Konferenz zur Zukunft Europas

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Die Konferenz zur Zukunft Europas (kurz: Zukunftskonferenz, englisch: Conference on the Future of Europe, französisch: Conférence sur l'avenir de l'Europe) ist ein politisches Gremium, dessen Einberufung von der Europäischen Kommission und dem Europäischen Parlament Ende 2019 angekündigt wurde, und am 9. Mai 2021 (dem Europatag) offiziell gestartet ist. Sie soll bis 2022 neue Antworten für die Zukunft der Europäischen Demokratie formulieren und die nächsten Schritte der europäischen Integration vorzeichnen.[1][2]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Konferenz war insbesondere ein zentrales Anliegen der liberalen Europapartei ALDE und des französischen Präsidenten Emmanuel Macron (beide Renew Europe) bei den Verhandlungen um die Kommissionsbildung nach der Europawahl 2019.[3] Der französische Präsident hatte bereits 2017 in seiner Sorbonne-Rede zahlreiche Reformvorschläge gemacht, die aber bisher aus den anderen europäischen Hauptstädten größtenteils unbeantwortet geblieben waren.[4]

Ziel der Konferenz ist es, 17 Jahre nach dem letzten Europäischen Konvent gemeinsam mit allen EU-Institutionen, Mitgliedstaaten und Unionsbürgern darüber zu diskutieren, wie die Zukunft der Europäischen Union aussehen soll. Insbesondere sollten institutionelle Reformen thematisiert werden, um noch bestehende Demokratiedefizite zu beheben und die EU aus 27 Mitgliedsstaaten handlungsfähiger zu machen. Ein Handlungsbedarf wurde nicht zuletzt angesichts des Austritts Großbritanniens aus der Union, dem Scheitern des Spitzenkandidaten-Prinzips 2019 sowie der fehlenden Einigkeit der nationalen Regierungen bei drängenden Themen wie der Flüchtlingskrise, in der Außenpolitik und beim Klimawandel für notwendig erachtet.

Die designierte Präsidentin Ursula von der Leyen nahm eine solche Konferenz daraufhin in ihr Regierungsprogramm auf. In ihrer Kandidatenrede und den politischen Leitlinien für die künftige Kommission beschrieb sie die Konferenz wie folgt:[2]

„Ich will, dass die Bürgerinnen und Bürger bei einer Konferenz zur Zukunft Europas zu Wort kommen, die 2020 beginnen und zwei Jahre laufen soll. Diese Konferenz soll die Europäerinnen und Europäer zusammenbringen und unseren jungen Menschen, der Zivilgesellschaft und den europäischen Institutionen als gleichberechtigten Partnern eine starke Stimme geben. Sie muss gut vorbereitet werden: mit einem klar abgesteckten Rahmen und eindeutigen Zielen, die vorab von Parlament, Rat und Kommission vereinbart wurden. Ich bin bereit, das Vereinbarte weiterzuverfolgen, einschließlich gesetzgeberischer Maßnahmen, sofern diese erforderlich sind. Auch für Vertragsänderungen bin ich offen.“

In ihren „Sendungsbriefen“, die Von der Leyen den nominierten Kommissaren überreichte, wurden drei neue Kommissaren mit Aufgaben im Umfeld der Konferenz zur Zukunft Europas bedacht: Věra Jourová, Maroš Šefčovič und Dubravka Šuica. Šuica ist vorrangig damit bedacht, die Konferenz in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Parlament vorzubereiten,[5] Jourová ist die Repräsentantin der Kommission auf dieser Konferenz,[6] und zusammen mit Šefčovič, dem Kommissar für interinstitutionelle Beziehungen, für die Nachbereitung der Konferenz in Kooperation mit dem Europäischen Rat, dem Rat der Europäischen Union, und dem Europäischen Parlament verantwortlich sein.[7] Ursula von der Leyen sagte auch bereits ihre volle Unterstützung für einen etwaigen Vorsitz der Konferenz durch ein Mitglied des Europäischen Parlamentes zu.[2]

Planungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutsch-französisches Non-Paper[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im November 2019 schlugen die französische und die deutsche Regierung in ihrem „Non-Paper“ den folgenden ungefähren Zeitplan vor:[8][9][10][11][12][13][14][15][16][17][18][19]

  • 12./13. Dezember 2019 – erste Diskussion im Europäischen Rat
  • Januar 2020 – Konferenzkonzept / inter-institutionelles Mandat
  • Februar 2020 – Auftakt der Phase 1 (insbesondere Diskussion über transnationale Listen, das Spitzenkandidatensystem, Fragen der Bürgerbeteiligung u.ä.)
  • Juli 2020 – Auftaktkonferenz der Phase 2 in Brüssel
  • 2. Hälfte 2020 – Start von EU-weiten Expertentreffen und Bürgerdialogen (von EU-Institutionen und Mitgliedstaaten)
  • 2021 – thematische und Halbzeit-Überprüfungskonferenzen
  • 1. Hälfte 2022 – Abschlusskonferenz

Sie umrissen auch ihre Erwartung konkreter Ergebnisse: „Die Konferenz sollte sich bereits im interinstitutionellen Mandat dazu verpflichten, greifbare und konkrete Ergebnisse zu erzielen. Das endgültige Dokument mit Empfehlungen sollte dem Europäischen Rat zur Diskussion und Umsetzung vorgelegt werden.“

Positionen des EU-Parlaments[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 16. Oktober 2019 beschloss die Konferenz der Präsidenten des Europäischen Parlaments, eine Arbeitsgruppe zur Konferenz zur Zukunft Europas einzusetzen. Die Arbeitsgruppe setzt sich aus dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, einem Vertreter pro Fraktion und einem Vertreter des Ausschusses für konstitutionelle Fragen (AFCO) zusammen, konkret:[1][20][21]

Mitglieder der Arbeitsgruppe
Name Land EP-Fraktion AFCO
Präsident des Europäischen Parlaments
David Sassoli Italien Italien S&D
Vertreter der Fraktionen
Paulo Rangel Portugal Portugal EVP Mitglied
Gabriele Bischoff Deutschland Deutschland S&D Stellvertretende Vorsitzende
Guy Verhofstadt Belgien Belgien RE Mitglied
Daniel Freund Deutschland Deutschland G/EFA Mitglied
Gunnar Beck Deutschland Deutschland ID Stellvertreter
Zdzisław Krasnodębski Polen Polen EKR
Helmut Scholz Deutschland Deutschland GUE/NGL Stellvertreter
Vertreter des Ausschusses für konstitutionelle Fragen
Antonio Tajani (pro tempore) Italien Italien EVP Vorsitzender

Die Arbeitsgruppe hat als Aufgabe, einen Vorschlag zu den Positionen des Parlamentes bezüglich Rahmen, Dauer, Leitung, Struktur, Stakeholdern, Zielen und zu erwartenden Ergebnissen der Konferenz zu erarbeiten.[1][21] Sie konsultiert diesbezüglich auch weitere institutionelle Akteuren der EU, wie z. B. den der Konferenz sehr aufgeschlossenen Ausschuss der Regionen[22][23], sowie Vertreter der Zivilgesellschaft.

Die Arbeitsgruppe hat Ende Dezember 2019 einen ersten Entwurf für den Aufbau der Konferenz erarbeitet.[24] Sie fordert darin unter anderem:

  • Das Parlament soll eine führende Rolle einnehmen.
  • Bis zu sechs Bürgerversammlungen sollen eine zentrale Rolle spielen – in ihnen sollen repräsentativ geloste Bürger aus ganz Europa Empfehlungen erarbeiten, die dann an die EU-Institutionen weitergeleitet werden. Pro Versammlung soll es etwa 200 Teilnehmer geben, die zu einem zuvor bestimmten, politischen Thema debattieren werden. Die Versammlungen sollen in verschiedenen europäischen Städten abgehalten werden, mit Teilnehmern aus allen Mitgliedstaaten.
  • Der Konferenz soll ein Lenkungsausschuss vorstehen (Steering Committee, organisatorische und logistische Fragen, um den Vorsitz bewerben sich Guy Verhofstadt und David Sassoli) – Vertreter der Kommission, des Rates und der sieben Fraktionen im EU-Parlament.
  • EU-Institutionen sollen die Vorschläge in konkrete Gesetzesvorhaben oder gar Vertragsänderungen umsetzen – Vertreter der EU-Kommission, des Rates, des Europaparlamentes und der nationalen Parlamente, alle politischen Organe, die an (eventueller) Ratifizierung beteiligt sein werden. Auch Vertreter regionaler Parlamente und der Zivilgesellschaft sollen beteiligt sein.
  • Die verhandelten Gesetzesvorschläge sollen noch einmal den Bürgerversammlungen vorgelegt werden, damit sie ihren Vorstellungen entsprechen.
  • Die EU-Institutionen sollen sich verpflichten, die Empfehlungen umzusetzen, in Gesetzen oder Vertragsänderungen.
  • Die Fraktionsvorsitzenden haben den Entwurf der Arbeitsgruppe angenommen. Er soll im Januar als Resolution im Plenum abgestimmt werden und mit der EU-Kommission und dem Rat verhandelt.
  • Die Konferenz soll am 9. Mai 2020 beginnen.

Über die Entschließung des EU-Parlaments wurde im Januar 2020 im Plenum abgestimmt.[24]

Positionen des Ausschusses für konstitutionelle Fragen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Parallel zu den Sitzungen der Arbeitsgruppe zur Konferenz zur Zukunft der Europäischen Union wird das Thema im Ausschuss für konstitutionelle Fragen (AFCO) debattiert.[25]

Im November 2019 begannen im AFCO Debatten über Gestaltung der Struktur und des Umfangs der Konferenz. In Bezug auf die Einbeziehung der Bürger haben einige Abgeordnete unterstrichen, dass die Auswahlkriterien wichtig wären, um eine inklusive Beteiligung im Hinblick auf Vielfalt und Geschlechtergleichgewicht zu gewährleisten. Als mögliche Themen der Konferenz erörterte der AFCO-Ausschuss die Fragen eines Initiativrechts des Parlaments, des Rates als zweite Kammer, der Rechtsstaatlichkeit, der Abstimmung mit qualifizierter Mehrheit im Rat, der Spitzenkandidaten, transnationaler Listen, wirtschaftspolitischer Steuerung, der Sozialpolitik, der Transparenzregister und eines unabhängigen Ethikgremiums.[1]

In der AFCO-Anhörung vom 4. Dezember 2019 traten zehn Politiker, Politologen und Vertreter von Organisationen auf:[26][27] Othmar Karas (Vizepräsident des EU-Parlaments), Luca Jahier (EWSA / EESC), Karl-Heinz Lambertz (AdR / CoR), Ulrike Guérot (Uni Krems), Christian Calliess (FU Berlin), Beniamino Caravita di Toritto (Uni Rom), Francisco Aldecoa Luzárraga (Uni Madrid), Tymoteusz Zych (KIPR), Pier Virgilio Dastoli (EMI), Andrew Duff (Spinelli-Gruppe / EPC) und Vertreter der EU-Kommission Věra Jourová und Dubravka Šuica. Karas, Lambertz und Guérot stellten fest, dass es nicht beim Reden bleiben dürfe, sondern dass bestehende Probleme gelöst werden müssten, damit „Bürger/innen die Erfahrung machen können, dass die EU für sie einen praktischen und materiellen Mehrwert hat“. Dazu wäre auch Beteiligung von Kritikern an der EU im geplanten Bürgerdialog erforderlich. Ulrike Guérot plädierte für eine „Republikanisierung“ der EU, die in einem neuen EU-Verfassungskonvent beschlossen werden soll. Sie forderte, „das Europa der Mitgliedsländer in eine Europäische Republik [zu] formen, mit echten europäischen Bürger/innen, in eine Rechtsgemeinschaft, in der alle Bürgerinnen und Bürger – und nicht nur Waren und Währung – gleiche Rechte teilen“.[28]

Anfang Dezember 2019 stimmte der AFCO einem Entwurf einer Stellungnahme zu, der an die Arbeitsgruppe gerichtet ist.[20] Darin fordert er:[29][30]

  • Die Konferenz soll durch eine breite Kampagne europaweit bekannt gemacht werden.
  • An der Konferenz teilnehmen sollen Europaabgeordnete, nationale Abgeordnete, EU-Kommissare, Vertreter des Rates der Mitgliedstaaten, der Zivilgesellschaft, der Sozialpartner (Gewerkschaften und Arbeitgebervertreter) sowie Bürger. Die Vertreter in der Konferenz, vor allem repräsentativ ausgewählte Bürger, sollen die Vielfalt Europas in Alter, Geschlecht, Herkunft und bei sozialen Schichten abbilden.
  • Das Europaparlament bietet an, die Konferenz in seinen Räumen stattfinden zu lassen und verpflichtet sich für Transparenz per Web-Streaming und Veröffentlichung der Dokumente zu sorgen.
  • Alle EU-Bürger sollen sich über online-Plattformen an der Arbeit der Konferenz beteiligen können. Jugendliche sollen besonders beteiligt werden.
  • Kernthema der Konferenz sollte sein, wie Europa möglichst handlungsfähig werden kann. Die Bürger und die Konferenz sollten Themen auch selbst setzen können.
  • Wie die nächste Europawahl 2024 noch europäischer werden könnte, z. B. mit Spitzenkandidaten und transnationalen Wahllisten, soll rechtzeitig vorher geklärt werden.
  • In einer formellen Vereinbarung der EU-Institutionen sollten sich diese dazu verpflichten, die Ergebnisse der Konferenz rechtlich auf den Weg zu bringen, als EU-Gesetz oder Änderung der EU-Verträge. Das Parlament selbst verpflichtet sich, sein Recht zu nutzen, Vertragsänderungen nach Artikel 48 des EU-Vertrags förmlich dem Europäischen Rat vorzuschlagen. So würde erstmals seit 2002 wieder ein Europäischer Konvent einberufen.

Corona-Pandemie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch die Anfang 2020 ausgebrochene Corona-Pandemie wurde der ursprüngliche Zeitplan für die Konferenz zunächst für unbestimmte Zeit umgeworfen. Als Startpunkt wurde grob der Herbst anvisiert.[31]

Positionen der Mitgliedstaaten im Rat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Rat der EU war lange still geblieben in Bezug auf die Konferenz zur Zukunft Europas. Allgemein schien die Begeisterung für sie unter den Mitgliedstaaten und in der Kommission laut Beobachtern gering; insbesondere mögliche institutionelle Reformen stießen auf Widerstand.[31]

Am 18. Juni 2020 forderte das Europaparlament den Rat schließlich „nachdrücklich“ auf, sich endlich zur Zukunftskonferenz zur äußern.[32] Bald darauf, am 24. Juni, verabschiedeten die nationalen Regierungen ihre diesbezüglichen Positionen.[33] Darin sprachen sie sich dafür aus, dass die Konferenz baldmöglich starten, jedoch insbesondere auf digitale Formate setzen sollte. Sie solle möglichst viele Stakeholder (darunter alle EU-Organe und Mitgliedsländer) einbeziehen und viele Themen behandeln. Dazu zählt der Rat die Bewältigung der Corona-Krise und des Klimawandels, soziale Herausforderungen, Innovation, die digitale Transformation und die internationale Kooperation. Gleichzeitig stellt er klar, dass die Konferenz kein Konvent sei und daher Vertragsänderungen zunächst nicht beschlossen werden können. Seine Ergebnisse sollten nach dem Willen der Mitgliedsländer stattdessen lediglich in einer gemeinsamen Erklärung zusammengefasst werden. Dies würde bedeuten, dass sich zunächst keine direkten legislativen Initiativen oder Verpflichtungen aus der Konferenz ergäben. Zudem betont der Rat, dass die Vorrechte aller Institutionen unangetastet bleiben müssen.[34]

Ergebnis der Verhandlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach weiteren langen, zähen Verhandlungen, in denen insbesondere um die Leitung und das Mandat der Konferenz gerungen wurde, gaben die Mitgliedsstaaten nach einem Treffen der EU-Botschafter in Brüssel am 3. Februar 2021 bekannt, dass die Konferenz in Form eines Bürgerdialogs ab Mai beginnen soll.

Sie soll gemeinsam von den Chefs der drei EU-Institutionen – Europäischer Rat, Europäische Kommission und Europäisches Parlament – geleitet werden, mit „Unterstützung“ eines Exekutivausschusses. Der ursprünglich vom Parlament favorisierte Guy Verhofstadt ging damit faktisch leer aus; ein Grund dafür soll seine dezidiert euroföderalistische Haltung gewesen sein. Die Konferenz soll am 9. Mai, dem Europatag beginnen. Die offizielle Auftaktveranstaltung soll im elsässischen Straßburg stattfinden, sofern dies die COVID-Lage erlaubt.[35]

Am 10. März unterzeichneten die drei Vorsitzenden eine Gemeinsame Erklärung, die die formelle Grundlage für die Konferenz legen soll.[36] So sollen die Bürgerforen einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung abbilden sowie digital und mehrsprachig organisiert sein. Auch soll eine Online-Plattform eingerichtet werden, auf der die Bürger ihre Anregungen austauschen und debattieren können. Außerdem wird konkretisiert, dass der Exekutivausschuss aus je drei Vertretern und bis zur vier Stellvertretern der drei Institutionen bestehen soll, sowie mit beratender Stimme aus Vertretern des COAC, des Ausschusses der Regionen und des Wirtschafts- und Sozialausschusses. Die Zwischenergebnisse sollen mindestens jedes halbe Jahr in einem gemeinsamen Plenum besprochen werden. Themen sollen u.a. sein:

„Aufbau eines gesunden Kontinents, Bekämpfung des Klimawandels und Bewältigung der ökologischen Herausforderungen, eine Wirtschaft im Dienste der Menschen, soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und Solidarität zwischen den Generationen, der digitale Wandel Europas, europäische Rechte und Werte einschließlich Rechtsstaatlichkeit, Herausforderungen im Bereich Migration, Sicherheit, die Rolle der EU in der Welt, die demokratischen Grundlagen der Union und die Stärkung der demokratischen Prozesse der Europäischen Union. Daneben können auch Querschnittsthemen erörtert werden, die die Fähigkeit der EU betreffen, ihre politischen Prioritäten umzusetzen, beispielsweise bessere Rechtsetzung, Anwendung der Grundsätze der Subsidiarität und der Verhältnismäßigkeit, die Umsetzung und Durchsetzung des Besitzstands sowie Transparenz.“

Die Unionsbürger sollen darüber hinaus weitere Themen ansprechen können, die ihnen am Herzen liegen.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Position des Rates stieß bei einigen Europaabgeordneten und politischen Beobachtern auf Kritik. Sie warfen den nationalen Regierungen vor, die Konferenz durch ein vages Mandat verwaschen zu wollen, insbesondere um institutionelle Reformen (etwa mehr Rechte für das Europäische Parlament) zu verhindern. Sie fürchten, dass eine Konferenz ohne starkes Mandat zu einer reinen Show-Veranstaltung verkommen könnte und die Bürger so enttäuschen würde.[37][38]

So kritisierte etwa Gabriele Bischoff, dass die institutionelle Dimension der Konferenz komplett ignoriert würde.[39] Ähnlich äußerte sich auch der spanische Abgeordnete Dominique Ruiz Devesa: „Wir wollen eine Debatte ohne Tabus; das umfasst auch Vertragsänderungen.“[40] Vertreter des Ausschusses der Regionen forderten zudem eine stärkere Einbeziehung regionaler und lokaler Gebietskörperschaften.[41]

Außerdem sprach sich Leonie Martin, Präsidentin der Jungen Europäischen Föderalisten, für eine breite Bürgerbeteiligung aus: „Viel zu lange wurden wir, die Europäischen Bürger, bei Diskussionen über die Zukunft der europäischen Integration beiseitegeschoben oder lediglich oberflächlich konsultiert. Diese Zeiten sind vorbei.“[42]

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Konferenz wird geleitet von den Vorsitzenden der drei wichtigsten EU-Institutionen:

* von Januar bis Juni 2021: Augusto Santos Silva (Portugal S&D), ab Januar 2022: Jean-Yves Le Drian (FrankreichFrankreich RE).

Mitglieder des Exekutivausschusses[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Exekutivausschuss, als administratives Führungsgremium der Konferenz, besteht aus:[43][44]

Name Land EP-Fraktion Funktion
Für das Europäische Parlament:
Guy Verhofstadt Belgien Belgien RE Co-Vorsitz (vom Parlament nominierter Vorsitzender)
Manfred Weber Deutschland Deutschland EVP Vertreter (Fraktionsvorsitzender)
Iratxe García Pérez Spanien Spanien S&D Vertreterin (Fraktionsvorsitzende)
Für den Rat:
Ana Paula Zacarias Portugal Portugal S&D Europastaatssekretärin (Co-Vorsitz bis zum Ende der portugiesischen EU-Ratspräsidentschaft Mitte 2021)
Gašper Dovžan Slowenien Slowenien EVP Europastaatssekretär (Co-Vorsitz ab Mitte 2021 für die slowenische EU-Ratspräsidentschaft)
Clément Beaune Frankreich Frankreich RE Europastaatssekretär (Co-Vorsitz ab Anfang 2022 für die französische EU-Ratspräsidentschaft)
Für die Kommission:
Dubravka Šuica Kroatien Kroatien EVP Co-Vorsitz (Vizepräsidentin für Demokratie und Demografie)
Maroš Šefčovič Slowakei Slowakei S&D Vertreter (Vizepräsident für interinstitutionelle Beziehungen)
Věra Jourová Tschechien Tschechien RE Vertreterin (Vizepräsidentin für Werte und Transparenz)

Darüber hinaus nehmen weitere Mitglieder der o.g. Institutionen sowie Vertreter von Interessensgruppen als Beobachter teil.

Plenum der Konferenz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Plenum der Konferenz, das „ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis aufweisen“ soll, wird den Kern der Konferenz bilden. Es besteht aus:[45]

  • 108 Bürgern, „um die Ideen aus den Bürgerforen und der mehrsprachigen digitalen Plattform zu erörtern“ – davon:
    • 80 Vertreter aus den Europäischen Bürgerforen (citizens' panels), von denen mindestens ein Drittel (27) jünger als 25 Jahre sind
    • 27 aus nationalen Bürgerforen oder Konferenzveranstaltungen (1 pro Mitgliedstaat)
    • die Vorsitzende des Europäischen Jugendforums

Themen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Themen der Debatten sollen sich orientieren an den Empfehlungen aus den Bürgerforen und den Beiträgen aus der mehrsprachigen digitalen Plattform. Diese Plattform soll der zentrale Ort sein, an dem Beiträge aus allen konferenzbezogenen Veranstaltungen gesammelt, ausgewertet und veröffentlicht werden.

Die Themen sind in 10 Kategorien unterteilt:[46]

  • Klimawandel und Umwelt
  • Gesundheit
  • Eine stärkere Wirtschaft, soziale Gerechtigkeit und Beschäftigung
  • Die EU in der Welt
  • Werte und Rechte, Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit
  • Digitaler Wandel
  • Demokratie in Europa
  • Migration
  • Bildung, Kultur, Jugend und Sport
  • Weitere Ideen

Ergebnisse, Bericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Zu gegebener Zeit“ wird das Plenum seine Vorschläge dem Exekutivausschuss vorlegen, der mit dem Plenum einen Bericht erstellen wird, der auf der mehrsprachigen digitalen Plattform veröffentlicht wird. Die endgültigen Ergebnisse der Konferenz werden in einem Bericht zusammengefasst.

Die drei Organe – Kommission, Parlament, Rat – „werden innerhalb ihres jeweiligen Zuständigkeitsbereichs und im Einklang mit den Verträgen rasch prüfen, wie ein effektives weiteres Vorgehen im Anschluss an den Bericht zu gestalten sein wird“.

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Online-Beteiligung (seit April 2021)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bürgerdialog begann am 19. April 2021 mit einer Online-Plattform unter futureu.europa.eu, auf der Reformvorschläge eingebracht und debattiert werden können.[47] Zudem sind europaweit bereits zahlreiche Online-Veranstaltungen geplant.[48]

Eröffnungszeremonie (9. Mai 2021)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Europatag 2021, während der portugiesischen Ratspräsidentschaft, wurde die Konferenz im Europaparlament feierlich eröffnet. Es sprachen u.a. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron. Letzterer betonte besonders die Wichtigkeit von „großen Träume und Ambitionen“.[4]

Zum Zeitpunkt des Starts der Konferenz war aber nach wie vor unklar, wer genau in dem 433 Personen großen, zentralen „Plenum“ vertreten sein soll. Hintergrund ist insbesondere der andauernde Streit zwischen den europäischen Institutionen und den Mitgliedstaaten, wie weitgehend der Einfluss der Konferenz sein soll und wer letztlich über ihre Ergebnisse entscheiden soll. Während insbesondere das EU-Parlament möglichst weitreichende Mitspracherechte der Bürger und Reformen anstoßen möchte, wollen die nationalen Regierungen dies eher verhindern.[49]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e (en) Preparing the Conference on the Future of Europe, EPRS European Parliamentary Research Service, Author: Silvia Kotanidis, Members' Research Service, PE 644.202 – December 2019, auf europarl.europa.eu
  2. a b c Eine Union, die mehr erreichen will: Meine Agenda für Europa, Von der Kandidatin für das Amt der Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen – Politische Leitlinien für die künftige Europäische Kommission 2019-2024, EU-Kommission, auf ec.europa.eu
  3. Georgi Gotev: Macron makes EU-wide appeal 'for European renewal'. In: euractiv.com. 5. März 2019, abgerufen am 26. August 2020 (britisches Englisch).
  4. a b Ein Jahr Zukunftsdebatte: Neuer Aufbruch für Europa? Reformkonferenz beginnt. Abgerufen am 9. Mai 2021.
  5. (en) President-elect von der Leyen’s Mission Letter to Dubravka Šuica, 10 September 2019, auf ec.europa.eu
  6. von der Leyen’s Mission Letter to Věra Jourová, 10 September 2019, auf ec.europa.eu (englisch)
  7. (en) von der Leyen’s Mission Letter to Maroš Šefčovič, 10 September 2019, auf ec.europa.eu
  8. (en) Conference on the Future of Europe, Franco-German non-paper on key questions and guidelines, französische und deutsche Regierung (November 2019 ?, undatiert), auf politico.eu
  9. (en) France and Germany propose EU overhaul after Brexit upheaval, John Chalmers, additional reporting by Michel Rose in Paris and Jonas Ekblom in Brussels, editing by Giles Elgood, Reuters, World News, 26. November 2019
  10. (en) EU gears up for post-Brexit renovation, Eszter Zalan, EUobserver, 26. November 2019
  11. (en) Germany and France release a non-paper on the Conference on the Future of Europe, European Western Balkans, 26. November 2019
  12. (fr) Paris et Berlin font affichage d’une volonté commune sur l’avenir de l’Europe, Les Échos, 26. November 2019
  13. (en) Berlin and Paris outline plan for EU makeover, Rym Momtaz and David Herszenhorn, Politico Europe, 26. November 2019
  14. (fr) La France et l’Allemagne prônent une réforme profonde de l’Union européenne post-Brexit, L’Opinion, 27. November 2019
  15. (en) Franco-German drive for EU institutional overhaul by 2022, New Europe, 28. November 2019
  16. (en) Von der Leyen’s real 100-day challenge – So many promises. So little time, Politico, 28. November / 1. Dezember 2019
  17. (en) A grand bargain for Europe might yet be possible, Wolfgang Münchau, Financial Times, 1. Dezember 2019
  18. Weshalb Ursula von der Leyen mit dem EU-Kommissionspräsidium den «schwierigsten Arbeitsplatz der Welt» übernimmt – Ursula von der Leyen tritt am Sonntag an, um die EU grüner, digitaler, wettbewerbsfähiger, sozialer und sicherer zu machen. Das dürfte ihr schwerfallen, Christoph G. Schmutz, NZZ, 1. Dezember 2019
  19. (en) France and Germany have big plans for E.U. reforms. Is this the right time?, Dermot Hodson and Imelda Maher, Washington Post, 6. Dezember 2019
  20. a b Europäisches Parlament > Ausschüsse > AFCO Konstitutionelle Fragen, auf europarl.europa.eu (Arbeitsgruppe: Stand Dezember 2019)
  21. a b (en) Conference of Presidents. Minutes of the ordinary meeting of Wednesday 16 October 2019, europarl.europa.eu
  22. Die Gestaltung der Zukunft der EU ist eine gemeinsame Aufgabe und Verantwortung, Europäischer Ausschuss der Regionen, Press release, 17. Juli 2019, auf cor.europa.eu
  23. (en) Lambertz trifft sich mit von der Leyen, Grenzecho, 26. September 2019, auf grenzecho.net
  24. a b Europaparlament will Bürgerversammlungen im EU-Reformprozess, Daniel Freund, 20. Dezember 2019, auf seinem Blog, danielfreund.eu
  25. (en) Committee on Constitutional Affairs - Draft Agenda: Extraordinary meeting, Monday 25 November 2019, AFCO, auf europarl.europa.eu
  26. (en) "Lessons to be drawn from the 2019 elections and proposals in view of the debate concerning the Future of Europe", Draft Programe, Public Hearing, European Parliament, 2019–2024, Committee on Constitutional Affairs, 4 December 2019
  27. (en) 04-12-2019 - Hearing to take stock of the 2019 EU elections and the debate on the Future of Europe, Europäisches Parlament: Ausschüsse: AFCO Konstitutionelle Fragen: Anhörungen
  28. Bürgerdialog für Europa – EU-Zukunftskonferenz Vor ihrer Wahl zur EU-Kommissionspräsidentin versprach Ursula von der Leyen den Europaabgeordneten, einen Bürgerdialog zu starten. Was ist davon zu halten?, Jürgen Klute, 10. Dezember 2019, auf Blog der Freitag-Community
  29. Verfassungsausschuss des Europaparlaments für starke Bürgerbeteiligung im EU-Reformprozess (Memento des Originals vom 10. Dezember 2019 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.danielfreund.eu, Daniel Freund, 9. Dezember 2019, auf seinem Blog, danielfreund.eu/blog
  30. (en) Proposals for Compromises – Draft opinion on the Conference on the Future of Europe, The Committee on Constitutional Affairs, 9.12.2019
  31. a b Julian Rappold: Verlängerung für die Konferenz zur Zukunft Europas |. DGAP, 7. Mai 2020, abgerufen am 26. August 2020.
  32. Konferenz zur Zukunft Europas sollteso bald wie möglich im Herbst 2020 beginnen" | Aktuelles | Europäisches Parlament. 18. Juni 2020, abgerufen am 26. August 2020.
  33. Conference on the Future of Europe - Council agrees its position. 24. Juni 2020, abgerufen am 26. August 2020.
  34. Rat der EU: Conference on the Future of Europe: Council Position. 24. Juni 2020, abgerufen am 26. August 2020 (englisch).
  35. André Curvelo Campos: Erster Erfolg: Portugal treibt „Konferenz zur Zukunft Europas“ voran – Die EU-Mitgliedsstaaten haben am Mittwoch grünes Licht für das von der portugiesischen Ratspräsidentschaft vorgeschlagene Format für die Konferenz zur Zukunft Europas gegeben. Der Bürgerdialog soll ab Mai aufgenommen werden, wurde gegenüber Lusa.pt mitgeteilt. ins Deutsche übersetzt von Tim Steins, Lusa.pteuractiv.com/.de/.fr, 4. Februar 2021
  36. Generalsekretariat des Rates: Konferenz über die Zukunft Europas – Gemeinsame Erklärung. In: Rat der EU. 5. März 2021, abgerufen am 11. März 2021.
  37. Opinion: Five ideas to reshape 'Conference on Future of Europe'. Abgerufen am 26. August 2020 (englisch).
  38. Future of Europe: EU Council vetoes treaty change. Abgerufen am 26. August 2020 (englisch).
  39. Maïa de La Baume: Conference on the Future of Europe: Don’t mention the T word. 21. Januar 2020, abgerufen am 26. August 2020.
  40. Future of Europe Conference: Council urged to move now. Abgerufen am 26. August 2020 (englisch).
  41. 'Top-down' future of Europe conference 'will fail' warning. Abgerufen am 26. August 2020 (englisch).
  42. Bundessekretariat: Statement anlässlich der Beratungen zur Konferenz zur Zukunft Europas im Rat der EU. In: JEF Deutschland. 27. Januar 2020, abgerufen am 26. August 2020 (deutsch).
  43. Was hat es mit der Konferenz zur Zukunft Europas auf sich? - Conference on the Future of Europe. Abgerufen am 9. Mai 2021.
  44. Zusammenfassender Bericht über die zweite Sitzung des Exekutivausschusses der Konferenz zur Zukunft Europas - Mittwoch, 7. April 2021. Abgerufen am 9. Mai 2021.
  45. Konferenz zur Zukunft Europas: Verschaffen Sie sich Gehör, Europäische Kommission, Pressemitteilung, Brüssel, 9. Mai 2021
  46. Partizipative Prozesse - Conference on the Future of Europe. Abgerufen am 9. Mai 2021.
  47. Konferenz zur Zukunft Europas: Start der Bürgerplattform am 19. April, ec.europa.eu, Brüssel, 7. April 2021, in: Konferenz zur Zukunft Europas, auf: Europäische Kommission > Strategie > Priorities 2019-2024 > Neuer Schwung für die Demokratie in Europa, ec.europa.eu (Web der Kommission)
  48. Veranstaltungen die gerade stattfinden - Conference on the Future of Europe. (europa.eu [abgerufen am 9. Mai 2021]).
  49. tagesschau.de: EU-Zukunftsforum: Sprachrohr für die "stille Mehrheit". Abgerufen am 9. Mai 2021.