Boris Johnson

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Boris Johnson (2015)

Alexander Boris de Pfeffel Johnson (* 19. Juni 1964 in New York City, Vereinigte Staaten) ist ein britischer Publizist und Politiker der Conservative Party. Seit Mai 2015 vertritt er im Unterhaus den Wahlkreis Uxbridge and South Ruislip im Westen Greater Londons.[1] Seit dem 13. Juli 2016 ist er britischer Außenminister.[2]

Von 1999 bis Dezember 2005 war er Herausgeber des konservativen Nachrichtenmagazins The Spectator. Von Juni 2001 bis Juni 2008 war er Mitglied des Unterhauses als Abgeordneter des Wahlkreises Henley. Von Mai 2008 bis Mai 2016 war er Bürgermeister von London. Ab Februar 2016 führte Johnson die Kampagne der Brexit-Befürworter für das Referendum am 23. Juni 2016 an.[3] Er galt bis zum 30. Juni 2016 als einer der Favoriten für die Nachfolge des Premiers David Cameron, teilte dann aber mit, dass er nicht für dieses Amt kandidiere.[4]

Johnson ist einer der bekanntesten und beliebtesten, aber auch umstrittensten Politiker des Landes. Er ist bekannt für sein häufig exzentrisches Verhalten. Britische Boulevardzeitungen nennen ihn häufig Bo-Jo.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Boris Johnson wurde 1964 als erstes von vier Kindern von Stanley Johnson und seiner ersten Frau Charlotte Johnson-Wahl in New York geboren. Aufgrund des Geburtsorts besitzt Johnson neben der britischen Staatsbürgerschaft auch die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten (Stand Januar 2015).[5] Sein Vater war von 1979 bis 1984 Abgeordneter der Conservative Party im Europäischen Parlament.

Boris Johnsons türkischer Urgroßvater Ali Kemal war der letzte Innenminister des Osmanischen Reiches und veranlasste in dieser Funktion die Verhaftung Kemal Atatürks; er wurde später auf Befehl Nureddin Paschas gelyncht. Johnsons Großvater Osman Ali floh daraufhin nach London und nahm dort den Namen „Wilfred Johnson“ an.[6] Über seine Urururgroßeltern Adelheid Pauline Karoline von Rottenburg (1805–1872), nichteheliche Tochter von Prinz Paul von Württemberg, und Karl Maximilian Freiherr von Pfeffel (1811–1890) ist er durch das Königshaus Württemberg weitläufig mit Queen Elizabeth und Prinz Charles verwandt.[7][8]

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johnson besuchte die Europäische Schule I in Brüssel und ab 1977 das Knabeninternat Eton College in Eton. Danach verbrachte er ein „Gap Year“ in Australien – er unterrichtete Englisch und Latein an der Geelong Grammar School, einem Elite-Internat in Victoria. Ab 1983 studierte Johnson am Balliol College in Oxford Klassische Altertumswissenschaft.

Sowohl in Eton als auch in Oxford war er als interessante Persönlichkeit bekannt. Seine beiden besten Freunde in dieser Zeit waren Abkömmlinge der Oberschicht: der später wegen Versicherungsbetrugs verurteilte Darius Guppy sowie Charles Spencer, der jüngere Bruder der Kronprinzessin Diana. In Oxford war Johnson Präsident des Debattierzirkels Oxford Union und Mitglied des Bullingdon Club, außerdem zusammen mit Guppy Herausgeber des satirischen Magazins Tributary. Johnson, Guppy und Spencer blieben auch nach der Universitätszeit befreundet.

Journalistische Laufbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seinem Universitätsabschluss erhielt Johnson zunächst eine Traineestelle bei einer Unternehmensberatung, gab diese aber nach einer Woche aus Desinteresse wieder auf und begann ein journalistisches Praktikum bei der renommierten Tageszeitung The Times. Weil er ein Zitat seines Patenonkels Colin Lucas, später Vizepräsident der Universität Oxford, verfälscht hatte, wurde er entlassen. Er schrieb dann für das mittelenglische Lokalblatt Wolverhampton Express and Star. 1987 wechselte er zum Daily Telegraph und schrieb in der Folge häufig die Leitartikel dieser Zeitung. Von 1989 bis 1994 berichtete er als Korrespondent des Blattes aus Brüssel von den Läufen der Europäischen Gemeinschaft. Von 1994 bis 1999 war er Mitherausgeber der Zeitung und wechselte dann als Hauptherausgeber zum konservativen Wochenblatt The Spectator, für das er bereits in den Jahren 1994 und 1995 gelegentlich politische Kommentare geliefert hatte.

Im April 1998 wurde Johnson erstmals einer breiteren Öffentlichkeit durch einen Auftritt in der Fernsehsendung Have I Got News For You bekannt. Es folgten weitere Auftritte in dieser Sendung. Er wurde nun auf der Straße von den Leuten erkannt und trat in der Folge auch in anderen Fernsehsendungen auf, beispielsweise in Top Gear und Question Time.

Am 16. Oktober 2004 löste ein Leitartikel des Spectator einen Skandal aus. Der Anlass war die Berichterstattung über die Geiselnahme und Ermordung des Briten Kenneth Bigley durch irakische Terroristen. Der Artikel kritisierte in harschen Worten, dass sich die Bewohner von Bigleys Heimatstadt Liverpool quasi stellvertretend für Bigley in einer Opferrolle suhlten.[9] Auch gab der Artikel betrunkenen Liverpooler Fußballfans eine Mitschuld an der Hillsborough-Katastrophe.[10] Zwar hatte Johnson den Text nicht geschrieben, doch übernahm er als Herausgeber des Spectator die Verantwortung. Da er zu dieser Zeit bereits prominent für die Tories aktiv war, befürchtete seine Partei politischen Schaden. Parteichef Michael Howard beorderte Johnson nach Liverpool, um dort Abbitte zu leisten. Bei einer Live-Sendung der BBC rief Paul Bigley an, der Bruder des ermordeten Kenneth Bigley, und sagte Johnson: „Sie sind ein egozentrischer, aufgeblasener Idiot – Verschwinden Sie aus der Öffentlichkeit!“[11][12]

Privatleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1987 heiratete Johnson Allegra Mostyn-Owen; die Ehe wurde 1993 geschieden. Im selben Jahr heiratete er die Anwältin Marina Wheeler. Aus dieser zweiten Ehe gingen zwei Söhne und zwei Töchter hervor.

Politische Laufbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorlauf und Wahl zum Bürgermeister von London 2008[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johnson kündigte die Möglichkeit seiner Kandidatur für die Bürgermeisterwahl 2008 am 16. Juli 2007 an.[13] Er trat als Mitglied des Schattenkabinetts zurück, wo er bis dahin für höhere Bildung zuständig war. Am 27. September 2007 wurde er zum Kandidaten der Konservativen Partei ernannt, nachdem er bei einer öffentlichen, stadtweiten Vorwahl 75 % der Stimmen bekommen hatte.[14]

Johnson versprach neue Routemaster-ähnliche Busse, wenn er zum Bürgermeister gewählt würde

Die Konservative Partei stellte den Australier Lynton Crosby ein, um Johnsons Wahlkampf zu leiten. Wegen Johnsons Neigung, in Fettnäpfchen zu treten, sorgte Crosby dafür, dass Johnson kaum Interviews mit Druck- und Fernsehmedien bestritt und stattdessen bei Radiogesprächen und Fernsehprogrammen tagsüber auftrat, wo eher „leichte“ Fragen gestellt wurden.[15][16] Crosby sorgte auch dafür, dass Johnson weniger Witze erzählte und einen einfacheren Haarschnitt bekam; so sollte er seriöser wirken.[15] Johnsons Wahlkampf richtete sich stark auf konservativ-geneigte Vororte im äußeren London und nutzte das Gefühl der dortigen Einwohner, von der Verwaltung unter Ken Livingstone übersehen zu werden.[16] Bei der Wahl am 1. Mai 2008 erhielt Johnson 53 Prozent der Stimmen und löste damit den für eine weitere Amtsperiode kandidierenden Amtsinhaber und Labour-Kandidaten Ken Livingstone ab. Johnson wurde am 3. Mai 2012 als Amtsinhaber mit 51,5 Prozent der Stimmen in der zweiten Auszählrunde für eine weitere Amtsperiode bestätigt, erneut mit Livingstone als stärkstem Gegenkandidaten.[17]

Wirken als Bürgermeister von London, 2008–2016[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johnson hält eine Rede anlässlich seines Sieges bei der Wahl zum Bürgermeister von London 2008 in der City Hall.

Fahrkarten für den öffentlichen Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Beginn seiner Amtszeit kündigte Johnson an, die Oyster-Card, eine Zeitkarte für die öffentlichen Verkehrsmittel, für das gesamte Schienennetz einzuführen.[18] Eines der Ziele in Johnsons Wahlprogramm war, Fahrkartenschalter der Untergrundbahn zu erhalten, im Gegensatz zu Livingstones Ankündigung, 40 Verkaufsstellen zu schließen.[19] Im Juli 2008 kündigte das Büro des Bürgermeisters an, dass die Verkaufsstellen nicht geschlossen werden.[20]

Alkoholverbot im öffentlichen Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon am 7. Mai 2008, wenige Tage nach seiner Amtsübernahme, kündigte Johnson ein Alkoholverbot im Londoner öffentlichen Verkehr an, das zum 1. Juni in Kraft treten sollte.[21] Das Verbot gilt in Fahrzeugen und Stationen von London Underground, Bussen, der Docklands Light Railway (DLR) und den Straßenbahnen im Süden Londons sowie London Overground, den S-Bahn-ähnlichen Verkehren.

Neuer Routemaster Bus (Doppeldecker)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

New Bus for London, NB4L oder Borismaster auf Linie 38

Als Teil seiner Wahlkampagne 2008 hatte Johnson angekündigt, einen Ersatz für den populären Routemaster-Bus zu beschaffen, den typischen Londoner roten Doppeldeckerbus, eines der Wahrzeichen der Stadt. Nach einem Gestaltungswettbewerb wurde Wrightbus beauftragt, den neuen Bustyp zu bauen. Die ersten Fahrzeuge, die in Anlehnung an Johnsons Vornamen und den Namen des alten Busses auch Borismaster genannt werden, starteten im Linienbetrieb im Februar 2012, die erste komplette Linie mit den neuen Fahrzeugen im Sommer 2013. Bestellt wurden über 600 neue Busse.

Fahrradverkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johnson ist überzeugter Radfahrer und erreichte seit der Amtsübernahme 2008 einige Erfolge durch Anstrengungen zur Förderung des Fahrradverkehrs in London, was teilweise auf Vorarbeiten der Verwaltung unter Ken Livingstone aufbauen konnte. Besonders Blogger kritisierten, dass diese Politik nicht weit genug gehe und dass London noch immer ein extrem gefährlicher Ort zum Radfahren sei.

Im Januar 2013 ernannte Johnson den Journalisten Andrew Gilligan als Londoner Fahrradbeauftragten, obwohl Gilligan nur wenig Qualifikation dafür vorweisen konnte. Im März 2013 kündigte Johnson an, in den nächsten Jahren mit Investitionen in Höhe von fast einer Milliarde Pfund das Radfahren sicherer und damit für breitere Bevölkerungsgruppen attraktiv zu machen („to de-Lycrafy cycling“),[22] wobei die Fahrrad-Infrastruktur ausgebaut werden sollte. Im Programm enthalten ist auch ein „Crossrail for bikes“, eine 24 km lange Strecke mit eigenständigen Fahrradwegen, die quer durch London in Ost-West-Richtung verläuft (benannt in Anlehnung an ein großes Schienenverkehrsprojekt).[23][24][25]

Die Fahrräder im Londoner Fahrradleihsystem „Santander Cycles“ (bis März 2015 Barclays Cycle Hire) werden üblicherweise „Boris Bikes“ genannt, da Johnson zum Zeitpunkt der Einführung des Systems der Bürgermeister war und es in seiner Amtszeit deutlich ausgeweitet hat. Im September 2013 kündigte Johnson in einem Radio-Gespräch scherzhaft an, seinen Namen in „Barclays Johnson“ zu ändern, wenn die Bank weitere 100 Millionen Pfund für das System geben würde.[26][27]

Nachtverkehr der U-Bahn an Wochenenden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 21. November 2013 kündigte Johnson größere Änderungen beim Betrieb von London Underground an, was auch eine Ausweitung des U-Bahn-Betriebs auf die Wochenendnächte beinhaltet. Gleichzeitig kündigte er an, dass Räume und Personal sämtlicher Underground-Fahrscheinverkaufsstellen durch Fahrscheinautomaten oder andere Systeme ersetzt werden sollen, um über 40 Millionen Pfund pro Jahr einzusparen.[28][29]

Rückkehr ins Parlament[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johnson hatte anfänglich bestritten, während seiner Amtszeit als Bürgermeister auf einen Wiedereinzug ins Unterhaus hinzuarbeiten. Am 26. August 2014 teilte er mit, er strebe an, als Kandidat des sicheren Wahlkreises Uxbridge and South Ruislip[30] für die Unterhauswahl am 7. Mai 2015 nominiert zu werden.[31] Am 12. September 2014 wurde er als Kandidat aufgestellt.[32][33] In einem Interview mit der BBC am 24. März 2015 nannte Premierminister Cameron Johnson einen seiner möglichen Nachfolger im Amt des Premierministers (neben George Osborne und Theresa May).[34]

Am 7. Mai 2015 wurde Johnson gewählt; er erhielt in seinem Wahlkreis 50,2 % der abgegebenen Stimmen.[35]

Führende Rolle im Brexit-Wahlkampf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Johnson sich Anfang 2016 zunächst weigerte, sich für einen Brexit auszusprechen, berichteten Medien ausführlich darüber. Johnsons Haltung zum EU-Referendum am 23. Juni 2016 wurde mit Spannung erwartet. Am 21. Februar 2016 sprach er seine Unterstützung für Vote Leave aus, eine am 8. Oktober gegründete Organisation, die vor dem Referendum eine Kampagne für den Brexit betrieb.[36] Er bezeichnete Camerons Argumente gegen einen Austritt aus der EU als „maßlos übertrieben“ und „Panikmache“.[37] Cameron habe sich in seinen Verhandlungen über eine EU-Reform sehr bemüht, vom Ergebnis sei er aber nicht überzeugt. Er wolle eine grundlegende Änderung in den Beziehungen des UK zur EU.[38] Nach seinem Statement fiel das Pfund Sterling um fast 2 Prozent auf seinen niedrigsten Stand seit März 2009.[39] Johnson profilierte sich schnell als einer der Wortführer der Kampagne für den EU-Austritt.[40]

Als US-Präsident Obama dem Vereinigten Königreich riet, in der EU zu bleiben, äußerte Johnson, Obama sei getrieben von einem anti-britischen Gefühl, was an seinen kenianischen Vorfahren liege. Für diese Äußerung wurde er kritisiert, unter anderem von den Labour-Politikern John McDonnell und Diane Abbott. Der UKIP-Vorsitzende Nigel Farage und der Konservative Iain Duncan Smith verteidigten Johnson.[41][42][43]

Johnson äußerte, die EU versuche, einen „europäischen Super-Staat“ zu errichten. „Napoleon, Hitler, diverse Leute haben das versucht, und es endete tragisch. Die EU ist der Versuch, dies auf andere Weise zu erreichen.“[44] Donald Tusk (Präsident des Europäischen Rates) erwiderte, Johnson habe damit „die Grenzen einer rationalen Diskussion überschritten und politischen Gedächtnisverlust offenbart“.[45]

Bei dem Referendum am 23. Juni stimmten insgesamt 51,9 % der Wähler für den Brexit, in London stimmten allerdings 60 % gegen den Brexit. Am 24. Juni, als das Ergebnis feststand, wurde Johnson beim Verlassen seines Hauses im Norden von London von einer wütenden Menschenmenge und Rufen wie „Shame on you, Boris!“ („Schäm dich, Boris!“) empfangen; er gelangte unter Polizeischutz zu seinem Wagen.[46]

Am Vormittag des 24. Juni kündigte Cameron seinen Rücktritt als Premierminister und als Tory-Vorsitzender an. Johnson galt als einer der Favoriten für diese Ämter,[47] bis er am 30. Juni 2016 überraschend mitteilte, dass er dafür nicht kandidiere.[48][49] Kurz zuvor hatte Justizminister Michael Gove, der bis dahin als Johnsons engster Verbündeter gegolten hatte,[4] seine eigene Kandidatur für die Nachfolge Camerons bekannt gegeben und dabei Johnson scharf kritisiert. Gove sagte, Johnson sei nicht in der Lage, die nötige politische Führung zu gewährleisten oder das Team für die anstehenden Aufgaben aufzubauen.[50][51][52]

In der anschließenden Debatte um den künftigen Parteivorsitzenden der Konservativen und Premierminister sprach sich Johnson für Andrea Leadsom aus.[53]

Außenminister[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem 13. Juli 2016 ist Boris Johnson Außenminister im Kabinett von Premierministerin Theresa May.[54] Die Ernennung kam so kurz nach seinem Verzicht auf die Kandidatur für das Premierministeramt für viele überraschend und stieß international auf ein geteiltes Echo. In diesem Zusammenhang wurden in den Medien frühere Äußerungen Johnsons über US-amerikanische Politiker zitiert. In einem 2007 verfassten Beitrag für den Telegraph hatte er über die damalige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton geschrieben, sie habe „blondgefärbtes Haar, einen Schmollmund und einen stahlblauen, stechenden Blick wie eine sadistische Krankenschwester in einer psychiatrischen Klinik“; der Vorteil ihrer Präsidentschaft bestünde darin, dass ihr Mann Bill Clinton wieder Zugang zum Weißen Haus bekäme, denn wenn er mit Hillary fertig werde, könne er auch jede Weltkrise meistern.[55][56] Während des Brexit-Wahlkampfs hatte Johnson in einem Beitrag für die Boulevardzeitung The Sun spekuliert, Barack Obama lehne aufgrund seiner „teilweise kenianischen“ Abstammung möglicherweise das British Empire ab und dies könne der Grund dafür gewesen sein, dass im Jahr 2009 eine Büste Winston Churchills aus dem Oval Office im Weißen Haus verschwand.[57][58] Auf seiner ersten Pressekonferenz mit US-Außenminister Kerry musste er auch zu diesen Äußerungen Stellung nehmen und erklärte, sie seien aus dem Kontext gerissen.[59] Der französische Außenminister Jean-Marc Ayrault meinte in einem Interview mit Europe 1 am 14. Juli 2016, dass Johnson die Briten angelogen habe und nun selbst mit dem Rücken zur Wand stehe.[60]

Zur Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der britische Journalist Max Hastings verglich im März 2008 den damaligen Londoner Bürgermeisterkandidaten Johnson mit der P. G. Wodehouse-Figur Gussie Fink-Nottle. Johnson zeichne sich wie Gussie durch Charme, Witz und Brillanz, aber auch alarmierende Anzeichen einer gewissen Instabilität aus.[61]

Insbesondere nach dem Referendum und dem überraschenden Verzicht Johnsons auf die Kandidatur für das Premierministeramt thematisierten die Medien verstärkt Johnsons Charakter und seine Rolle in der britischen Politik.

Der Tory-Abgeordnete Dominic Raab schrieb am 30. Juni 2016 vor dem Bekanntwerden von Goves Kandidatur in Anspielung auf einen früheren Heineken-Werbespruch[62] in einem Gastkommentar der Sun: „Er [Johnson] hat den Heineken-Effekt, der die Teile erfrischt, die konventionelle Politiker nicht erreichen. […] Die Konservativen müssen die Partei der aufstrebenden underdogs sein. Boris und Michael Gove werden ein beeindruckendes Duo abgeben.“[63] Nach dem Kandidaturverzicht Johnsons charakterisierte Martin Kettle, ein Kommentator des Guardian, Johnson als „Narzissten“, der „ein Leichtgewicht und ein Selbstdarsteller ersten Grades mit allerdings minderen intellektuellen Fähigkeiten“ sei. Er wäre als Premierminister „ein Desaster“ gewesen.[64] Amber Rudd, Energieministerin in Camerons Kabinett, meinte über Boris Johnson dass dieser „das Leben und die Seele der Party“ sei; aber er sei „nicht der Mann, von dem man danach abends nach Hause gefahren werden wolle“.[65][66]

Berthold Kohler, einer der FAZ-Herausgeber, schrieb: „Johnsons unerträgliche Leichtigkeit des politischen Seins trug ihren Teil dazu bei, dass eine knappe Mehrheit der Behauptung Glauben schenkte, Großbritannien werde es nach dem Austritt aus der EU besser gehen als bisher. Das glaubt er nun aber nicht einmal mehr selbst, falls er es jemals tat. Es ist nicht auszuschließen, dass Johnson annahm, die Woge der „Leave“-Kampagne, die er ritt, werde ihn bis in die Downing Street tragen, aber nicht so gewaltig sein, dass sie Großbritannien tatsächlich aus der EU hinaus spülen würde. Jetzt aber […] verließen ihn sein Mut und seine Großmäuligkeit. Seine Versprechen sind nicht zu erfüllen. Spätestens seit seiner Fahnenflucht kann es keinen Zweifel mehr daran geben, dass er nicht der Richtige für das Amt des Premierministers gewesen wäre. Die Briten [..] müssen sich nach seinem Offenbarungseid […] fragen, warum sie ihm nachliefen.“[67]

Spiegel-Reporter Thomas Hüetlin schrieb in einem Kommentar, Johnson sei ein „hyperaktive[r] Viel-Redner“ und „ein Clown, der sich zu Höherem berufen fühlt“ gewesen. Er halte „den Brexit eigentlich für Quatsch“. „Es war nur ein Spiel, um sich für einen Machtwechsel bei den Tories später zu positionieren. Johnson hat nie ernsthaft damit gerechnet, das Votum für einen Austritt wirklich zu gewinnen.“ Die britische Politik der letzten Jahre sei ein Privatduell zweier Snobs (Johnson und Cameron) gewesen, „die sich eigentlich nur für sich selbst interessieren und die elitärsten Kreise der britischen Klassengesellschaft.“ Der Pressemogul Rupert Murdoch habe dieses Duell „mit seinen Medien beleuchtet und mit inszeniert.“ Die Boulevardzeitung The Sun habe „verstandesbetäubend laut [für den Brexit] getrommelt“.[68] Neben Zeitungen der Murdoch-Gruppe agitierten jahrelang auch viele andere Zeitungen gegen die EU.[69]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2001 veröffentlichte Johnson einen Erfahrungsbericht über den britischen Wahlkampf. Er konnte sich gelegentlich nicht an den Titel seines Buches erinnern, und so steht auf dem Schutzumschlag der Untertitel Jottings on the Stump, auf dem Buchrücken aber Jottings from the Stump. Johnson veröffentlichte weiterhin zwei journalistisch angelegte Bücher (Johnson’s Column und Lend Me Your Ears). 2004 erschien sein erster Roman Seventy-Two Virgins (deutscher Titel: 72 Jungfrauen), in dem er in satirischer Form über einen Terrorangriff auf den US-amerikanischen Präsidenten in London erzählt. Seit September 2004 verbreitet er seine Gedanken auch über ein eigenes Weblog.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Boris Johnson – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Boris Johnson: Member of Parliament for Uxbridge and South Ruislip Porträt auf der Website der Konservativen Partei
  2. Boris Johnson ist neuer britischer Außenminister tagesschau.de, 13. Juli 2016
  3. Mister Brexit faz.net, 5. Juni 2016
  4. a b FAZ.net / Jochen Buchsteiner 30. Juni 2016: Die Reißleine vor dem Abflug gezogen
  5. Who is Boris Johnson? The eccentric blond New Yorker set to rule the UK. In: The Guardian, 25. Juni 2016 (englisch).
  6. The Boris Johnson story. BBC News, 4. Mai 2008, abgerufen am 9. Mai 2011 (englisch).
  7. Ahnenforschung in Augsburg – Londons OB entdeckt berühmte Verwandtschaft
  8. BBC: Who Do You Think You Are. Boris Johnson – How We Did It. Website im Portal bbc.co.uk, 2013, abgerufen am 18. Juni 2013
  9. Bigley’s Fate, Leitartikel des Spectator vom 16. Oktober 2004
  10. Boris sorry for Scouse stereotype, BBC News, 19. Oktober 2004
  11. Paul Bigley tells Johnson to quit, BBC News, 20. Oktober 2004
  12. Boris Johnson: What I should say sorry for, The Spectator, 23. Oktober 2004
  13. George Jones: Boris Johnson to run for mayor. In: The Daily Telegraph, 16. Juli 2007. Abgerufen am 17. Februar 2013. 
  14. Johnson is Tory mayor candidate, BBC News. 27. September 2007. Abgerufen am 2. Januar 2010. 
  15. a b Glover, Julian: The Jeeves to Johnson’s Bertie Wooster: the man who may have got him elected. In: The Guardian, 2. Mai 2008. 
  16. a b Boris Johnson profile: Shambolic success story. In: The Daily Telegraph, 2. Mai 2008. Abgerufen am 8. Oktober 2008. 
  17. London mayor: Boris Johnson wins second term by tight margin. BBC, 4. Mai 2012, abgerufen am 5. Mai 2012 (englisch).
  18. Paul Waugh: Boris plans to 'Oysterise’ overground rail services by next May. In: Evening Standard, 12. Mai 2008. Abgerufen am 21. November 2013. 
  19. Boris Johnson: Saying No To Ticket Office Closures. In: Getting Londoners Moving (Transport Manifesto for the 2008 Mayoral election). Back Boris campaign. Abgerufen am 21. November 2013.
  20. Dick Murray: Mayor scraps Ken plan to axe 40 Tube ticket offices. In: Evening Standard, 2. Juli 2008. Abgerufen am 21. November 2013. 
  21. Mayor unveils plan to ban alcohol on the transport network (Memento vom 13. Mai 2008 im Internet Archive)
  22. Mit de-Lycrafy meinte Johnson: „das Radfahren vom Elastan (Lycra) befreien“, also London für normale Radfahrer erschließen, die nicht in sportlicher Funktionskleidung unterwegs sind. Vgl. Boris Johnson wants to 'de-Lycrafy cycling’ with £913 million plan for London. In: The Independent, 7. März 2013.
  23. Edwards, Tom: ’Crossrail for bikes’ set for London, BBC News. 7. März 2013. Abgerufen am 14. April 2013. 
  24. Edwards, Tom: How London bloggers changed cycling, BBC News. 6. März 2013. Abgerufen am 14. April 2013. 
  25. Walker, Peter: Boris Johnson’s bold thinking could change the future of London cycling. In: Guardian Bike blog, The Guardian, 7. März 2013. Abgerufen am 4. April 2013. 
  26. Boris: If They Pay For Bikes, I’ll Call Myself Barclay’s Johnson. LBC. 8. Juli 2009. Abgerufen am 1. Oktober 2013.
  27. WATCH: Boris’ Barclays Deed Poll Promise – Guy Fawkes’ blog. Order-order.com. 3. September 2013. Abgerufen am 1. Oktober 2013.
  28. Every Tube ticket office to close. In: BBC News, 21. November 2013. 
  29. Matthew Beard: 950 London Underground staff to lose their jobs in Tube ticket office shake-up. In: Evening Standard, 21. November 2013. 
  30. siehe auch englische Wikipedia
  31. www.standard.co.uk
  32. www.theguardian.com
  33. Christoph Scheuermann: Showtime. In: Der Spiegel. Nr. 18 25. April 2015, ISSN 0038-7452, S. 94–97.
  34. David Cameron ‘won’t serve third term’ if re-elected. BBC News, 24. März 2015, abgerufen am 24. März 2015 (englisch).
  35. Uxbridge & Ruislip South parliamentary constituency – Election 2015. In: BBC, 7. Mai 2015. Abgerufen am 14. Mai 2015. 
  36. www.bbc.com
  37. Boris Johnson says David Cameron's arguments for staying in EU are 'wildly exaggerated'. In: The Independent, 22. Februar 2016
  38. EU referendum: Time to vote for real change, says Boris Johnson. BBC News, 22. Februar 2016, abgerufen am 1. Oktober 2015 (englisch).
  39. Pound hits seven-year low after Boris Johnson’s Brexit decision – as it happened
  40. Londons Bürgermeister Boris Johnson befürwortet EU-Austritt. In: Süddeutsche Zeitung, 21. Februar 2016.
  41. www.thetimes.co.uk 25. April 2016: „There’s nothing worse than hurling a word like 'racist'“
  42. www.theguardian.com: Duncan Smith says almost all forecasts are ’probably wrong'
  43. www.independent.co.uk: Boris Johnson was not racist about Barack Obama, Iain Duncan Smith insists
  44. FAZ.net /Marcus Theurer 5. Juni 2016: Boris Johnson: Mister Brexit, abgerufen am gleichen Tag
  45. FAZ.net 17. Mai 2016: Tusk wirft Johnson „politischen Gedächtnisverlust“ vor
  46. EU referendum: ’Shame on you Boris’, crowds yell. BBc News, 25. Juni 2016, abgerufen am 25. Juni 2016 (englisch).
  47. sueddeutsche.de / Christian Zaschke 27. Juni 2016: Boris Johnson hat den Brexit befördert – will ihn aber vielleicht gar nicht
  48. zeit.de 30. Juni 2016: Boris Johnson kandidiert nicht für Cameron-Nachfolge
  49. Boris Johnson out of Conservative leadership contest. BBC News, 30. Juni 2016, abgerufen am 30. Juni 2016 (englisch).
  50. Michael Gove to stand for Conservative party leadership theguardian.com, 30. Juni 2016. Zitat: “Boris cannot provide the leadership or build the team for the task ahead.”
  51. Michael Gove: Boris Johnson wasn’t up to the job. BBC News, 30. Juni 2016, abgerufen am 30. Juni 2016 (englisch).
  52. zeit.de: Erledigt vom höflichen Radikalen (gemeint ist Michael Gove)
  53. Boris Johnson hat seine Favoritin gefunden. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Juli 2016, abgerufen am 11. Juli 2016.
  54. Kabinett von Theresa May – Boris Johnson ist neuer Außenminister focus.de, 13. Juli 2016
  55. Boris Johnson: I want Hillary Clinton to be president, The Telegraph, 1. November 2007
  56. Boris Johnson once compared Hillary Clinton to 'a sadistic nurse in a mental hospital The Telegraph, 19. Juli 2016
  57. Boris Johnson: Boris Johnson: UK and America can be better friends than ever Mr Obama… if we LEAVE the EU, The Sun, 22. April 2016
  58. Boris Johnson: All the ways the new British foreign secretary slammed Obama, Clinton, Trump, CNN, 14. Juli 2016
  59. Boris Johnson says previous remarks 'taken out of context, BBC, 19. Juli 2016
  60. Jean-Marc Ayrault : "Que va devenir l'Europe ?" Europe1, 14. Juli 2016, abgerufen am 19. Juli 2016 (französisch).
  61. Max Hastings: Boris the buffoon is dead. Stand by for Boris the Mayor. In: The Guardian, 30. März 2008, aufgerufen am 26. April 2016. Im Original lautet das Zitat: Over the next few years, he developed the persona which has become famous today, a façade resembling that of PG Wodehouse’s Gussie Finknottle, allied to wit, charm, brilliance and startling flashes of instability.
  62. Heineken Lager ’Refreshes the parts other beers cannot reach ’Video Game’. YouTube Video, abgerufen am 11. Juli 2016 (Heineken-Werbevideo).
  63. Dominic Raab (Gastbeitrag in The Sun): BoJo’s Heineken Effect, im Originalzitat: He [Johnson]’s got the Heineken effect that refreshes the parts that more conventional politicians cannot reach.The Conservatives must be the party of the aspirational underdog. Boris and Michael Gove will make a formidable partnership.
  64. Martin Kettle: Boris Johnson would have been a disaster. Bring on Theresa May. The Guardian, 30. Juni 2016, abgerufen am 30. Juni 2016 (englisch, Im Original: „… Johnson is a narcissist. A lightweight, a first-degree self-publicist with a second-rate mind.“).
  65. Süddeutsche Zeitung, 14. Juli 2016
  66. Charlie Cooper, Caroline Mortimer: EU referendum debate gets personal as Remain camp attacks Boris Johnson. The Independent, 9. Juli 2016, abgerufen am 19. Juli 2016 (englisch, Im Originalzitat: He’s the life and soul of the party but he’s not the man you want driving you home at the end of the evening.).
  67. FAZ.net 30. Juni 2016: Die unerträgliche Leichtigkeit des politischen Seins
  68. spiegel.de 2. Juli 2016: Brexit-Irrsinn: Alles nur ein Spiel (Kommentar)
  69. zeit.de / Sascha Zastiral 5. Juli 2016: Der Brexit wurde herbeigeschrieben
Vorgänger Amt Nachfolger
Ken Livingstone Mayor of London
2008–2016
Sadiq Khan