Insektenhotel

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Großes, lehmverputztes „Insektenasyl“ auf der Gartenschau in Kaiserslautern 2003

Ein Insektenhotel oder Insektenhaus, seltener auch Insektenasyl, Insektenwand oder Insektenkasten (in Österreich häufig auch Nützlingshotel bezeichnet[1]), ist eine künstlich geschaffene Nist- und Überwinterungshilfe für Insekten, die seit den 1990er Jahren vor allem bei naturnahen Gärtnern und in der Schulbiologie zunehmend Verbreitung findet. Als praktisch von jedermann mit geringem Aufwand umsetzbare Insektenschutzmaßnahmen wurden die Einrichtungen insbesondere von zahlreichen europäischen Naturschutzverbänden bekannt gemacht, eine wichtige Rolle spielen sie auch im Rahmen der Permakultur. Erste „Wildbienenkästen“ wurden von Privatleuten in England bereits im 19. Jahrhundert gebaut. Diese dienten damals vorwiegend Beobachtungszwecken, können aber als Vorläufer der heute für mehrere Insektengruppen geeigneten Insektenhotels gelten.

Es gibt Insektenhotels in verschiedenen Größen und mit unterschiedlichen Ausstattungen. Zumeist sind sie auf – aus Gärtnersicht – „nützliche Insekten“ ausgerichtet. Die Formenvielfalt umfasst sowohl kleine kreative Einzelbauten als auch große, meist wandartige und vorgefertigte Bausätze, die in der Regel von Herstellern angeboten werden, die auch Nistkästen und Vogelhäuschen vertreiben. Große und individuell gestaltete Insektenhotels werden von Unternehmen des Garten- und Landschaftsbaus errichtet. Es gibt sowohl an Bäumen oder vorhandenen Gebäudewänden angelehnte bzw. vorgebaute als auch freistehende Insektenhotels.

Der Begriff „Insektenhotel“ entstand umgangssprachlich in Anlehnung an das hausartige Erscheinungsbild moderner Anlagen, die durch freistehende mehrstöckige Bauweise und – zum Schutz vor Witterungseinflüssen – ausgeprägte Dachkonstruktionen auffallen.

Motivation und Nutzen[Bearbeiten]

Nisthilfe für Solitärbienen

Durch intensive menschliche Eingriffe in die Naturlandschaft – u.a. durch umfangreichen Pestizideinsatz im Acker- und Gartenbau sowie durch die auch in Privatgärten vorhandene Tendenz zur „aufgeräumten“ Landschaft – sind viele natürliche Insektenlebensräume wie z.B. offene Lehmtrockenhänge oder Totholz nur noch sehr eingeschränkt vorhanden. Diese Vorgänge werden als Habitatvernichtung bezeichnet.

Nicht nur in der freien Natur, auch in Gärten helfen viele „Nützlinge“ wie zum Beispiel Hummeln, Wildbienen, Schlupf-, Falten-, Grab- und Wegwespen, Florfliegen oder Ohrwürmer durch Bestäubung und als kostenlose biologische „Schädlingsbekämpfer“, das ökologische Gleichgewicht zu bewahren.

Darüber hinaus werden Insektenhotels auch zu Lehrzwecken errichtet, etwa für die breite Öffentlichkeit bei Gartenschauen und in Parkanlagen oder von Schulen, die Kindern die Biologie der Insekten und praktischen Naturschutz anschaulich nahebringen wollen.

Umweltbildung[Bearbeiten]

Insektenhotels leisten einen wichtigen Beitrag zur Umweltbildung, weil das Beobachten der Wildbienen beim Nestbau einfacher möglich ist, als Bienennester in der Natur zu finden.

Artenschutz[Bearbeiten]

Insektenhotels tragen nicht dazu bei, Rote-Liste-Arten zu schützen und können daher nicht als direkter Artenschutz verstanden werden.[2] Sie werden überwiegend von häufig vorkommenden Kulturfolgerbienen (zum Beispiel Rote Mauerbiene (Osmia bicornis)) besiedelt. Selten vorkommende Bienenarten leben meist in Abhängigkeit von speziellen Pflanzenarten, teilweise auch in Verbindung mit besonderen Lebensraumstrukturen, wie zum Beispiel Steilwänden. Um das Vorkommen von seltenen Bienenarten zu fördern, ist es wichtig, auf Pestizide zu verzichten und vorhandene monotone Rasenflächen in Wildblumenwiesen umzuwandeln, indem man die Flächen nur noch ein- bis zweimal im Jahr mäht. Trampelpfade, die durch die Wiesen führen, sind wünschenswert, weil die meisten Bienenarten im Boden nisten. Zusätzlich kann man diese Flächen mit Totholz und Steinhaufen aufwerten.

Materialien und Bauweise[Bearbeiten]

Insektenhotel und Erläuterungstafel im Bürgerpark (Bremerhaven)
Details: Florfliegenkasten (rot) und „Ohrwurmbungalow“ (umgedrehte Blumentöpfe)
Ein Nistblock und ein Insektenhotel aus Backstein

Insektenhotels bestehen fast ausschließlich aus Naturmaterialien, unter anderem aus Holz (Baumscheiben, Äste, Holzwolle), Baumrinde, Stroh, Heu, Schilfrohr, Bambusstäben, Reisig, Torf und Lehm. Daneben werden lediglich poröse, durchlöcherte Backsteine, Terrakotta-Blumentöpfe und manchmal Plastikrohre zur Befüllung, Metalle für Befestigungen und eventuell als vorgespanntes Drahtgitter zum Schutz vor Vögeln (3–4 cm überstehend), Dachpappe oder ähnliche Abdeckungen, sowie witterungsbeständige Lasur beim verwendeten Bauholz oder zur bunten Gestaltung einiger Holzteile häufiger eingesetzt. Wichtig ist dabei, dass die Füllmaterialien trocken und alle Hölzer frei von chemischen Holzschutzmitteln sind.

Die Grundkonstruktion der verbreitetsten Bausätze für freistehende Insektenhotels besteht aus langen Kanthölzern, aus denen das einem rechteckigen Schaukasten ähnelnde Gerüst gebildet wird, und aus Querlatten, die den Mittelbereich in Gefache unterteilen. Die Ständer werden fest im Erdreich verankert und als oberer Abschluss der Konstruktion wird ein Schrägdach aufgesetzt. Die Gefache werden mit unterschiedlichen, hohlraumreichen Materialien gefüllt. Größere Hohlräume, zum Beispiel in oder zwischen Ziegeln, werden mit Bambusrohren, Schilfhalmen o. ä. gefüllt, kleinere Öffnungen, zum Beispiel Bohrlöcher in Hartholzscheiben (meist unterschiedliche Durchmesser zwischen 2 bis 10 mm), werden offen gelassen. Diese Löcher dienen als Brutröhren. Ihre Einflugöffnungen müssen sauber herausgearbeitet sein, damit die Insekten sie annehmen. Weiterhin ist es üblich, Brutröhren nicht ganz durch ein Holzstück zu bohren, sondern eine feste Rückseite stehen zu lassen. Einige Arten nehmen nur Röhren in schon abgelagertem, „vergrautem“ Holz an. Spezielle Nischen für bestimmte Insektengruppen benötigen verstärkte Aufmerksamkeit, so werden zum Beispiel Florfliegenkästen häufig mit roter Farbe angestrichen, denn diese lockt die Tiere an. Entstehen Lücken zwischen den verschiedenen Füllmaterialien, werden diese am besten mit Heu, gebündelten Stöcken, kleinen Steinen oder Lehm gefüllt. So bleibt keine Stelle im Gefache ungenutzt, und die Durchzugsauskühlung einzelner Elemente im Winter wird stark verringert.

Modulare Nistblöcke[Bearbeiten]

Seit einiger Zeit werden von verschiedene Anbietern [3] modulare Nisthilfen für die Roten und die Gehörnten Mauerbiene angeboten, sie bestehen aus Nistbrettern die je nach Aufgabengebiet und Einsatzort, wie zum Beispiel einer Apfelplantage zusammengestellt werden können. In diese Nistbretter werden die Nistgänge in 8mm oder 6mm Druckmesser bei ca 15cm Länge gefräst und durch das nächste Brett oder dem Abschlussbrett verschlossen. Die so entstehenden Blöcke werden je nach System mit einem Spanngurt oder Gewindestangen verbunden.
Der besondere Vorteil dieser Nisthilfen ist, dass sie im Herbst wenn die Mauerbienen sich verpuppt haben, geöffnet und gereinigt werden können. Das bringt den Vorteil, das der Parasitenbefall, bis zu 30% - 40% der Niströhren können befallen sein, vermindert wird. Nach den lösen des Spanngurtes werden die Bretter vereinzelt und die Kokons mit einer Pinzette entfernt. Die Kokons können in einem Sieb unter kaltem Wasser von Kot, Nistbaumaterials sowie Pollenresten gereinigt werden. [4] Nach dem Trocknen werden die Kokons kühl und vor Mäusen oder Vögeln in einem Pappkarton oder Zigarrenkasten mit Löchern geschützt aufbewahrt.
Die einzelnen Bretter werden mit einer Bürste und Wasser gereinigt und ebenfalls getrocknet und erst wieder im Frühjahr, zusammen mit den Kokons an den Bestimmungsort gebracht.
Die Nistblöcke benötigt ein Wetterschutz, da die Bretter aus MDF bestehen. In den Plantagen zur professionellen Bestäubung haben sich längliche Mörtelwannen bewährt. Sie werden einfach in den Obstbaumreihen in ca einem 1m Höhe aufgestellt oder in vorhandenen Hecken integriert. Nach dem Regenschutz ist der Schutz vor Vögeln besonders wichtig. Diese kann durch Kleintierdraht gewährleistet werden.
Sind viele Nistblöcke aufgestellt kann die verschiedene Bemalung der Nisthilfen für eine bessere Orientierung der Bienen dienen. Ein weiterer Vorteil der Nistblöcke ist die gleichmäßige Zahl der Nistangebote, da im Laufe der Zeit durch Schimmel oder Parasitenbefall immer mehr Niströhren bei den Nisthilfen aus Bambus oder Holz verschlossen bleiben und so immer weniger Röhren zur Besiedelung frei sind.

Standortwahl[Bearbeiten]

Informationszentrum Biosphärenreservat Mittelelbe

Der ideale Standort für ein Insektenhotel ist gleichzeitig vollsonnig und witterungsgeschützt. Hierdurch wird einerseits sichergestellt, dass die für die Brut benötigte Wärme vorhanden ist, andererseits ist ausreichender Schutz vor Wind und Niederschlägen vorhanden, so dass die Insekten das künstliche Quartier annehmen. Ein Nebeneffekt ist, dass die verbauten Naturmaterialien so möglichst lange halten.

Des Weiteren sollten in relativer Nähe möglichst viele Kräuter, blütenreiche Wildpflanzen sowie einheimische Sträucher und Bäume vorkommen, um den Nahrungsbedarf der Insekten abzudecken. Die Einflugschneise für die Tiere sollte an der wetterabgewandten Seite liegen und für die Tiere gut sichtbar sein. Ideal ist es für einige Arten zudem, wenn entweder in einem der Gefache oder in der Nähe am Boden ausreichend Lehm, Sand und Wasser angeboten wird.

Literatur[Bearbeiten]

  • Monika Biermaier: Nützlingsquartiere für naturnahe Gärten, Cadmos, Schwarzenbek 2012, ISBN 978-3-8404-8105-5.
  • Wolf Richard Günzel: Das Insektenhotel. Naturschutz erleben. – Bauanleitungen, Tierporträts, Gartentipps. Erweiterte Neuauflage. Pala, Darmstadt 2012, ISBN 978-3-89566-300-0.
  • Wolf Richard Günzel: Das Wildbienenhotel. Naturschutz im Garten. Pala, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-89566-244-7
  •  Martin Hallmen: Wildbienen beobachten und kennen lernen. Ausarbeitung für praktischen Unterricht in Biologie – Mit Kopiervorlagen. Klett, Stuttgart 1997, ISBN 3-12-043140-0.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Insektenhotels – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nützlingshotel bei der Umweltberatung.at abgerufen am 22. Dezember 2014
  2. Anja Grabs: Insektenhotels sind kein Artenschutz. blogspot.de, 13. Oktober 2012, archiviert vom Original am 2. Juni 2013, abgerufen am 18. Mai 2014 (HTML, deutsch, Betrachtung zu Nisthilfen im Bezug auf Artenschutz und Erleuterung eines Hilfsangebotes für Freizeitforscher zur Bestimmung von Wildbienen).
  3. http://www.bienenhotel.de/html/mauerbienenzucht.html
  4. http://www.bienenhotel.de/Handbuch_der_Mauerbienenzucht.pdf Handbuch_der_Mauerbienenzucht