Weißbeerige Mistel

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Weißbeerige Mistel
Weißbeerige Mistel (Viscum album)

Weißbeerige Mistel (Viscum album)

Systematik
Eudikotyledonen
Kerneudikotyledonen
Ordnung: Sandelholzartige (Santalales)
Familie: Sandelholzgewächse (Santalaceae)
Gattung: Misteln (Viscum)
Art: Weißbeerige Mistel
Wissenschaftlicher Name
Viscum album
L.

Die Weißbeerige Mistel (Viscum album) mit ihren drei Unterarten, nämlich der Laubholz-, Tannen- und Föhren-Rasse, ist eine Pflanzenart in der Familie der Sandelholzgewächse (Santalaceae). Oft wird sie zusammen mit einigen anderen Gattungen wie Arceuthobium in eine eigene Familie Viscaceae gestellt, die dann ungefähr 400 Arten umfasst. Sie ist eine der wenigen parasitisch lebenden Gefäßpflanzenarten Europas, die direkt an Sprossachsen der Wirtspflanzen parasitiert.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Illustration
Männliche Blüte
Blätter, Blüten und Beere der Tannen-Mistel
Aufgeschnittene Frucht der Föhren-Mistel (Viscum album subsp. laxum)
Samen der Föhren-Mistel (Viscum album subsp. laxum)
Embryonen der Weißen Mistel
Angetrockneter Samenkern der Weißen Mistel mit zwei gekeimten Embryonen
Schnitt durch einen Mistelbefall an Kiefer, deutlich sind die Abwehrbemühungen des Baumes durch Wucherung und Harzbildung zu erkennen
Haustorium, Illustration

Erscheinungsbild und Blatt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Weißbeerige Mistel wächst als sattgrüner - im Falle der selteneren männlichen Exemplare: gelblich-grüner - immergrüner Strauch parasitierend auf anderen Gehölzen. Dieser Halbschmarotzer sitzt auf den Ästen von Bäumen und entzieht Wasser und darin gelöste Mineralsalze aus deren Holzteil. Im Laufe der Jahre wachsen Misteln häufig zu kugeligen Büschen heran, die bis zu 1 Metern Durchmesser erreichen können. Die oft gleichmäßig gabelig verzweigten Sprossachsen der Mistel sind an den Knoten (Nodi) durch Furchen gegliedert und brechen dort leicht ab. Es sind drei bis fünf undeutliche Blattnerven vorhanden. Diese verlaufen parallel und sind nicht vernetzt.[1]

An den Enden der Sprossachsen sitzen gegenständig die ungestielten Laubblätter, die mehrjährig sein können. Die lederige, einfache Blattspreite ist bei einer Länge von 2,5 bis 7 Zentimetern und einer Breite von 0,5 bis 3,5 Zentimetern elliptisch bis verkehrt-lanzettlich oder verkehrt-eiförmig mit stumpfem oberen Ende. Beide Blattseiten erscheinen gleichartig ausgebildet (äquifazial) und haben deutlich eingesenkte Spaltöffnungen.[1]

Blüte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Blütezeit der Weißbeerigen Mistel reicht bei günstiger Witterung in Mitteleuropa von Mitte Januar bis Anfang April. Die Weißbeerige Mistel ist zweihäusig getrenntgeschlechtig (diözisch). Drei bis fünf Blüten stehen in den obersten Blattachseln knäuelig beisammen. Die zwei Tragblätter sind etwa 2 Millimeter lang, konkav und bewimpert mit stumpfem oberen Ende.

Die unscheinbaren, eingeschlechtigen Blüten sind sitzend. Die drei oder vier freien, dicken Blütenhüllblätter sind bei einer Länge von etwa 1 Millimeter bei den weiblichen Blüten dreieckig und hinfällig. Die vier Staubblätter in den Blüten der (deutlich selteneren) männlichen (staminaten) Pflanzen besitzen keine Staubfäden. Die rückseitig mit den hier etwa doppelt so langen Blütenhüllblättern verwachsenen Staubbeutel öffnen sich mit vielen Poren; sie weisen einen deutlichen, fruchtigen Duft auf. Der unterständige Fruchtknoten ist bei einer Länge von etwa 2 Millimetern verkehrt-eiförmig. Die sitzende Narbe ist bei einer Länge von etwa 1 Millimeter konisch.

Frucht und Samen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der Blüte im Februar bis zur Reife der Beeren in der Adventszeit vergehen circa neun Monate.[1] Die weißen, etwas durchscheinenden, einsamigen Beeren sind bei einem Durchmesser von etwa 1 Zentimeter kugelig. Die 5 bis 6 Millimeter langen Samen sind von einem weißen, zähen, schleimig klebrigen Fruchtfleisch (Pulpa) umgeben. Schon im einzelnen Samen bilden sich bei unserer Laubholz- und der südwesteuropäischen Rotbeerigen Mistel bis zu drei oder sehr selten vier grüne Embryonen aus.

Ökologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Weißbeerige Mistel ist ein strauchartiger Halbschmarotzer auf den Ästen und gelegentlich Stämmen verschiedener Gehölze. Aus deren Holzteil, dem sogenannten Xylem, entzieht sie Wasser und darin gelöste Nährsalze. Wegen der dazu erforderlichen starken Transpiration fühlen sich die Blätter der Mistel kühl an, was als Verdunstungskälte gedeutet wird. Die Pflanzen können zu kugeligen Büschen von maximal 1 Meter Durchmesser heranwachsen und bis etwa 70 Jahre alt werden. Das Wachstum ist sehr langsam; der Zuwachs beträgt ein Sprossglied pro Jahr. So sollen Zweige von 50 Zentimetern Länge etwa 30 Jahre alt sein. Bei ihrer ersten Blüte sind Misteln sechs bis sieben Jahre alt.[2] Die grüne Rinde der Sprosse bildet keine Korkschicht aus und kann deshalb jahrelang Photosynthese betreiben.

Die Pollenkörner sind untereinander durch zarte, elastisch-klebrige Viszinfäden verbunden, können also nicht vom Wind verfrachtet werden. Die Pollenübertragung (Bestäubung) erfolgt nicht etwa "durch den Wind" oder durch Bienen, sondern im Wesentlichen durch Fliegen, wie bereits Joseph Gottlieb Kölreuter ermittelt hatte, dem allerdings lange Zeit nicht geglaubt wurde.

Die klebrige Pulpa, die die Samen umgibt, ermöglicht die Ausbreitung durch Vögel. Die Samen der meisten Mistelarten werden nämlich durch Vögel ausgebreitet (Verdauungsverbreitung, Endozoochorie). Bei uns, für die Weißbeerige Mistel, sind die üblichen Verbreitervögel die Misteldrossel, die Mönchsgrasmücke und der gelegentliche Wintergast Seidenschwanz. Nur sie fressen die klebschleimreichen Früchte der Misteln. Sie können den zähschleimumhüllten Innenteil mit den Samen jedoch nicht verdauen. Deshalb werden die Samen mit ihrer Klebschleimhülle von Misteldrosseln und Seidenschwänzen nach recht kurzer Darmpassage wieder ausgeschieden. Verfangen sich die Ausscheidungen dieser Vögel - ob sitzend oder darüber hinwegfliegend - auf den Ästen nicht "mistelfester" Bäume, dann haben die grünen Embryonen in den Samenkernen die Chance, dort erfolgreich zu keimen und sich zu etablieren. Mönchsgrasmücken heften die Samenkerne mit ihrer Innenschleimhülle, bevor sie den Außenteil der Beere verschlucken, direkt mit dem Schnabel auf einen nächstliegenden Ast. Dies kann auch ein Spross der Mistel selbst sein; denn die Mistel ist keineswegs mistelfest. So ist in beiden Fällen die Keimung stets besonders erfolgreich, sobald Regen und Sonne für günstige Bedingungen sorgen.

Bei der Keimung streckt sich zunächst das Hypokotyl. Es krümmt sich dabei vom Licht weg abwärts (negative Phototaxis). Sobald dann seine Spitze die Unterlage (möglichst Rinde des Wirtes) erreicht, bildet sie dort eine Haftscheibe aus. Aus deren Zentrum treibt der Keimling zunächst einen Penetrationskeil, danach einen Saugfortsatz (Haustorium) durch die Rinde des Wirtsastes hindurch. In den Saftbahnen zwischen Rinde und Holz breitet sich die junge Mistel dann langsam in Form grüner Rindensaugstränge aus. Das zentrale Haustorium entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einer Primärwurzel, die mit dem Dickenwachstum des Tragastes immer weiter in das Wirtsgewebe einwächst. Aus der Primärwurzel wachsen im folgenden Jahr sog. Senkerwurzeln, die bis in das Leitungsgewebe des Wirtes vordringen und selber auch wieder in der Lage sind, neue Senker sowie Wurzelsprosse auszubilden. Erst nachdem die Senkerwurzeln die Leitungsbahnen des Wirtes erreicht haben, entwickelt sich die Mistel weiter. Nach vielen Jahren ist die Mistel dann so reich verzweigt, dass sie kugelige Büsche von bis zu einem Meter Durchmesser oder auch schlaff herabhängende Formen bilden kann. Der Parasitismus der Mistel kann für die Wirtspflanze bedeuten, dass der Ast, auf dem die Mistel lebt, oder auch der ganze Baum abstirbt. Auf Obstplantagen kommt es häufig zu Ernteverlusten, wenn die Wirtspflanze nicht mehr ausreichend Wasser und Nährstoffe zur Verfügung hat, um genügend Früchte auszubilden.[3]

Die grünen Embryonen sind bereits in den durchscheinenden Beeren photosynthetisch aktiv. Nach Einnistung in lebender Rinde kann daher ein frühes Entwicklungsstadium auch einige Jahre kaum sichtbar überdauern, solange die Haustorien-Zellen die Leitungsbahnen der Wirtspflanze nicht erreichen können. Die Ursache, warum die junge Mistel manchmal in diesem kryptischen Zustand verbleibt, ist bis heute nicht erforscht.

Eine weitere Besonderheit der Mistel ist, dass sie als photosynthetisch aktiver Halbschmarotzer ihrem Wirt eigentlich nur Wasser und Mineralsalze entziehen müsste, deshalb erstaunt es auch heute noch viele Forscher, dass sie dennoch die Leitungsbahnen für die organischen Substanzen (das Phloem) des Wirtes anzapft. Ob sie dabei dem Wirt auch Nährstoffe entzieht, wird im Moment noch kritisch diskutiert.[3]

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Verbreitungsgebiet der Weißbeerigen Mistel sind die wintermilden Regionen Südskandinaviens sowie Mittel- und Südeuropas. Dort gedeiht sie zerstreut bis gebietsweise sehr häufig (dann als Plage empfunden) auf Laubbäumen wie zum Beispiel Apfelbäumen, Linden, Ahornen, Birken, Pappeln und Weiden, Hainbuchen, Weißdorn und besonders üppig und breitblättrig auf Robinien. Rot-Buchen (Fagus), Eichen und z. B. die Platanen sind dagegen mistelfest. Um 1900 wurde die Mistel in den Vereinigten Staaten als Neophyt eingeschleppt oder vom Gärtner Luther Burbank bewusst eingebürgert und hat sich nördlich von San Francisco auf sehr vielen verschiedenen Gehölzarten verbreitet.[3]

Neben Viscum album kommt in Mitteleuropa noch die zu einer anderen Gattung und Familie gehörige Eichenmistel (Loranthus europaeus) vor. Diese ist im Unterschied zur Weißbeerigen Mistel nur sommergrün und weist Äste auf, die ab dem 2. Jahr braun bis schwarzgrau sind. Die Eichenmistel bildet gelbe Beeren.[4][5]

Systematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der wissenschaftliche Name der Weißbeerigen Mistel, Viscum album L., wurde 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum erstveröffentlicht.[6]

Es werden innerhalb der Art Viscum album mehrere Unterarten unterschieden, die eine Bindung an unterschiedliche Wirtsbaumarten besitzen:

  • Laubholz-Mistel (Viscum album L. subsp. album) – auf Pappeln, Weiden, Apfelbäumen, Weißdorn, Birken, Haseln, Robinien, Linden, Ahornbäumen, amerikanischer Rot-Eiche, nordamerikanischer Schwarznuss, amerikanischen Eschen, amerikanischen Erlen, Hainbuche und anderen; auf Birnbäumen, Süßkirsch- und Pflaumenbäumen nur äußerst selten, gar nicht aber zum Beispiel auf Rot-Buche, Walnussbaum, Platanen, Paulownien, Götterbäumen oder Magnolien. Die Chromosomenzahl dieser Unterart beträgt 2n = 20.[7]
  • Tannen-Mistel (Viscum album subsp. abietis (Wiesb.) Janchen, Syn.: Viscum abietis (Wiesb.) Fritsch) – auf einzelnen Tannenarten, zumindest Weiß- und Griechischer Tanne (Abies cephalonica), sowie äußerst selten einmal auf einer Fichte sowie auf einer Laubbaumart.
  • Kiefern-Mistel, Föhren-Mistel (Viscum album subsp. austriacum (Wiesb.) Vollm., Syn.: Viscum laxum Boiss. & Reut.) – auf Kiefern, sehr selten auf Fichten und Lärchen. Vorkommen in Süd- und Ostdeutschland (ab Iffezheim nordwärts, im und um den Nürnberger Reichswald; Brandenburg), Österreich (häufig bis zerstreut in der collinen bis montanen Höhenstufe der Bundesländer Wien, Burgenland, Kärnten (unsicher), Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark, Tirol und Vorarlberg),[4] Südtirol und Japan.[3]
  • Kretische Mistel (Viscum album subsp. creticum N.Böhling et al.), eine weitere 2002 beschriebene Unterart, die als Endemit nur auf Kreta vorkommt und dort auf der Kalabrischen Kiefer (Pinus brutia) schmarotzt.[8]

Die früher gelegentlich als Unterart (Viscum album subsp. coloratum) geführte Koreanische oder Japanische Mistel wird dagegen heute als eigene Art (Viscum coloratum) angesehen.[9] Bei manchen Autoren gibt es die asiatische Unterart Viscum album subsp. meridianum (Danser) D.G.Long.[9]

Giftigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ganze Pflanze gilt nach neueren Erkenntnissen als ungiftig. Nach Stürmen heruntergebrochene Büsche der Nadelholz-Misteln und männliche Exemplare der Laubholz-Mistel können auch problemlos verfüttert werden und sind im Winter bei Vieh und Wild willkommenes Grünfutter. Die weiblichen Büsche der Laubholz-Rasse sollten allerdings wegen ihrer innen ganz ungewöhnlich klebrigen Beeren als Futter gemieden werden, da sie, sehr unangenehm, im Rachen hängenbleiben können. Kinder sind dringend vor diesen Beeren zu warnen.

Der höchste Gehalt am Lektinen wurde im Winter in den Blütenknospen und in den Früchten festgestellt; die Werte in den Zweigen stiegen im Herbst und Winter nur wenig an, während sie sich in den Blättern erhöhte.

Hauptwirkstoffe sind Viscotoxine (Polypeptide aus 46 Aminosäuren). In den Beeren sollen Viscotoxine vorhanden sein, in den Blättern und Zweigen β-Amyrin, Lupeol, Oleanolsäure und zahlreiche weitere Stoffe.

Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemeine Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Früchte vor allem der Eichenmistel (die allerdings zu einer anderen Familie gehört) wurden früher wegen des klebrigen Mesokarps zur Herstellung von Vogelleim verwendet. In einigen europäischen Ländern ist diese Art des Vogelfangs immer noch ein beliebter Sport.

Misteln eignen sich sehr gut für Wildgärten, da sie einfach anzupflanzen sind, denn es reicht aus, die frischen noch klebrigen Samen an eine junge Borke eines geeigneten, nicht mistelfesten Wirtsbaumes anzuheften.

Verwendung als Heilpflanze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Heildroge dienen die getrockneten, jungen Zweige mit Blättern, Blüten und Früchten. Inhaltsstoffe sind Lektine (Glykoproteine), Viscotoxine (toxische Polypeptide), wasserlösliche Polysaccharide, biogene Amine, Flavonoide, Lignane, Cyclitole, wie Viscumitol und Phenolcarbonsäuren.

Zur Anwendung werden traditionell Misteltee oder auch entsprechende Fertigpräparate mit Mistelextrakten zur Unterstützung des Kreislaufs bei Neigung zu Hypertonie und zur Arterioskleroseprophylaxe eingenommen. Bisher liegt aber kein ausreichender Nachweis für die Wirksamkeit bei diesen Indikationen vor. Nur nach intravenöser Injektion kann ein vorübergehender Blutdruckabfall festgestellt werden, der auf die biogenen Amine zurückgeführt wird.

Hiervon abzugrenzen sind Präparate aus frischem Mistelkraut, die man zeitweise intrakutan zur Segment-Therapie u. a. bei entzündlich-degenerativen Gelenkerkrankungen, Arthrosen sowie Bandscheibenerkrankungen heranzog. Ausgelöst durch die Viscotoxine kommt es am Injektionsort zu lokalen Entzündungen, die eine Aktivierung der zellulären Immunabwehr zur Folge haben.

Extrakte der Weißbeerigen Mistel kommen für die sogenannte Misteltherapie, eine primär in Deutschland, Österreich und der Schweiz verbreitete, alternativ- und komplementärmedizinische Krebsbehandlungsmethode, zum Einsatz. Nach den Konzepten der antiken Signaturenlehre lässt sich die Heilwirkung einer Pflanze aus dem Aussehen erschließen: Mistelpflanzen als Baumparasiten galten demnach als geeignete Mittel gegen Erkrankungen, die wie Krebs als Parasit des Menschen verstanden wurden. Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, schlug die Mistel 1916 für die Krebstherapie vor; die Ärztin Ita Wegman griff seine Anregungen auf. Die Misteltherapie wird bis heute zumeist innerhalb der anthroposophischen Medizin zur Behandlung von Krebs eingesetzt. Zugelassen sind wässrige Extrakte aus Mistelpflanzen, die in oder unter die Haut gespritzt werden sollen. Auch die intravenöse Verabreichung wird von einigen Herstellern als Behandlungsmöglichkeit angegeben. Zudem wurden Versuche mit Injektionen direkt in Tumore durchgeführt. Tropfen oder Tees, die Mistelextrakte enthalten, sind nicht für die Krebstherapie zugelassen. Die Forschung interessiert sich vor allem für die im pflanzlichen Presssaft enthaltenen Lektine. Ihre Effekte wurden an Zellkulturen und im Tierversuch getestet, ebenso die Wirkung einiger weiterer isolierter Inhaltsstoffe der Mistelextrakte. Bei einzelnen Mistelpräparaten sorgen die Hersteller inzwischen für eine von Flasche zu Flasche und unabhängig vom Datum der Herstellung immer gleichbleibende Lektin-Konzentration. Solche Produkte heißen Lektin-standardisiert oder Lektin-normiert. Trotz langjähriger Anwendung und Forschung ist nicht belegt, dass Mistelpräparate das Tumorwachstum hemmen oder gar Krebspatienten heilen können. Bei Brustkrebspatientinnen, die eine Mistelbehandlung parallel zu einer Chemotherapie erhielten, konnte eine Verbesserung der Lebensqualität beobachtet werden.[10] Die Erfolge werden im Sinne einer unspezifischen Reiztherapie gedeutet, keinesfalls als direkte zytotoxische Wirkung der Präparate. In einzelnen Studien[11][12] konnten leichte bis moderate Effekte auf das Krankheitsgeschehen durch die Injektionstherapie mit entsprechenden Mistelpräparaten beobachtet werden.

Mythologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Mistel war schon in der Mythologie des Altertums bekannt und wurde von den gallischen Priestern, den Druiden, als Heilmittel und zu kultischen Handlungen benutzt. Keltischen Priestern galten besonders die seltenen Exemplare, die auf Eichen wuchsen als heilig.[13] Sie galt nicht nur als Wunderpflanze gegen Krankheiten, sondern wurde auch als Heiligtum verehrt, als Zeichen des immerwährenden Lebens[3] und war für Kelten und Germanen ein Fruchtbarkeitssymbol. Die Germanen glaubten, dass die Götter die Mistelsamen in die Bäume streuten, sie also ein Geschenk des Himmels wären.

Auch heute noch werden einige alte Bräuche gepflegt. So ist die Mistel in einigen Ländern, wie beispielsweise der Schweiz, ein Fruchtbarkeitssymbol. In England gibt es ein Ritual, dass ein Mistelzweig in der Weihnachtszeit über die Tür gehängt wird und die junge Dame, die sich unter diesem Mistelzweig befindet, auf der Stelle geküsst werden darf. In Frankreich wird ein Mistelzweig am Neujahr auch über die Tür gehängt und jedermann küsst die Verwandten und die Freunde darunter. Ein Spruch wird auch gesagt: Au gui, l'an neuf, das heißt „Mit dem Mistel kommt das Neujahr“.

In der germanischen Mythologie wurde der Asengott Balder mit einem Mistelzweig getötet.

Ähnliche Arten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vergleiche auch:

  • Eichenmistel, Riemenblume (Loranthus europaeus)
  • Zwergmistel (Viscum minimum), ein Vollparasit/Endophyt im Inneren einiger kakteenähnlichen Wolfsmilch-Arten in Südafrika, mit roten Beeren.
  • Zwergmisteln im eigentlichen Sinne (Arceuthobium) sind die blattlosen, unscheinbaren, aber forstlich teilweise sehr schädlichen Arten der zu den Viscaceae gehörenden Gattung. Diese parasitieren nur an Nadelgehölzen. Sie sind über die ganze Nordhemisphäre verbreitet. Sie schleudern ihre Samen mit extremem Wasserdruck bis zu zwanzig Meter weit, ein im Pflanzenreich äußerst seltener Ausbreitungsmechanismus (Canadian Journal of Botany. Band 82, S. 1566). Besonders artenreich treten sie in Nordamerika auf. In Europa kommt aus dieser etwas über 30 Arten umfassenden Gattung nur die sehr unauffällige Wacholdermistel (Arceuthobium oxycedri) vor, zum Beispiel in Südfrankreich.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Priscilla Abdulla: Flora of West Pakistan 35: Loranthaceae. Stewart Herbarium, Gordon College (u.a.), Rawalpindi 1973, Viscum album (online).
  • Ruprecht Düll, Herfried Kutzelnigg: Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands. Ein botanisch-ökologischer Exkursionsbegleiter zu den wichtigsten Arten. 6. völlig neu bearbeitete Aufl. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2005, ISBN 3-494-01397-7.
  • Thomas Schauer: Der BLV Pflanzenführer für unterwegs. blv, München 2005, ISBN 3-405-16908-9.
  • Hans Christian Weber: Schmarotzer. Pflanzen die von anderen leben. Belser, Stuttgart 1978, ISBN 3-7630-1834-4.
  • Hans Christian Weber: Parasitismus von Blütenpflanzen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1993, ISBN 3-534-10529-X.
  • Ingrid Schönfelder, Peter Schönfelder: Das neue Buch der Heilpflanzen. Franckh-Kosmos, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-440-12932-6.
  • Lutz Roth, Max Daunderer, Kurt Kormann: Giftpflanzen – Pflanzengifte. Vorkommen, Wirkung, Therapie, allergische und phototoxische Reaktionen. Mit Sonderteil über Gifttiere. 6., überarbeitete Auflage, Sonderausgabe. Nikol, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86820-009-6.
  • Ruprecht Düll, Herfried Kutzelnigg: Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands und angrenzender Länder. Die häufigsten mitteleuropäischen Arten im Porträt. 7., korrigierte und erweiterte Aufl. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2011, ISBN 978-3-494-01424-1.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Misteln bie Natur-Lexikon.com (einer privaten Webseite ohne Nennen von eigenen Quellen), abgerufen am 7. Mai 2015
  2. Botanischer Garten: Unter dem Mistelzweig, Uni Erlangen 12/2011, abgerufen am 7. Mai 2015
  3. a b c d e W. Oßwald: Gehölzkrankheiten in Wort und Bild: Viscum album L. - Mistel.
  4. a b Manfred A. Fischer, Karl Oswald, Wolfgang Adler: Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol. 3. verbesserte Aufl. Land Oberösterreich, Biologiezentrum der Oberösterreichischen Landesmuseen, Linz 2008, ISBN 978-3-85474-187-9, S. 388.
  5. The Euro+Med PlantBase - the information resource for Euro-Mediterranean plant diversity, abgerufen am 26. Oktober 2014
  6. Carl von Linné: Species Plantarum. Band 2, Lars Salvius, Stockholm 1753, S. 1023, Digitalisat
  7. Erich Oberdorfer: Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Deutschland und angrenzende Gebiete. 8. Auflage. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2001, ISBN 3-8001-3131-5. Seite 324.
  8. Niels Böhling, Werner Greuter, Thomas Raus, Britt Snogerup, Sven Snogerup, Doris Zuber: Notes on the Cretan mistletoe, Viscum album subsp. creticum subsp. nova (Loranthaceae/Viscaceae). In: Israel Journal of Plant Sciences. Band 50, Supplement, 2002, S. S77–S84, DOI:10.1560/RRJ4-HU15-8BFM-WAUK.
  9. a b Huaxing Qiu, Michael G. Gilbert: Viscum. In: Wu Zhengyi, Peter H. Raven, Deyuan Hong (Hrsg.): Flora of China. Volume 5: Ulmaceae through Basellaceae, Science Press/Missouri Botanical Garden Press, Beijing/St. Louis 2003, ISBN 1-930723-27-X, S. 242–245 (online PDF-Datei).
  10. Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums: Die Mistel in der Krebstherapie.
  11. M. Mabed, L. El-Helw, S. Shamaa: Phase II study of viscum fraxini-2 in patients with advanced hepatocellular carcinoma. In: British journal of cancer. Band 90, Nummer 1, Januar 2004, ISSN 0007-0920, S. 65–69, doi:10.1038/sj.bjc.6601463, PMID 14710208, PMC 2395314 (freier Volltext).
  12. F. Schad, J. Atxner, D. Buchwald, A. Happe, S. Popp, M. Kröz, H. Matthes: Intratumoral Mistletoe (Viscum album L) Therapy in Patients With Unresectable Pancreas Carcinoma: A Retrospective Analysis. In: Integrative cancer therapies. [elektronische Veröffentlichung vor dem Druck] Nummer 4, Dezember 2013, ISSN 1552-695X, doi:10.1177/1534735413513637, PMID 24363283.
  13. Bernhard Maier: Druiden: Mistelzweig und Menschenopfer, 28. November 2010, abgerufen am 7. Mai 2015

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Mistel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Weißbeerige Mistel (Viscum album) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
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