, umschlossen wird, an seinem Nordrand. Am Nordwesteingang ragen die Scilly-Inseln in den Nordatlantik, genauer: in die Keltische See. Der größte Fluss, der in den Kanal mündet, ist die Seine.

Bekannte Städte am Kanal sind Southampton und Plymouth (beide Großbritannien) und Cherbourg-en-Cotentin, Le Havre und Calais (Frankreich).

Der Ärmelkanal ist maximal 248 km breit. Die schmalste Stelle ist die Straße von Dover (engl. Strait of Dover, frz. Pas de Calais) im Osten – die Strecke von Dover nach Cap Gris-Nez misst nur 34 km. Der Kanal hat in der Nähe des offenen Atlantiks eine durchschnittliche Tiefe von 120 m; an der östlichen Einmündung in die Nordsee sind es seichtere 45 m.

Geologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der letzten Eiszeiten war der Wasserstand bis zu 120 Meter niedriger als heute. Die Nordseeküste lag etwa 600 Kilometer nördlich ihrer jetzigen Lage, das Gebiet des Ärmelkanals war bis auf das westliche Ende Festland (s. Doggerland). Nach letzten Forschungen gab es einen breiten Fluss, der sich entlang des heutigen Ärmelkanals dahinzog und durch Rhein, Seine und Themse als Nebenflüsse gespeist wurde. Dieses Flusssystem war vermutlich das größte, das jemals in Europa entstand.[3]

Als das Wasser nach der Eiszeit langsam zu steigen begann, bildete sich im südlichen Nordseebecken ein großer Süßwassersee, der durch die Doggerbank nach Norden und durch eine Kreideverbindung nach Westen abgesperrt war. Die Kreide zwischen den heutigen Städten Dover und Calais war etwa 6500 v. Chr. so weit erodiert, dass das Wasser der südlichen Nordsee über den Ärmelkanal in den Atlantik abfließen konnte. Die letzte Landverbindung zwischen Großbritannien und dem Kontinent verschwand vor etwa 7000 Jahren.

Wellen und Winderosion tragen die Kreide an dieser Stelle ständig weiter ab, so dass sich der Kanal auch heute noch langsam verbreitert. Erst als der Wasserstand weiter stieg, bildete sich das durchgehende Nordseebecken, so dass heute das Wasser aus dem Atlantik über den Ärmelkanal in die Nordsee fließt und an der norwegischen Küste entlang in den Atlantik zurückkehrt.

Bauprojekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tunnelprojekt der Kanalgesellschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1875 begann die Kanalgesellschaft bei Sangatte mit einem Tunnelbau. In England wurde zur selben Zeit bei Abbotscliff mit Kanalarbeiten begonnen. Bis 1882 wurden auf beiden Seiten jeweils ca. 1.800 Meter Tunnel gebaut. Da England eine spätere Invasion durch die Franzosen fürchtete, wurden die Arbeiten um 1882 eingestellt.

Der französische Filmpionier Georges Méliès griff die Idee der Untertunnelung des Ärmelkanals mit Eisenbahnverbindung als erster filmisch auf und schuf 1907 den Film Le Tunnel sous la Manche ou le Cauchemar franco-anglais.[4]

Vision Brückenstadt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1962/1963 entwickelten die Architekten Yona Friedman und Eckhard Schulze-Fielitz die Vision einer Brückenstadt über den Ärmelkanal. Das gigantische Bauwerk, eine megastructure aus Tragwerk und eingebauten Modulen, sollte die Funktionen einer Stadt übernehmen.

Eurotunnel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch den Eurotunnel zwischen Folkestone und Sangatte besteht seit 1994 eine Eisenbahnverbindung zwischen Großbritannien und dem europäischen Kontinent.

Schiffsverkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wichtige Fährverbindungen verkehren zwischen Dover und Calais, Dover und Dünkirchen sowie zwischen Cherbourg und Portsmouth.

Unfälle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund des mit täglich 400 bis 500 Schiffen hohen Verkehrsaufkommens im Kanal kommt es immer wieder zu Kollisionen:

  • Der elf Jahre alte Flüssiggastanker Ievoli Sun sank am 31. Oktober 2000 mit 6000 Tonnen giftiger Chemikalien und liegt seitdem in 70 Metern Tiefe. Teile der biologisch abbaubaren Chemikalien liefen in den folgenden Tagen aus.
  • Der 15 Jahre alte Autotransporter Tricolor sank nach einer Kollision am 14. Dezember 2002 mit 2871 Luxuswagen an Bord. In der Folge kollidierten weitere Schiffe mit dem Wrack, das bei Niedrigwasser nur knapp aus dem Wasser ragte. Es dauerte fast zwei Jahre, das Wrack in neun Teile zu zersägen und abzutransportieren.
  • Der mit 10.000 Tonnen Phosphorsäure beladene Chemietanker Ece sank nach einer Kollision am 31. Januar 2006.
  • Am 9. Juni 2006 kollidierten vor der Küste der Grafschaft Sussex zwei Öltanker. Trotz deren Beschädigungen lief kein Öl aus.

Bis auf den Untergang der Amoco Cadiz 1978 sind bisher keine gravierenden Umweltschäden durch größere Tankerunfälle eingetreten.

Zur Regulierung des Schiffsverkehrs wurde im Ärmelkanal eine Reihe von Verkehrstrennungsgebieten eingeführt.

Seeleute auf Vollschiffen nannten den Ärmelkanal ein Meer von Kopf- und Herzweh (engl. sea of sore heads and sore hearts), vor allem, wenn diese Schiffe mit allen Mann an Deck gegen vorherrschende Südwestwinde durch das enge und gefahrvolle Revier nach Westen gesegelt werden mussten.[5]

Bemerkenswerte Kanalquerungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Kanalüberquerung
Straße von Dover

Der Kanal verleitet seit langer Zeit Menschen auch zu gefährlichen Querungsversuchen. So wird das Durchschwimmen verharmlosend als Kanalschwimmen bezeichnet. Erstmals wurde der Ärmelkanal am 24. und 25. August 1875 von dem Engländer Matthew Webb nachweislich durchschwommen. Er benötigte für die Strecke von Dover nach Calais 21 Stunden und 45 Minuten.

Da der Kanal zwischen dem Festland und den britischen Inseln in unterschiedlichsten Weisen überwunden wird, führt dies zu einer Reihe verschiedenster Rekorde und Listen solcher Unternehmen. Erste Überquerung mit … oder schnellste … zum Beispiel dem Segelschiff oder Ruderbooten, Ballon, Flugzeug, Hubschrauber, Amphibienfahrzeug, via Tunnel und Eisenbahn, per Fallschirmsprung oder Flug mit Flügel und Düsen und den historisch bedeutsamen militärischen Unternehmungen zur Invasion des Nachbarlandes.

Rezeption in Kunst und Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der längste Tag: Vereinigte Staaten 1962; Filmklassiker zur Invasion über die Meerenge im Juni 1944, Regie Ken Annakin, Andrew Marton und Bernhard Wicki u. a. mit Paul Anka, John Crawford; amerikan. Titel: The Longest Day. Der Titel ist bei allen Kriegsparteien eine gängige Bezeichnung für das Gesamtgeschehen.
  • Lord Nelsons letzte Liebe: Regie Alexander Korda, Vereinigtes Königreich 1941; Nelson stirbt bei der Abwehr der frz. Invasionsflotte; mit Laurence Olivier, Vivien Leigh u. a.

Gemälde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lyrik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Cinque Ports (franz. „Fünf Häfen“), ein früherer Städtebund entlang des E. Channels in den Grafschaften Kent und Sussex

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Ärmelkanal – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Ärmelkanal – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Italienische Karte der Britischen Inseln von ca. 1450, bei British Library
  2. Limits of Oceans and Seas, IHO, 3. Edition, 1953
  3. Artikel „Ärmelkanal war vor 20.000 Jahren ein Fluss“ in „Berliner Morgenpost“, Sonnabend, 16. September 2006.
  4. Le Tunnel sous la Manche ou le Cauchemar franco-anglais bei youtube.com
  5. Kemp, Peter (Hrsg.): The Oxford Companion to Ships and the Sea. 1. Auflage. Oxford University Press, Oxford 1976, ISBN 0-19-211553-7.