Lampedusa

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Lampedusa (Begriffsklärung) aufgeführt.
Lampedusa
Nordküste Lampedusas
Nordküste Lampedusas
Gewässer Mittelmeer
Inselgruppe Pelagische Inseln
Geographische Lage 35° 30′ 35″ N, 12° 36′ 0″ O35.50972222222212.6113Koordinaten: 35° 30′ 35″ N, 12° 36′ 0″ O
Lage von Lampedusa
Länge 8 km
Fläche 20 km²
Höchste Erhebung Albero Sole
113 m s.l.m.
Einwohner 4500 (2005)
225 Einw./km²
Hauptort Lampedusa
Blick auf den Ort Lampedusa
Blick auf den Ort Lampedusa

Lampedusa ist die größte der vier Pelagischen Inseln im Mittelmeer zwischen Tunesien und Sizilien. Die Insel gehört zur Gemeinde Lampedusa e Linosa in der italienischen Provinz Agrigent.

Geographie[Bearbeiten]

Lampedusa ist rund 205 Kilometer von Sizilien und rund 130 Kilometer von Tunesien entfernt. Die Fläche beträgt etwa 20 km², der höchste Punkt ist Albero Sole mit 113 m s.l.m.

Die neun km lange und bis zu drei km breite Insel erstreckt sich in Ost-West-Richtung. Die Nordküste ist geprägt von steilen Klippen, an der Südküste befinden sich mehrere Buchten mit Sandstränden.

45 km nordöstlich von Lampedusa liegt die bewohnte Insel Linosa, 17 km nordwestlich die unbewohnte Insel Lampione. Vor der Südküste liegt die kleine Insel Isola dei Conigli (dt. Kanincheninsel). Hier und in den Buchten von Lampedusa suchen die vom Aussterben bedrohten Unechten Karettschildkröten ihre Plätze zur Eiablage. Um den Bestand der Schildkröten zu wahren, wurden im Jahr 2002 Teile Lampedusas und die Isola dei Conigli unter Naturschutz gestellt.

Der Hauptort der Insel an der Ostküste heißt ebenfalls Lampedusa. Zurzeit (Stand 2005) wohnen etwa 4500 Menschen dauerhaft auf Lampedusa, in der Hauptreisezeit allerdings zeitweilig bis zu 10.000. Die Bewohner leben vom Tourismus, vom Fischfang und von der Produktion von Fischkonserven.

Lampedusa besitzt typisches Mittelmeerklima. Dank der Position zum europäischen Kontinent und geologisch zu Afrika gehörend hat die Insel eine der höchsten Durchschnittstemperaturen am Mittelmeer (22,3 °C). Selbst im Februar erreicht Lampedusa eine Durchschnittstemperatur von 15 °C. Die jährliche Niederschlagsmenge ist mit 300 mm sehr gering. Durch Rodungen und fehlende Quellflüsse ist das Inselinnere verödet.

Geschichte[Bearbeiten]

Auf Lampedusa befinden sich Spuren griechischer (sie besaßen dort zwei oder drei Türme), römischer, byzantinischer und arabischer Siedlungen. Zudem diente die Insel vielfach Seefahrern als Stützpunkt. Allerdings waren die meisten der zu Sizilien gehörenden Inseln wie auch Lampedusa, seit der normannischen Zeit, also dem 11. Jahrhundert unbewohnt. So berichtet Idrisi von den unbewohnten Inseln.[1] 812/813 wurde Lampedusa Opfer eines Überfalls muslimischer Seeräuber, die auf 13 Schiffen kamen.[2] Da es der byzantinischen Flotte gelang, die gegnerischen Schiffe zu versenken, dürfte Lampedusa noch für einige Jahre byzantinisch geblieben sein. Archäologisch lässt sich die byzantinische Siedlung nur bis Ende des 7. Jahrhunderts nachweisen. Allerdings fand sich eine der Hl. Maria geweihte Kapelle, und möglicherweise bot die Insel, auf der sich noch Siedlungsspuren fanden, noch im 16. und 17. Jahrhundert Unterschlupf für flüchtige Sklaven aus Nordafrika.[3]

Im September 1843 ging der Kapitän Bernardo Maria Sanvisente, ein Gesandter von Ferdinand II., mit 120 Männern und Frauen an Land, um die Insel dauerhaft zu besiedeln. Von Sanvisente stammt auch der vorher wechselnde Inselname ‚Lampedusa‘.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Insel als strategisch wichtiger Punkt Ziel von Bombenangriffen („Operation Corkscrew“). Am 13. Juni 1943 kapitulierte die italienische Besatzung der Insel kampflos.[4]

Im Jahr 1986 schlugen auf Lampedusa zwei Scud-Raketen ein, angeblich abgefeuert von Libyen als Antwort auf US-amerikanische Angriffe auf Tripolis und Bengasi im Zuge der Operation El Dorado Canyon. Es gab keine Verletzten.[5]

Politik[Bearbeiten]

Lampedusa gilt als Vorposten der italienischen Behörden, illegale Einwanderer auf ihrem Weg nach Europa abzufangen. Es gibt zwei Auffanglager auf Lampedusa, das große im Osten (Contrada Imbriacola) und das kleine im Westen (ehemalige Militärbasis bzw. LORAN-Station).

In den letzten Jahren nahm die Zahl afrikanischer Bootsflüchtlinge zu, die versuchen, von Tunesien und Libyen aus über Lampedusa und Sizilien den europäischen Kontinent zu erreichen. Immer wieder kommt es dabei zu Schiffsunglücken mit Todesopfern, zwischen 2004 und 2013 kamen nach Angaben von Hilfsorganisationen mehr als 6200 Boatpeople ums Leben.

2003 wurden 8.000 Flüchtlinge registriert, 2004 schon 13.000 und 2005 verzeichnete man über 20.000 illegale Einwanderer auf der Insel. Im Januar 2009 gelang hunderten Flüchtlingen die Flucht aus dem Auffanglager. Sie protestierten gegen die haftähnliche Situation in dem Lager, das für 850 Menschen ausgelegt, aber von 1.800 belegt wurde.[6]

Nach den Unruhen in Nordafrika Anfang 2011, vor allem nach dem Sturz Zine el-Abidine Ben Alis in Tunesien, erreichten in kürzester Zeit wieder tausende Flüchtlinge Lampedusa auf dem Seeweg. Die Regierung in Rom erklärte daraufhin den humanitären Notstand und erhob durch Innenminister Roberto Maroni Kritik an der Untätigkeit anderer europäischer Staaten in dieser Frage.[7]

Anlässlich des Besuches von Marine Le Pen und Mario Borghezio gab es auf der Insel Proteste gegen eine Instrumentalisierung der Situation zu politischen Zwecken.[8]

Nachdem die Anzahl der Flüchtlinge im März 2011 auf fast 6000 gestiegen war, begann die italienische Marine damit, mehrere hundert nach Sizilien zu bringen. Nach einem Plan der Regierung Berlusconis sollte die illegale Immigration bekämpft werden und zugleich die italienischen Regionen 1000 Flüchtlinge pro Million Einwohner aufnehmen, insgesamt bis zu 50.000 Menschen.[9]

Als erstes katholisches Kirchenoberhaupt besuchte Papst Franziskus am 8. Juli 2013 die Insel. Er wollte auf das Leid der afrikanischen Boots-Flüchtlinge aufmerksam machen und gedachte der Toten durch einen Kranz, den er der See übergab. Anschließend feierte der Papst zusammen mit ca. 10.000 Menschen eine Messe im Stadion der Insel.[10]

Einer der schwersten Unglücksfälle ereignete sich am 3. Oktober 2013, als beim Untergang eines Schiffes vor der Küste der Insel ein mit etwa 545 Flüchtlingen aus Somalia und Eritrea beladener 20 Meter langer Kutter sank, der aus der libyschen Hafenstadt Misrata kam. Nach einem Motorschaden steckte nach Zeugenaussagen der Kapitän eine Decke als Notsignal wegen Seenot in Brand. Das Feuer geriet außer Kontrolle. Durch die Panik der dicht gedrängt ohne Bewegungsmöglichkeiten stehenden Passagiere kenterte das Schiff. Die italienische Küstenwache und einheimische Fischer konnten vorerst 155 Überlebende retten.[11] Schätzungsweise 390 Menschen ertranken.[12] Der tunesische Kapitän wurde wegen mehrfachen vorsätzlichen Totschlags und Havarie festgenommen.[13]

Die italienische Staatsanwaltschaft hat gegen die Überlebenden ein Ermittlungsverfahren wegen Illegaler Einwanderung eingeleitet. Dieses Standardvorgehen ist in der italienischen Politik jedoch umstritten.[14]

Am 11. Oktober 2013 ertranken weitere 34 Flüchtlinge zwischen Malta und Lampedusa im Mittelmeer, 206 Menschen konnten von der maltesischen Marine aus einem gekennterten Boot gerettet werden. Erzbischof Reinhard Marx sagte zu der Tragödie: „Auch wenn Europa nicht jeden aufnehmen kann, dürfen wir niemanden an den Grenzen zu Tode kommen lassen.“[12] UN-Generalsekretär Ban Ki-moon forderte die internationale Gemeinschaft zum Handeln auf: Die Weltgemeinschaft als Ganzes müsse derartige Tragödien verhindern, die Menschenrechte der Flüchtlinge müssten geschützt werden.[15][16]

Verkehr[Bearbeiten]

Lampedusas Hafen

Von und nach Palermo und Catania gibt es eine tägliche Flugverbindung vom Flughafen Lampedusa aus. Während der Hauptreisezeit wird der Inselflughafen, der im Osten nahe dem Hauptort liegt, mehrmals täglich und auch von anderen italienischen Großstädten aus angeflogen.

Von und nach Porto Empedocle bei Agrigent verkehrt täglich eine Fähre. Zur Nachbarinsel Linosa pendeln mehrmals täglich Tragflügelboote. Der Inselbus entlang der Küstenstraßen Lampedusas fährt in den Sommermonaten stündlich.

Kultur[Bearbeiten]

Bedeutendstes Bauwerk ist eine Kirche an der Südküste mit einer Statue der Madonna di Porto Salvo, die Schutzheilige der Insel ist.

Traditionelles Fest auf Lampedusa ist das Festa di San Bartolo am 24. August jedes Jahres.

Giulio Tomasi erhielt 1667 von Karl II. von Spanien den Titel eines Fürsten von Lampedusa. Einer seiner Nachfahren, Giuseppe Tomasi di Lampedusa, schrieb den weltberühmten Roman Der Gattopardo.

Der 2002 produzierte Spielfilm Lampedusa unter der Regie von Emanuele Crialese porträtiert das alltägliche Leben und die Traditionen der Inselbewohner.

Der 2011 produzierte Spielfilm Terraferma ebenfalls unter der Regie von Emanuele Crialese thematisiert die Migration afrikanischer Flüchtlinge, die illegal über die Insel Lampedusa den Weg nach Europa suchen, und schildert auch die dadurch entstehenden Probleme der Inselbewohner.

Literatur[Bearbeiten]

  • Rutvica Andrijasevic: Lampedusa in focus: migrants caught between the Libyan desert and the deep sea. In: Feminist Review. Vol. 82, Nr. 1, February 2006, ISSN 0141-7789, S. 120–125, frei online (PDF; 93 KB).
  • Bastian Balzer: Im Vorhof der Festung Europa. Die Rolle von Fuerteventura und Lampedusa als Trittsteine afrikanischer Migrationsbewegungen in der Wahrnehmung der Zielländer. (= Entwicklungsforschung. Beiträge zu interdisziplinären Studien in Ländern des Südens. Wissenschaftliche Reihe der Universität Siegen und der Justus-Liebig-Universität Gießen. Bd. 6). WVB Wissenschaft Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86573-463-1.
  • Pietro Calcara: Descrizione dell’isola di Lampedusa. Stamperia di Raffaele Pagano, Palermo 1847.
  • Heidrun Friese: Lampedusa. Historische Anthropologie einer Insel. Campus-Verlag, Frankfurt am Main / New York 1996, ISBN 3-593-35603-1.
  • Gilles Reckinger: Lampedusa. Begegnungen am Rande Europas. Peter-Hammer-Verlag, Wuppertal 2013, ISBN 978-3779504405.
  • Roland Siegloff: Reise zu den letzten Grenzen. 100 Tage freie Fahrt durch die Festung Europa. GEV Grenz-Echo Verlag, Eupen 2011, ISBN 978-3-86712-051-7
  • Ulrich Ladurner: Lampedusa: Große Geschichte einer kleinen Insel. Residenz Verlag, Sankt Pölten 2014, ISBN 978-3701733316;Rezension von Florian Felix Weyh im Deutschlandfunk (DLF) Büchermarkt vom 10. April 2014: Lampedusa. Von der Boje zum Stacheldrahtverhau

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Lampedusa – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ferdinando Maurici: Le isole minori della Sicilia in età bizantina. In: Anthony Bonanno, Pietro Militello (Hrsg.): Interconnections in the Central Mediterranean. The Maltese Islands and Sicily in History (= KASA (Koiné archeologica, sapiente antichitá). Bd. 7). Officina di Studi Medievali, Palermo 2008, ISBN 978-88-88615-80-6, S. 69–80, hier: S. 69f.
  2. Ferdinando Maurici: Le isole minori della Sicilia in età bizantina. In: Anthony Bonanno, Pietro Militello (Hrsg.): Interconnections in the Central Mediterranean. The Maltese Islands and Sicily in History (= KASA (Koiné archeologica, sapiente antichitá). Bd. 7). Officina di Studi Medievali, Palermo 2008, ISBN 978-88-88615-80-6, S. 69–80, hier: S. 78.
  3. Ivan Arnaldi: Nostra Signora di Lampedusa. Storia civile e materiale di un miracolo mediterraneo. Leonardo, Mailand 1990, ISBN 88-355-0216-0.
  4. Relman Morin (14 June 1943): "Sergeant Cohen Reigns As "King of Lampedusa"". Youngstown Vindicator. Associated Press. p. 1. Engl. Bericht von der Notlandung des Piloten Sidney Cohen aus Malta, dem die Insel zunächst noch vor der Landung anderer brit. Verbände übergeben wurde.
  5. Kordula Doerfler: In Furcht vor Gaddafis Rache. In: Frankfurter Rundschau. 22. März 2011, abgerufen am 7. Januar 2012 (deutsch).
  6. Michael Braun: Wutausbruch auf der Gefängnisinsel. In: die tageszeitung, 26. Januar 2009.
  7. Hans-Jürgen Schlamp: Tausende Afrikaner planen Flucht über Tunesien. In: Spiegel Online, 13. Februar 2011.
  8. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatLampedusa, “no a Le Pen e Borghezio”, spiaggia “occupata” per protesta. 14. März 2011, abgerufen am 7. Januar 2012.
  9. vgl. Lampedusa: 700 Menschen in sizilianisches Flüchtlingsdorf gebracht bei derstandard.at, 23. März 2011, abgerufen am 7. Januar 2012.
  10. tagesschau.de: Papst Franziskus besucht Lampedusa (8. Juli 2013), abgerufen am 8. Juli 2013
  11. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatSchreie vor Lampedusa wurden "immer schwächer". welt.de, 4. Oktober 2013, abgerufen am 6. Oktober 2013.
  12. a b Das Mittelmeer wird zum Friedhof, die tageszeitung, 12. Oktober 2013. Abgerufen am 13. Oktober 2013.
  13. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatJan-Christoph Kitzler, BR: Mehr als 270 Leichen geborgen. tagesschau.de, 8. Oktober 2013, abgerufen am 8. Oktober 2013.
  14. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatTilmann Kleinjung, BR: Straftatbestand: Illegale Einwanderung. tagesschau.de, 7. Oktober 2013, abgerufen am 8. Oktober 2013.
  15. Ban: Internationale Gemeinschaft muss Flüchtlingstragödien wie bei Lampedusa verhindern, Deutschlandradio, 13. Oktober 2013.
  16. Ban Ki-moon: After latest Lampedusa tragedy, Ban calls for action to protect human rights of migrants, United Nations News Centre, 12. Oktober 2013. Abgerufen am 13. Oktober 2013.