Insektenhotel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Verschiedene kleine qualitativ hochwertige Insektenhotels mit Schilf oder Pappröhrchen, aus Ton oder Hartholz
Nisthilfe für Solitärbienen
„Ohrwurmbungalow“ (umgedrehte Blumentöpfe mit Stroh oder Heu)
Insektenhotel aus Backstein
Mauerbienen bei der Arbeit, Baumharz als Verschluss gehört zur Löcherbiene.
Zwei Nistblöcke
Lage eines Nistblocks. Teils intakte Kammern, teils Kammern mit Parasitenbefall.
Eine Niströhre mit Bienen, Kokons und Maden, die einen Parasitenbefall der Mauerbienen-Taufliege darstellen

Ein Insektenhotel oder Insektenhaus, seltener auch Insektenasyl, Insektenwand oder Insektenkasten (in Österreich häufig auch als Nützlingshotel bezeichnet[1]), ist eine künstlich geschaffene Nist- und Überwinterungshilfe für Insekten, die seit den 1990er Jahren vor allem bei naturnahen Gärtnern und in der Schulbiologie zunehmend Verbreitung findet. Als praktisch von jedermann mit geringem Aufwand umsetzbare Insektenschutzmaßnahmen wurden die Einrichtungen insbesondere von zahlreichen europäischen Naturschutzverbänden bekannt gemacht, eine wichtige Rolle spielen sie auch im Rahmen der Permakultur. Erste Wildbienenkästen wurden von Privatleuten in England bereits um 1840 gebaut. Diese dienten damals vorwiegend Beobachtungszwecken, können aber als Vorläufer der heute für mehrere Insektengruppen geeigneten Insektenhotels gelten.

Es gibt Insektenhotels in verschiedenen Größen und mit unterschiedlichen Ausstattungen. Zumeist sind sie auf – aus Gärtnersicht – nützliche Insekten ausgerichtet. Die Formenvielfalt umfasst sowohl kleine kreative Einzelbauten als auch große, meist wandartige und vorgefertigte Bausätze, die in der Regel von Herstellern angeboten werden, die auch Nistkästen und Vogelhäuschen gleichen. Große und individuell gestaltete Insektenhotels werden von Unternehmen des Garten- und Landschaftsbaus errichtet. Es gibt sowohl an Bäumen oder vorhandenen Gebäudewänden angelehnte bzw. vorgebaute als auch freistehende Insektenhotels. Der Begriff Insektenhotel entstand umgangssprachlich in Anlehnung an das hausartige Erscheinungsbild moderner Anlagen, die durch freistehende mehrstöckige Bauweise und – zum Schutz vor Witterungseinflüssen – ausgeprägte Dachkonstruktionen auffallen.

Motivation und Nutzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch intensive menschliche Eingriffe in die Naturlandschaft – unter anderem durch umfangreichen Pestizideinsatz im Acker- und Gartenbau sowie durch die auch in Privatgärten vorhandene Tendenz zur „aufgeräumten“ Landschaft – sind nur noch wenige natürliche Insektenlebensräume vorhanden, wie z. B. offene Lehmtrockenhänge oder Totholz. Diese Vorgänge werden als Habitatvernichtung bezeichnet.

Nicht nur in der freien Natur, auch in Gärten helfen viele Nützlinge wie zum Beispiel Hummeln, Wildbienen, Schlupf-, Falten-, Grab- und Wegwespen, Florfliegen oder Ohrwürmer durch Bestäubung und als kostenlose biologische „Schädlingsbekämpfer“, das ökologische Gleichgewicht zu bewahren. Darüber hinaus werden Insektenhotels auch zu Lehrzwecken errichtet, etwa für die breite Öffentlichkeit bei Gartenschauen und in Parkanlagen oder von Schulen, die Kindern die Biologie der Insekten und praktischen Naturschutz anschaulich nahebringen wollen. Insektenhotels leisten einen wichtigen Beitrag zur Umweltbildung, weil das Beobachten der Wildbienen beim Nestbau einfacher möglich ist, als Bienennester in der Natur zu finden.

Artenschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Insektenhotels tragen nicht dazu bei, Rote-Liste-Arten zu schützen und können daher nicht als direkter Artenschutz verstanden werden.[2] Sie werden überwiegend von häufig vorkommenden Kulturfolgerbienen (zum Beispiel Rote Mauerbiene (Osmia bicornis)) besiedelt. Selten vorkommende Bienenarten leben meist in Abhängigkeit von besonderen Pflanzenarten, teilweise auch in Verbindung mit besonderen Lebensraumstrukturen, wie zum Beispiel Steilwänden. Um das Vorkommen von seltenen Bienenarten zu fördern, ist es wichtig, auf Pestizide zu verzichten und vorhandene monotone Rasenflächen in Wildblumenwiesen umzuwandeln, indem man die Flächen nur noch ein- bis zweimal im Jahr mäht. Trampelpfade, die durch die Wiesen führen, sind wünschenswert, weil die meisten Bienenarten im Boden nisten. Zusätzlich kann man diese Flächen mit Totholz und Steinhaufen aufwerten.

Materialien und Bauweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Insektenhotels bestehen fast ausschließlich aus Naturmaterialien, unter anderem aus Hartholz Holzblöcke (keine Baumscheiben), Holzwolle, Stroh, Heu, Schilfrohr, Bambusstäben, Reisig, Torf und Lehm. Daneben werden lediglich poröse, durchlöcherte Backsteine, Terrakotta-Blumentöpfe und manchmal Plastikrohre zur Befüllung, Metalle für Befestigungen und eventuell als vorgespanntes Drahtgitter zum Schutz vor Vögeln (3–4 cm überstehend), Dachpappe oder ähnliche Abdeckungen, sowie witterungsbeständige Lasur beim verwendeten Bauholz oder zur bunten Gestaltung einiger Holzteile häufiger eingesetzt. Wichtig ist dabei, dass die Füllmaterialien trocken und alle Hölzer frei von chemischen Holzschutzmitteln sind.

Die Grundkonstruktion der verbreitetsten Bausätze für freistehende Insektenhotels besteht aus langen Kanthölzern, aus denen das einem rechteckigen Schaukasten ähnelnde Gerüst gebildet wird, und aus Querlatten, die den Mittelbereich in Gefache unterteilen. Die Ständer werden fest im Erdreich verankert und als oberer Abschluss der Konstruktion wird ein Schrägdach aufgesetzt. Die Gefache werden mit unterschiedlichen, hohlraumreichen Materialien gefüllt. Größere Hohlräume, zum Beispiel in oder zwischen Ziegeln, werden mit Bambusrohren, Schilfhalmen oder ähnlichem gefüllt, kleinere Öffnungen, zum Beispiel Bohrlöcher in getrockneten Hartholzblöcke, quer zur Maserung (meist unterschiedliche Durchmesser zwischen 2 und 10 mm), werden offen gelassen. Diese Löcher dienen als Brutröhren. Ihre Einflugöffnungen müssen sauber herausgearbeitet sein, damit die Insekten sie annehmen. Weiterhin ist es üblich, Brutröhren nicht ganz durch ein Holzstück zu bohren, sondern eine feste Rückseite stehen zu lassen. Einige Arten nehmen nur Röhren in schon abgelagertem, „vergrautem“ Holz an. Spezielle Nischen für bestimmte Insektengruppen benötigen verstärkte Aufmerksamkeit, so werden zum Beispiel Florfliegenkästen häufig mit roter Farbe angestrichen, denn diese lockt die Tiere an. Entstehen Lücken zwischen den verschiedenen Füllmaterialien, werden diese am besten mit Heu, gebündelten Stöcken, kleinen Steinen oder Lehm gefüllt. So bleibt keine Stelle im Gefache ungenutzt, und die Durchzugsauskühlung einzelner Elemente im Winter wird stark verringert.

Zum Einsatz im Obstbau werden von einem Anbieter auch standardisierte, modulare Nisthilfen für die Rote und die Gehörnte Mauerbiene angeboten.[3]

Bei dem Bau von Wildbienen-Nisthilfen ist nach dem Wildbienen-Experten Paul Westrich zu beachten, dass nicht alle gebauten Objekte mit Löchern darin tatsächlich als Nisthilfen geeignet sind, das gilt teilweise sogar für aufwändige Konstruktionen an Naturschutz-Einrichtungen und Schutzgebieten.[4] Besonders Nisthilfen aus Weichholz und mit unsauber gebohrten Löchern sind kontraproduktiv, da die Flügel der Bienen von spitzen Holzsplittern zerstört werden. Auch in frischen Holzscheiben gebohrte Löcher können die Nachkommen vernichten, wenn sich Trocknungsrisse bilden und so die verschlossenen Brutkammern öffnen.[5]

Ungeeignete Nisthilfen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

a) Lochsteine werden nicht besiedelt, sie können höchstens in den Fächern Lehm oder Strohhalmen einen Halt geben.
b) Nisthilfe nicht brauchbar, da die Durchmesser der Röhrchen zu groß sind und keinen Abschluss haben. Weder Tannenzapfen, Holzspäne noch Bauklötze werden von Insekten als Versteck angenommen.
c) Weichholz und Schichtholz, das sich bei Feuchtigkeit auflöst, die Bohrungen sind unsauber gearbeitet und die Splitter zerstören die Flügel der Insekten.
d) Nisthilfe unbrauchbar, die Durchmesser der Röhrchen sind zu groß und weder Tannenzapfen, Holzspäne noch Bauklötze werden von Insekten als Versteck angenommen.
e) Nisthilfe ungeeignet, da stirnseitig angesetzte Bohrungen aufreißen, so dass Feuchtigkeit und Pilze von außen eindringen. Die Larven sterben durch den Pilzbefall vor dem Schlüpfen ab.
f) Im Baumarkt angebotenes Hotel, oberstes Fach ausgefranstes Schilf, zweites Fach Bohrlöcher in Weichholz, auch unsauber gebohrt. Florfliegenfach zu klein, unterstes Fach Schilf quer eingelegt, keine Besiedlung möglich.

Der Florfliegenkasten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Richtiger“ Florfliegenkasten

In den 1980er Jahren erforschte Professor Çetin Şengonca von der Universität Bonn die Florfliegen, im Besonderen die Chrysoperla-Arten. Die Florfliegen, oder besser ihre Larven, gelten als biologischer Helfer in der Landwirtschaft, da sie während der zweiwöchigen Larvenzeit zwischen 200 und 500 Blattläuse sowie andere weichhäutige kleine Insekten vertilgen. Als geschlechtsreife Fliegen überwintern sie in Garagen, Scheunen, Schuppen oder anderen Gebäuden die zugänglich sind.[6]

Im Rahmen dieser Forschung gab es Versuche über das Überwinterungsverhalten der Florfliegen. Herbei stellte sich heraus, das rote oder braune Florfliegenhäuschen am häufigsten angenommen wurden. Es zeigte sich im Feldversuch, dass angebotene Überwinterungsquartiere mit einer Seitenlänge von 30 cm angenommen wurden.[7] Verschiedene Fachleute bezweifeln, dass kleine Nistmöglichkeiten für Florfliegen überhaupt Sinn haben. Auch seien die im Handel angebotene Nisthilfen im Wirkungsgrad sicherlich niedrig einzuschätzen, sie unterscheiden sich massiv von den für den Obst- oder Hopfenanbau sowie Sonderkulturen angebotenen Überwinterungshilfen für Florfliegen, wie sie von Professor Sengonca in seinen Studien entwickelt wurden. Während die Kästen aus dem Handel nur ein paar Öffnungsschlitze haben, bestehen die professionellen Kästen aus Lamellen an der Seite und dem Boden. Sie sind mit Holzwolle gefüllt, rundum rot angestrichen und haben eine Seitenlänge von mindestens 30 cm × 30 cm × 30 cm.[8]

Marienkäferkasten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Marienkäferarten überwintern an der Bodenoberfläche, unter Laub, Nadelstreu, Moos- und Graspolstern. Die Arten, die Aggregation bilden, sammeln sich sehr oft in den Hohlräumen zwischen und unter Steinen. Warme Lokalitäten werden bevorzugt. Andere Marienkäfer überwintern unter der Rinde lebender und toter Bäume, sowie in Baumstümpfen. Manche Arten suchen Häuser auf und sammeln sich in Bodenräumen und Fensterspalten

Überwinterungsquartiere für Marienkäfer sind nach Meinung des Entomologen Prof. Dr. Bernhard Klausnitzer kein artlimitierender Faktor für Marienkäfer, genauso wenig wie irgendwelche "Versteckmöglichkeiten". Die Behauptung solche Kästchen oder irgendwelche Fächer in "Insektenhotels" die mit Kiefernzapfen, Borkenschuppen, Holzklötzchen oder ähnlichem organischen Müll gefüllt sind, hätten auch nur die geringst Anziehungskraft oder praktischen Nutzen für Insekten, ist ein reiner Marketing-Gag der Hersteller solcher Produkte.

Als adäquate Verstecke brauchen Insekten miteinander vernetzte, reich strukturierte Schlupfwinkel, in Form von Hecken, Säume, Trockenmauern, Reisighaufen, Holzstapel und ähnliches. Hier etablieren sich komplexe Feuchtigkeits- und Temperaturgradienten, in denen sich das Insekt dann die optimalen Rahmenbedingungen auswählen kann. [9]

Standortwahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Informationszentrum Biosphärenreservat Mittelelbe
Selbstgebauter Nistplatz aus japanischem Knöterich
Nisthilfen aus Pappröhrchen

Der ideale Standort für ein Insektenhotel ist gleichzeitig vollsonnig und witterungsgeschützt. Hierdurch wird einerseits sichergestellt, dass die für die Brut benötigte Wärme vorhanden ist, andererseits ist ausreichender Schutz vor Wind und Niederschlägen vorhanden, so dass die Insekten das künstliche Quartier annehmen. Ein Nebeneffekt ist, dass die verbauten Naturmaterialien so möglichst lange halten. Des Weiteren sollten in relativer Nähe möglichst viele Kräuter, blütenreiche Wildpflanzen sowie einheimische Sträucher und Bäume vorkommen, um den Nahrungsbedarf der Insekten abzudecken. Die Einflugschneise für die Tiere sollte an der wetterabgewandten Seite liegen und für die Tiere gut sichtbar sein. Ideal ist es für einige Arten zudem, wenn entweder in einem der Gefache oder in der Nähe am Boden ausreichend Lehm, Sand und Wasser angeboten wird.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Werner David: "Fertig zum Einzug: Nisthilfen für Wildbienen Leitfaden für Bau und Praxis – so gelingt’s" Pala, Darmstadt 2017, ISBN 978-3-89566-358-1.
  • Monika Biermaier: Nützlingsquartiere für naturnahe Gärten. Cadmos, Schwarzenbek 2012, ISBN 978-3-8404-8105-5.
  • Wolf Richard Günzel: Das Insektenhotel. Naturschutz erleben. – Bauanleitungen, Tierporträts, Gartentipps. Erweiterte Neuauflage. Pala, Darmstadt 2012, ISBN 978-3-89566-300-0.
  • Wolf Richard Günzel: Das Wildbienenhotel. Naturschutz im Garten. Pala, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-89566-244-7.
  • Martin Hallmen: Wildbienen beobachten und kennen lernen. Ausarbeitung für praktischen Unterricht in Biologie – Mit Kopiervorlagen. Klett, Stuttgart 1997, ISBN 3-12-043140-0.
  • J. Scott MacIvor, Laurence Packer, Fabio S. Nascimento: ‘Bee Hotels’ as Tools for Native Pollinator Conservation: A Premature Verdict? In: PLOS ONE. 10, 2015, S. e0122126, doi:10.1371/journal.pone.0122126.
  • Paul Westrich: Wildbienen Die anderen Bienen. Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München 2015, ISBN 978-3-89937-136-9.
  • zusammen mit Hertha Klausnitzer: Marienkäfer. Coccinellidae. Die Neue Brehm-Bücherei (Band 451), Wittenberg Lutherstadt 1972 (4., überarbeitete Auflage Magdeburg 1997, ISBN 3-89432-812-6)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Insektenhotels – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nützlingshotel bei der Umweltberatung.at abgerufen am 22. Dezember 2014
  2. Anja Grabs: Insektenhotels sind kein Artenschutz. In: blogspot.de. 13. Oktober 2012, archiviert vom Original am 2. Juni 2013, abgerufen am 18. Mai 2014 (Betrachtung zu Nisthilfen in Bezug auf Artenschutz und Erläuterung eines Hilfsangebotes für Freizeitforscher zur Bestimmung von Wildbienen).
  3. Einsatz von Mauerbienen zur Bestäubung von Obstkulturen
  4. Faszination Wildbienen: Untaugliche Nisthilfen abgerufen am 31. März 2016
  5. Manfred Radtke: Gefährdete Wildbienen. Nisthilfen bauen und Lebensräume schaffen. 2. Auflage 2015. Herausgegeben vom BUND, Kreisgruppe Rotenburg PDF
  6. Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Abgerufen am 13. Juni 2016.
  7. Bauanleitung Florfliegenkasten
  8. Zusammenfassung Florfliegenkasten
  9. Marienkäfer. Coccinellidae. Zusammen mit Hertha Klausnitzer Bernhard Klausnitzer Die Neue Brehm-Bücherei (Band 451), Wittenberg Lutherstadt 1972 (4., überarbeitete Auflage Magdeburg 1997, ISBN 3-89432-812-6)