Harro Schulze-Boysen

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Porträtfoto von Harro Schulze-Boysen
Harro Schulze-Boysen auf einer Briefmarke der DDR (1964)
Harro Schulze-Boysen (rechts) mit Marta Husemann und Günther Weisenborn
Zitat von Harro Schulze-Boysen am Bundesministerium der Finanzen

Heinz Harro Max Wilhelm Georg Schulze-Boysen (* 2. September 1909 in Kiel; † 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee) war ein deutscher Offizier, Publizist und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.

Leben[Bearbeiten]

Schulze-Boysen war ein Sohn des Marineoffiziers Erich Edgar Schulze und dessen Frau Marie Luise Boysen sowie väterlicherseits ein Großneffe des Admirals Alfred von Tirpitz[1] und mütterlicherseits des Soziologen Ferdinand Tönnies. Seine Jugend verbrachte er in Duisburg.

Als Schüler am Steinbart-Gymnasium in Duisburg beteiligte er sich 1923 am Untergrundkampf gegen die französische Ruhrbesetzung und wurde zeitweise von den Besatzungstruppen inhaftiert. Nach dem Abitur 1928 wurde er Mitglied des nationalliberalen Jungdeutschen Ordens; 1930 unterstützte er die intellektuell-nationale Gruppe Volksnationale Reichsvereinigung, an deren Spitze Artur Mahraun stand. Diese Vereinigung des bürgerlichen Lagers führte dann 1930 zur Gründung der Deutschen Staatspartei. Zeitweise war Schulze-Boysen auch Mitglied von Otto Strassers Schwarzer Front.

Er studierte Rechtswissenschaft an den Universitäten Freiburg (1928/1929) und Berlin (1929–1931, ohne Abschluss). Er war Mitglied der Akademischen Verbindung Albingia Freiburg im Miltenberger Ring, einer schlagenden Verbindung.

Auslandsaufenthalte in Schweden, Großbritannien und Frankreich erweiterten seinen geistigen Horizont. Er hatte zwei Geschwister, Helga (* 1910) und Hartmut (1922–2013).

1931 lernte Schulze-Boysen bei einem Frankreich-Aufenthalt französische Intellektuelle im Umfeld der Zeitschrift Plans kennen, unter deren Einfluss er sich politisch links orientierte. 1932/1933 gab er nach dem Vorbild von Plans die 1931 von Franz Jung wiedergegründete linksliberale Zeitschrift Der Gegner[1] heraus, an der unter anderen Ernst Fuhrmann, Raoul Hausmann, Ernst von Salomon, Adrien Turel und Karl Korsch mitarbeiteten. Er versuchte mit dem Gegner-Kreis, zu dem auch Robert Jungk, Erwin Gehrts, Kurt Schumacher und Gisela von Poellnitz gehörten,[2] eine eigenständige Jugendbewegung zu entwickeln und begann damit, in Berliner Cafés „Gegner-Abende“ zu veranstalten. „Es gab kaum eine oppositionelle Jugendgruppe, mit der er nicht Kontakt hielt.“[3]

Das Sowjetsystem begann ihn stärker zu interessieren. Diese Wendung war auch beeinflusst durch die Enttäuschung über die nationalen und konservativen Parteien, die seiner Meinung nach den aufkommenden Nationalsozialismus nicht scharf genug bekämpften.

Die Machtübernahme durch Hitler hielt er für wahrscheinlich, glaubte aber an dessen baldigen Sturz durch einen Generalstreik. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Redaktionsräume des Gegner am 20. April 1933 von SS-Schlägern zerstört, die Redaktionsmitglieder wurden in ein Sonderlager der 6. SS-Standarte verschleppt, Schulze-Boysen wurde misshandelt und mehrere Tage lang festgehalten. Die Nazi-Schlägertrupps ermordeten dabei vor seinen Augen seinen jüdischen Freund und Mitstreiter Henry Erlanger.

Da der geplanten eigenständigen Karriere in der Politik damit ein Ende gesetzt war, begann er im Mai 1933 eine Fliegerausbildung in Warnemünde und arbeitete ab 1934 in der Nachrichtenabteilung des Reichsluftfahrtministeriums (RLM) bei Berlin. Äußerlich passte er sich an die Diktatur an, blieb jedoch innerlich bei seiner ablehnenden Haltung.

Ab 1935 sammelte er einen Kreis linksgerichteter Antifaschisten um sich, darunter viele seiner Freunde aus dem Gegner-Kreis. Der Kreis verbreitete Flugblätter, die sich gegen die Diktatur richteten. Am 16. Juli 1936 heiratete er in Liebenberg Libertas Haas-Heye. 1938 erhielt er durch die Vermittlung von Adam Kuckhoff wieder Kontakt zu Arvid Harnack und dessen Kreis. Auch zu den Kommunisten um Hilde und Hans Coppi wurde die Verbindung wieder enger.

1940 begann er parallel zu seiner Tätigkeit im RLM ein Studium an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Gegen Ende dieses Studiums leitete er selbst ein auslandswissenschaftliches Seminar. Durch das passive Verhalten Großbritanniens vor dem Kriegsbeginn und die Erfolge Hitlers 1940 im Westen beeinflusst, sah er in der Sowjetunion den einzigen ernsthaften Gegner Deutschlands. Er las die Schriften Lenins und fand sich in der Ansicht bestätigt, dass der Kapitalismus am Ende sei.

Ab Frühjahr 1941 gab Schulze-Boysen geheime militärische Informationen an den Auslandsnachrichtendienst des NKGB weiter. Gleichzeitig baute er mit Arvid Harnack einen Widerstandskreis auf, der nach dem Krieg Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe genannt wurde, und zu dem schließlich über hundertfünfzig Hitlergegner gehörten. Sie verteilten Flugblätter, brachten Parolen an Gebäuden an und unterstützten Verfolgte. Ein engerer Kreis sammelte und übermittelte Informationen für den sowjetischen Nachrichtendienst.[4]

Das Widerstandsnetz wurde durch die Funkabwehr der Wehrmacht als Fahndungs- und Sammelbegriff „Rote Kapelle“ genannt. Über Alexander Korotkow, den Vertreter des NKGB in der sowjetischen Botschaft in Berlin, versuchte Schulze-Boysen, vor dem bevorstehenden deutschen Überfall auf die Sowjetunion zu warnen.[1] 1941 wurde er zum Oberleutnant befördert.

Im Juli 1942 wurde ein verschlüsselter Funkspruch des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU vom 26. August 1941 von Moskau nach Brüssel durch die Gestapo dechiffriert, in dem neben Schulze-Boysens Name auch seine Adresse stand.[1] Dies führte zur Entdeckung und Verhaftung der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe und zur Hinrichtung zahlreicher Mitglieder.[4]

Am 31. August wurde Harro Schulze-Boysen in seinem Büro im RLM verhaftet, Libertas, die, als er am Abend nicht heimkehrte, in Panik geriet und zu vielen Freunden lief, erst einige Tage später. Am 19. Dezember wurde er wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ und „Landesverratszum Tode verurteilt[4] und am 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee erhängt.[4]

Am 15. Dezember 1942 war auf Weisung Hitlers im Hinrichtungsraum der Haftanstalt Berlin-Plötzensee eine Eisenschiene mit Fleischerhaken angebracht worden. Bis dahin wurden Todesurteile von Militärgerichten durch Erschießung und die von Zivilgerichten durch Enthauptung mit der Guillotine vollstreckt. Beginnend mit der Hinrichtung der führenden Mitglieder der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe wurde das qualvollere und besonders entehrende Erhängen eingeführt.[4]

Aufhebung des Urteils[Bearbeiten]

Sein jüngerer Bruder Hartmut Schulze-Boysen erreichte, dass die Staatsanwaltschaft Berlin das Urteil des Reichskriegsgerichts gegen Schulze-Boysen am 24. Februar 2006, 63 Jahre nach der Hinrichtung aufhob.[5]

Ehrungen[Bearbeiten]

Berliner Gedenktafel für die Schulze-Boysens am Haus Altenburger Allee 19 in Berlin-Westend
Briefmarkenblock der DDR (1983)
  • 1964 gab die DDR eine Sonderbriefmarkenserie zum kommunistischen Widerstand aus, deren 20+5-Pfennig-Marke Harro Schulze-Boysen gewidmet war.
  • 1967 wurde das Nachrichtenregiment 14 der NVA nach Harro Schulze-Boysen benannt.
  • 1969 wurde Harro Schulze-Boysen von der Sowjetunion postum mit dem Rotbannerorden ausgezeichnet.[4]
  • 1972 wurde im Berliner Stadtteil Lichtenberg die Schulze-Boysen-Straße nach dem Ehepaar benannt.[6] Auch in Duisburg, Leipzig und Rostock gibt es eine Schulze-Boysen-Straße.
  • 1983 gab die DDR einen Briefmarkenblock zur Erinnerung an die Schulze-Boysen/Harnack-Widerstandsgruppe aus.
  • 1991 war das 1941 von Carl Baumann gemalte Bild Rote Kapelle Berlin (Tempera auf Nessel, 79×99 cm) im LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster das Bild des Monats Juli[7]
  • 2009 wurde aus Anlass seines 100. Geburtstages in Kiel am 26. November der Harro Schulze-Boysen-Weg eingeweiht.
  • In Magdeburg und in Ludwigsfelde ist eine Harro-Schulze-Boysen-Straße nach ihm benannt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Alexander Bahar: Sozialrevolutionärer Nationalismus zwischen Konservativer Revolution und Sozialismus – Harro Schulze-Boysen und der GEGNER-Kreis. Fölbach Verlag, Koblenz 1992, ISBN 978-3-923532-18-6.
  • Elsa Boysen: Harro Schulze-Boysen – Das Bild eines Freiheitskämpfers. (Erstauflage 1947), Fölbach Verlag, Koblenz 1992, ISBN 3-923532-17-2.
  • Shareen Blair Brysac: Mildred Harnack und die „Rote Kapelle“. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau und einer Widerstandsbewegung. Scherz-Verlag, Bern 2003, ISBN 3-502-18090-3.
  • Hans Coppi: Harro Schulze-Boysen – Wege in den Widerstand. Fölbach Verlag, Koblenz 1995, 2. Auflage, ISBN 3-923532-28-8.
  • Hans Coppi: Harro Schulze-Boysen und Alexandre Marc. Die Gruppe Ordre Nouveau und der Gegner-Kreis. Oder: Der Versuch, die deutsch-französischen Beziehungen auf neue Grundlagen zu stellen. In: Ferdinand Kinsky / Franz Knipping (Hrsg.): Le fédéralisme personnaliste aux sources de l'Europe de demain. Der personalistische Föderalismus und die Zukunft Europas. Schriftenreihe des Europäischen Zentrums für Föderalismus-Forschung Tübingen, Band 7. Nomos Verlagsgesellschaft: Baden-Baden 1996 S. 153–167.
  • Hans Coppi, Geertje Andresen (Hrsg.): Dieser Tod paßt zu mir. Harro Schulze-Boysen – Grenzgänger im Widerstand. Briefe 1915–1942, Aufbau Verlag, Berlin 1999, 447 Seiten, ISBN 3-351-02493-2, überarbeitete und aktualisierte Auflage: Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-7466-8093-X.
  • Sabine Friedrich: Wer wir sind, DTV, München 2012,ISBN 978-3-423-21403-2. romanhafte Schilderung der Lebensläufe der Mitglieder der Roten Kapelle, Weißen Rose und des Widerstandskreises 20. Juli 1944
  • Johannes Hürter: Schulze-Boysen, Harro. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 23, Duncker & Humblot, Berlin 2007, ISBN 978-3-428-11204-3, S. 729 f. (Digitalisat).
  • Silke Kettelhake: Erzähl allen, allen von mir! Droemer Knaur, 2008, 432 Seiten, ISBN 3-426-27437-X (Biographie der Ehefrau).
  • Klaus Lehmann (Bearbeiter): Widerstandsgruppe Schulze-Boysen/Harnack. Zentrale Forschungsstelle der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN, Berlin 1948[8]
  • Karl Otto Paetel: Nationalbolschewismus und nationalrevolutionaere Bewegungen in Deutschland. „Der Gegnerkreis“ S.189 bis S.205, Verlag Siegfried Bublies, Schnellbach 1999, ISBN 3-926584-49-1
  • Stefan Roloff: Die Rote Kapelle. Ullstein 2002. ISBN 3-548-36669-4
  • Gert Rosiejka: Die Rote Kapelle. „Landesverrat“ als antifaschistischer Widerstand. – Mit einer Einführung von Heinrich Scheel. ergebnisse, Hamburg 1986, ISBN 3-925622-16-0.
  • Harro Schulze-Boysen: Gegner von heute – Kampfgenossen von morgen. (Erstauflage 1932); Fölbach Verlag, Koblenz 1994, 4. Auflage ISBN 3-923532-24-5.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Harro Schulze-Boysen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Peter Steinbach und Johannes Tuchel: Lexikon des Widerstandes 1933–1945. C.H.Beck; 2., überarbeitete und erweiterte Auflage 1998; ISBN 340643861X; S. 177f.
  2. Rosiejka: Rote Kapelle; S. 34
  3.  Heinz Höhne: ptx ruft moskau. In: Der Spiegel. Nr. 25, 1968 (17. Juli 1968, online).
  4. a b c d e f Peter Koblank: Harro Schulze-Boysen. Rote Kapelle: Widerstand gegen Hitler und Spionage für Stalin, Online-Edition Mythos Elser 2014. Mit zahlreichen Dokumenten.
  5. Rote Kapelle In: Die Zeit,Seite 5, online, am 12. Dezember 2007. Abgerufen am 20. Juli 2013
  6. Schulze-Boysen-Straße. In: Straßennamenlexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins (beim Kaupert)
  7. Westfälisches Landesmuseum: Kunstwerk des Monats. Juli 1991. (PDF; 3,6 MB). Abgerufen am 2. Januar 2014.
  8. Faksimile bei mythoselser.de. (PDF; 1,9 MB). Abgerufen am 17. Januar 2014.