New Glenn

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New Glenn.svg

Die New Glenn ist eine in Entwicklung befindliche, zweistufige Schwerlast-Trägerrakete des US-amerikanischen Raumfahrtunternehmens Blue Origin. Sie wird teilweise wiederverwendbar sein und soll für unbemannte wie bemannte Missionen eingesetzt werden. Die Rakete ist nach John Glenn benannt, dem ersten US-amerikanischen Astronauten in einer Erdumlaufbahn.[1]

Für 2021Vorlage:Zukunft/In 2 Jahren ist der erste Start geplant.[2] Mit bis zu 45 Tonnen LEO-Nutzlast stündeVorlage:Zukunft/In 2 Jahren die New Glenn dann in direkter Konkurrenz zur Falcon 9 (23 t) und Falcon Heavy (64 t) von SpaceX.

Finanziert wird die mehrere Milliarden US-Dollar teure Entwicklung mit Privatmitteln des Amazon- und Blue-Origin-Gründers Jeff Bezos.[3] Bezos bezeichnete die New Glenn mehrmals als „die kleinste Orbitalrakete, die Blue Origin jemals bauen wird“ und deutete an, dass man bereits ein größeres Modell namens New Armstrong entwerfe.[4][5]

Einsatzprofil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blue Origin bewirbt die Rakete als Transportmittel für Personen wie für Fracht. Letzteres bezieht sich vor allem auf die Beförderung von Satelliten in eine Erdumlaufbahn,[6] aber es werden auch Missionen zum Mond angestrebt. Unternehmenspräsident Rob Meyerson erwartet, dass in Zukunft Millionen Menschen im Weltraum und auf dem Mond leben und arbeiten werden.[5][7] Geplant ist auch eine Nutzung für den Weltraumtourismus, das ursprüngliche „Stammgeschäft“ von Blue Origin.[8] Neben kommerziellen Anwendungen plant Blue Origin auch eine Zertifizierung der Rakete für militärische Missionen.[9]

Die maximale Nutzlast ist mit 45 Tonnen für erdnahe Umlaufbahnen und 13 Tonnen für geostationäre Transferbahnen angegeben.[6] Diese Zahlen beziehen auf eine teilweise wiederverwendbare Konfiguration. Anders als SpaceX bietet Blue Origin keine Einwegverwendung für größere Nutzlasten an.[10]

Aufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die New Glenn soll zunächst aus zwei Stufen bestehen; eine dreistufige Variante ist in Planung. Die Erststufe soll nach dem Einsatz aufrecht landen können (propulsive landing) und 25-mal wiederverwendbar sein.[11] Zunächst ist allerdings nur eine 12-fache Verwendung geplant.[10] Mit 96 Metern Höhe und 7 Metern Durchmesser wäre bereits die zweistufige New Glenn eine der größten jemals gebauten Raketen.[12][4]

Transport des ersten BE-4 (2017)

Die Motoren für alle Stufen entwickelt Blue Origin selbst. Die erste Stufe wird über sieben BE-4-Triebwerke mit insgesamt 17.100 kN Schub verfügen. Als Treibstoff dient Flüssigerdgas und als Oxidator Flüssigsauerstoff.[6] Das BE-4 arbeitet mit sauerstoffreicher Verbrennung im Hauptstromverfahren (oxygen-rich staged combustion cycle), einer ursprünglich in Russland entwickelten Triebwerkstechnologie (vgl. RD-170). Es ist auch als Motor für die neue Vulcan-Rakete der United Launch Alliance vorgesehen, was zur Amortisierung der Entwicklungskosten beiträgt.[13][14] Das BE-4 soll 100-mal wiederverwendbar sein.[11]

Die zweite Stufe erhält zwei BE-3U-Motoren, die mit flüssigem Wasserstoff und Sauerstoff betrieben werden. Für die dritte Stufe ist ein einzelnes BE-3U vorgesehen.[15] Es handelt sich dabei um eine Vakuum-Version des 490 kN starken BE-3-Triebwerks der Touristenrakete New Shepard.

Mittels einer Doppelstartvorrichtung sollen zwei Nutzlasten übereinander transportiert werden können.[12]

Produktions- und Starteinrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

New Glenn (USA 48)
Raketenfabrik
Raketenfabrik
Triebwerksfabrik Huntsville (AL)
Triebwerksfabrik
Huntsville (AL)
Kent (WA) Hauptsitz, Entwicklung
Kent (WA)
Hauptsitz,
Entwicklung
Testzentrum in Texas
Testzentrum
in Texas
Blue-Origin-Einrichtungen

Blue Origin bemühte sich im Jahr 2013 um eine Anmietung des Startkomplexes 39A am Kennedy Space Center (KSC) in Florida. Von dort starteten bereits die Apollo-Missionen zum Mond und die meisten Space-Shuttle-Flüge, das heißt die Einrichtung ist schon für bemannte Missionen ausgelegt. Den Zuschlag erhielt jedoch der Konkurrent SpaceX.[16] Daraufhin mietete Blue Origin die Startkomplexe LC-36 und LC-11 der benachbarten Cape Canaveral Air Force Station an. Die vorhandenen Vorrichtungen am LC-36 zum Start von Atlas-Raketen wurden vollständig abgebrochen; eine neue Startanlage ist im Bau. Am direkt angrenzenden LC-11 entsteht ein Prüfstand für die Raketenmotoren.[17][18]

Etwa 15 Kilometer nordwestlich, nahe dem KSC-Besucherzentrum, errichtete das Unternehmen eine 750.000 Quadratmeter große Fabrik für die Raketenfertigung.[19] Neben der Fabrik entsteht auch das Missions-Kontrollzentrum.[18] In Huntsville (Alabama) wird eine Fabrik für die BE-4-Triebwerke gebaut.[20]

Landungen der Erststufe sollen auf einem Drohnenschiff im Atlantik erfolgen. Blue Origin hat dazu ein Schiff gekauft, das entsprechend umgerüstet wird. Eine Landung an Land ist nicht vorgesehen.[18]

Für stark geneigte Umlaufbahnen ist ein zweiter Startplatz auf der Vandenberg Air Force Base geplant.[12]

Entwicklungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blue Origin arbeitete bereits in den frühen 2010er Jahren an einer Orbitalrakete mit wiederverwendbarer Erststufe. Sie sollte ein „bikonisches“ (doppelkegelförmiges) Raumschiff mit Astronauten oder Fracht in eine Erdumlaufbahn bringen.[21] 2011 begann die Entwicklung des Haupttriebwerks.[22][23]

Im Gegensatz zu SpaceX ist Blue Origin dafür bekannt, im Verborgenen zu arbeiten und neue Produkte erst vorzustellen, wenn das Design feststeht. So wurde das BE-4 erst 2014 – gemeinsam mit United Launch Alliance – angekündigt. Über den geplanten Fabrikneubau am Cape Canaveral informierte Jeff Bezos im September 2015.[22][24] Name und Konzept der New Glenn wurden schließlich im September 2016 vorgestellt.[25]

Im Oktober 2017 begann der Test des BE-4-Triebwerks.[26] Für etwa Anfang 2018 wurde der Baubeginn der ersten Rakete angekündigt.[27]

Um den ursprünglich für das vierte Quartal 2020 geplanten Erstflugtermin einhalten zu können, wurde Anfang 2018 die Motorkonfiguration für die zweite Stufe geändert. Statt einer Vakuumversion des BE-4 (BE-4U) werden zwei BE-3U eingesetzt. Die Entwicklung dieses Triebwerks ist schon weiter fortgeschritten.[15]

Geplante Starts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alle Datumsangaben in der folgenden Liste verstehen sich als Planungen für den frühestmöglichen Starttermin. Häufig verschieben sich Raketenstarts noch auf einen späteren Zeitpunkt.

Stand: 11. September 2019

Datum (UTC) Startplatz Kunde / Nutzlast Art der Nutzlast Nutzlast in kg1 Orbit2
2021Vorlage:Zukunft/In 2 Jahren[2] CC LC-36 (Erstflug)
2021–2022Vorlage:Zukunft/In 2 Jahren[28] CC LC-36 FrankreichFrankreich Eutelsat Kommunikationssatellit GTO
2022Vorlage:Zukunft/In 3 Jahren[29] CC LC-36 ThailandThailand mu Space Kommunikationssatellit GTO
202x[1] CC LC-36 JapanJapan SKYPerfect JSAT Kommunikationssatellit GTO
202x[30] VAFB[31] Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich OneWeb Kommunikationssatelliten
(bis zu fünf Starts)
LEO
202x[32] CC LC-36 KanadaKanada Telesat Kommunikationssatelliten
(mehrere Starts)
LEO
1 Startmasse der Nutzlast einschließlich mitgeführtem Treibstoff (wet mass).
2 Bahn, auf der die Nutzlast von der obersten Stufe ausgesetzt werden soll; nicht zwangsläufig der Zielorbit der Nutzlast.

Technische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Daten gemäß Payload User's Guide, Revision C vom Oktober 2018:

Erste Stufe Zweite Stufe Nutzlastsektion
Höhe 57,5 m ca. 16 m 21,9 m
Nutzlast max. 18,54 m
Gesamthöhe 96 m
Durchmesser 7 m 7 m
Nutzlast max. 6,35 m
Schub,
Drosselung
17.100 kN
45–100 %
1.060 kN
88–100 %
Treibstoff Flüssigerdgas Flüssigwasserstoff
Oxidator Flüssigsauerstoff
Nutzlast max. 45 t (LEO)
max. 13 t (GTO)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Alan Boyle: Jeff Bezos’ Blue Origin strikes satellite launch deal with Japan’s Sky Perfect JSAT. In: GeekWire. 12. März 2018, abgerufen am 23. März 2018.
  2. a b Alan Boyle: Blue Origin resets schedule: First crew to space in 2019, first orbital launch in 2021. In: Geekwire. 10. Oktober 2018, abgerufen am 8. Dezember 2018.
  3. Caleb Henry: Blue Origin enlarges New Glenn’s payload fairing, preparing to debut upgraded New Shepard. In: spacenews.com. 12. September 2017, abgerufen am 23. März 2018.
  4. a b Eric Berger: Blue Origin releases details of its monster orbital rocket. In: ars Technica. 7. März 2017, abgerufen am 23. März 2018.
  5. a b Alan Boyle: Jeff Bezos introduces Eutelsat as Blue Origin’s first New Glenn rocket customer. In: GeekWire. 7. März 2017, abgerufen am 23. März 2018.
  6. a b c New Glenn. Blue Origin, abgerufen am 23. März 2018.
  7. Jeff Faust: A changing shade of Blue. In: The Space Review. 19. März 2018, abgerufen am 23. März 2018.
  8. Eric Berger: Blue Origin just validated the new space movement. In: ars Technica. 10. Juni 2016, abgerufen am 23. März 2018.
  9. Stephen Clark: Blue Origin’s orbital rocket in the running to receive U.S. military investment. In: Spaceflight Now. 13. April 2018, abgerufen am 14. April 2018.
  10. a b Sandra Erwin: Falcon Heavy’s first commercial launch to pave the way for reusable rockets in national security missions. In: Spacenews. 25. März 2019, abgerufen am 25. April 2019.
  11. a b Eric Ralph: SpaceX competitor Blue Origin touts 25-reuse future rocket as R&D continues. In: Teslarati. 25. Juni 2018, abgerufen am 26. Juni 2016.
  12. a b c New Glenn Payload User's Guide, Revision C. Blue Origin, Oktober 2018.
  13. William Harwood: ULA touts new Vulcan rocket in competition with SpaceX. In: Spaceflight Now. 20. März 2018, abgerufen am 23. März 2018.
  14. William Harwood: Bezos rocket engine selected for new Vulcan rocket. In: Spaceflight Now. 28. September 2018, abgerufen am 28. September 2018.
  15. a b Caleb Henry: Blue Origin switches engines for New Glenn second stage. In: spacenews.com. 29. März 2018, abgerufen am 30. März 2018.
  16. Irene Klotz: Amazon founder Bezos' space company loses challenge over NASA launch pad. Reuters, 13. Dezember 2013, abgerufen am 23. März 2018.
  17. Irene Klotz: Blue Origin Prepares to Build Its Florida Rocket Launch Complex. In: space.com. 10. März 2017, abgerufen am 24. März 2018.
  18. a b c Chris Gebhard: Blue Origin remains on course for 2020 debut of New Glenn heavy lift rocket. In: nasaspaceflight.com. 10. November 2017, abgerufen am 23. März 2018.
  19. Marco Santana: Blue Origin teases rocket factory opening on Space Coast. In: Orlando Sentinel. 14. Dezember 2017, abgerufen am 23. März 2018.
  20. Jeff Foust: Blue Origin breaks ground for BE-4 factory. In: Spacenews. 25. Januar 2019, abgerufen am 28. Januar 2019.
  21. About Blue Origin. Archiviert am 19. September 2012.
  22. a b Stephen Clark: ULA taps Blue Origin for powerful new rocket engine. In: Spaceflight Now. 17. September 2014, abgerufen am 24. März 2018.
  23. Jeff Foust: Blue Origin expects BE-4 qualification tests to be done by year’s end. In: Spacenews. 19. April 2018, abgerufen am 20. April 2018.
  24. William Hardood: Jeff Bezos plans to boost humans into space from Cape Canaveral. In: CBS News. 15. September 2015, abgerufen am 24. März 2018.
  25. Chris Bergin, William Graham: Blue Origin introduce the New Glenn orbital LV. In: nasaspaceflight.com. 12. September 2016, abgerufen am 23. März 2018.
  26. Chris Bergin, Chris Gebhardt: Blue Origin ramping up BE-4 engine testing. In: nasaspaceflight.com. 8. Januar 2018, abgerufen am 23. März 2018.
  27. Jeff Foust: Blue Origin signs up third customer for New Glenn. In: spacenews.com. 26. September 2017, abgerufen am 23. März 2018.
  28. Eutelsat signs up for Blue Origin's New Glenn launcher. Eutelsat, 7. März 2017, abgerufen am 23. März 2018.
  29. Thai startup mu Space secured its first customer for capacity on its upcoming high-throughput satellite. In: Space News First Up Satcom. 11. September 2019, abgerufen am 11. September 2019.
  30. Caleb Henry: Blue Origin signs OneWeb as second customer for New Glenn reusable rocket. In: spacenews.com. 8. März 2017, abgerufen am 23. März 2018.
  31. Die OneWeb-Orbits haben eine Bahnneigung von 87.9º, die von der Cape Canaveral Air Force Station nicht möglich ist. Blue Origin plant für solche Starts einen zweiten Startplatz Vandenberg Air Force Base.
  32. Caleb Henry: Telesat signs New Glenn multi-launch agreement with Blue Origin for LEO missions. In: Spacenews. 31. Januar 2019, abgerufen am 31. Januar 2019.