Ulrike Guérot

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Ulrike Guérot (2016)

Ulrike Beate Guérot (* 1964 in Grevenbroich[1]) ist eine deutsche Politikwissenschaftlerin und Publizistin. Sie ist Professorin am eigenen Departement Europapolitik und Demokratieforschung (DED) an der Donau-Universität Krems,[2][3][4] Gründerin des European Democracy Lab (EuDemLab) in Berlin und beschäftigt sich mit der Zukunft des europäischen Integrationsprozesses.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Guérot studierte Politikwissenschaft und wurde 1995 an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster mit einer Arbeit über „europapolitische Programmatik der französischen Sozialisten“ (Parti socialiste; PS) promoviert.[5]

Von 1992 bis 1995 war Guérot Parlamentarische Assistentin im Abgeordnetenbüro des außenpolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Karl Lamers, und wirkte an dem Schäuble-Lamers-Papier von 1994 zur Vertiefung der Europäischen Union mit. 1995 bis 1996 war sie Direktorin für Kommunikation, Association for the Monetary Union of Europe (AMUE/AUME). 1996 bis 1998 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin (Assistentin/Chargée de Mission) beim ehemaligen Präsidenten der Europäischen Kommission, Jacques Delors, bei der Organisation Notre Europe in Paris.

Von 1998 bis 2000 war sie Juniorprofessorin an der Paul H. Nitze School for Advanced International Studies der Johns Hopkins University, Washington, D.C., USA.

2000 bis 2003 leitete sie die „Programmgruppe Europa“ bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin.[6]

Zudem unterrichtete sie 2003 an der INSEAD Business School in Singapur.

Von 2004 bis 2007 arbeitete sie als Direktorin Foreign Policy & Senior Transatlantic Fellow beim German Marshall Fund. Von 2007 bis 2013 leitete Guérot das Berliner Büro des European Council on Foreign Relations (ECFR).[7]

Im Frühjahr 2012 war Guérot Gastwissenschaftlerin am Deutschen Haus der New York University (NYU)[8] Im Herbst 2014 hatte sie einen Gastaufenthalt als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). 2013 bis 2014 unterrichtete sie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) sowie der Bucerius Law School in Hamburg.[9]

Im März 2014 gründete sie das European Democracy Lab (EuDemLab), einen in Berlin beheimateten Think Tank an der European School of Governance (EUSG).[10]

Seit April 2016 ist Guérot Professorin und Leiterin des „Departments für Europapolitik und Demokratieforschung“ (DED) an der Universität für Weiterbildung Krems.[2][3][4] Für das Wintersemester 2017/18 erhielt sie die Alfred-Grosser-Gastprofessur der Goethe-Universität Frankfurt.[11]

Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ulrike Guérot, im Mai 2019 bei den Römerberggesprächen

Guérot publiziert umfangreich in deutschen und europäischen Zeitschriften und Zeitungen vor allem zu europäischen, und auch zu transatlantischen, Themen. Sie wird regelmäßig eingeladen, in europäischen Medien, und Begegnungen, aktuelle Themen zu kommentieren und ihre Thesen zu präsentieren – „Von der Autorin zur Aktivistin“, meint Hannes Koch in der taz.[12]

Im April 2013 veröffentlichte sie gemeinsam mit Robert Menasse ein Manifest zur „Gründung einer Europäischen Republik“. Darin plädieren sie für eine Neugründung der europäischen Demokratie, eine Europäische Republik, und sind in diesem Zusammenhang für die Schaffung eines nachnationalen Europas.

Im Februar 2016 stellte Guérot zusammen mit Robert Menasse in einem Artikel in Le Monde Diplomatique die auf Integration zielende Flüchtlingspolitik infrage und sprach sich dafür aus, Flüchtlingen in Europa Bauland zuzuweisen, wo sie eigene Städte gründen könnten. Europa sei groß und demnächst leer genug, um ein Dutzend Städte und mehr für Neuankömmlinge aufzubauen. So entstünden inmitten von Europa Neu-Damaskus und Neu-Aleppo, Neu-Diyarbakir oder Neu-Erbil und Neu-Dohuk, Neu-Kandahar oder Neu-Kundus für die afghanischen Flüchtlinge oder Neu-Enugu oder Neu-Ondo für die nigerianischen Flüchtlinge. Eine Schließung der Grenzen sei nicht machbar, die EU müsse ihren Raum mit den Menschen teilen, die nach Europa wollen.[13]

Im April 2016 erschien ihr erstes Buch Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie im Dietz-Verlag[14] und im November 2017 als Taschenbuch im Piper-Verlag.[15] Darin zeichnet sie die Utopie einer europäischen Republik, die auf der Gleichheit aller europäischen Bürger/-innen jenseits nationaler Grenzen beruht. Die Süddeutsche Zeitung (SZ) lobt das Buch als „originellen, klugen und radikalen Beitrag.“[16]

Im Mai 2017 wurde ihr zweites Werk mit dem Titel Der neue Bürgerkrieg. Das offene Europa und seine Feinde[17] im Ullstein-Verlag veröffentlicht. Der NDR wählte es zum besten Sachbuch des Monats.[18]

Guérot ist Mitinitiatorin des „Balcony Project“ (2018) an dem sich Intellektuelle und rund 100 europäische Kulturinstitutionen beteiligen und zur Gründung einer „Europäischen Republik auf dem Grundsatz der allgemeinen politischen Gleichheit jenseits von Nationalität und Herkunft“ aufrufen.[19] Ab November 2019 zusammen mit Milo Rau als „European Balcony Project“ – auf möglichst vielen Theaterbühnen Europas soll das, mit Menasse geschriebene, „Manifest für die europäische Republik“ verlesen werden.[20]

Auch in einem Video für die Deutsche Bank forderte Guérot im März 2018, dass die europäischen Nationalstaaten abgeschafft werden sollen. Guérot vertrat die Meinung, die Nation sei kein Identitätsträger; die Deutschen, vormals nur Rheinländer, Sachsen, Hessen und Pfälzer, seien erst durch die allgemeine deutsche Krankenversicherung zu Deutschen gemacht worden. Indem man auch eine europäische Arbeitslosenversicherung einführe, würde man eine europäische Nationenbildung haben.[21]

Europäische Republik, Europa der Regionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit historischem Bezug greift sie die Idee des Europas der Regionen auf – Europa bestehe erst seit relativ kurzer Zeit aus Nationalstaaten, viel länger dagegen aus „etwa fünfzig bis sechzig alten, historischen Regionen: Savoyen, Flandern, Venetien, Bayern, Brabant, Emilia-Romagna, Bretagne, Tirol, Katalonien – alle mit etwa sieben bis fünfzehn Millionen Einwohnern“, die Identität stiften. Was auch in „traditionsreichen Städten wie Augsburg, Hamburg, Köln oder Düsseldorf“ gilt. Die Identität der Bürger wurzelt hier stärker als in den „nationalstaatlichen Konstrukten wie Deutschland, Italien, Frankreich, Niederlande, Belgien“.

Guérot postuliert, die Europäischen Regionen sollten jeweils zwei Senatoren in eine Kammer des Europäischen Parlamentes schicken. Die Abgeordneten der zweiten Kammer würden die europäischen Bürger direkt wählen – „im Gegensatz zu heute aber nach gleichem Wahlrecht für alle“. Zwischen den Regionen und der demokratisch kontrollierten Regierung in Brüssel bräuchte man keine Bundesregierung mehr.[12]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem Heinrich August Winkler bereits 2017 Guérots Umgang mit angeblichen Zitaten Walter Hallsteins moniert hatte, gestand diese 2018 ein, dass der von ihr und Robert Menasse geschriebene Artikel erfundene Zitate Hallsteins enthielt. Ihren Angaben zufolge hatte Guérot von den Falschzitaten nichts gewusst und damals „nicht genug Autorität oder Souveränität gehabt, um dies anzumahnen“. Im Nachhinein sei es „dumm gewesen, das nicht zu überprüfen“.[22]

Den Sieg der Conservative Party unter dem amtierenden Premierminister Boris Johnson bei der Britischen Unterhauswahl 2019 kommentierte Guérot auf Twitter mit „That's how people must have felt in 1933“ (deutsch: „So müssen sich die Menschen 1933 gefühlt haben“). Die Journalisten Ulf Poschardt in der Welt,[23] und Alexander Kissler[24] wie auch die Jüdische Allgemeine[25] kritisierten die Parallelisierung als eine Entgleisung, da sie den Sieg Johnsons und seiner Partei mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten gleichsetzt.

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ulrike Guérot war mit dem französischen Diplomaten Olivier Guérot verheiratet und ist Mutter zweier erwachsener Söhne.

Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Guérot ist Mitglied im Scientific Committee des Institute of European Democrats (IED),[26] sie arbeitete als Senior Policy Fellow für den European Council on Foreign Relations (ECFR),[27] ist Mitglied im Sydney Democracy Network (SDN) sowie Gesellschafterin des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) in Köln.[28]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher
Beiträge
  • Marine Le Pen und die Metamorphose der französischen Republik. Leviathan, Band 44, Jg. 43, Heft 02/2015, S. 139–174. ISSN 0340-0425
  • Einmal heißer Krieg – kalter Frieden und zurück. In: Kursbuch, 188 (2016): S. 60–87, ISBN 978-3-946514-30-5
Interviews
Essays

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Ulrike Guérot – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Offizielle Websites:[33]

Projekte:

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. siehe Weblinks, Autorenseiten
  2. a b Ulrike Guérot als Professorin berufen – Europaexpertin übernimmt Professur für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau-Universität Krems, Presseinformation, Uni Krems, 4. Mai 2016
  3. a b „Europa zwischen Geist und Ungeist. Nationalismus und Konzepte europäischer Föderation in historischer Perspektive“ – Antrittsvorlesung Ulrike Guérot, Offizielle Eröffnung des Departements für Europapolitik und Demokratieforschung, Uni Krems, 28. April 2017
  4. a b donau-uni.ac.at/dedDepartment für Europapolitik und Demokratie­forschung / Department for European Policy and the Study of Democracy (DED), Donau-Universität Krems
  5. Guérot, Ulrike, 1964-: Die PS und Europa: eine Untersuchung der europapolitischen Programmatik der französischen Sozialisten, 1971–1995. N. Brockmeyer, Bochum 1996, ISBN 3-8196-0412-X.
  6. Ulrike Guérot. In: DGAP e. V. (dgap.org [abgerufen am 4. Oktober 2017]).
  7. Ulrike Guérot. Abgerufen am 4. Oktober 2017 (englisch).
  8. Deutsches Haus at NYU. Abgerufen am 4. Oktober 2017.
  9. Freund oder Feind? (law-school.de [abgerufen am 4. Oktober 2017]).
  10. Home – European School of Governance. Abgerufen am 4. Oktober 2017 (amerikanisches Englisch).
  11. Grosser-Gastprofessur: Vortrag von Prof. Ulrike Guérot, Deutsch-Französische Gesellschaft Frankfurt am Main e.V.
  12. a b Wie gelingt die Zukunft Europas? Deutschland bitte abschaffen – Ulrike Guérot will den Menschen »ihre Heimat zurückgeben« und die Nationalstaaten zugunsten einer europäischen Republik auflösen., Hannes Koch, taz FUTURZWEI N°11: 10. Dezember 2019 / N°12: 10. März 2020
  13. Ulrike Guérot und Robert Menasse: Lust auf eine gemeinsame Welt. Ein futuristischer Entwurf für europäische Grenzenlosigkeit. In: Le Monde Dipomatique. 16. Februar 2016, abgerufen am 22. November 2018.
  14. Verlag J. H. W. Dietz Nachf. (Berlin, West; Bonn).: Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie. Bonn, ISBN 978-3-8012-0479-2.
  15. Warum Europa eine Republik werden muss. Abgerufen am 11. Dezember 2017.
  16. Isabell Trommer: Renaissance der res publica. In: sueddeutsche.de. 12. Juni 2016, ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 4. Oktober 2017]).
  17. Guérot, Ulrike, Propyläen-Verlag: Der neue Bürgerkrieg. Europa zwischen Humanismus und Ungeist. Berlin, ISBN 978-3-549-07491-6.
  18. NDR: Sachbücher des Monats Juni 2017. Abgerufen am 12. November 2017.
  19. Robert Menasse und Elfriede Jelinek fordern Gründung einer Europäischen Republik, Wolfgang Böhm, Die Presse, 19. Oktober 2018
  20. europeanbalconyproject.eu
  21. Deutsche Bank: Ulrike Guérot: Europäische Union ohne Nationen. In: Deutsche Bank Webseite. 2. März 2018, abgerufen am 8. März 2018.
  22. Die WELT vom 27. Dezember 2018
  23. Welt-Online vom 13. Dezember 2019.
  24. Cicero vom 13. Dezember 2019.
  25. Jüdische Allgemeine vom 18. Dezember 2019
  26. Scientific Committee, iedonline.eu
  27. Ulrike Guérot, ecfr.eu
  28. Impressum, medienpolitik.eu
  29. www.bundespraesident.de: Der Bundespräsident / Reden / Empfang in der Residenz der Botschafterin, gegeben vom Bundespräsidenten und von Daniela Schadt. Abgerufen am 4. Oktober 2017.
  30. Valeska von Dolega: Interview mit Ulrike Guérot: Europa als politisches Dach. Abgerufen am 18. November 2019.
  31. Paul-Watzlawick-Ehrenring der Ärztekammer für Wien
  32. Ulrike Guérot erhält Salzburger Landespreis für Zukunftsforschung. In: Salzburger Nachrichten. 21. Oktober 2019, abgerufen am 21. Oktober 2019.
  33. Curriculum Vitae Ulrike Guérot, anlässlich der AFCO-Anhörung im EU-Parlament (4. Dezember 2019), auf europarl.europa.eu