Singvögel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Singvogel ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Für die gleichnamige Tatort-Folge siehe Tatort: Singvogel.
Singvögel
Tigerwaldsänger (Dendroica tigrina)

Tigerwaldsänger (Dendroica tigrina)

Systematik
Reihe: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Vögel (Aves)
Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel
Wissenschaftlicher Name
Passeri

Die Singvögel (Passeri oder auch Oscines) sind in der Ornithologie eine Unterordnung der Sperlingsvögel (Passeriformes). Die größte der etwa 4000 Arten ist mit über 60 cm Körperlänge der Kolkrabe.

Anatomie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Körper der Singvögel ist auf das Fliegen und somit eine schnelle Fortbewegung in der Luft ausgerichtet. Zudem ist ihr Körperbau auch auf das Singen spezialisiert.

Das Skelett ist sehr leicht und trotzdem stabil gebaut. Viele Knochen, darunter auch der kräftige Schnabel, sind innen hohl, so dass in sie Ausstülpungen der Luftsäcke hineinragen. Sie werden deshalb „pneumatisierte Knochen“ genannt. Die schweren Körperteile, vor allem Flug- und Beinmuskeln, liegen eng am Brustkorb und an der Wirbelsäule an, so dass der Vogel im Flug sehr gut das Gleichgewicht halten kann.

Die Flugmuskulatur mit ihrem äußerst aktiven Stoffwechsel gilt als effizienteste Skelettmuskulatur aller Wirbeltiere. Jedoch setzt ein Singvogel im Flug 15-mal so viel Energie um wie im Ruhezustand.

Die Lungen sind etwa 10-mal leistungsfähiger als bei etwa gleich großen Säugetieren, aber auch erheblich kleiner. Auch in großen Höhen können sie der Luft noch Sauerstoff entnehmen. Von den Lungen aus erstrecken sich mehrere Luftsäcke in den Bauchraum zwischen die großen Flugmuskeln und andere Körperteile. Die Luftsäcke sind direkt oder indirekt mit den Bronchien verbunden und nehmen bis zu einem Fünftel des Körpervolumens ein. Der Kanarengirlitz atmet durch Heben und Senken des Brustbeins. Die Luftsäcke sorgen vor allem für Kühlung, damit die Muskeln des Vogels nicht „überhitzen“. Zudem dienen sie als Luftreservoir und helfen beim Druckausgleich. Außerdem verringert sich durch die Luftsäcke das spezifische Gewicht des Vogels.

Der Gesang der Singvögel wird im unteren Kehlkopf (Syrinx) gebildet, wo sich die Luftröhre in die beiden Hauptbronchien gabelt. Beim Singen reckt das Männchen seinen Hals, holt tief Luft und singt aus „voller Kehle“. Die Töne werden erzeugt, indem Membranen angespannt und in Schwingungen versetzt werden. Das geht nur beim Ausatmen.

Dass Kanarien scheinbar weitersingen können, ohne zwischendurch Luft zu holen, liegt daran, dass sie rasch und schwingend mit einer Frequenz von 25 Hertz Luft ausstoßen. Indem sie die beiden Membranen an ihrem Stimmorgan, der Syrinx, unabhängig voneinander schwingen lassen, könnten sie im Duett mit sich selbst singen.

Sinnesleistungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Augen befinden sich seitlich des Kopfes und ermöglichen so ein sehr weites Gesichtsfeld von 300° bis 320°. Dadurch sind sie in der Lage, alles wahrzunehmen, was vor ihnen, seitlich und schräg hinter ihnen passiert. Singvögel vermögen Farben zu unterscheiden.

Der Hörsinn der Singvögel ist sehr ausgeprägt. Sie können Frequenzen zwischen 1500 Hz und 29000 Hz wahrnehmen. Manche Vertreter dieser Unterordnung können zudem sehr schnelle Tonfolgen unterscheiden, im Gedächtnis speichern und wiedergeben. Das Tonunterscheidungsvermögen der Singvögel ist so ausgeprägt, dass sie Töne unterscheiden können, die nur um 0,3 Prozent in der Höhe voneinander abweichen. Auch die Schallrichtung können sie auf etwa 20° genau erkennen.

Singvögel haben ein empfindliches Gleichgewichtsorgan mit Sitz im Innenohr. Dies ist zur Stabilisierung des Gleichgewichts auf dünnen Ästen und beim Flug wichtig.

Nicht besonders gut ausgeprägt, wenn auch von Art zu Art verschieden, ist der Geruchssinn und damit auch der Geschmackssinn. Ob Nahrung zum Verspeisen geeignet ist, entscheiden sie mit den Augen und speziellen Tastkörperchen an den Schnabelrändern.

Systematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Singvögel sind mit über 90 beschriebenen Familien und etwa 4000 Arten das umfangreichste Taxon der Vögel. Ihre innere Systematik lag lange Zeit im Dunkeln und ist noch heute im Fluss. Sibley und Ahlquist veröffentlichten 1990 eine auf DNA-Hybridisierung beruhende neue Vogelsystematik,[1] in der sie die Singvögel in zwei Untergruppen teilten, die „Corvoidea“, benannt nach den Rabenvögeln (Corvidae), und die „Passerida“, die nach den Sperlingen (Passeridae) benannt wurden. Zu den „Corvoidea“ zählten sie neben den Rabenvögeln vor allem im australoasiatischen Raum lebende Familien, die Arten von größerem Wuchs enthalten, zu den „Passerida“ eher kleinwüchsige Singvogelfamilien wie Finken, Meisen, Drosseln und andere. Die Sibley-Ahlquist-Taxonomie wurde allerdings wegen methodischer Schwächen heftig kritisiert und konnte sich nicht durchsetzen.

Durch eine Reihe von phylogenetischen Untersuchungen auf molekulargenetischer Grundlage wurde in den folgenden Jahren nachgewiesen, dass die von Sibley und Ahlquist vorgeschlagene Gruppe der „Corvoidea“ kein Monophylum ist, sondern neben einem monophyletischen Kern auch etliche im Stammbaum der Singvögel basal stehenden Familien enthält. Von neueren Autoren[2][3][4][5] werden daher unter den Corvoidea nur noch die Rabenvögel und ihre näheren Verwandten vereinigt, die basalen Familien jedoch separat geführt. Die Passerida erwiesen sich dagegen als monophyletische, d. h. von einem gemeinsamen Vorfahren abstammende und all dessen Nachkommen enthaltende Gruppe.

Der Ursprung der Singvögel scheint in der späten Kreidezeit (ermittelt mit Hilfe der molekularen Uhr) im australisch-ozeanischen Raum zu liegen, da nur dort die basalen Familien vorkommen. Nachdem sich Australien im Zuge der Kontinentaldrift Südostasien genähert hatte, breiteten sie sich nach Norden aus. Die „Passerida“ sind das Ergebnis einer Radiation von Singvögeln auf den Nordkontinenten.[6][2][3]

Die basalen australisch-ozeanischen Familien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Graurücken-Leierschwanz
(Menura novaehollandiae)
Prachtstaffelschwanz
(Malurus cyaneus), Pärchen

Sibley und Ahlquist[1] rechneten diese Familien noch zu den Corvoidea. Sie sind in Australien, Neuguinea und den naheliegenden Inseln östlich der Wallace-Linie endemisch oder nur mit wenigen Arten darüber hinaus verbreitet. Alle Familien sind relativ artenarm.

Das untenstehende Kladogramm zeigt die verwandtschaftliche Beziehung der basalen Familien der Singvögel im Wesentlichen nach Beresford et al.[4]. Die Einordnung einzelner dort nicht untersuchter Familien erfolgt gemäß den angegebenen Quellen.

Singvögel (Passeri)  


 Leierschwänze (Menuridae)


     

 Dickichtvögel (Atrichornithidae)[7]



     


 Baumrutscher (Climacteridae)


     

 Laubenvögel (Ptilonorhynchidae)



     
Meliphagoidea  

 Honigfresser (Meliphagidae)


     

 Australische Sänger (Maluridae)


     

 Panthervögel (Pardalotidae)


     

 Südseegrasmücken (Acanthizidae)[8]


     

 Lackvögel (Dasyornithidae)[8]





     



 Pomatostomidae


     

 Laufflöter (Orthonychidae)[9]



     


 Cnemophilidae


     

 Lappenvögel (Callaeatidae)



     

 Beerenpicker (Melanocharitidae)


     

 Corvoidea (s.u.)





     

 Felshüpfer (Picathartidae)


     

 Schnäpper (Petroicidae) [= Eopsaltriidae]


     

Passerida (s.u.)








Corvoidea[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Ausgliederung der basalen Familien bilden die Corvoidea eine monophyletische Einheit. Sie werden in der englischsprachigen Literatur häufig als 'Core Corvoidea' oder 'Crown Corvoidea' bezeichnet. Das folgende Kladogramm zeigt die Verwandtschaftsverhältnisse nach Beresford et al.[4]. Einzelne dort nicht untersuchte Familien sind gemäß den angegebenen Quellen eingeordnet.

Raggi-Paradiesvogel
(Paradisaea raggiana)
Eichelhäher
(Garrulus glandarius)


Corvoidea 

 Stachelbürzler (Campephagidae)


     

 Dickköpfe (Pachycephalidae)


     

 Neosittidae[9]


     


 Flöter (Cinclosomatidae)


     

 Pirole (Oriolidae)


     

 Vireos (Vireonidae)




     


 Fächerschwänze (Rhipiduridae)[9]


     

 Drongos (Dicruridae)


     

 Schlammnestkrähen (Corcoracidae)[9]


     

 Paradiesvögel (Paradisaeidae)


     

 Monarchen (Monarchidae)


     

 Rabenvögel (Corvidae)


     

 Würger (Laniidae)






     


 Schwalbenstare (Artamidae)


     

 Würgerkrähen (Cracticidae)



     


 Brillenwürger (Prionopidae)


     

 Vangawürger (Vangidae)



     

 Ioras (Aegithinidae)


     

 Schnäpperwürger (Platysteiridae)


     

 Buschwürger (Malaconotidae)









Passerida[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rauchschwalbe
(Hirundo rustica)
Seidenschwanz
(Bombycilla garrulus)
Rotkehlchen
(Erithacus rubecula)
Buchfink
(Fringilla coelebs palmae)

Die Passerida sind sehr wahrscheinlich ebenfalls eine monophyletische Gruppe, die weit artenreicher ist als alle basalen und Corvoidea-Familien zusammen. Mit Ausnahme des Pirols (Oriolus oriolus), der Würger und der Rabenvögel gehören alle europäischen Singvögel zu den Passerida.

Das folgende Kladogramm zeigt die Verwanschaftsverhältnisse der Familien der Passerida nach Beresford et al.[4]. Einzelne dort nicht untersuchte Familien sind gemäß den angegebenen Quellen eingeordnet. Zur besseren Übersichtlichkeit sind die Sperlingsartigen ('Passeroidea') sowie die Grasmückenartigen und ihre Verwandten ('Sylvioidea') in jeweils eigenen Kladogrammen dargestellt.

Passerida 




 Goldhähnchen (Regulidae)


     

 Zaunkönige (Troglodytidae)


     

 Mückenfänger (Polioptilidae)[9]


     

 Baumläufer (Certhiidae)


     

 Kleiber (Sittidae)





     

 Seidenschwänze (Bombycillidae)


     

 Seidenwürger (Hypocoliidae)[9]


     

 Palmschwätzer (Dulidae)[9]


     

 † Mohoidae[10]


     


 Spottdrosseln (Mimidae)


     

 Stare (Sturnidae)


     

 Trugbaumläufer (Rhabdornithidae)[9]



     

 Wasseramseln (Cinclidae)


     

 Drosseln (Turdidae)


     

 Fliegenschnäpper (Muscicapidae)







     

 Proteavögel (Promeropidae)


     

 Sperlingsartige ('Passeroidea')  (s.u.)




     



 Meisen (Paridae)


     

 Beutelmeisen (Remizidae)



     

 Stenostiridae



     

 Grasmückenartige und Verwandte ('Sylvioidea')  (s.u.)




Sperlingsartige Singvögel ('Passeroidea')

'Passeroidea'  


 Blattvögel (Chloropseidae)


     

 Feenvögel (Irenidae)



     

 Mistelfresser (Dicaeidae)


     

 Nektarvögel (Nectariniidae)



     

 Braunellen (Prunellidae)


     

 Webervögel (Ploceidae)


     

 Trugwaldsänger (Peucedramidae)[9]


     

 Stelzen (Motacillidae)


     

 Sperlinge (Passeridae)


     

 Prachtfinken (Estrildidae)[9]


     

 Witwenvögel (Viduidae)[9]



     

 Ammern (Emberizidae)


     

 Finken (Fringillidae)


     

 Waldsänger (Parulidae)[9]


     

 Stärlinge (Icteridae)[9]



     

 Tangaren (Thraupidae)[9]


     

 Kardinäle (Cardinalidae)[9]








Die Grasmückenartigen und ihre Verwandten ('Sylvioidea')

'Sylvioidea'  

 Lerchen (Alaudidae)


     

 Schwalben (Hirundinidae)


     

 Phylloscopidae


     

 Schwanzmeisen (Aegithalidae)


     

 Cettiidae



     

 Acrocephalidae


     

 Megaluridae



     

 Bülbüls (Pycnonotidae)


     

 Grasmückenartige (Sylviidae)


     

 Brillenvögel (Zosteropidae)


     

 Timalien (Timaliidae)[11]



     

 Halmsängerartige (Cisticolidae)





Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Sibley & Ahlquist (1990): Phylogeny and classification of birds. Yale University Press, New Haven, Conn.
  2. a b F. Keith Barker, George F. Barrowclough & Jeff G. Groth: A phylogenetic hypothesis for passerine birds: taxonomic and biogeographic implications of an analysis of nuclear DNA sequence data. Proc. R. Soc. Lond. B (2002) PMC 1690884 (freier Volltext)
  3. a b F. Keith Barker, Alice Cibois, Peter Schikler, Julie Feinstein< & Joel Cracraft: Phylogeny and diversification of the largest avian radiation. PNAS, July 27, 2004, Vol. 101, no. 30, PDF
  4. a b c d P. Beresford, F. K. Barker, P. G. Ryan, and T. M. Crowe: African endemics span the tree of songbirds (Passeri): Molecular systematics of several evolutionary "enigmas". Proc. R. Soc. Lond. B 272:849-858 (2005)PDF
  5. P. G. P. Ericson, L. Christidis, M. Irestedt, and J. A. Norman. Systematic affinities of the lyrebirds (Passeriformes: Menura), with a novel classification of the major groups of passerine birds. Mol. Phylogen. Evol. 25:53-62 (2002) PDF
  6. Ericson, P. G. P., L. Christidis, A. Cooper, M. Irestedt, J. Jackson, U. S. Johansson, & J. A. Norman. 2002. A Gondwanan origin of passerine birds supported by DNA sequences of the endemic New Zealand wrens. Proceedings of the Royal Society of London Series B 269:235–241. PMC 1690883 (freier Volltext)
  7. L. Christidis, J.A. Norman: Molecular Perspectives on the Phylogenetic Affinities of Lyrebirds (Menuridae) and Treecreepers (Climacteridae). In: CSIRO Publishing (Hrsg.): Australian Journal of Zoology. 44, Nr. 3, 1996, S. 215–222. doi:10.1071/zo9960215. Abgerufen am 20. Oktober 2015.
  8. a b Ian J.Mason und Richard Schodde: The Directory of Australian Birds: Passerines. 1999. ISBN 978-0-643-06456-0
  9. a b c d e f g h i j k l m n o K.A. Jønsson, J. Fjeldså: A phylogenetic supertree of oscine passerine birds (Aves: Passeri). In: Zoologica Scripta,. 35, 2006, S. 149–186. doi:10.1111/j.1463-6409.2006.00221.x. Abgerufen am 20. Oktober 2015.
  10. Fleischer, Robert C.; Helen F. James; Storrs L. Olson: Convergent Evolution of Hawaiian and Australo-Pacific Honeyeaters from Distant Songbird Ancestors. Current Biology (Cell Press) 18 (24), 2008: S. 1927-1931. PMID 19084408.
  11. Per Alström, Per G.P. Ericson, Urban Olsson, Per G.P. Sundberg: Phylogeny and classification of the avian superfamily Sylvioidea. In: CSIRO Publishing (Hrsg.): Molecular Phylogenetics and Evolution. 38, Nr. 2, 2006, S. 381–397. doi:10.1016/j.ympev.2005.05.015. Abgerufen am 22. Oktober 2015.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Passeriformes – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Singvogel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen