Klassizistischer Barock

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Der Invalidendom in Paris, eines der Hauptwerke des klassizistisch geprägten Barocks in Frankreich (1679–1708)

Mit dem Begriff des klassizistischen Barocks (auch Barock-Klassizismus, barocker Klassizismus oder französisch Classicisme) wird eine Ausrichtung in der barocken Architektur beschrieben, die sich in ihrer eher schweren und strengen Gestaltungsform von der üblichen, eher heiter-bewegten Variante des Barocks unterscheidet.

Zeitliche, räumliche und stilkundliche Einordnung[Bearbeiten]

Der klassizistische Barock geht in seiner Konzeption auf die Theorien Leon Battista Albertis und Andrea Palladios zurück.[1] Er bediente sich Ausdrucksmitteln, die in der Antikenrezeption der Renaissance wurzeln, und zur Grundlage des späteren Klassizismus wurden, ist zeitlich aber von beiden klar zu trennen und setzt rund ein Jahrhundert früher als der Klassizismus im eigentlichen Sinne an.[2] Diese Kunstform war vor allem für die Baukunst Englands[3] und Frankreichs[4][5] prägend und dauerte von der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts an, die Übergänge vom Barock in den Klassizismus geschahen fließend.

Stilmittel[Bearbeiten]

Typische Gestaltungsmittel für Gebäudefassaden waren Bauformen, die direkt aus der Renaissance übernommen wurden: der Tempelarchitektur entlehnte Dreiecksgiebel, Kolonnaden, sowie Säulen und Pilaster in Kolossalordnung - diese auch oft in doppelter Verwendung. Ebenfalls üblich waren die häufige Verwendung von Naturstein und der Verzicht auf farbigen Verputz.

Auffällig ist zwar die additive Verwendung von geometrischen Grundformen, wie dem Quadrat, dem Rechteck, dem Kreis oder seltener dem Oval, zugleich aber der häufige Verzicht auf konkave oder konvexe Schwünge in Fassaden und Grundrissen, den sonst charakteristischen Kennzeichen der Barockarchitektur. Als typisch barocke Kennzeichen - und damit im Gegensatz zum späteren Klassizismus - sind dagegen oft üppiger Figurengeschmuck aus Skulpturen, Ziervasen oder Trophäen zu finden, auch ist im Profanbau das Pavillonsystem noch verbreitet.

Schloss Versailles: Die Gartenfassade ist durch horizontale und vertikale Linien geprägt, geschwungene Linien fehlen. Die seitlichen Risalite werden im Hauptgeschoss durch doppelte Säulenstellungen betont, der mittlere durch eine Kolonnade. Die Balustrade des Dachs ist mit Vasen und Trophäendarstellungen geschmückt

Verbreitung[Bearbeiten]

Klassizistischer Barock Frankreichs[Bearbeiten]

Der Begriff des Baroque wird in Frankreich gewöhnlich für die barocke Kunst im übrigen Europa verwendet, während die französische Variante dort zumeist als Classicisme bezeichnet wird. Daher leitet sich auch die deutsche Bezeichnung der französischen Klassik ab. Die Architektur des Barocks in Frankreich lehnte sich zunächst an italienischen Vorbildern an, entwickelte sich dann jedoch in einer strengeren Variante weiter.[5] Der klassizistische Barock wurde unter der Regierungszeit Ludwig XIV. durch François Mansart eingeführt und blieb bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Grundlage der französischen Architektur.[6]

Die strenge Variante des Baustils erschien als passendes Ausdrucksmittel, um die Regierungsform des Absolutismus verkörpern. Zu den bekanntesten Architekten dieser Zeit zählen Louis Le Vau, Claude Perrault und Jules Hardouin-Mansart. Zu den bedeutendsten und stilbildenden Werken dieser Epoche zählen der Ostflügel des Louvre, das Schloss von Versailles, das Grand Trianon und der Invalidendom.

Klassizistischer Barock Englands[Bearbeiten]

Der Barock in England entwickelte sich aus dem an der italienischen Renaissance orientierten Palladianismus. Dieser aus Werken Andrea Palladios abgeleitete Stil wurde zu Beginn des 17. Jahrhunderts in England durch Inigo Jones weitgehend vorbildgetreu eingeführt und prägte die englische Baukunst für zwei Jahrhunderte.[1] Die Übergänge vom Palladianismus zu den Sonderformen des englischen Barock geschahen fast unmerklich. Der schwungvolle Barock nach römischen Vorbildern wurde in England als zu katholisch abgelehnt und hatte daher nur wenig Einfluss auf die Architektur[1], stattdessen wurden niederländische Einflüsse aufgenommen.

Zu den bedeutendsten Baumeistern des englischen Barocks gehörten Christopher Wren, John Vanbrugh, Nicholas Hawksmoor und William Talman. Das sakrale Hauptwerk des englischen Barocks ist die Saint Paul’s Cathedral in London, zu den bedeutendsten profanen Bauwerken zählen Blenheim Palace, Chatsworth House und Castle Howard.

Klassizistischer Barock in Nordwest-Europa[Bearbeiten]

Der klassizistisch geprägte Barock ist vor allem im (protestantisch geprägten) westlichen und nördlichen Europa verbreitet, aber nicht ausschließlich auf Frankreich und England beschränkt. Seine Impulse reichten unter anderem auch in die Niederlande[7], nach Preußen[8] und bis nach Skandinavien.[9] Als Beispiele für weitere Bauten des klassizistischen Barocks können das nach englischen Vorbildern errichtete Neue Palais in Potsdam oder das Mauritshuis in Den Haag genannt werden.

Habsburger Barock[Bearbeiten]

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Das ganze Habsburgerreich beinhaltet eine relativ homogene Barockarchitektur, deren Ausprägung stark klassisch ist, eng an französische Vorbilder angelehnt ist, so mit der Wiener Karlskirche im Stil des kurz vorher vollendeten Invalidendoms (was aber durch das maureske Beiwerk der Türkenkriegszeit überdeckt wird) und dem Leitbau Schloss Schönbrunn im Versailler Stil. Der österreichisch-habsburgische Barock unterscheidet sich damit deutlich vom Spanischen Barock, der ab dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701−1714, nach dem Erlöschen der Spanischen Habsburgerlinie) bei den Österreichern an Einfluss verliert.
Daneben gewinnen durch das Engagement in Oberitalien auch stark venetianisch-barocke Formen Einfluss, die sich aber primär in der kleinteiligen Dekoration auswirken, daher wirkt der österreichische gegenüber dem französischen Barock etwas verspielter. In Österreich nennt man diese barockklassizistische Ausprägung Habsburgerbarock, präziser zuerst Theresianischer und dann Josefinischer Barock (klassizistischer Rokoko), der in der Leitfarbgebung des Schönbrunner Gelbs auch Schönbrunner Barock genannt wird, während etwa das Fürsterzbistum Salzburg bis in die Klassik rein römischen Barock pflegte.[10]

Diesen Großraum, den der Architekturhistoriker Henri Stierlin als ein barockes Horn beschrieb, erstreckt sich von Mittel- nach Norditalien, durch das südliche und mittlere Deutschland, das einstige Habsburger-Reich und bis nach Böhmen, Mähren und Polen führte,[11] umfasst also den nach der Gegenreformation wieder streng katholischen Raum.

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen und Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Wilfried Koch: Baustilkunde, S. 239
  2. Pevsner, Honour, Fleming:Lexikon der Weltarchitektur, S. 351
  3. Hans Koepf: Baukunst in fünf Jahrtausenden, S. 217. Kohlhammer, 1990, ISBN 3-17011072-1
  4. Wilfried Koch: Baustilkunde, S. 318
  5. a b Hans Koepf: Baukunst in fünf Jahrtausenden, S. 186. Kohlhammer, 1990, ISBN 3-17011072-1
  6. Pevsner, Honour, Fleming:Lexikon der Weltarchitektur, S. 209
  7. Pevsner, Honour, Fleming:Lexikon der Weltarchitektur, S. 453.
  8. Potsdamer Baukunst: Der palladianische Klassizismus Friedrichs II. Autor: Kania, Hans Dr. (1878–1947), Erscheinungsjahr: 1915 (online auf Lexikus.de, abgerufen am 6. Januar 2014).
  9. Pevsner, Honour, Fleming:Lexikon der Weltarchitektur, S. 583.
  10. Welt des Barock: Oberösterreichische Landesausstellung 1986, 25. April bis 26. Oktober 1986 im Augustiner Chorherrenstift St. Florian. Begleitwerk:  Rupert Feuchtmüller, Elisabeth Kovács, Stift St. Florian: Welt des Barock. Land Oberösterreich, Amt der oö. Landesregierung, Abteilung Kultur, Markt St. Florian/Linz 1986, ISBN 3-210-24823-0.
  11. Henri Stierlin: Barock. Benedikt Taschen Verlag, ISBN 3-8228-9526-1, S. 47