Gerhard Conrad (Agent)

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Gerhard Conrad, eventuell ein Pseudonym[1] oder Dienstname, (* 1954[2]) ist ein deutscher Islamwissenschaftler und Agent des Auslandsnachrichtendienstes BND.

Er war ein maßgeblicher Vermittler in indirekten Gesprächen zwischen Israel und der libanesischen Organisation Hisbollah, die zunächst im Januar 2004 und erneut im Juli 2008 jeweils zu einem Gefangenenaustausch zwischen beiden Verhandlungspartnern führten. Bereits im Juli 1996 konnte mit deutscher Hilfe bereits ein Austausch von sterblichen Überresten von Soldaten beider Seiten erreicht werden, wobei Conrads Beteiligung unklar ist.[3][4] Im Sommer 2003 tauschte Israel auf Vermittlung eines vom damaligen Geheimdienstkoordinator im Bundeskanzleramt, Ernst Uhrlau, angeführten BND-Teams die Leichname zweier im Südlibanon getöteter Hisbollah-Kämpfer gegen Informationen zum Verbleib vermisster Soldaten der israelischen Armee.[5][6] 2004, erneut unter Leitung Uhrlaus,[7] wurden zwei von Israel entführte Hisbollah-Anführer, rund 30 weitere libanesische und übrige arabische und ein deutscher Gefangener ebenso aus israelischer Haft entlassen wie rund 400 Palästinenser, die in den Gaza-Streifen und das Westjordanland abgeschoben wurden. Im Gegenzug ließ Hisbollah den israelischen Geschäftsmann und Armee-Reservisten Elhanan Tannenbaum frei und übergab die Leichen von drei israelischen Soldaten.[8]

Für die Freilassung des wegen zweifachen Mordes verurteilten Kämpfers der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF), Samir Kuntar, sowie vier weiterer Hisbollah-Kämpfer übergab die Hisbollah 2008 nach Vermittlung und unter direkter Überwachung von Conrad die Leichen der israelischer Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev.[9] Offiziell hatte Conrad seit Anfang 2007 im Auftrag von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon vermittelt, sein Name war im Zusammenhang der Verhandlungen erstmals durch wenige Monate später erschienene israelische Medienberichte öffentlich geworden.[10][11] In einer Stellungnahme zum Abkommen bezeichnete das Bundeskanzleramt den Gefangenenaustausch als Erfolg für die Bundesregierung, den BND und den namentlich nicht genannten deutschen Vermittler, der inzwischen jedoch auch in deutschen Presseberichten als Gerhard Conrad benannt wurde. Conrads Rolle würdigte der Bericht des Kanzleramts ungewöhnlich detailliert: der Austausch habe „18 Monate eines kräftezehrenden Verhandlungs- und Reisemarathons“ erfordert, mit 200 Begegnungen auf 100 Reisen bei rund 700.000 Flugkilometern.[7][12] In einer Presseerklärung zum Austausch dankte die israelische Regierung Conrad namentlich für seinen Einsatz.[13]

Auch bei Verhandlungen zwischen der palästinensischen Organisation Hamas und Israel, die im Oktober 2011 zu einem Austausch des 2006 entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit gegen 1027 Palästinenser führten, war Conrad einer der zentralen Vermittler.[14] Nach Angaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte Premierminister Benjamin Netanjahu Bundeskanzlerin Angela Merkel im Sommer 2009 persönlich um einen erneuten Einsatz von Conrad gebeten.[15] Im Oktober 2009 vermittelte Conrad die Freilassung von zwanzig inhaftierten Palästinenserinnen im Austausch gegen eine aktuelle Videonachricht Schalits.[16] Eine dem letztlich realisierten Abkommen bereits sehr ähnliche Kompromissformel präsentierte Conrad der israelischen Regierung bereits im Dezember 2009, damals entschied sich das Kabinett mit der entscheidenden Stimme Netanjahus jedoch knapp gegen den Vorschlag.[17] Conrad wurde schließlich nach bereits weit gediehenen Gesprächen von Hamas im Frühjahr 2011 als zu Israel-freundlich abgelehnt, so dass Vertreter des ägyptischen Geheimdienstes die Hauptrolle übernahmen, Conrad blieb jedoch beratend beteiligt.[18][19] Nach erfolgreichem Abschluss der Verhandlungen wurde Conrad sowohl von Netanjahu als auch von Staatspräsident Schimon Peres persönlich empfangen, um ihm für seine Arbeit zu danken.[20] Laut Peres hatte Conrad den „Grundstein für das Abkommen gelegt“.[21]

Außer als Vermittler in Verhandlungen um israelische Soldaten war Conrad nach israelischen Presseberichten auch für Verhandlungen zur Befreiung mehrerer deutscher Staatsbürger in der Region verantwortlich: So erreichte er im Oktober 2007 die rasche Freilassung des deutsch-israelischen Doppelstaatsbürgers Daniel Scharon aus libanesischer Untersuchungshaft,[22][23] und erwirkte im August 2008 die Rückreise dreier deutscher Bergtouristen, die in der Osttürkei von Kämpfern der kurdischen Untergrundorganisation PKK festgehalten wurden.[24][25]

Conrad ist promovierter Islamwissenschaftler und lernte als Student in Damaskus Arabisch.[26] Später leitete er an der dortigen Deutschen Botschaft von 1998 bis 2002 die BND-Residentur. Daneben war er für den BND auch in Beirut und Jerusalem tätig. Er gilt als führender Experte der Nahost-Region im BND. Laut einem Spiegel-Artikel vom April 2011 hat Conrad die Position des Leiters des Planungsstabs.[17]

Conrad ist verheiratet. Seine Ehefrau arbeitet ebenfalls für den BND.[27] An der Deutschen Botschaft in Damaskus war das Ehepaar gemeinsam tätig.[10]

Conrad erhielt für seine Vermittlertätigkeit das Bundesverdienstkreuz.[28]

Islamwissenschaftliche Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Die Quḍāt Dimašq und der maḏhab al-Auzāʿī. Materialien zur syrischen Rechtsgeschichte. Beiruter Texte und Studien. Band 46. Beirut/Stuttgart 1994 ISBN 3-515-05588-6
  • Abūʼl-Ḥusain al-Rāzī (-347/958) und seine Schriften: Untersuchungen zur frühen Damaszener Geschichtsschreibung Beirut/Stuttgart 1991 ISBN 978-3515052658
  • Zur Bedeutung des Tārīḫ madīnat Dimašq als historische Quelle in: XXIV. deutscher Orientalistentag vom 26. bis 30. September 1988 in Köln. Texte und Ausgewählte Vorträge, herausgegeben von Werner Diem und Abdoldjavad Falaturi, Stuttgart 1990 ISBN 3-515-05356-5
  • Combatants and prisoners of war in classical Islamic law: concepts formulated by Hanafi jurists of the 12th century in: Revue de Droit Pénal Militaire et de Droit de la Guerre, Vol. 20, Nos 3–4, Brüssel 1981, S. 269–307.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Christoph Sator: Der ominöse Herr C(K)onrad vom BND in: Sächsische Zeitung vom 19. Oktober 2011, abgerufen am 20. Oktober 2011
  2. Markus Bickel: Gefangenenaustausch. Ein Deutscher zwischen den Fronten. In: FAZ, 12. Oktober 2011. Abgerufen am 13. Oktober 2011.
  3. Germany's success as Mid-East broker in: BBC News vom 16. Juli 2008, abgerufen am 21. Oktober 2011 (englisch)
  4. Bodies of Israeli MIAs are returned in Hezbollah deal in: Jewish Weekly vom 26. Juli 1996, abgerufen am 21. Oktober 2011 (englisch)
  5. Mediator visits Tannenbaum in Hezbollah captivity in: Haaretz vom 26. August 2003, abgerufen am 21. Oktober 2011 (englisch)
  6. Mohalhel Fakih: Prisoner swap on the horizon in: Al-Ahram Weekly vom 28. August 2003, abgerufen am 21. Oktober 2011 (englisch)
  7. a b Gefangenenaustausch: Ehrliche Makler zwischen Hizbullah und Israel in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. Juli 2008, abgerufen am 21. Oktober 2011
  8. Israel, Hezbollah swap prisoners in: CNN vom 29. Januar 2004, abgerufen am 21. Oktober 2011 (englisch)
  9. Gefangenenaustausch: Identität der Soldaten bestätigt in: Focus vom 16. Juli 2008, abgerufen am 21. Oktober 2011
  10. a b Gerhard Conrad - the 'fair' middleman overseeing the swap in: Haaretz vom 16. Juli 2008, abgerufen am 21. Oktober 2011 (englisch)
  11. Matthias Gebauer: BND-Hilfe beim Gefangenenaustausch: Die Pendeldiplomatie des "Mr. Hisbollah" in: Der Spiegel vom 16. Juli 2008, abgerufen am 21. Oktober 2011
  12. Nahost: Bis an die Grenze in: Der Tagesspiegel vom 16. Juli 2008, abgerufen am 21. Oktober 2011
  13. Nissan Ratzlav-Katz: Government Approves Hizbullah Ransom Agreement in: Arutz Sheva vom 15. Juli 2008, abgerufen am 21. Oktober 2011 (englisch)
  14. Dirk Banse und Uwe Müller: BND-Agent Conrad sieht sich als Subunternehmer Ägyptens in: Die Welt vom 15. Oktober 2011, abgerufen am 21. Oktober 2011
  15. Markus Bickel: BND-Vermittler: Kein deutscher „Mr. Hamas“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Oktober 2011, abgerufen am 20. Oktober 2011
  16. Avi Issacharoff: Shalit's captors: He wasn't tortured, he received medical care and watched TV in: Haaretz vom 20. Oktober 2011, abgerufen am 24. Oktober 2011 (englisch)
  17. a b Holger Stark: Geheimdienste: Faustpfand im Krieg in: Der Spiegel vom 11. April 2011, abgerufen am 21. Oktober 2011
  18. Yossi Melman: Why did Netanyahu agree to a Shalit deal he had once opposed? in: Haaretz vom 13. Oktober 2011, abgerufen am 21. Oktober 2011 (englisch)
  19. German mediator in Egypt for Schalit deal talks in: Jerusalem Post vom 3. Oktober 2011, abgerufen am 21. Oktober 2011 (englisch)
  20. Der Mann hinter Shalits Befreiung in: Basler Zeitung vom 19. Oktober 2011, abgerufen am 20. Oktober 2011
  21. Tommy Mueller: Staatspräsident dankt deutschem Unterhändler in: Israel heute vom 19. Oktober 2011, abgerufen am 24. Oktober 2011
  22. Ulrike Putz: Haftentlassung im Libanon: Deutsch-Israeli Scharon ist wieder frei in: Der Spiegel vom 11. Oktober 2007, abgerufen am 21. Oktober 2011
  23. In his own words: interviews with Daniel Sharon im Blog der israelischen Journalistin Lisa Goldman vom 26. Oktober 2007, abgerufen am 21. Oktober 2011 (englisch)
  24. Annette Ramelsberger: PKK-Entführungsfall: BND fädelte die Freilassung der Geiseln ein in: Süddeutsche Zeitung vom 22. Juli 2008, abgerufen am 21. Oktober 2011
  25. Ronen Solomon: איש הצללים: פרופיל של המתווך הגרמני in: Ma'ariv vom 28. Dezember 2009, abgerufen am 21. Oktober 2011 (hebräisch)
  26. Harry de Quetteville: Germany, Israel, hostages and Hezbollah im World News Blog bei The Telegraph vom 16. Juli 2008, abgerufen am 20. Oktober 2011 (englisch)
  27. Andrea Nüsse: Gefangenenaustausch. Deutschlands stille Beteiligung. In: Der Tagesspiegel, 12. Oktober 2011. Abgerufen am 13. Oktober 2011.
  28. Frank Jansen: Gilat Schalit. Hoffnung im Geheimen. In: Der Tagesspiegel, 23. Dezember 2009. Abgerufen am 13. Oktober 2011.