Harro Schulze-Boysen

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Porträtfoto von Harro Schulze-Boysen
Harro Schulze-Boysen auf einer Briefmarke der DDR
Harro Schulze-Boysen (rechts) mit Marta Husemann und Günther Weisenborn
Zitat von Harro Schulze-Boysen am Bundesministerium der Finanzen

Heinz Harro Max Wilhelm Georg Schulze-Boysen (* 2. September 1909 in Kiel; † 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee) war ein deutscher Offizier, Publizist und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.

Inhaltsverzeichnis

Leben [Bearbeiten]

Schulze-Boysen war ein Sohn des Marineoffiziers Erich Edgar Schulze und dessen Frau Marie Luise Boysen sowie väterlicherseits ein Großneffe des Admirals Alfred von Tirpitz[1] und mütterlicherseits des Soziologen Ferdinand Tönnies. Seine Jugend verbrachte er in Duisburg.

Als Schüler am Steinbart-Gymnasium in Duisburg beteiligte er sich 1923 am Untergrundkampf gegen die französische Ruhrbesetzung und wurde zeitweise von den Besatzungstruppen inhaftiert. Nach dem Abitur 1928 wurde er Mitglied des nationalliberalen Jungdeutschen Ordens; 1930 unterstützte er die intellektuell-nationale Gruppe Volksnationale Reichsvereinigung, an deren Spitze Artur Mahraun stand. Diese Vereinigung des bürgerlichen Lagers führte dann 1930 zur Gründung der Deutschen Staatspartei. Zeitweise war Schulze-Boysen auch Mitglied von Otto Strassers Schwarzer Front.

Er studierte Rechtswissenschaft an den Universitäten Freiburg (1928/1929) und Berlin (1929–1931, ohne Abschluss). Er war Mitglied der Akademischen Verbindung Albingia Freiburg im Miltenberger Ring, einer schlagenden Verbindung.

Auslandsaufenthalte in Schweden, Großbritannien und Frankreich erweiterten seinen geistigen Horizont. Er hatte zwei Geschwister, Helga (* 1910) und Hartmut (* 1922).

1931 lernte Schulze-Boysen bei einem Frankreich-Aufenthalt französische Intellektuelle im Umfeld der Zeitschrift Plans kennen, unter deren Einfluss er sich politisch links orientierte. 1932/1933 gab er nach dem Vorbild von Plans die 1931 von Franz Jung wiedergegründete linksliberale Zeitschrift Der Gegner[1] heraus, an der unter anderen Ernst Fuhrmann, Raoul Hausmann, Ernst von Salomon, Adrien Turel und Karl Korsch mitarbeiteten. Er versuchte mit dem Gegner-Kreis, zu dem auch Robert Jungk, Erwin Gehrts, Kurt Schumacher und Gisela von Poellnitz gehörten,[2] eine eigenständige Jugendbewegung zu entwickeln und begann damit, in Berliner Cafés „Gegner-Abende“ zu veranstalten. „Es gab kaum eine oppositionelle Jugendgruppe, mit der er nicht Kontakt hielt.“[3]

Das Sowjetsystem begann ihn stärker zu interessieren. Diese Wendung war auch beeinflusst durch die Enttäuschung über die nationalen und konservativen Parteien, die seiner Meinung nach den aufkommenden Nationalsozialismus nicht scharf genug bekämpften. 1932 war er kurzzeitig hauptamtlicher Funktionär der KPD im Arbeiterbezirk Wedding.[4]

Die Machtübernahme durch Hitler hielt er für wahrscheinlich, glaubte aber an dessen baldigen Sturz durch einen Generalstreik. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Redaktionsräume des Gegner am 20. April 1933 von SS-Schlägern zerstört, die Redaktionsmitglieder wurden in ein Sonderlager der 6. SS-Standarte verschleppt, Schulze-Boysen wurde misshandelt und mehrere Tage lang festgehalten. Die Nazi-Schlägertrupps ermordeten dabei vor seinen Augen seinen jüdischen Freund und Mitstreiter Henry Erlanger.

Da der geplanten eigenständigen Karriere in der Politik damit ein Ende gesetzt war, begann er im Mai 1933 eine Fliegerausbildung in Warnemünde und arbeitete ab 1934 in der Nachrichtenabteilung des Reichsluftfahrtministeriums (RLM) bei Berlin. Äußerlich passte er sich an die Diktatur an, blieb jedoch innerlich bei seiner ablehnenden Haltung.

Ab 1935 sammelte er einen Kreis linksgerichteter Antifaschisten um sich, darunter viele seiner Freunde aus dem Gegner-Kreis. Der Kreis verbreitete Flugblätter, die sich gegen die Diktatur richteten. Am 16. Juli 1936 heiratete er in Liebenberg Libertas Haas-Heye. 1938 erhielt er durch die Vermittlung von Adam Kuckhoff wieder Kontakt zu Arvid Harnack und dessen Kreis. Auch zu den Kommunisten um Hilde und Hans Coppi wurde die Verbindung wieder enger.

1940 begann er parallel zu seiner Tätigkeit im RLM ein Studium an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Gegen Ende dieses Studiums leitete er selbst ein auslandswissenschaftliches Seminar. Durch das passive Verhalten Großbritanniens vor dem Kriegsbeginn und die Erfolge Hitlers 1940 im Westen beeinflusst, sah er in der Sowjetunion den einzigen ernsthaften Gegner Deutschlands. Er las die Schriften Lenins und fand sich in der Ansicht bestätigt, dass der Kapitalismus am Ende sei.

Ab 1940 gab Schulze-Boysen militärische Informationen über Alexander Korotkow an die Sowjetunion weiter, zeitweise auch über das sowjetische Generalkonsulat in Finnland.[5] 1941 wurde er zum Oberleutnant befördert.

Das Widerstandsnetz wurde durch die Funkabwehr der Wehrmacht als Fahndungs- und Sammelbegriff „Rote Kapelle“ genannt. 1940/41 hatte die Gruppe Kontakt mit sowjetischen Botschaftsangehörigen und versuchte so, vor dem bevorstehenden deutschen Überfall auf die Sowjetunion zu warnen.[1]

Im Juli 1942 wurde ein Telegramm aus Moskau nach Brüssel durch die Gestapo dechiffriert, in dem neben seinem Namen auch seine Adresse stand.[1] Am 31. August wurde Harro Schulze-Boysen in seinem Büro im RLM verhaftet, Libertas, die, als er am Abend nicht heimkehrte, in Panik geriet und zu vielen Freunden lief, erst einige Tage später. Am 19. Dezember wurde er wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ und „Landesverrats“ zum Tode verurteilt und auf Befehl Hitlers am 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee erhängt.[6]

Ehrungen [Bearbeiten]

Berliner Gedenktafel für die Schulze-Boysens am Haus Altenburger Allee 19 in Berlin-Westend
Briefmarkenblock der DDR (1983)

Literatur [Bearbeiten]

  • Stefan Roloff: Die Rote Kapelle. Ullstein 2002. ISBN 3-548-36669-4
  • Harro Schulze-Boysen: Gegner von heute – Kampfgenossen von morgen. (Erstauflage 1932); Fölbach Verlag, Koblenz 1994, 4. Auflage ISBN 3-923532-24-5.
  • Elsa Boysen: Harro Schulze-Boysen – Das Bild eines Freiheitskämpfers. (Erstauflage 1947), Fölbach Verlag, Koblenz 1992, ISBN 3-923532-17-2.
  • Shareen Blair Brysac: Mildred Harnack und die „Rote Kapelle“. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau und einer Widerstandsbewegung. Scherz-Verlag, Bern 2003, ISBN 3-502-18090-3.
  • Hans Coppi: Harro Schulze-Boysen – Wege in den Widerstand. Fölbach Verlag, Koblenz 1995, 2. Auflage, ISBN 3-923532-28-8.
  • Hans Coppi: Harro Schulze-Boysen und Alexandre Marc. Die Gruppe Ordre Nouveau und der Gegner-Kreis. Oder: Der Versuch, die deutsch-französischen Beziehungen auf neue Grundlagen zu stellen. In: Ferdinand Kinsky / Franz Knipping (Hrsg.): Le fédéralisme personnaliste aux sources de l'Europe de demain. Der personalistische Föderalismus und die Zukunft Europas. Schriftenreihe des Europäischen Zentrums für Föderalismus-Forschung Tübingen, Band 7. Nomos Verlagsgesellschaft: Baden-Baden 1996 S. 153–167.
  • Hans Coppi, Geertje Andresen (Hrsg.): Dieser Tod paßt zu mir. Harro Schulze-Boysen – Grenzgänger im Widerstand. Briefe 1915–1942, Aufbau Verlag, Berlin 1999, 447 Seiten, ISBN 3-351-02493-2, überarbeitete und aktualisierte Auflage: Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-7466-8093-X.
  • Alexander Bahar: Sozialrevolutionärer Nationalismus zwischen Konservativer Revolution und Sozialismus – Harro Schulze-Boysen und der GEGNER-Kreis. Fölbach Verlag, Koblenz 1992, ISBN 978-3-923532-18-6.
  • Johannes Hürter: Schulze-Boysen, Harro. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 23, Duncker & Humblot, Berlin 2007, ISBN 978-3-428-11204-3, S. 729 f. (Digitalisat).
  • Silke Kettelhake: Erzähl allen, allen von mir! Droemer Knaur, 2008, 432 Seiten, ISBN 3-426-27437-X (Biographie der Ehefrau).
  • Karl Otto Paetel: Nationalbolschewismus und nationalrevolutionaere Bewegungen in Deutschland. „Der Gegnerkreis“ S.189 bis S.205, Verlag Siegfried Bublies, Schnellbach 1999, ISBN 3-926584-49-1
  • Gert Rosiejka: Die Rote Kapelle. „Landesverrat“ als antifaschistischer Widerstand. – Mit einer Einführung von Heinrich Scheel. ergebnisse, Hamburg 1986, ISBN 3-925622-16-0.
  • Sabine Friedrich: Wer wir sind, DTV, München 2012,ISBN 978-3-423-21403-2. romanhafte Schilderung der Lebensläufe der Mitglieder der Roten Kapelle, Weißen Rose und des Widerstandskreises 20. Juli 1944

Weblinks [Bearbeiten]

 Commons: Harro Schulze-Boysen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. a b c d Peter Steinbach und Johannes Tuchel: Lexikon des Widerstandes 1933–1945. C.H.Beck; 2., überarbeitete und erweiterte Auflage 1998; ISBN 340643861X; S. 177f.
  2. Rosiejka: Rote Kapelle; S. 34
  3.  Heinz Höhne: ptx ruft moskau. In: Der Spiegel. Nr. 25, 1968 (17. Juli 1968, online).
  4. Coppi: Harro Schulze-Boysen – Wege in den Widerstand
  5. belgium.mid.ru
  6. Brigitte Oleschinski: Gedenkstätte Plötzensee, S. 25 u. 50. (pdf; 3,8 MB)
  7. Porträt von Carl Baumann und Text zur Bildentstehung
  8. Schulze-Boysen-Straße. In: Straßennamenlexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins (beim Kaupert)
  9. Internetpräsenz Nachrichtenregiment 14