Intoleranz (Film)

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Filmdaten
Deutscher Titel Intoleranz
Originaltitel Intolerance
Intolerance (film).jpg
Produktionsland USA
Originalsprache Englisch
Erscheinungsjahr 1916
Länge 197 Minuten
Stab
Regie David Wark Griffith
Drehbuch David Wark Griffith
Produktion David Wark Griffith
Kamera G. W. Bitzer
Schnitt David Wark Griffith, James Smith, Rose Smith
Besetzung

Babylon-Episode

Jesus Episode

Bartholomäusnacht-Episode

Moderne Episode

Cameo-Auftritte: Frank Borzage, Tod Browning, Constance Collier, Donald Crisp, Carol Dempster, Douglas Fairbanks senior, Mildred Harris, Dell Henderson, Harold Lockwood, Wilfred Lucas, Francis McDonald, Owen Moore, Carmel Myers, Wallace Reid, Pauline Starke, Erich von Stroheim, Ruth St. Denis, Natalie Talmadge, Ethel Grey Terry, Herbert Beerbohm Tree, King Vidor

Szenenbild aus Intoleranz

Intoleranz (Originaltitel: Intolerance) ist ein Spielfilm von David Wark Griffith aus dem Jahre 1916 mit pazifistischer Grundtendenz. Er gilt als Meisterwerk des Stummfilms. Der Film behandelt vier unterschiedliche Episoden, die in verschiedenen Epochen spielen. Die jüngste und aktuelle Geschichte wurde 1919 nochmals unter dem Titel „Intoleranz 2. Teil, Triumph der Liebe“ (Originaltitel: The Mother and the Law) in die Kinos gebracht, die babylonische Episode im gleichen Jahr unter dem Titel „The Fall of Babylon“.

Handlung[Bearbeiten]

Der Film besteht aus vier ineinander verwobenen Handlungssträngen, die jeweils durch das Thema der menschlichen Intoleranz in allen Formen verbunden sind und zeigen, welche Folgen die Intoleranz in der Menschheitsgeschichte von jeher hatte. Die einzelnen Zeiten sind symbolisch durch die Gestalt einer „ewigen Mutter“, nach einer Vorlage von Walt Whitman, die beständig eine Wiege schaukelt, verknüpft. Immer wieder und immer schneller wird im Verlaufe des Filmes zwischen den einzelnen Episoden gewechselt.

Antike Episode[Bearbeiten]

Die längere antike Episode hat den Fall Babylons im Jahre 539 v. Chr. zum Thema. Der neue junge Herrscher Belsazar, Sohn seines Vaters König Nabonid, verehrt wie seine Geliebte The Princess Beloved die Göttin Ischtar. Als Ischtars Statuen in die Stadt hineingeholt werden, verärgert das die religiös intoleranten Priester des bisher verehrten Gottes Bel. Die Priester intrigieren gegen den König und unterstützen die Eroberung Babylons durch den Perserkönig Cyrus. Ein erster Angriff von Cyrus misslingt, doch nach der Schlacht feiert Babylon ausgelassen schon seinen Sieg, worüber die Hohepriester Cyrus informieren. Cyrus sieht seine Chance gekommen und greift erneut an, Babylon wird diesmal von Cyrus' Armee überrascht und muss sich geschlagen geben. Belsazar und The Princess Beloved begehen Selbstmord.

Die Episode wird außerdem vom Schicksal des Mountain Girls bestimmt, einer Bewohnerin von Babylon. Sie lehnt die Avancen sämtlicher Männer ab, darunter auch die von The Rhapsode, einem Dichter im Dienste des Hohepriesters von Bel. The Mountain Girls Bruder ist intolerant gegenüber ihrem Verhalten und schleppt sie gegen ihren Willen zum Heiratsmarkt. Da fährt zufällig der Herrscher Belsazar am Heiratsmarkt vorbei und stellt sich auf Mountain Girls Seite. Sie könne selbst entscheiden, ob sie heiraten wolle oder nicht. The Mountain Girl verehrt nun Belsazar und kämpft für ihn auch gegen Cyrus. Sie beobachtet auch das Treffen der Priester von Bel mit Cyrus und reitet zurück, um Belsazar davon zu berichten. Der zweifelt an ihrer Geschichte, muss sich jedoch eines besseren belehren lassen, als die Stadtmauern fallen. The Mountain Girl stirbt neben ihrem König im Kampf. The Rhapsode, der immer noch in The Mountain Girl verliebt war, hatte unterdessen seinen Herrn, den Hohepriester von Bel, nach Cyrus begleitet, ohne vom Verrat der Priester zu wissen. Letztlich schwört auch The Rhapsode den Eid auf Cyrus.

Biblische Episode[Bearbeiten]

Die kurze biblische Episode spielt um das Jahr 30 n. Chr. in Judäa und zeigt die zunächst Wunder, die Jesus vollbringt, etwa auf der Hochzeit zu Kana. Letztlich ist die Intoleranz der Pharisäer gegenüber Jesus verantwortlich für dessen Kreuzigung.

Renaissance-Episode[Bearbeiten]

Der religiöse Konflikt im Frankreich der Renaissancezeit zwischen katholischen Herrschern und den protestantischen Hugenotten ist das Thema der dritten, relativ kleinen Intoleranz-Episode. Der junge, unbeständige König Karl IX. steht unter dem Einfluss seiner Mutter Caterina de’ Medici, beginnt aber auch, gute Beziehungen zu den Hugenotten aufzubauen. Caterina de’ Medici, politisch und religiös intolerant, beschließt die Ermordung der Protestanten während der Bartholomäusnacht im Jahre 1572 in Paris. Letztlich kann sie auch ihren Sohn mithilfe anderer Adeliger überzeugen, die Anordnung zur Verfolgung der Hugenotten zu unterschreiben. Es kommt zu einer blutigen Nacht, von deren Schicksal auch die Hugenottin Brown Eyes mit ihrer Familie betroffen ist. Sie hat als Verehrer einen unsymphatischen Soldaten, der sie retten könnte, verweigert sich diesem jedoch, sodass er sie schließlich umgebringt. Ihr anderer Verehrer Prosper Latour, ein Nicht-Hugenotte, ist über den Tod von Brown Eyes so verzweifelt, dass er die Soldaten angreift und selbst erschossen wird.

Neuzeitliche Episode[Bearbeiten]

Die zeitgenössische Episode spielt Anfang des 20. Jahrhunderts im Westen der Vereinigten Staaten. Die wohlhabende Mary T. Jenkins ist eine verbitterte alte Jungfer, die von einer sogenannten Wohlfahrtsorganisation als Spenderin angeworben wird. Deren Mitglieder, die Uplifters, stehen für moralischen Puritanismus, der sich Gestalt der „Wohlfahrtsorganisationen“ den Lebensstil des Durchschnittsamerikaners neu definieren will. Sie sind in Wahrheit intolerant gegen Jugend, Gelächter und Tanz. Miss Jenkins spendet soviel Geld an die Wohlfahrtsorganisationen, dass ihr Bruder Mr. Jenkins – dem eine große Mühle gehört – die Löhne für die Arbeiter um 10% senkt. Der rücksichtslose Kapitalismus bringt die Mühlenarbeiter auf die Barrikaden, die Streikenden werden von Jenkins entlassen und durch neue ersetzt oder – noch schlimmer – von den Polizisten im Streik erschossen. Viele Mühlenarbeiter müssen nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes in ein Armenviertel ziehen, darunter auch die Heldin Little Dear One sowie ihr Vater, der den Umzug aus dem einstmals beschaulichen, aber glücklichen Leben nicht verkraftet und bald darauf stirbt.

Auch The Boy war ehemals Mühlenarbeiter und lässt sich nun wie viele andere in die Kriminalität verleiten. Er trifft auf Little Dear One und verliebt sich in sie, doch diese will ihn nicht ohne Heirat in ihr Schlafzimmer lassen. The Boy heiratet das Mädchen und versucht für sie, aus seinem kriminellen Umfeld herauszukommen. Doch sein ehemaliger Gangsterboss Musketeer of the Slums rächt sich am jungen Mann, indem er ihm eine Tat anhängt und ihn so hinter Gittern bringt. Little Dear One bekommt ein Kind und muss es als alleinerziehende Mutter ernähren. Die Wohlfahrtsorganisation wird darauf aufmerksam und nimmt der jungen Frau ihr Kind weg. Das Musketeer of the Slums hilft Little Dear One in ihrer Situation, doch nicht ohne Hintergedanken: Auch The Boy verfällt nach seiner Entlassung wieder in die Abhängigkeit seines alten Bosses. Als das Musketeer of the Slums in die Wohnung des Mädchens eindringt und sie offenbar vergewaltigen will, wird er von seiner verschmäten Geliebten The Friendless One erschossen, einerseits aus Eifersucht, andererseits aus alter Dankbarkeit dem Jungen gegenüber.

Doch The Boy wird nun als scheinbarer Täter verhaftet, für schuldig erklärt und vom Gericht zum Tode verurteilt. Das Little Dear One und The Kindly Officer, ein freundlicher Polizist, versuchen den Fall aufzuklären und entdecken kleinere Hinweise darauf, dass The Boy nicht der Täter war. Doch der Gouverneur will das Todesurteil dennoch nicht aufheben. Die Mörderin The Friendless One wird vom schlechten Gewissen geplagt und gesteht schließlich gegenüber von Little Dear One und dem Kindly Officer die Tat. In einer Verfolgungsjagd können sie den im Zug sitzenden Gouverneur einholen, der das Todesurteil nun aufhebt. In letzter Minute wird The Boy vor seiner Hinrichtung gerettet und ist endlich wieder mit seiner Frau vereint.

Epilog[Bearbeiten]

Das Ende des Films zeigt Kriegshandlungen, die keiner der Episoden zugehören. Sie stellen den andauernden Ersten Weltkrieg dar. Eine Zwischeneinspielung mit elegischen Bildern beendet den Krieg. Sie drückt die Hoffnung auf eine Versöhnung im Frieden und das Ende der Intoleranz aus.

Hintergründe[Bearbeiten]

Intolerance

David Wark Griffith konzipierte den Film um ein bereits gestartetes Projekt – die moderne Episode – herum, nachdem er sich wegen seines Filmes Die Geburt einer Nation (1915) dem Vorwurf des Rassismus ausgesetzt sah. Die Geburt einer Nation war zwar ein großer Kassenerfolg und gilt bis heute als filmhistorischer Meilenstein, glorifiziert jedoch gleichzeitig den Ku-Kux Klan und stellt insbesondere die Mulatten als negativ da. Eines von seinen Zielen bei Intoleranz war es, die bei Die Geburt einer Nation kritisierte Geisteshaltung gegen seinen Film als eine Form der Intoleranz zu entlarven und diese als Grundeinstellung des Menschen und historisch immer wiederkehrende Triebfeder menschlichen Handelns darzustellen. Vielfach wird der Film aber dennoch bis heute als Entschuldigung Griffiths für Die Geburt einer Nation gewertet.

Griffiths langjährige Vertraute und Hauptdarstellerin Lillian Gish schreibt in ihrem Buch The Movies, Mr. Griffith and Me von 1969: „In der Literatur hat man immer wieder behauptet, Mr. Griffith sei der große Schaden klar geworden, den er mit der Produktion von The Birth of a Nation angerichtet habe. Intolerance müsse als Rechtfertigung verstanden werden. Solche Annahmen sind völlig falsch. Mr. Griffith hatte keineswegs das Gefühl, dass sein Film Schaden angerichtet habe. Er hatte erzählt, was er für die Wahrheit des Bürgerkriegs gehalten hatte – so, wie es ihm von denen berichtet worden war, die den Konflikt miterlebt hatten. Es gab keinen Grund, sich für diesen Film zu rechtfertigen. Mit Intolerance antwortete er im Gegenteil und auf seine Art denen, die er für bigott hielt.“

Griffith produzierte den Film selbst, hauptsächlich mit seinen Einnahmen von Die Geburt einer Nation und verschuldete sich. Der Film wurde mit Kosten von nahezu zwei Millionen US-Dollar die teuerste Filmproduktion bis dahin.[1] Zum Vergleich der damals unvorstellbaren Summe: Die Geburt einer Nation war mit „nur“ rund 100.000 US-Dollar die teuerste Filmproduktion aller Zeiten gewesen, Intoleranz kostete nun also das zwanzigfache. Insbesondere die Babylonien-Szenen waren aufwendig, das Babylonien-Set war über 50 Meter hoch und 600 Meter lang. Inspiriert von den italienischen Monumentalfilmen Quo Vadis? (1913) und Cabiria (1914) war es damals das mit Abstand größte Filmset aller Zeiten.[2] Alleine die Orgienszene in Babylonien verschlang rund 200.000 US-Dollar.

Gegen die Darstellung der Pharisäer als Gegner und Verschwörer gegen Jesus und der Juden in der Kreuzigungsszene wandte sich die Anti-Defamation League, und Vertreter der B’nai B’rith, die durch diesen Film eine Förderung und Zunahme antisemitischer Ressentiments in der US-amerikanischen Öffentlichkeit befürchteten, trafen sich mit Griffith, der daraufhin einzelne Szenen herausschnitt bzw. neu drehen ließ.[3]

2007 wurde der Film restauriert und neu veröffentlicht.

Rezeption[Bearbeiten]

Bereits bei seiner Premiere am 5. September 1916 erhielt der Film sehr gute Kritiken. Ungeachtet dessen wurde er ein Flop, und die an der Produktion beteiligten Triangle Studios gingen bankrott. Das Mammutwerk wurde mitten im Krieg produziert, die Stimmung in der Bevölkerung stand der Grundbotschaft des Films – zu zeigen, wozu menschliche Grausamkeit fähig ist und wo sie hinführt – vollkommen konträr gegenüber, und das Publikum wollte den Film nicht sehen: Amerika bereitete sich auf den Kriegseintritt vor. Griffiths Appell verhallte ungehört. Erst über die Jahrzehnte erarbeitete sich Intoleranz einen Ruf als Meisterwerk des Stummfilmkinos und als einer der Meilensteine der Filmgeschichte.

„INTOLERANZ ist nicht nur der weltgrößte Film. In Anlage und Umfang ist er das seit Jahrzehnten größte Kunstwerk gleich welcher Art überhaupt. Es ist das unglaublichste Experiment im Geschichtenerzählen, das je unternommen wurde. Seine Einzigartigkeit liegt nicht in den einzelnen Strängen der Erzählung, sondern darin, wie das Geflecht der Fäden miteinander verwoben ist. Keine der vier Geschichten wird durchgängig erzählt. Wir stehen im mittelalterlichen Frankreich und rutschen im nächsten Moment auf der Bananenschale der Zeit nach Babylon. Man glaubt, Amerika habe einen fest im Griff – im Handumdrehen trägt es einen zurück nach Palästina. Es ist, als höre man einem Quartett ausgezeichneter Sprecher zu, die gleichzeitig vier völlig verschiedene Romane vorlesen.“

Julian Johnson: Zeitschrift Photoplay vom Dezember 1916[4]

„INTOLERANZ ist der unerreichte Höhepunkt des frühen spektakulären Kinos. In der Tat kommt die in Griffiths vorherigem Film entwickelte Parallelmontage hier noch perfekter zum Einsatz und das Ende der modernen Geschichte stellt das vollkommenste Beispiel von Griffiths ‚Rettung in letzter Minute‘ dar. Zwar erlitt der Film eine herbe Niederlage an der Kinokasse, doch tut das seinem Status als großem humanistischem Epos und als wahrem Almanach der Möglichkeiten des Kinos keinen Abbruch.“

Adam Garbicz, Jacek Klinowski: Cinema, the magic vehicle. The Scarecrow Press, Metuchen, New Jersey 1975.[4]

„Griffiths Stummfilm-Klassiker wurde nicht nur durch seine gigantomanische Entstehungsgeschichte berühmt, sondern auch dank seiner zur damaligen Zeit unkonventionelle Bildsprache und Erzählstrategie, die stilbildenden Charakter hatte. Der Film liegt nun in einer hervorragend restaurierten, viragierten Fassung mit vorzüglich komponierter neuer Musik vor.“

Lexikon des Internationalen Films[5]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Intoleranz wurde 1989 in das National Film Registry, das Verzeichnis besonders erhaltenswerter Filme, aufgenommen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Kevin Brownlow: Pioniere des Films. Vom Stummfilm bis Hollywood (OT: The Parade’s Gone by…). Schriftenreihe des Deutschen Filmmuseums Frankfurt am Main. Stroemfeld, Basel/Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-87877-386-2.
  • William M. Drew: D.W.Griffith’s Intolerance: Its Genesis and Its Vision. 1986.
  • Günter Giesenfeld: Intoleranz/Intolerance. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmklassiker – Beschreibungen und Kommentare. 5. Auflage. Band 1 (1913–1945), Reclam junior, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-15-030033-6, S. 27–33.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die teuersten Filme aller Zeiten. In: Inside Kino. Archiviert vom Original am 10. April 2012, abgerufen am 28. September 2013.
  2. Artikel bei TCM
  3. Patricia Erens: The Jew in American Cinema. Indiana University Press, Bloomington 1984, S. 71 f.
  4. a b Zitiert nach: INTOLERANCE (INTOLERANZ). Bonner Kinemathek, archiviert vom Original am 12. Oktober 2007, abgerufen am 28. September 2013.
  5. http://www.zweitausendeins.de/filmlexikon/?sucheNach=titel&wert=32533