Hayao Miyazaki

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Hayao Miyazaki

Hayao Miyazaki (jap. 宮崎 駿 Miyazaki Hayao, * 5. Januar 1941 in Tokio) ist ein weltweit bekannter und erfolgreicher Regisseur von japanischen Zeichentrickfilmen (Anime). Daneben ist er noch Zeichner, Grafiker, Drehbuchautor, Produzent und Mangaka. Im Jahr 2003 wurde ihm für seinen Film Chihiros Reise ins Zauberland der Oscar verliehen; seine Filme Das wandelnde Schloss (2004) und Wie der Wind sich hebt (2013) waren für den Oscar nominiert.

Das von ihm und Isao Takahata 1985 gegründete Studio Ghibli ist weltweit bekannt und Karrieresprungbrett für einige andere Anime-Künstler.

Biografie[Bearbeiten]

Hayao Miyazaki wurde am 5. Januar 1941 als zweites Kind eines Flugzeugunternehmers in Tokio geboren. Um den US-amerikanischen Bombardements zu entgehen, zog seine Familie in die Stadt Utsunomiya, 100 km nördlich von Tokio, wo er aufwuchs. Nach seiner Schulzeit studierte er zunächst vier Jahre Politikwissenschaften und Ökonomie, bevor er sich 1963 der Produktionsfirma Studio Toei anschloss. Dort begann er seine Karriere als Zeichner diverser Animationsfilme/-Serien, u. a. arbeitete er bei der Fernsehumsetzung der Zeichentrickserie Heidi (1974) mit. Bei Toei lernte er seinen späteren Geschäftspartner Isao Takahata kennen, mit dem er nach mehreren Studiowechseln die Ghibli-Studios gründete.

1979 realisierte Hayao Miyazaki mit Das Schloss des Cagliostro seinen ersten Spielfilm als Autorenfilmer. 1982 startete er sein bis dahin größtes Projekt mit dem Manga Nausicaä aus dem Tal der Winde, einer Geschichte, in dem eine junge Prinzessin in einer unwirtlichen Welt ums Überleben kämpft. Er avancierte, wie die zwei Jahre später erfolgte Leinwandadaption Nausicaä aus dem Tal der Winde, zu einem kommerziellen Erfolg und verschaffte ihm internationale Anerkennung. Dies ermöglichte ihm die Gründung von Studio Ghibli, in dem er fortan seine Filme produzierte, das aber auch Filme anderer talentierter Künstler veröffentlichte. Neben Kurzfilmen produzierte er sieben Spielfilmprojekte für die Ghibli-Studios, die ihn zu einem der wichtigsten Vertreter des japanischen Animationsfilms werden ließen.

Nach der Produktion von Prinzessin Mononoke als damals erfolgreichster japanischer Film aller Zeiten 1997 erklärte Miyazaki zunächst seinen Rücktritt als Regisseur, um jüngeren Talenten Platz zu machen. Er kehrte jedoch zurück und schuf unter anderem 2001 den Film Chihiros Reise ins Zauberland, der neue Verkaufsrekorde aufstellte und zum weltweit meistausgezeichneten Zeichentrickfilm wurde (u. a. Goldener Bär 2002, Oscar 2003).

Miyazakis nächster Film, Das wandelnde Schloss, kam 2004 in die Kinos und wurde ebenfalls mehrfach ausgezeichnet; im deutschsprachigen Raum lief eine synchronisierte Fassung im August 2005 an. Das nächste Projekt war der Film Gake no Ue no Ponyo, der im Juli 2008 in die japanischen Kinos kam und bereits am Startwochenende über 1,2 Millionen Besucher zählte.[1] 2008 erhielt der Film eine Einladung in den Wettbewerb der 65. Filmfestspiele von Venedig.[2] Am 1. September 2013 wurde anlässlich der Aufführung seines jüngsten Films Wie der Wind sich hebt bei den 70. Filmfestspielen von Venedig bekannt gegeben, dass Miyazaki in den Ruhestand gehe.[3][4]

Wiederkehrende Themen und Motive[Bearbeiten]

Ein wiederkehrendes Thema in Miyazakis Filmen ist die Konfrontation von traditioneller Kultur auf der einen Seite, technisierter Moderne und Naturzerstörung auf der anderen Seite.[5] 1997 erklärte Miyazaki in einem Interview: „Ich bin an einen Punkt gelangt, an dem ich einfach keinen Film mehr machen kann, ohne das Problem der Menschheit als Teil eines Ökosystems anzusprechen.“[6] Miyazaki hat für die Darstellung dieser Thematik sowohl japanische (Prinzessin Mononoke, Chihiros Reise ins Zauberland) wie europäische Settings als Hintergrund gewählt (Das Schloss im Himmel, Porco Rosso). Der Film Das wandelnde Schloss (2004) spielt beispielsweise in einer romantischen deutschen oder elsässischen Fachwerkstadt im Zeitalter der Industrialisierung. Die romantische Kulisse, basierend auf Colmar, wird zerstört, als die Stadt einem Bombenangriff aus der Luft zum Opfer fällt.[7] Die drastischen Bilder der brennenden Stadt stellen die Leistungen der Moderne (Industrialisierung, Nationalismus und Militarismus) in Frage. Eine ähnliche Thematik spielt in Prinzessin Mononoke eine tragende Rolle. Hier fällt ein von mythischen Tieren bewohnter Wald dem Holz- bzw. Holzkohlebedarf einer Eisenhütte zum Opfer. Die Technik der Moderne wird mit mythischen oder magischen Gestalten und Kräften aus der traditionellen Überlieferung konfrontiert.[8] Häufig wächst Kindern oder jungen Erwachsenen als Helden von Miyazakis Filmen eine vermittelnde Funktion zwischen diesen Polen zu.[9]

Ein wiederholt auftauchendes Motiv in Miyazakis Filmen sind phantastische Flugmaschinen und Luftschiffe.[10] Aufgrund der Integration dieser fiktiven Maschinen in ein alternatives 19. Jahrhundert können Miyazakis Filme zum Teil dem Genre des Steampunk zugerechnet werden.

Vorbilder und Einflüsse[Bearbeiten]

Frühe Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg finden sich in Miaazakis Werk: die nachts von Brandbomben verursachten Feuer finden sich in Nausicaä, ein Haus, aus dem die Familie flüchtete, in Mein Nachbar Totoro und Chihiros Reise ins Wunderland. Miyazaskis erste Vorbilder waren mit Osamu Tezuka, Yamakawa Sōji und Fukushima Tetsuji Mangaka, entsprechend wollte er diesen Beruf noch vor dem als Animator ergreifen. Frühe Amateurcomics waren stark von Tezukas Stil geprägt, doch er vernichtete sie, um sich davon zu lösen. Yamakawas Shōnen Oja und Fukushimas Sabaku no Maō prägten ihn aber längerfristig. Später beeinflusste ihn auch der französische Comickünstler Jean Giraud alias Mœbius.[11]

Unter den von Miyazaki besonders geschätzten Animationskünstlern finden sich Juri Norstein, Taiji Yabushita und Kazuhiko Okabe. Erzählung einer weißen Schlange, eine Kollaboration der beiden letztgenannten, bezeichnete er als jenen Film, aufgrund dessen er sich entschloss, sich als Animator zu versuchen. Erzählerisch verehrt er unter anderen Lewis Carroll, Antoine de Saint-Exupéry, Ursula K. Le Guin und Pjotr Pawlowitsch Jerschow. Zeichnerisch übten auch die Illustrationen aus Andrew Langs Märchensammlungen sowie der russische Maler Isaak Lewitan Einfluss auf ihn, letzterer konkret, was die Wolken und Lichtverhältnisse in Wie der Wind sich hebt betrifft. Helen McCarthy sieht zudem Parallelen zur Flämischen Malerei sowie zu Paul Klee.[11]

Miyazaki als Mangazeichner[Bearbeiten]

Miyazakis erster professioneller Manga war 1969 ein Werbecomic für ein Projekt, an dem er beteiligt war.[11] Das wohl bekannteste Werk ist Nausicaä aus dem Tal der Winde, an dem er von 1982 bis 1994 arbeitete und das auch als Vorlage für den gleichnamigen Anime diente. Seinen Manga Kaze Tachinu, der 2009 in einem Modellbaumagazin veröffentlicht wurde, setzte er 2013 ebenfalls auch als Anime um.

Filmografie (Auswahl)[Bearbeiten]

Bis in die 1980er Jahre wurden Miyazakis Filme vor allem in den USA und Frankreich stark überarbeitet, wobei die Schnitte und Dialogänderungen teilweise so umfangreich waren, dass die ursprüngliche Handlung völlig entstellt wurde. In der Folge vergab das Studio Ghibli nach Nausicaä zunächst keine Rechte mehr für Veröffentlichungen im Westen.

Erst als Studio Ghibli 1996 einen Distributionsvertrag mit dem Disney-Konzern schloss („Tokuma deal“), bei dem für Kino- und Kaufmarktveröffentlichungen jede Art von Veränderung am ursprünglichen Bildmaterial ausdrücklich ausgeschlossen ist, wurden Miyazakis Filme wieder im Westen veröffentlicht und professionell vermarktet.

Prinzessin Mononoke war der erste Miyazaki-Film, der in Deutschland ungeschnitten in die Kinos kam. Die Distributionsrechte für Deutschland liegen derzeit bei der RTL Group-Tochtergesellschaft Universum Film GmbH, die sich anschickt, den Rückstau jetzt aufzuarbeiten. So erscheinen seit 2005 im 2-Monats-Rhythmus die Werke des Studio Ghiblis auf DVD. Laputa: Castle in the Sky wurde 20 Jahre nach seiner Veröffentlichung in Japan als Das Schloss im Himmel in die deutschen Kinos gebracht.

Eine Produktion von Studio Ghibli, Die Chroniken von Erdsee (2006), wurde von Miyazakis Sohn Gorō geleitet und entstand ohne Beteiligung von Hayao Miyazaki.

Als Regisseur und Drehbuchautor[Bearbeiten]

Als Drehbuchautor[Bearbeiten]

Als Produzent[Bearbeiten]

Regie und Buch für Kurzfilme[Bearbeiten]

  • 1992: Sora Iro no Tane – TV-Spot, 90 Sekunden, für den japanischen Fernsehsender Nippon TV. Nach einem Kinderbuch von Reiko Nakagawa und Yuriko Omura
  • 1992: Nandarou – Serie von fünf TV-Spots, 15 bzw. 5 Sekunden, für Nippon TV. Eine Figur aus den Spots wurde das offizielle Maskottchen des Senders.
  • 1995: On Your Mark – Musikvideo für das japanische Pop-Duo Chage and Aska
  • 2001: Kujira Tori – Kurzfilm, 16 Minuten

Als Zeichner[Bearbeiten]

  • 1971: Die Schatzinsel (動物宝島 Dobutsu Takarajima) – 78 min
    nach dem Roman von Robert Louis Stevenson, Regie Hiroshi Ikeda
    als Key Animator und Story Consultant
  • 1974: Heidi (アルプスの少女ハイジ Arupusu no Shōjo Haiji) – 52-teilige Fernsehserie – als Scene Designer und Screen Layouter
  • 1976: Marco (Haha wo Tazunete Sanzenri) – 52-teilige Fernsehserie – als Animator, Scene Designer und Layout Artist
  • 1979: Anne mit den roten Haaren (赤毛のアン Akage no An) – 50-teilige Fernsehserie – als Scene Designer und als Layout Artist für die Folgen 1–15

Als Animator[Bearbeiten]

  • 1969: Perix der Kater und die 3 Mausketiere (BRD-Verleihtitel) bzw. Der gestiefelte Kater (DDR-Verleihtitel) (長靴をはいた猫 Nagagutsu wo Haita Neko) – 80 Minuten
    nach der französischen Version des Märchens Der gestiefelte Kater von Charles Perrault, Regie Kimio Yabuki
    als Key Animator
  • 1975: Niklaas, ein Junge aus Flandern (Furandāsu no Inu) – 52-teilige Fernsehserie – als Animator für Folge 15

Bibliografie (Auswahl)[Bearbeiten]

Internationale Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Filme in den Top 250 der IMDb[12]
Platz Film
36 Chihiros Reise ins Zauberland
72 Prinzessin Mononoke
129 Mein Nachbar Totoro
150 Das wandelnde Schloss
204 Nausicaä aus dem Tal der Winde
230 Das Schloss im Himmel

Literatur[Bearbeiten]

  • Alessandro Bencivenni: Hayao Miyazaki. Il dio dell'anime. Le Mani, Recco (Genova) 2003, ISBN 88-8012-251-7 (italienisch).
  • Dani Cavallaro: The Animé Art of Hayao Miyazaki. McFarland & Co., Jefferson NC u. a. 2006, ISBN 0-7864-2369-2 (englisch).
  • Peter M. Gaschler: Noch einmal von vorne anfangen. Hayao Miyazaki, Meister des Anime. In: Sascha Mamczak, Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2009 (= Heyne-Bücher 06, Heyne Science-fiction & Fantasy. Bd. 52554). Heyne, München 2009, ISBN 978-3-453-52554-2, S. 1025–1039.
  • Helen McCarthy: Hayao Miyazaki. Master of Japanese Animation. Stone Bridge Press, Berkeley CA 1999, ISBN 1-880656-41-8 (Revised edition. ebenda 2002), (englisch).
  • Hayao Miyazaki: Starting Point. 1979–1996. 2nd printing. VIZ Media, San Francisco CA 2009, ISBN 978-1-4215-0594-7 (englisch).
  • Julia Nieder: Die Filme von Hayao Miyazaki. Schüren Presseverlag, Marburg 2006, ISBN 3-89472-447-1 (deutsch).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Anime News Network über den Erfolg von Gake no ue no Ponyo
  2. vgl. Vivarelli, Nick: Venice Film Festival announces Slate, 29. Juli 2008 (aufgerufen am 30. Juli 2008)
  3. http://www.sueddeutsche.de/kultur/oscar-preistraeger-miyazaki-verabschiedet-sich-vom-film-1.1760213
  4. http://asienspiegel.ch/2013/09/miyazaki-tritt-ab/
  5. Julia Nieder: Die Filme von Hayao Miyazaki. Marburg 2006, S. 121–122. Vgl. auch: Takashi Oshiguchi: Hayao Miyazaki – interviewed by Takashi Oshigichi. (1993). In: Trish Ledoux (Hrsg.): Anime Interviews. The First Five Years of Animerica, Anime & Manga Monthly (1992–1997). Cadence Books, San Francisco CA 1997, ISBN 1-56931-220-6, S. 33. Im gleichen Sinne: Helen McCarthy: Hayao Miyazaki. Master of Japanese Animation. Berkeley 2002, S. 101 ff.
  6. Analysis. Digitization Zooms in on Japan's Film Industry. In: Asia Pulse, 16. Mai 1997, ISSN 0739-0548.
  7. Karl R. Kegler: Godzilla trifft Poelzig. Europäische Kulissen, Kopie und Collage im phantastischen Film Japans. In: archimaera. Heft 2, 2009, ISSN 1865-7001.
  8. Helen McCarthy: Hayao Miyazaki. Master of Japanese Animation. Berkeley 2002, S. 157 f., S. 199.
  9. Julia Nieder: Die Filme von Hayao Miyazaki. Marburg 2006. S. 119–121.
  10. Helen McCarthy: Hayao Miyazaki. Master of Japanese Animation. Berkeley 2002, S. 157 f., S. 160.
  11. a b c  Helen McCarthy: Drawing on the Past. In: Sight & Sound. Volume 24, Nr. 6, BFI, London Juni 2014, ISSN 0037-4806, S. 26 f..
  12. Die Top 250 der IMDb (Stand: 26. Juli 2014)
  13. Hayao Miyazaki Receives Japanese Cultural Merit Honor. Anime News Network, 30. Oktober 2012 (englisch)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hayao Miyazaki – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien