Margot Honecker

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Margot Feist ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zur DFD- und SED-Funktionärin siehe Margot Feist-Altenkirch
Margot Honecker (1986)

Margot Honecker (geb. Feist; * 17. April 1927 in Halle an der Saale) war von 1963 bis 1989 Ministerin für Volksbildung der DDR. Sie ist die Witwe Erich Honeckers.

Leben[Bearbeiten]

Margot Feist (1949)

Jugend und Ausbildung[Bearbeiten]

Margot Feist wurde als Tochter des Schuhmachers Gotthard Feist (1906–1993) und der Matratzenfabrikarbeiterin Helene im Glaucha-Viertel in Halle an der Saale geboren.[1] Die Eltern gehörten der KPD an, für die sie sich auch nach 1933 illegal engagierten. Vater Gotthard Feist war in den 1930er Jahren im KZ Lichtenburg, im Zuchthaus Halle und von 1937 bis 1939 im KZ Buchenwald inhaftiert.[2] Die Wohnung der Feists in der Torstraße 36 in Halle war bis 1938 eine von drei Anlaufstellen für Kuriere und Material der KPD-Abschnittsleitung aus Prag.[3] Mutter Lene Feist starb 1940, als Margot gerade 13 Jahre alt war. Sie absolvierte die Volksschule und war von 1938 bis 1945 Mitglied des Bundes Deutscher Mädel (BDM).[4] Vor ihrer politischen Laufbahn war sie als kaufmännische Angestellte und danach als Telefonistin tätig. Ihr Bruder Manfred Feist war Leiter der Abteilung für Auslandsinformation beim Zentralkomitee der SED.

Politische Karriere in SED und DDR[Bearbeiten]

Margot Honecker und Samora Moisés Machel, Präsident der damaligen VR Mosambik (1983)
Margot Honecker während der Festrede anlässlich des 40-jährigen Bestehens der PH Potsdam (1988)

1945 trat Margot Feist der KPD bei. Mit der Zwangsvereinigung von SPD und KPD wurde sie 1946 Mitglied der SED und arbeitete als Stenotypistin beim FDGB-Landesvorstand Sachsen-Anhalt. 1946 wurde sie zudem Mitglied des Sekretariats des FDJ-Kreisvorstandes Halle, 1947 Leiterin der Abteilung Kultur und Erziehung im FDJ-Landesvorstand und 1948 Sekretärin des Zentralrates der FDJ und Vorsitzende der Pionierorganisation Ernst Thälmann. 1949/1950 wurde Margot Feist Abgeordnete der provisorischen Volkskammer der DDR und 1950 mit 22 Jahren eine der jüngsten Abgeordneten der Volkskammer.

Am 1. Dezember 1952 gebar Margot Feist ihre Tochter Sonja, deren Vater der spätere Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker, war. Dies veranlasste den damaligen SED-Generalsekretär Walter Ulbricht, Honecker zur Scheidung von seiner zweiten Ehefrau Edith Baumann zu bewegen. Daraufhin heirateten Margot Feist und Erich Honecker 1953.

Margot Honecker war zunächst Stellvertreterin des Ministers für Volksbildung Alfred Lemmnitz, und wurde 1963 Ministerin für Volksbildung der DDR. Sie wirkte maßgeblich am „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem“ vom 25. Februar 1965 mit.[5] 1978 führte sie gegen den Widerstand der Kirchen und vieler Eltern den Wehrunterricht für Schüler der 9. und 10. Klassen ein.

Neben zahlreichen Auszeichnungen, u. a. dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold (verliehen 1964) und dem Karl-Marx-Orden (verliehen 1977 und 1987), verlieh ihr die Adam-Mickiewicz-Universität in Poznan (Polen) am 18. Januar 1974 die Ehrendoktorwürde (Dr. h. c.).

Margot Honecker war die laut Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse neben Stasi-Chef Mielke meistgehasste Person des DDR-Regimes.[6] In ihrer Funktion als Ministerin für Volksbildung wurde sie vereinzelt zweideutig „Miss Bildung“ genannt und wegen ihrer extravaganten Haartönung als „Blaue Eminenz“[7][8], „Blaues Wunder“ oder „lila Drache“ bezeichnet.[9][10][11]

Wende und Übersiedlung nach Chile[Bearbeiten]

Am 2. November 1989 meldete das DDR-Fernsehen, der Ministerrat habe der Bitte von Margot Honecker entsprochen, sie von ihrer Funktion als Ministerin für Volksbildung zu entbinden. Während ihr Mann am 3. Dezember 1989 aus der SED ausgeschlossen wurde, trat Margot Honecker am 4. Februar 1990 freiwillig aus der PDS, der Nachfolgeorganisation der SED, aus.

Nach der friedlichen Revolution in der DDR gab es Strafanträge gegen Margot Honecker mit dem Vorwurf, sie habe in Fällen von Inhaftierung politisch Unliebsamer oder bei Republikflucht Zwangsadoptionen von Kindern der Betroffenen angeordnet, die Kinder gegen deren Willen von ihren Eltern getrennt und zur Adoption an Fremde weitergegeben.[12] Direkte Anweisungen von ihr an die Jugendhilfen ließen sich jedoch nicht nachweisen.

1993 gab es auch Strafanträge gegen Margot Honecker durch Bundestagsabgeordnete der SPD um Stephan Hilsberg und Margot von Renesse wegen der unmenschlichen Zustände in den Jugendwerkhöfen der DDR, hier insbesondere wegen des einzigen geschlossenen Jugendwerkhofs der DDR in Torgau (Sachsen). Strafanträge einiger ehemaliger Insassen des GJWH Torgau ergingen zeitnah. Sämtliche Ermittlungsverfahren gegen Margot Honecker mussten von der ZERV eingestellt werden, da sie für die bundesdeutsche Justiz nicht mehr greifbar war.

Nach Erich Honeckers kurzzeitiger Verhaftung Ende Januar 1990 wohnte das Ehepaar Honecker zunächst im Pfarrhaus von Uwe Holmer in Lobetal bei Bernau, ab April 1990 dann im Bereich des Militärhospitals der sowjetischen Streitkräfte in Beelitz-Heilstätten. Nachdem im Dezember 1990 erneut Haftbefehl gegen Erich Honecker ergangen war, wurden die beiden im März 1991 vom Flugplatz Sperenberg nach Moskau ausgeflogen. Aus Sorge vor Auslieferung nach Deutschland flüchteten sie dort im August 1991 in die chilenische Botschaft. Erich Honecker wurde im Juli 1992 doch nach Deutschland ausgeliefert; Margot Honecker reiste weiter nach Santiago de Chile zur Familie ihrer Tochter Sonja Yáñez Betancourt, geb. Honecker, die dort mit ihrem damaligen[13] chilenischen Ehemann Leo Yáñez Betancourt und ihrem Sohn Roberto Yáñez Betancourt y Honecker wohnte. Nach der Freilassung aus deutscher Haft im Januar 1993 kam auch ihr Ehemann nach Chile; er starb im Alter von 81 Jahren am 29. Mai 1994 in Santiago de Chile an Leberkrebs. Seine Urne soll sich im Haus von Margot Honecker befinden.

Den Prozess gegen die Bundesrepublik Deutschland um das beschlagnahmte Vermögen der Eheleute Honecker in Höhe von umgerechnet etwa 60.300 Euro hat sie 1999 verloren.

Margot Honecker lebt in der chilenischen Hauptstadt in einem Haus mit ihrem Enkelsohn.[14] Sie bezieht eine Hinterbliebenen- und Altersrente aus Deutschland.[15]

Öffentliche Äußerungen und Auftritte nach 1989[Bearbeiten]

Im Jahr 2000 veröffentlichte Luis Corvalán, der frühere Generalsekretär der KP Chiles, das Buch Gespräche mit Margot Honecker über das andere Deutschland, in dem sie über die Geschichte der DDR aus ihrer Sicht spricht.

Am 19. Juli 2008 erhielt Margot Honecker anlässlich des 29. Jahrestages der sandinistischen Revolution in Nicaragua von Staatspräsident Daniel Ortega den Rubén-Darío-Orden für kulturelle Unabhängigkeit. Laut Ortegas Ehefrau Rosario Murillo wurde damit Honeckers unermüdliche Unterstützung der landesweiten Kampagne gegen Analphabetismus gewürdigt. Diese Ehrung war der erste öffentliche Auftritt Margot Honeckers nach dem Fall der Mauer. Sie bedankte sich für die Auszeichnung, ergriff aber nicht öffentlich das Wort.[16]

Im Oktober 2009 geriet Margot Honecker in die Schlagzeilen, als im Internet ein Video auftauchte, in dem sie mit einigen weiteren Personen den 60. Jahrestag der Gründung der DDR feiert.[17] In ihrem 2012 erschienenen Buch Zur Volksbildung. Gespräch/Margot Honecker versucht sie die Tatsache zu begründen, dass Schulkinder in der DDR im Wehrunterricht Handgranatenwurf übten und in der neunten Klasse in Wehrlagern mit Kleinkalibergewehren trainierten. Diese Übungen seien für die spätere Landesverteidigung unverzichtbar gewesen. Eine Militarisierung der Schule habe es aus ihrer Sicht in der DDR nicht gegeben. Genauso umstritten sind ihre Äußerungen zum Staatsbürgerkunde-Unterricht in der DDR und zu den Bildungsverboten gegen Andersdenkende. Es sei nicht das Ziel gewesen, die Kinder und Jugendlichen „zu Gegnern des Sozialismus zu erziehen, sondern zu aktiven Mitstreitern und Gestaltern“.[18]

Im April 2011 nahm sie in Havanna als Ehrengast der kubanischen Regierung an der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Niederschlagung der Invasion in der Schweinebucht teil und zeigte sich während der Militärparade auf der Ehrentribüne unmittelbar an der Seite von Staatspräsident Raúl Castro.[19]

Im April 2012 wurde im Ersten die Dokumentation Der Sturz – Honeckers Ende von Eric Friedler ausgestrahlt, die längere Passagen aus drei im Herbst 2011 mit Margot Honecker geführten Interviews enthielt. Hier verteidigte sie den Sozialismus und die Staatssicherheit als Notwendigkeit zum Schutz und meinte, dass es keinen Mauertoten hätte geben müssen („Die brauchten ja nicht über die Mauer zu klettern, um diese Dummheit mit dem Leben zu bezahlen.“).[20] Traumatisierte Opfer der Jugendwerkhöfe bezeichnete sie als „bezahlte Banditen“.[21] Gleichzeitig zeigte sie sich davon überzeugt, dass es die DDR nicht umsonst gegeben habe und mit ihr ein „Keim gelegt“ worden sei, dass Deutschland irgendwann die Erfahrungen der beiden Systeme für sich nutzen werde.

Margot Honecker ist Ehrenmitglied der KPD.[22]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Der Volkswirtschaftsplan 1965 und die Aufgaben auf dem Gebiet des Bildungswesens, Berlin 1964
  • Zur Bildungspolitik der Partei, Berlin 1969
  • Die Schulpolitik der SED und die weiteren Aufgaben bei der Gestaltung des sozialistischen Bildungssystems, Halle/Saale 1971
  • Zu einigen Fragen der Bildungspolitik der Partei nach dem 8. Parteitag der SED, Berlin 1972
  • Zu einigen Fragen der kommunistischen Erziehung aus der Sicht der Beschlüsse des IX. Parteitages der SED, Berlin 1976
  • Der gesellschaftliche Auftrag unserer Schule, Berlin 1978
  • Die Aufgaben der Volksbildung in Vorbereitung des X. Parteitages der SED, Magdeburg 1980
  • Herausbildung allseitig entwickelter Persönlichkeiten – hohe Anforderung an die sozialistische Gesellschaft, Cottbus 1980
  • Die marxistisch-leninistische Schulpolitik unserer Partei und ihre Verwirklichung unter unseren heutigen gesellschaftlichen Bedingungen, Berlin 1985
  • Zur Bildungspolitik und Pädagogik in der Deutschen Demokratischen Republik. Ausgewählte Reden und Schriften., Berlin 1986
  • Unser sozialistisches Bildungssystem. Wandlungen, Erfolge, neue Horizonte, Berlin 1989
  • Zur Volksbildung. Gespräch/Margot Honecker. Das Neue Berlin, Berlin 2012, ISBN 978-3-360-02145-8

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Margot Honecker – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Internationales Biographisches Archiv 26/2007 vom 30. Juni 2007 – hier bezogen auf ihren Bruder
  2. Siehe Leidigkeit, Karl-Heinz (u. a.), Gegen Faschismus und Krieg – Die KPD im Bezirk Halle-Merseburg 1933 bis 1945, Halle (Saale) 1983, S. 112, 274 f., 307, 314.
  3. Siehe Leidigkeit:Gegen Faschismus und Krieg. S. 146.
  4. Monika Kaiser, Helmut Müller-EnbergsHonecker, Margot. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  5. Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem vom 25. Februar 1965; aus: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik 1965, .Teil 1, S. 83 ff.
  6. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-Formatmp: Kritik nach ARD-Doku – Margot Honeckers TV-Auftritt löst Entsetzen aus. 4. April 2012, abgerufen am 12. Oktober 2012.
  7. Porträt: Margot Honecker. In: dasErste.de. ARD, abgerufen am 12. Oktober 2012.
  8. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatMartin Halter: Die ewige Kommunistin. Tages-Anzeiger, 16. Februar 2012, abgerufen am 12. Oktober 2012.
  9. So funktionierte die DDR, S. 290, Rowohlt-Verlag 1994, ISBN 978-3-499-16348-7
  10. Margot Honecker. Biographie. In: Webseite der Frauen-Biographieforschung e. V. FemBio e.V., abgerufen am 12. Oktober 2012 (mit weiteren Links auf Internet- und Presseartikel).
  11. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatSven Felix Kellerhoff: Die meistgehasste Frau der DDR. In: Die Welt. Axel Springer AG, 16. April 2007, abgerufen am 12. Oktober 2012.
  12. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-Formatjoh: 80.Geburtstag – Margot Honecker wünscht Deutschland Frieden. In: Spiegel online. 17. April 2007, abgerufen am 12. Oktober 2012.
  13. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatWolfram Eilenberger: Margots Welt. In: Cicero. 29. November 2006, abgerufen am 12. Oktober 2012.
  14. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatMarian Blasberg: Ein Rebell bin ich erst heute. In: ZEIT online. Zeitmagazin, 4. März 2011, abgerufen am 12. Oktober 2012 (PDF-Version, 90KB).
  15. Wolfram Eilenberger: Margots Welt
  16. Margot Honecker in Nicaragua geehrt, In: Der Tagesspiegel am 20. Juli 2008, eingesehen am 31. Dezember 2010
  17. Margot Honecker preist die DDR auf YouTube. Spiegel Online, 30. Oktober 2009, abgerufen am 17. April 2011.
  18. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatWitwe des ehemaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden: Margot Honecker bereut nichts. In: RP Online. 15. Februar 2012, abgerufen am 12. Oktober 2012.
  19. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-Format50 Jahre Schweinebucht: Margot Honecker feiert mit Kubas Kommunisten. In: Focus Online. 17. April 2011, abgerufen am 12. Oktober 2012.
  20. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatMichael Hanfeld: Die brauchten ja nicht über die Mauer zu klettern. In: Frankfurter Allgemeine. 29. März 2012, abgerufen am 12. Oktober 2012.
  21. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatTV-Dokumentation: Margot Honecker gibt Maueropfern Mitschuld. In: Spiegel Online. 30. März 2012, abgerufen am 12. Oktober 2012.
  22. Die Rote Fahne. Juni 2012, S. 2.