Ober-Seemen

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Ober-Seemen
Stadt Gedern
Koordinaten: 50° 25′ 9″ N, 9° 14′ 2″ O
Höhe: 388 m ü. NHN
Fläche: 17,55 km²[1]
Einwohner: 1500 ca.[2]
Bevölkerungsdichte: 85 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. Dezember 1970
Postleitzahl: 63688
Vorwahl: 06045

Ober-Seemen ist ein Stadtteil von Gedern im Wetteraukreis in Hessen.

Geografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ober-Seemen liegt am südwestlichen Abhang des Vogelsberges, 16 km östlich von Nidda. Der eigentliche „hohe Vogelsberg“ beginnt hier. Es grenzt mit seiner Gemarkung im Osten an die von Illnhausen-Birstein, im Süden an die vom Mittel-Seemen und Wenings und im Westen an die von Gedern. Im Norden wird es von ausgedehntem Wald umschlossen, hinter dem die Gemarkung von Volkartshain-Grebenhain beginnt. Ober-Seemen liegt auf Höhen zwischen 404 m ü. NN im Tal bis zu 626 m an der Altenburg. Es bildet mit den Dörfern Mittel-Seemen und Nieder-Seemen das Seemental. Ober-Seemen ist Teil des Naturparks Hoher Vogelsberg. Der Seemenbach entspringt in Ober-Seemen, unterhalb der Altenburg.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Name und Ersterwähnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name Ober-Seemen geht wahrscheinlich auf die Bezeichnung Seemenaha zurück. Mit Symme oder Symmese wird im Volksmund die Binse bezeichnet.[3] Das Wort aha bedeutet so viel wie Wasser. Diese Silbe wurde im Laufe der Jahrhunderte abgeschliffen. So ist Seemenaha gleichbedeutend mit Seemenbach oder Binsenbach.

Die älteste schriftliche Erwähnung von „Seemen“ um das Jahr 1000 geschieht in den Zinsregistern des Klosters Seligenstadt. Dort wird der Ort „Siemina“ genannt.[4] Danach sind die Orte Mittel-, Ober- und Niederseemen gemeint. Bereits im 19. Jahrhundert wurde Siemina als Seemen identifiziert. Ein Bezug zu dem Ort Semd bei Dieburg wurde ausgeschlossen.[5]

Ein „Hermann de Symene“ wird 1264 genannt.[6] Der Ort Ober-Seemen erscheint erstmals explizit in einer Urkunde des Jahres 1320. Darin genehmigt der Lehnsherr Gottfried von Brauneck als Lehnsherr den Verkauf des Zehnten zu „Obersiemene“/ „Obernsemene.“[7]

Urgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Faustkeil, der an der Alteburg gefunden wurde, belegt, dass sich hier schon vor mehr als 20.000 Jahren in der Altsteinzeit Menschen aufgehalten haben. In der Eisenzeit lebten hier Kelten, die Ackerbauern, Viehzüchter, Handwerker und Händler waren. Sie förderten auch die Metalle und Salze in der Region.

Ein bedeutendes Bodendenkmal der Gegend ist die Alteburg. Sie war eine Fliehburg. Heute grenzen hier die Gebiete von vier Gemeinden aneinander: Gedern, Schotten, Grebenhain und Birstein. Spuren vorgeschichtlicher Ringwälle sind hier noch zu sehen.

Mittelalter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Evangelische Kirche in Ober-Seemen

Spätestens im Hochmittelalter wurden die Täler am Fuß des Vogelsbergs von der Wetterau her besiedelt, als die fruchtbareren Böden dort für eine wachsende Bevölkerung nicht mehr ausreichten. In dieser Zeit gehörte das Seemental zum Bannforst Büdingen, der im Nordwesten durch die Nidder und im Osten durch die Salz begrenzt wurde. Die Orte Mittel-Seemen und Nieder-Seemen sind Ausbauorte des ursprünglichen Ortes Seemen. Das Dorf gehörte im Mittelalter und in der frühen Neuzeit weiter zum Amt Ortenberg, einem Kondominat, das von drei Landesherren aus dem Kreis der Mitglieder des Wetterauer Grafenvereins gebildet wurde.

1421 gehörte der Ort den Herren von Rodenstein, die ihn in diesem Jahr an die Herren von Hanau verpfändeten. Diese verkauften das Pfand im Jahr 1500 weiter an die Grafen von Isenburg.[8]

Die Kirche von Ober-Seemen geht wohl auf eine mittelalterliche Kapelle zurück, von der Reste noch im Chorraum der heute stehenden Kirche vorhanden sein sollen.

Frühe Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da alle drei Herren des Kondominats sich der Reformation zuwandten, wurde auch die Pfarrei Ober-Seemen, damals eine Filialkirche von Gedern, unter ihrem damaligen Pfarrer Geiß um 1535 lutherisch. Ab 1595 bestand in Ober-Seemen nachweislich eine Pfarrei, die auch Mittel- und Nieder-Seemen umfasste. Die letztgenannten beiden Dörfer wurden 1724 kirchlich abgetrennt und erhielten eine eigene Pfarrei.

1595 gehörten zum Gericht Ober-Seemen die vier Dörfer Ober-Seemen, Mittel-Seemen, Nieder-Seemen und Steinberg. 1601 kam es zu einer Realteilung des Kondominats, wobei das Dorf Ober-Seemen der Grafschaft Stolberg-Roßla und dem dortigen „Amt Ortenberg“ zugeschlagen wurde. Die Kirchenbücher beginnen mit dem Jahr 1649, die älteren gingen wohl im Dreißigjährigen Krieg verloren.

1742 bis 1766 wird ein Diakon für Ober-Seemen, 1752 ein Präzeptor für die dortige Schule erwähnt. 1791 besuchten etwa 90 bis 100 Kinder die Ober-Seemener Schule.

Ober-Seemen erhielt 1797 das Marktrecht. Märkte, bei denen der gräfliche Kellereiverwalter des Vorwerks Ober-Seemen im Auftrag des Amtes Ortenberg das Standgeld zu erheben hatte, sind für Pfingsten, im Sommer, als Bartholomäi-Markt, als Petri-Markt und im Oktober belegt. Die Märkte waren zweitägig, am ersten Tag war Vieh- und am zweiten Tag Krämermark. Die Märkte waren jeweils mit Festen verbunden.

Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Synagoge in Ober-Seemen

1806 fiel die Grafschaft Stolberg – und damit auch Ober-Seemen – an das Großherzogtum Hessen. Hier gehörte Ober-Seemen zum standesherrlichen Amt Ortenberg. 1821 bildete das Großherzogtum den Landratsbezirk Nidda, dem auch Ober-Seemen zugeordnet wurde, und der ab 1832 Kreis Nidda hieß. Mit der Revolution von 1848 wurde kurzzeitig der Regierungsbezirk Nidda gebildet, 1852 aber der Kreis Nidda wiederbelebt. 1874 kam das Dorf zum Kreis Schotten.

1904 ging die öffentliche Wasserversorgung in Betrieb, 1905 erhielt der Ort durch die Preußisch-Hessische Eisenbahngemeinschaft und die Oberwaldbahn Anschluss an die Eisenbahn. Das erste Radio gab es 1921 im Dorf, das erste Auto 1925. 1924 wurde noch eine Flurbereinigung durchgeführt, bevor 1938 der Kreis Schotten aufgelöst wurde und Ober-Seemen 1938 zum Landkreis Büdingen kam.

Der Erste Weltkrieg forderte 50, der Zweite Weltkrieg 77 Tote und Vermisste unter den Einwohnern.

Im Ort gab es seit dem 17. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde, die in der späten Mitte des 19. Jahrhunderts ihre größte Mitgliederzahl mit rund 150 Personen erreichte. 1900/01 errichtete die Gemeinde eine Synagoge, das Gebäude ist noch erhalten wie auch der jüdische Friedhof. Die Mitgliederstärke der jüdischen Gemeinde nahm ab dem späten 19. Jahrhundert durch die Abwanderung der Juden in größere Städte kontinuierlich ab. 1933 zählte die jüdische Gemeinde noch 73 Personen (6,8 % der Einwohner), schrumpfte weiter auf 15 Personen 1937 und löste sich im Frühjahr 1938 auf. 1940 gab es nur noch eine jüdische Familie am Ort. Gleichwohl sind über 40 Juden, die in Ober-Seemen geboren wurden oder dort längere Zeit gelebt haben, im Zuge der nationalsozialistischen Judenverfolgung ermordet worden.[9]

Mit der Gebietsreform in Hessen wurde Ober-Seemen am 1. Dezember 1970 in die Stadt Gedern eingemeindet.[10] 1975 wurde der Personenverkehr, 1982 dann auch der Güterverkehr auf der Oberwaldbahn eingestellt und die Bahnanlagen daraufhin bald abgerissen. Auf der ehemaligen Trasse verläuft heute der Vulkanradweg. Das Empfangsgebäude des ehemaligen Bahnhofs ist ein Kulturdenkmal aufgrund des Hessischen Denkmalschutzgesetzes

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1834: 0997 Einwohner
  • 1852: 1051 Einwohner
  • 1885: 0822 Einwohner[1]
  • 1939: 1030 Einwohner
  • 1946: 1354 Einwohner
  • 1961: 1319 Einwohner
  • 1970: 1440 Einwohner

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vereine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Seementaler Musikanten
  • Gesangsverein Liederlust 1840 Ober-Seemen e.V.
  • Geschichtsverein Seemental
  • Kirchenchor Ober-Seemen
  • Landfrauenverein Ober-Seemen e.V.
  • Obst und Gartenbauverein Ober-Seemen
  • VdK Seemental
  • Angelsportverein Ober-Seemen e.V.
  • KSG Ober-Seemen
  • Freiwillige Feuerwehr Ober-Seemen
  • Jugendfeuerwehr Ober-Seemen
  • Jagdgenossenschaft Ober-Seemen
  • Interessenverband Dorferneuerung Ober-Seemen
  • SV Seemental
  • Bund der Vertriebenen Ober-Seemen
  • OS-Events e.V.

Regionale Küche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Ober-Seemen werden die sogenannten Beulches gekocht: Das sind wurstförmige Kartoffelrollen, die aus roh geriebenen Kartoffeln und Fleisch bestehen. Meist wird in Ober-Seemen Solperfleisch in diese Kartoffelmasse gegeben, es kann aber auch ebenso gut Blutwurst oder eine grobe geräucherte Bratwurst und dazu Lauch sein. Beulches werden in Leinensäckchen (kleinen Beuteln, örtlich: Beutelches) gekocht und zusammen mit einer Zwiebelsoße serviert. Prislaabs Woischsel ist eine weitere Spezialität aus Ober-Seemen. Sie ähnelt der Frankfurter Grünen Soße und besteht aus Dickmilch mit saurer Sahne und Petersilie. Dazu gibt es gekochtes Ei und gekochte Kartoffeln.

Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch Ober-Seemen verlaufen die Landesstraßen 3192 und 3010 und der Vulkanradweg. Die ehemals den Ort berührende Oberwaldbahn ist seit 1982 stillgelegt.

Bildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ober-Seemen verfügt über einen Kindergarten und eine Grundschule, die Seementalschule, in der Kinder aus Ober-Seemen, Nieder-Seemen und Mittel-Seemen die ersten vier Schuljahre besuchen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Georg Ruppel (Bearb.): Historisches Ortsverzeichnis für das Gebiet des ehem. Großherzogtums und Volksstaats Hessen mit Nachweis der Kreis- und Gerichtszugehörigkeit von 1820 bis zu den Veränderungen im Zuge der kommunalen Gebietsreform = Darmstädter Archivschriften 2. 1976, S. 165.
  • Heinz Wionski: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Hessen. Wetteraukreis I. Stuttgart 1999, S. 229f.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Ober-Seemen, Wetteraukreis. Historisches Ortslexikon für Hessen. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS). (Stand: 15. Dezember 2014)
  2. Der Ort im Internetauftritt der Stadt Gedern, abgerufen im April 2016.
  3. K. Heuson, Woher stammt der Name Bösgesäß? Eine Erklärung der Ortsnamen des Kreises Büdingen. In: Heimat-Jahrbuch 1952 des Landkreises Büdingen, S. 21–25, S. 24.
  4. Peter Engels, Das Seligenstädter Zinsregister und die Ersterwähnung des Darmstädter Stadtteils Arheiligen. In: AHG NF 60, 2002, S. 371–386, S. 380, 386
  5. Adolf Schmidt, Mittheilungen aus Darmstädter Handschriften. In: Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde. Bd. 13, Hannover 1888, ND 1983, S. 603–622, S. 610, Anm. 5.
  6. Heinrich Reimer, Urkundenbuch zur Geschichte der Herren von Hanau und der ehemaligen Provinz Hanau. Teil 1. Leipzig 1891, Nr. 397, S. 292.
  7. Karl Weller, Hohenlohisches Urkundenbuch, Bd. 2, Stuttgart 1901, Nr. 166, S. 122 f.
  8. Uta Löwenstein: Grafschaft Hanau. In: Ritter, Grafen und Fürsten – weltliche Herrschaften im hessischen Raum ca. 900-1806 = Handbuch der hessischen Geschichte 3 = Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 63. Marburg 2014. ISBN 978-3-942225-17-5, S. 209.
  9. Die jüdische Gemeinde in Ober-Seemen bei Alemannia Judaica
  10. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27. 5. 1970 bis 31. 12. 1982. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart und Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 352.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]