Frankoprovenzalische Sprache

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Frankoprovenzalisch

Gesprochen in

Frankreich, Schweiz, Italien
Sprecher 140.000 (1988)
Linguistische
Klassifikation
Sprachcodes
ISO 639-1:

ISO 639-2:

roa (sonstige Romanische Sprachen)

ISO 639-3:

frp

Das Frankoprovenzalische (auch Franko-Provenzalische) oder Arpitanische (französisch francoprovençal bzw. arpitan) ist eine romanische Sprache, die im östlichen Frankreich (mittleres Rhonetal und Savoyen), im größten Teil der französischsprachigen Schweiz (Romandie) und im Nordwesten Italiens (vor allem im Aostatal) in verschiedenen Dialekten gesprochen wird. Es bildet zusammen mit den Langues d’oc (Okzitanisch) und den Langues d’oïl die Gruppe der galloromanischen Sprachen.

Verbreitung des Arpitanischen

Namen der Sprache[Bearbeiten]

Da das Franko-Provenzalische keine eigenständige Standardsprache ausgebildet und das Sprachgebiet in der neueren Geschichte auch keine politische Einheit gebildet hat, existiert bei den Muttersprachlern kein einheitlicher Name für die Sprache.

Die Bezeichnung Franko-Provenzalisch wurde 1873 durch den italienischen Sprachwissenschaftler Graziadio-Isaia Ascoli als Sammelbegriff für diejenigen galloromanischen Dialekte geprägt, die sich nach dialektologischen Kriterien weder zu den langues d’oïl (die damals insgesamt als Französisch bezeichnet wurden) noch zu den langues d’oc (die damals insgesamt als Provenzalisch bezeichnet wurden) gehören, sondern eine eigenständige dritte Gruppe bilden, die eine Zwischenstellung zwischen den beiden anderen einnimmt. Diese Bezeichnung hat sich in der romanistischen Literatur durchgesetzt, ist außerhalb akademischer Kreise jedoch kaum gebräuchlich und zudem missverständlich, da sie fälschlich den Eindruck erwecken kann, es handele sich nicht um eine eigenständige sprachliche Varietät.

In neuerer Zeit wird vor allem in Frankreich auch die Bezeichnung Arpitanisch (Arpitan) verwendet, manchmal nur für die Dialekte der Alpenregion, manchmal für das gesamte Franko-Provenzalische.

Verbreitung des Frankoprovenzalischen (grün), Französischen (Dialectes d’oïl) (blau) und Okzitanischen (Dialectes d’oc) (rot)

Verbreitung der Sprache[Bearbeiten]

Frankreich[Bearbeiten]

Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung. Näheres ist auf der Diskussionsseite angegeben. Hilf mit, ihn zu verbessern, und entferne anschließend diese Markierung.

Frankoprovenzalisch war jahrhundertelang die Umgangssprache in einem großen Teil der jetzigen französischen Region Rhône-Alpes (Beaujolais, Bresse, Bugey, Dauphiné, Dombes, Lyonnais, Savoyen), im Süden der Franche-Comté (Départements Jura und Doubs) sowie im Südosten der Region Burgund (Louhannais, im Département Saône-et-Loire). Diese romanische Sprache wurde von der Rhône-Metropole Lyon aus verbreitet. In Frankreich wird sie in ihren verschiedenen Dialekten nur noch von älteren Leuten (vor 1940 geboren) verstanden (anders als etwa im Aostatal und im schweizerischen Evolène) und von den wenigsten unter ihnen noch als Zweitsprache in der Familie benutzt. Da die französische Sprache in Lyon schnell Latein als Amtssprache ablöste, hatte Frankoprovenzalisch in Frankreich nie den Status einer offiziellen Sprache. Anders als bei einigen Regionalsprachen gab es nie den Versuch einer Vereinheitlichung, sodass es als Unterrichtssprache nie in Frage kam und vom französischen Erziehungsministerium nicht als Abiturfach anerkannt wird (anders als etwa Provenzalisch, Bretonisch usw.). Geschrieben wurde die Sprache aber immer, vor allem um Lieder und mündlich überlieferte Geschichten zu tradieren, aber auch um Texte mit literarischem Anspruch zu dichten. 2006 wurde sogar eines der populären Tintin-Comics (Tim und Struppi) ins Franko-Provenzalische übersetzt, genauer: ins Bressanische, eine Mundartvariante, die in der Region Bresse gesprochen wird. Dort gibt es noch verhältnismäßig viele Menschen, die Patois (wie die Mundarten entweder abschätzig oder doch mit Stolz in der Stimme genannt werden) zumindest verstehen, obschon immer seltener selber sprechen.

Das von Manuel und Josine Meune in ihre Mundart übersetzte Heft Lé Pèguelyon de la Castafiore (Die Juwelen der Sängerin, Casterman) wurde in der Bresse und in Rhône-Alpes sehr positiv aufgenommen. Dies zeugt von einem gewissen erneuten Interesse der jüngeren Generationen an diesem in Vergessenheit geratenden sprachlichen Erbe. Wie überall in Frankreich wurde auch diese Regionalsprache in der Schule unterdrückt, sodass schon Anfang des 20. Jahrhunderts viele den Standpunkt verinnerlicht hatten, dass ihr Patois nichts als eine primitive „Bauernsprache“ sei. Immerhin hat die Sprache etliche Spuren im gesprochenen Regionalfranzösisch hinterlassen – was vielen nicht unbedingt bewusst ist. Benutzt wurde im Tintin-Heft eine halbphonetische Schreibweise („graphie de Conflans“), die sich an der französischen Sprache orientiert. 2007 soll aber ein neues Tintin-Heft erscheinen: auf Arpitanisch, wie das Frankoprovenzalische in diesem Fall genannt wird, damit nicht der Eindruck entsteht, dass es sich um keine eigenständige Sprache handele. Eine neue, vom Sprachwissenschaftler Dominique Stich ausgearbeitete standardisierte Rechtschreibung soll dann zum Einsatz kommen, in der Hoffnung, dass die Dialektsprecher (bzw. -schreiber) aus den verschiedenen Regionen künftig diese Schriftsprache nutzen.

Schweiz[Bearbeiten]

Ursprünglich wurde fast in der gesamten heutigen französischsprachigen Schweiz (Romandie) Frankoprovenzalisch gesprochen. Eine Ausnahme bilden lediglich der Kanton Jura, der nördlichste Teil des Kantons Neuenburg und der französischsprachige Teil des Kantons Bern, wo Varietäten der Langues d’oïl gesprochen wurden.

Im Laufe der neueren Zeit sind die Varietäten des Frankoprovenzalischen in der Schweiz jedoch fast vollständig durch regionale Formen des Französischen verdrängt worden, außer im Kanton Freiburg (Greyerz) und vor allem im Kanton Wallis, wo im Dorf Evolène die Mundart auch für Kinder noch die Umgangssprache ist.

Italien[Bearbeiten]

Frankoprovenzalische Dialekte spricht man im Aostatal und in einigen Tälern der Region Piemont, im Val Sangone, im Valle Cenischia, im Piantonetto-Tal und im Val Soana. Eine weitere frankoprovenzalische Sprachinsel liegt in den beiden Gemeinden in Apulien: Faeto und Celle di San Vito.

Im Aostatal wird das Frankoprovenzalische noch von 70.000 Sprechern[1] beherrscht. Amtssprachen der Region sind aber Italienisch und Französisch.

Sprachstruktur[Bearbeiten]

Anders als bei den meisten romanischen Sprachen gibt es für das Frankoprovenzalische keine standardisierte Norm, da es nie eine Staatenbildung gab, die dem Sprachgebiet entsprochen hätte, und die Sprache seit jeher in mehreren Ländern gesprochen wird. Daher haben die Sprecher der verschiedenen Dialekte auch nie eine gemeinsame Identität entwickelt.

Nachfolgend einige allen Dialekten gemeinsame Charakteristika:

Phonetik
  • Palatalisierung von /k/ und /g/ vor /a/, wobei der Lautstand in einigen in Italien gesprochenen Dialekten wie im Altfranzösischen ist: tsantà [tsan'ta]< lat. CANTARE 'singen'. Im französischen Savoyen etwa wird dieser laut spirantisiert und lat. CANTARE ergibt thantò [θanto] (th- gesprochen wie in engl. think oder span. ciento). Ebenso vlat. GALLU > gial.
  • von den finalen Vokalen des Lateinischen bleiben /a/, /i/, /o/, /e/ am Wortende erhalten
  • keine Diphtongierung von lat. Ǒ und Ĕ: vlat. CǑRE > cor (aber ital. cuore, frz. cœur), PĔDE > pe (aber ital. piede, frz. pied) (Ausnahme: die folgende schwachtonige Silbe endet auf -i, z. B. lat. HĔRI > ier)
  • Beibehaltung von lat. starktonigem -A- (das im Französischen zu /e/ wird): vlat. PRATU > pra (aber frz. pré), CANE > ca, tha oder tsa (aber frz. chien)
  • Sonorisierung intervokalischer Okklusiva: lat. RAPA > rabò
  • Wie im Rätoromanischen (v. a. dem Friaulischen) Beibehaltung der lat. muta cum liquida am Wortanfang (PL-, FL-, BL-, CL-, GL-): lat. CLAVE > clau (aber ital. chiave, port. chave, span. llave, rumän. cheie)
Morphosyntax
  • Verkürzter Infinitiv wie in vielen italienischen Dialekten (lateinische -RE-Endungen verstummt, Endbetonung auf Endungsvokal): tsantà bzw. thantò
  • Sigmatischer Plural (durch Anhängen von -s an den Singular)
  • Feminine Substantive enden meist auf -o: lat. AQUA > aigo

Literatur[Bearbeiten]

  • Corrado Grassi, Alberto A. Sobrero, Tullio Telmon: Introduzione alle dialettologia italiana. Editori Laterza, Roma/ Bari 3. Auflage 2006. Vgl. v. a. Kapitel 2.7 I dialetti provenzali e francoprovenzali (S. 76–79) (ausführlichere Informationen zur Sprachstruktur)
  • Iannàccaro Gabriele, Dell'Aquila Vittorio: "Investigare la Valle d'Aosta: metodologia di raccolta e analisi dei dati". In: Rita Caprini (ed.) "Parole romanze. Scritti per Michel Contini", Alessandria: Edizioni Dell'Orso, 2003
  • Dieter Kattenbusch: Das Frankoprovenzalische in Süditalien. Studien zur synchronischen und diachronischen Dialektologie. G. Narr Verlag, Tübingen 1982, ISBN 978-3-87808-997-1.
  • Carlo Marcato: Dialetto, dialetti e italiano. Il Mulino, Bologna 2. Auflage 2007. Vgl. v. a. Kapitel 10.5. Le minoranze linguistiche (S. 203 und 212–215) (eher allgemeine Infos, keine Informationen über die Sprachstruktur)
  • Lorenzo Renzi, Giampaolo Salvi: Nuova introduzione alla filologia romanza. Il Mulino, Bologna 1994. Vgl. v. a. Kapitel Il franco-provenzale (S. 172–173) (einige allgemeine Informationen, wenige Informationen über die Sprachstruktur)
  • Helmut Stimm: Studien zur Entwicklungsgeschichte des Frankoprovenzalischen. Verl. der Akad. der Wiss. und der Literatur, Mainz 1953.
  • Henriette Walter: L'Aventure des langues en Occident. Éditions Robert Laffont, Paris 1994. Vgl. v. a. das Kapitel Le francoprovençal et le provençal en Italie (S. 173) und Le francoprovençal (S. 295) (eher allgemeine Infos)

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikipedia auf Franko-provenzalisch
 Commons: Frankoprovenzalische Sprache – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Autonome Region Trentino-Südtirol, Sprachminderheiten in Italien