Paul Ricœur

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Paul Ricœur

Paul Ricœur (* 27. Februar 1913 in Valence; † 20. Mai 2005 in Châtenay-Malabry) war ein französischer Philosoph.

Ricœur beschäftigte sich vor allem aus phänomenologischer und psychoanalytischer Perspektive, in immer neuen Bewegungen hermeneutischen Erschließens, mit dem menschlichen Wollen; mit den Symbolen, in denen es sich ausdrückt; mit der sprachlichen Produktion in Dichtung und Erzählung und schließlich mit den Grundbegriffen der Geschichtswissenschaft. Sein Denken war stark von Gabriel Marcel, Edmund Husserl, Karl Jaspers, Martin Heidegger und Sigmund Freud beeinflusst, nahm aber ebenso die Anregungen verschiedener Spielarten des Strukturalismus und der angelsächsischen sprachanalytischen Philosophie auf.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Der als Sohn protestantischer Eltern geborene Ricœur wuchs bei seinen Großeltern in der Bretagne auf, da die Mutter nach seiner Geburt gestorben und der Vater 1915 an der Front gefallen waren. Er studierte Philosophie in Rennes und 1934/35 an der Sorbonne, wo er Gabriel Marcel und die Phänomenologie Husserls kennenlernte. Nach erfolgreicher Agrégation (Zulassung zum Lehrdienst) heiratete er Simone Lejas und wurde Vater von vier Kindern. Er unterrichtete zunächst Philosophie in Colmar und Lorient. 1939 wurde er eingezogen und kam rasch in Kriegsgefangenschaft, die er in Pommern verbrachte. In einer intellektuell anregenden Umgebung studierte er hier Karl JaspersPhilosophie und übersetzte Edmund Husserls Ideen I.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges unterrichtete Ricœur zuerst in Le Chambon-sur-Lignon, wo er auch den systematischen Teil seiner Thèse (Dissertation) vorbereitete: Le volontaire et l’involontaire, eine phänomenologische Beschreibung des Wollens. (Den historischen Teil bildete die ausführlich kommentierte Husserl-Übersetzung). 1948 bis 1957 lehrte er in Straßburg Geschichte der Philosophie. 1950 wurde er an der Sorbonne promoviert, 1957 erhielt er dort den Lehrstuhl für Allgemeine Philosophie. Er veröffentlichte regelmäßig in der Zeitschrift Esprit, der er sich seit ihrer Gründung 1932 nahe fühlte, und in anderen christlich orientierten Periodika.

1960 setzte Ricœur seine Philosophie des Wollens mit zwei Bänden über Finitude et culpabilité (in der dt. Übersetzung: Phänomenologie der Schuld) fort. Im zweiten analysiert er die Symbole des Bösen, die Sündenfallerzählungen in verschiedenen Kulturen. Im Anschluss widmete er sich in seinen Vorlesungen einer umfassenden Lektüre der Werke Sigmund Freuds und besuchte auch die Seminare Jacques Lacans. Dass er diesen trotzdem in seiner umfangreichen Darstellung von 1965, Die Interpretation. Ein Versuch über Freud, nicht behandelte, trug ihm die Verstimmung Lacans selbst und viel Kritik von dessen Schülern ein.

In seinem Buch von 1969, Le conflit des interpretations (dt. Hermeneutik und Strukturalismus und Hermeneutik und Psychoanalyse) setzt er sich in zahlreichen Aufsätzen mit der Psychoanalyse, mit dem Strukturalismus und schließlich mit der philosophischen (Heidegger) und theologischen (Bultmann) Hermeneutik auseinander. Als universales Erklärungsmodell lehnt er den Strukturalismus zwar ab, besteht aber auf dem Eigenwert strukturaler Analysen als Teil der hermeneutischen Erschließung eines Problems.

1966 hatte Ricoeur an die neu gegründete Universität Paris-Nanterre gewechselt, deren Rektor er 1969 wurde. Von diesem Amt trat er 1970 zurück, als der Staat infolge der Studentenproteste massiv in die Hochschulautonomie eingriff. Ricoeur stand in diesem Konflikt zwischen den Fronten, denn von Studenten wurde er in gleicher Weise angegriffen. Nach kurzer Lehrtätigkeit an der katholischen Universität Löwen wurde er Lehrstuhlnachfolger Paul Tillichs an der University of Chicago, wobei er aber die Lehrtätigkeit in Paris mit Unterbrechungen beibehielt.

Die Auseinandersetzung mit der englischen und amerikanischen sprachanalytischen Philosophie, der er sich in seinen Chicagoer Jahren widmete, schlug sich zuerst in dem 1975 erschienenen Werk Die lebendige Metapher nieder, worin er die „poetische“ (im Sinn von: neue Bedeutungen schaffende) Funktion der Sprache behandelt. 1983 folgte anknüpfend an die Poetik des Aristoteles das dreibändige Opus Zeit und Erzählung, in dem er Gemeinsamkeiten in der Zeitlichkeit von Historiographie und Dichtung herausarbeitet.

Den Ertrag seiner zahlreichen „Umwege der Deutung“ (Bernhard Waldenfels) für eine philosophische Anschauung des Menschen präsentierte er 1990 in der großen Studie Das Selbst als ein Anderer.

Auch nach der Emeritierung 1987 (Paris) und 1990 (Chicago) widmete sich Ricœur weiter geschichtsphilosophischen Untersuchungen im sprachlich-phänomenologischen Kontext. Die Debatte um „Gedächtnis“ und Gedächtniskultur bereicherte er mit dem im Jahre 2000 erschienenen Buch Gedächtnis, Geschichte, Vergessen. Aus historischer, erkenntnistheoretischer und phänomenologischer Sicht untersucht er darin das Problem des Erinnerns und den Zusammenhang mit dem (kulturellen) Gedächtnis.

Schließlich veröffentlichte er noch im Jahr vor seinem Tod Wege der Anerkennung über die Anerkennung als Grundlage sozialer Beziehungen.

Paul Ricœur gehörte etwa mit den Historikern Reinhart Koselleck und Yosef Hayim Yerushalmi zu den Ersten, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Grundbegriffe der Geschichtswissenschaft in Verbindung mit der Erinnerungskultur zu untersuchen und den Mangel an Selbstreflexion der Historiographie herauszuarbeiten. Er war stets bemüht, als Vermittler zwischen den Kulturen und Denktraditionen im angelsächsischen, deutschen und französischen Sprachraum zu wirken.

Am 27. Mai 2010 wurde in Paris eine Paul Ricœur-Stiftung geschaffen. Der damalige Präsident der Republik, Nicolas Sarkozy, ehrte ihren Namensträger, indem er die Gründungsansprache hielt und dabei den Widerstandswillen des Geehrten hervorhob, auch durch den Bezug auf seinen zeitweiligen Wohnort Le Chambon-sur-Lignon.[1]

Preise und Auszeichnungen[Bearbeiten]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

Monografien[Bearbeiten]

  • Karl Jaspers et la philosophie de l'existence. Zusammen mit Mikel Dufrenne. Le Seuil, Montrouge 1947
  • Le volontaire et l'involontaire. Aubier, Paris 1950
  • Histoire et vérité. Le Seuil, Montrouge 1955
    • Deutsche Ausgabe: Geschichte und Wahrheit. Ubersetzung u. Einleitung von Romain Leick. List, München 1974, ISBN 3-471-66549-8.
  • Die Fehlbarkeit des Menschen. Phänomenologie der Schuld. Bd. 1 (1960), Alber, Freiburg/München 2002, ISBN 3-495-48073-0.
  • Symbolik des Bösen. Phänomenologie der Schuld. Bd. 2 (1960), Alber, Freiburg/München 2002. ISBN 3-495-48074-9.
  • Die Interpretation. Ein Versuch über Freud. (1965), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1974. ISBN 3-518-27676-X.
  • Hermeneutik und Strukturalismus. (1969), Kösel, München 1973, ISBN 3-466-20159-4.
  • Hermeneutik und Psychoanalyse. (1969), München 1974
  • Der Konflikt der Interpretationen: Ausgewählte Aufsätze (1960-1969). Alber, Freiburg im Breisgau 2009, ISBN 978-3-495-48367-1.
  • La metaphore vive. 1975
  • Deutsche Ausgabe: Die lebendige Metapher. Aus dem Französischen übersetzt von Rainer Rochlitz. Fink, München 1986, ISBN 3-7705-2349-0.
  • Anders. Eine Lektüre von "Jenseits des Seins und anders als Sein geschieht" von Emmanuel Levinas (1977), Turia & Kant Verlag, Wien/Berlin 2015. ISBN 978-3-85132-786-1.
  • Temps et récit. Tome I: L'intrigue et le récit historique. Le Seuil, Montrouge 1983
    • Deutsche Ausgabe: Zeit und Erzählung, Bd. 1: Zeit und historische Erzählung. Fink, München 1988, ISBN 3-7705-2467-5.
  • Temps et récit. Tome II: La configuration dans le récit de fiction. Le Seuil, Montrouge 1984 u. 1985
    • Deutsche Ausgabe: Zeit und Erzählung, Bd. 2: Zeit und literarische Erzählung. Fink, München 1989, ISBN 3-7705-2468-3.
  • Temps et récit. Tome III: Le temps raconté. Le Seuil, Montrouge 1985
    • Deutsche Ausgabe: Zeit und Erzählung, Bd. 3: Die erzählte Zeit. Fink, München 1991, ISBN 3-7705-2608-2.
  • Soi-même comme un autre. Le Seuil, Montrouge 1990
    • Deutsche Ausgabe: Das Selbst als ein Anderer. Aus dem Französischen übersetzt von Jean Greisch in Zusammenarbeit mit Thomas Bedorf u. Birgit Schaaff. Fink, Paderborn 2005, ISBN 3-7705-2904-9.
  • Vom Text zur Person: hermeneutische Aufsätze (1970-1999), Hamburg 2005. ISBN 3-7873-1722-8.
  • Gedächtnis, Geschichte, Vergessen (2000), Paderborn 2004. ISBN 3-7705-3706-8.
  • Wege der Anerkennung. Erkennen, Wiedererkennen, Anerkanntsein. (2004), Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-29262-5.
  • An den Grenzen der Hermeneutik. Philosophische Reflexionen über die Religion. Alber, Freiburg im Breisgau 2008, ISBN 978-3-495-48298-8.
  • Kritik und Glaube. Ein Gespräch mit François Azouvi und Marc de Launay. Alber, Freiburg im Breisgau 2009, ISBN 978-3-495-48245-2.
  • Lebendig bis in den Tod. Fragmente aus dem Nachlaß. Meiner, Hamburg 2010, ISBN 978-3-7873-1984-8.

Vorträge[Bearbeiten]

  • Staat und Gewalt (Vortrag in Genf), 1957
  • Die religiöse Kraft des Atheismus (zusammen mit Alasdair McIntyre, Vortrag in New York 1969), Freiburg 2002. ISBN 3-495-48066-8.
  • Metapher. Zur Hermeneutik religiöser Sprache (mit Eberhard Jüngel), Evangelische Theologie, Sonderheft, München 1974. ISBN 3-459-00981-0.
  • Geschichtsschreibung und Repräsentation der Vergangenheit (Vortrag in Tübingen 1985), Tübingen 1986. ISBN 3-8258-6320-4.
  • Das Böse: eine Herausforderung für Philosophie und Theologie (Vortrag in Lausanne 1985), Zürich: Tvz Theologischer Verlag 2006. ISBN 3-290-17401-8.
  • Liebe und Gerechtigkeit (Vortrag in Tübingen 1989), Tübingen 1990. ISBN 3-16-145576-2.
  • Das Rätsel der Vergangenheit: Erinnern - Vergessen - Verzeihen (Vortrag in Essen), Göttingen 1998. ISBN 3-89244-333-5.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. in Französisch
  2. Internationale Stiftung Preis Balzan.
  3. Da Bourdieu in dieser Studie gegen Ende der 1960er bis Anfang der 1980er Jahre die Pariser Professoren befragt und untersucht hat, wird auch Ricoeur mit seiner Ausbildungs-, Forschungs- und Doktorandenbetreuungs-Tätigkeit aufgeführt und klassifiziert.