Egon Krenz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Egon Krenz, 1984
Unterschrift von Egon Krenz

Egon Rudi Ernst Krenz[1] (* 19. März 1937 in Kolberg, Pommern) ist ein ehemaliger deutscher Politiker der SED. Er war seit dem 17. Oktober 1989 für sieben Wochen als Nachfolger Erich Honeckers SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender der DDR. Bei der Antrittsrede führte er den Begriff „Wende“ in die DDR-Politik ein, der bis heute, vor allem wegen dieses Ursprungs, umstritten ist. Nach der Wiedervereinigung wurde er wegen Totschlags zu sechseinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt und 2003 aus der Haft entlassen.

Kindheit, Ausbildung und Wehrdienst[Bearbeiten]

Krenz wurde als Sohn eines Schneiders in Kolberg geboren, wo er 1943 eingeschult wurde. 1944 flüchteten seine Eltern mit ihm nach Damgarten. Krenz beendete dort 1953 die Schule. Im selben Jahr wurde er Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Krenz brach eine Schlosserlehre im VEB Dieselmotorenwerk Rostock ab, studierte von 1953 bis 1957 am „Diesterweg“-Institut für Lehrerbildung in Putbus auf Rügen und schloss mit dem Unterstufenlehrerdiplom ab. Am Lehrerbildungsinstitut war er Sekretär der FDJ-Grundorganisation und ab 1956 auch Mitglied der FDJ-Kreisleitung Rügen. 1955 wurde er Mitglied der SED. Von 1957 bis 1959 diente Krenz bei der Nationalen Volksarmee (NVA) in Prora als Unteroffizier und übte FDJ-Funktionen auf Divisionsebene aus. 1958 war er Delegierter der Parteiorganisation der NVA zum V. Parteitag der SED.

Politische Karriere[Bearbeiten]

Aufstieg in Jugendorganisation und Partei[Bearbeiten]

Egon Krenz 1974 im Gespräch mit polnischen Vertragsarbeiterinnen

Krenz wurde 1959 zuerst 2., dann 1. Kreissekretär der FDJ im Kreis Rügen. Ab 1960 war er 1. Sekretär der Bezirksleitung Rostock der FDJ. 1961 wurde er Sekretär des Zentralrates der FDJ und war verantwortlich für die Arbeit des Jugendverbandes an den Universitäten, Hoch- und Fachschulen. Von 1964 bis 1967 studierte Krenz an der Parteihochschule der KPdSU in Moskau und schloss als Diplomgesellschaftswissenschaftler ab. Anschließend, von 1967 bis 1974, war er Sekretär des Zentralrates der FDJ, verantwortlich für Agitation und Propaganda sowie für die Arbeit der FDJ an den Schulen. Gleichzeitig arbeitete er von 8. Februar 1971 bis 9. Januar 1974 als Vorsitzender der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“. Von 1974 bis 1983 hatte er die Funktion des Ersten Sekretärs des Zentralrates der FDJ inne.

Von 1971 bis 1990 war Krenz Abgeordneter der Volkskammer der DDR, von 1971 bis 1981 war er außerdem Mitglied ihres Präsidiums. 1973 wurde Egon Krenz Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der SED. Von 1981 bis 1984 war Krenz Mitglied des Staatsrates der DDR. 1983 wurde er zum Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED für Sicherheitsfragen, Jugend, Sport, Staats- u. Rechtsfragen gewählt. Mit der Ernennung zum Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatsrates wurde Krenz 1984 zum zweiten Mann hinter Erich Honecker.

Wendezeit[Bearbeiten]

Egon Krenz, Vorsitzender des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates der DDR und Mitglieder des Staatsrates bei der ersten Sitzung nach der 10. Volkskammertagung am 24. Oktober 1989
Egon Krenz und Wolfgang Herger (vorn) am Runden Tisch, 22. Januar 1990

Krenz war im Mai 1989 als Leiter der Zentralen Wahlkommission für die Ergebnisfälschungen bei der Kommunalwahl mit verantwortlich. Zur blutigen Niederschlagung des Studentenaufstandes auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking äußerte er am 8. Juni 1989 in der Aktuellen Kamera seinen Beifall.[2]

Die Furcht vor einer „Chinesischen Lösung“ musste sich in der DDR noch verschärfen, als Krenz während der Anfänge der revolutionären Entwicklungen am 1. Oktober 1989 zum 40. Jahrestag der Gründung der VR China dorthin reiste. Danach setzte er sich jedoch als verantwortlicher ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen und Wortführer innerhalb der jüngeren Kräfte in der SED-Parteiführung für eine friedliche Reaktion der Sicherheitskräfte bei den Montagsdemonstrationen ein. Allerdings verbot erst der Befehl 9/89, den Krenz am 13. Oktober gemeinsam mit dem stellvertretenden Verteidigungsminister Streletz an Honecker vorbei formulierte,[3] den Gebrauch von Schusswaffen bei Demonstrationen. Zuvor war die Nationale Volksarmee für den 6. bis 9. Oktober in „erhöhte Gefechtsbereitschaft“ versetzt worden. Zu den für alles Weitere entscheidenden Leipziger Ereignissen am 9. Oktober unterscheiden sich die Darstellung des Egon Krenz und die Angaben der Leipziger Menschenrechtsgruppen 1989[4] erheblich. Während ersterer mit Bezug auf sich selbst schreibt, dass die „Weichen für die Zurückhaltung der Einsatzkräfte … in Berlin gestellt“ worden seien,[5] waren deren Leiter, der Polizeipräsident und der SED-Bezirksleitungschef von Leipzig während der Demonstration mit ihren Entscheidungen, die erst nachträglich von Krenz gebilligt wurden, weitgehend auf sich selbst gestellt.

Was auch immer vorher in Berlin als umorientierende „Weichenstellung“ gelaufen sein mag,[6] war offenbar nicht bis zur Basis der NVA „durchgestellt“ worden. Noch am Nachmittag wurde MG-Schützen bei Befehlsverweigerung mit Militärgericht gedroht.[7]

Trotz des desolaten Gesundheitszustandes und der Wirklichkeitsvergessenheit Honeckers, die große Gefahren in sich barg, wurde ihm erst Mitte Oktober 1989 durch das Politbüro der Rücktritt nahegelegt. Am 18. Oktober wurde der „Kronprinz“[8] Krenz sein Nachfolger als Generalsekretär des ZK der SED. In der Antrittsrede verwendete Krenz erstmals DDR-offiziell den Wende-Begriff.[9] Dabei war die Stabilisierung der SED-Herrschaft als Ziel klar vorgegeben:

„Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wieder erlangen.[10][11]

Krenz wurde am 24. Oktober 1989 außerdem Vorsitzender des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates der DDR. Er verließ mit seiner Frau und seinem Sohn die Wohnsiedlung für die Mitglieder des SED-Politbüros Waldsiedlung Wandlitz bei Berlin und wollte „damit ein Signal setzen“.[12]

Für den 1. November folgte er einer Einladung Gorbatschows nach Moskau. Dazu heißt es in dem Buch „Endspiel“:[13] „Egon Krenz heizte die Stimmung am 1. November nochmals an. Auf einer Pressekonferenz in Moskau … sagte er, alles was sich in den letzten Tagen und Wochen positiv entwickelt habe, sei das Ergebnis von Politbüro und ZK der SED.“ Jedoch bezeichnete er dies in seinem Buch von 1990[14] als einen „Fehler“:

„Ich hatte davon gesprochen, dass meine Partei eine Wende eingeleitet hat‘. Ich wollte dabei aber sagen, dass wir in der Partei eine Wende eingeleitet hatten‘. So verstanden viele: Die Wende durch das Volk hatte es gar nicht gegeben. Die hatte allein die Partei ‚ganz oben‘ gemacht. Das hatte ich natürlich nicht gemeint, und dieser Ausrutscher tat mir leid.“

Diese reuige Darstellung ist wenig bekannt. In seinem Jahre später publizierten tagebuchartigen Bericht[15] stehen 15 Seiten zum 1. November, auf denen die Pressekonferenz (bei 100 Minuten Direktübertragung durch das DDR-Fernsehen) mit keinem Wort erwähnt ist.

Am 3. November unterzeichnete Krenz den Befehl 11/89 im Hinblick auf die für Berlin angekündigte Großdemonstration am Folgetag.[16] Darin hieß es:

„Die Anwendung der Schusswaffe im Zusammenhang mit möglichen Demonstrationen ist grundsätzlich verboten.“

Nach dem Mauerfall am 9. November, der ebenfalls ohne Blutvergießen erreicht werden konnte[17], nahm die Unsicherheit seines Agierens erheblich zu. Bei einer Tagung des „Demokratischen Blocks“ am 11. November zur Vorbereitung des Kabinetts Modrow traf er erstmals mit dem neuen CDU-Vorsitzenden und späteren Ministerpräsidenten Lothar de Maizière zusammen.[18] Seine vorformulierte „kleine Presseerklärung“ zur Tagung charakterisierte dieser als „Hofberichterstattung alten Stils“ und schlug gekürzte Titulierungen vor mit „Herr Generalsekretär Krenz“ ohne Staats- und Verteidigungsrat usw. Dazu Krenz mit Papier und Stift: „Können Sie mir das noch einmal sagen.“[19]

Am 29. November[20] versuchte er, auf den Zug des Aufrufs „Für unser Land“ aufzuspringen.[21][22] Dieser enthielt das Plädoyer für eine vorerst[23] eigenständige sozialistische DDR.

Am 3. Dezember 1989 trat das Politbüro des ZK der SED (einschließlich Egon Krenz) nach massiven Protesten auch aus der Basis dieser Partei geschlossen zurück. Krenz gab am 6. Dezember den Vorsitz des Staatsrates ab. Im Januar 1990 legte er sein Volkskammermandat nieder und wurde aus der (inzwischen umbenannten) SED-PDS (unter Gregor Gysi) ausgeschlossen. Mit dieser Aussage endet sein Buch aus dem gleichen Jahr.[24]

Verurteilung und Haft[Bearbeiten]

Nach 1991 wurde Egon Krenz als Zeuge in verschiedenen Strafverfahren gegen frühere Repräsentanten der DDR vernommen. 1992 bestritt er, in seiner Funktion als oberster Wahlleiter der DDR die systematischen Wahlfälschungen bemerkt zu haben. Dem widerspricht allerdings eine frühere Aussage Krenz' auf der 12. ZK-Tagung der SED im Dezember 1989. Dort sagte er über die Kommunalwahlen im Mai:

„Selbstverständlich ist mir klar und bewußt, auch aus heutiger Sicht, daß das erzielte Wahlergebnis mit der tatsächlichen politischen Situation im Lande weder damals noch heute übereingestimmt hat. Es gab aber keine andere Möglichkeit, ein anderes Wahlergebnis bekanntzugeben, weil es so entsprechend den Protokollen, die auch in den Kreisen existieren, zusammengestellt worden ist. Würden wir jetzt, wie das einige vorschlagen, diese Frage neu aufrollen, Genossinnen und Genossen, ich habe die Furcht, dann räumen wir nicht nur Positionen, die wir noch besitzen, dann können wir ganz nach Hause gehen. Ich bitte, das nicht zu Protokoll zu nehmen.“[25]

Krenz im Jahr 2007

1993 stritt er die Verantwortung der früheren Mitglieder des DDR-Verteidigungsrates für die Verhältnisse an der innerdeutschen Grenze ab. Ab 1993 ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen Krenz wegen des Waffengebrauchs der DDR-Grenztruppen gegen Flüchtlinge (Todesschüsse an der innerdeutschen Grenze) und Anstiftung zur Wahlfälschung.

Die Berliner Staatsanwaltschaft erhob im Juni 1993 Anklage wegen „Totschlags und Mitverantwortung für das Grenzregime der DDR“. Egon Krenz bezeichnete die Anklage wegen der Todesfälle als „verfassungs- und völkerrechtswidrig“. Es kam zum sogenannten Politbüroprozess. Auch im Februar 1996 sprach er der bundesdeutschen Justiz das Recht ab, über frühere Bürger der DDR zu Gericht zu sitzen. Im Juni 1997 bedauerte Krenz vor Gericht einerseits die Opfer an der innerdeutschen Grenze, wies jedoch andererseits seine Verantwortung zurück. Im August verurteilte eine große Strafkammer des Landgerichts Berlin Egon Krenz wegen Totschlags in vier Fällen zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten. Aufgrund einer Haftbeschwerde kam er im September nach 18 Tagen aus der Haft frei. Aus diesen Tagen stammt ein kontroverser und zeitgeschichtlich bedeutsamer Briefwechsel mit Friedrich Schorlemmer, der gesagt hatte, Krenz solle froh sein, „in Moabit und nicht in Bautzen zu sitzen“.[26] - Im November wurde das Verfahren wegen Wahlfälschung gegen ihn eingestellt.

Im November 1999 verwarf der Bundesgerichtshof die Revision gegen das Urteil von 1997, das damit rechtskräftig wurde. Egon Krenz bezeichnete das Urteil als „Kalten Krieg im Gerichtssaal“. Seine Verfassungsbeschwerde wurde vom Bundesverfassungsgericht am 11. Januar 2000 zurückgewiesen. Seine Haftstrafe musste er am 13. Januar in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Hakenfelde antreten. Am 24. Januar wurde Egon Krenz in die Justizvollzugsanstalt Plötzensee verlegt. Am 22. März 2001 verwarf der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte einstimmig die von Krenz eingelegte Menschenrechtsbeschwerde.[27]

Am 18. Dezember 2003 wurde Krenz – nach Verbüßung von nicht ganz vier Jahren – aufgrund eines Beschlusses des Kammergerichts vorzeitig aus der Haft entlassen, der Rest der Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Er war schon länger Freigänger im offenen Vollzug und musste nur noch nachts in die Haftanstalt. Tagsüber war Krenz am Flughafen Berlin-Tegel bei der Germania Fluggesellschaft beschäftigt, für die er ausrangierte Flugzeuge nach Russland verkaufen sollte.
Als 2007, zehn Jahre nach der ersten Publizierung in Mattias Judts „DDR-Geschichte in Dokumenten“, der Schießbefehl an Angehörige einer Spezialeinheit des Ministeriums für Staatssicherheit innerhalb der Grenztruppen, die „die Bewachung der Bewacher“ zu übernehmen hatten, erneut in den Medien publiziert wurde („Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zunutze gemacht haben.“[28]), bestritt Krenz erneut ausdrücklich die Existenz der „Schießbefehle“: „Es hat einen Tötungsbefehl, oder wie Sie es nennen ‚Schießbefehl‘, nicht gegeben. Das weiß ich nicht aus Akten, das weiß ich aus eigenem Erleben. So ein Befehl hätte den Gesetzen der DDR auch widersprochen.“[29][30]

Seit seiner Haftentlassung wohnt er im mecklenburgischen Ostseebad Dierhagen.

Weitere Aktivitäten[Bearbeiten]

Egon Krenz war Ehrengast zum 125. Geburtstag Ernst Thälmanns am 16. April 2011 in Hamburg [31] und hielt eine Rede vor den knapp 100 überwiegend kommunistischen Gästen.[32] Darin würdigte er die Leistungen Thälmanns und beklagte gleichzeitig, dass dessen Verdienste heute nicht mehr gewürdigt werden.[33] Zur untergegangenen DDR meint er, dass er nicht die deutsche Einheit „an sich“ kritisiere, sondern die Art und Weise ihres Zustandekommens und sagte, „… auch ich schaue mit Zorn auf die Verbrechen, die unter falscher Flagge im Namen des Kommunismus verübt wurden“, wurde dabei aber nicht konkreter.[34]

Egon Krenz gehört zu den Autoren der Mitteilungen der Kommunistischen Plattform, die mit der DKP und der KPD zusammenarbeitet.

Aktuelle Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

In der Zeitschrift Geschichte für heute spielt Saskia Handro zum Anlass „Zwanzig Jahre Friedliche Revolution“ auf Barbara Tuchmans Formulierung an, dies sei „Zeitgeschichte, die noch qualmt“.[35] Von einem Konsens über die am nachhaltigsten wirkende ideologische Wortschöpfung des Egon Krenz, den Begriff der Wende in der DDR, im Verhältnis zum Terminus Friedliche Revolution ist man nach wie vor weit entfernt.[36] Sehr grundsätzlich hat sich Rainer Eppelmann, Bürgerrechtler und nachmaliger Minister für Abrüstung und Verteidigung im Kabinett von Lothar de Maizière, dazu geäußert. Er ist Mitautor einer Analyse unter dem Motto[37] „Sind wir die Fans von Egon Krenz?“ Dort[38] heißt es zur Bezeichnung Wende: „Ihr Gebrauch deutet … darauf hin, dass die ostdeutsche Revolution fundamental missverstanden wird.“ Im gleichen Sinne protestiert Lothar de Maizière dagegen, dass „die Zeit des Herbstes 1989 als ‚Wende‘ bezeichnet wird und damit ein Begriff von Krenz aufgegriffen wird, statt sie als das zu bezeichnen, was sie wirklich war, nämlich die Zeit einer friedlichen Revolution“.[39] Ebenfalls mit nachdrücklicher Distanzierung zur Wende-Proklamation des Egon Krenz schrieb die deutsche Bundesregierung zum Jahrestag 20 Jahre Mauerfall unter dem Titel „‚Wende‘? ‚Friedliche Revolution‘? ‚Mauerfall‘?“[40] zu seiner Begriffsbildung, das Schlagwort sei kurz und griffig. „Dennoch ist der Begriff ‚Wende‘ nicht überall willkommen. Viele betrachten ihn als sprachlichen Vereinnahmungsversuch.“

Auch wenn dieser Versuch von Krenz in seinem Buch von 1990, in dessen Titel immerhin die Friedliche Revolution vorkommt, mit dem weiter oben (im Anschnitt Wendezeit) gebrachten Zitat[41] relativiert wurde, wird der Wende-Begriff wegen seiner Herkunft nicht nur in der Politik, sondern auch in der Geschichtswissenschaft[42] und der Pädagogik[43] kaum benutzt. Im Alltag ist allerdings die Bezeichnung Wende[44] mit ihrer verführerischen Kürze und Beliebigkeit unschlagbar. Das wird wohl so bleiben, da die meisten unabhängig von ihrer Meinung zu Krenz „außerordentlich resistent gegen Umakzentuierungen sind“.[45]

„Aber es ist ein Gebot historischer und persönlicher Rechtschaffenheit, seine Rolle bei dem gewaltlosen Ende anzuerkennen. … Es gibt gewissermaßen keine ästhetisch-politische Kategorie für ihn.“

Dies schrieb anlässlich des 20. Jahrestages der Mauer-Öffnung Frank Schirrmacher als Mitherausgeber der FAZ[46] nach einem ausgiebigen Gespräch mit Egon Krenz.[47] Dieses Statement ist besonders bemerkenswert angesichts der nachfolgenden Aussage: „Keine Sekunde hätte man in dem leben wollen, was heute vor zwanzig Jahren zu Ende ging.“

Im Vorfeld des 75. Geburtstages von Egon Krenz am 19. März 2012 titelte die sächsische Freie Presse:[48]

„Egon Krenz sieht sich noch immer als Opfer.“

Dazu wird aus dem Vorwort seiner Gefängnis-Notizen[49] zitiert, aber auch an das obige Schirrmacher-Zitat erinnert. Zuvor geht es um die Aufregung nach der Feier zu seinem 70. Geburtstag,[50] bei dem Kinder der örtlichen KiTa Dierhäger Krabben dem prominenten und spendenfreudigen Bewohner des Ostseebades Dierhagen fröhliche Lieder vorgetragen hatten. Obwohl der parteilose Bürgermeister von „Heckenschützerei“ sprach und die KiTa-Leiterin die Aufregung „albern“ fand, scheinen fünf Jahre später öffentliche Ehrungen ausgeblieben zu sein.[51] Ihre Begründung „Herr Krenz hat seine Strafe abgesessen und ist ein freundlicher Mensch.“ sei nicht selten. Sie lasse seine nach wie vor mangelnde Einsicht unberücksichtigt, dass unter seiner Mitverantwortung an der innerdeutschen Grenze Menschen erschossen wurden. Auch an seine Befürwortung der blutigen Niederschlagung des Studentenaufstandes in Peking im Juni 1989, die die Bürgerrechtler in Angst und Schrecken versetzte, erinnerte die Presse noch einmal.

Im Zusammenhang mit den am Ende des vorigen Abschnitts erwähnten Aktivitäten steht, dass 2009 ein schriftlicher Antrag von Mitgliedern der Linken, den vom Spiegel so genannten „Krenz-Truppen“, an die Parteiführung gestellt wurde, Egon Krenz (wieder) aufzunehmen. Diese konstatierte die unveränderte Gültigkeit seines Ausschlusses aus der SED/PDS vom 21. Januar 1990 (siehe Abschnitt Wendezeit). Auch gab es eine Absprache des Bundesgeschäftsführers der Nachfolgepartei mit Krenz, dass dieser keinen Aufnahmeantrag stellen werde.[52] Jedenfalls bleibt der Umstand bestehen, dass man selbst innerhalb dieser Partei von einem Konsens über das Verhältnis zu Egon Krenz weit entfernt ist.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Er hätte uns gescholten. In: „Aber ich glaube an den Triumph der Wahrheit“ : Ernst Thälmann zum 125. Geburtstag. Eberhard Czichon (Herausg.), mit Beiträgen von Margot Honecker und anderen.Heinen Verlag Berlin 2011. ISBN 978-3-939828-66-2.
  • Die Aufgaben der FDJ-Grundorganisationen an den Oberschulen. Berlin 1972.
  • Zur Jugendpolitik der SED. Auf dem Weg zum XI. Parteitag der SED. Berlin 1985.
  • Rede auf der 9. Tagung des ZK der SED, 18. Oktober 1989. In: Beginn der Wende und Erneuerung. Dietz Verlag Berlin 1989, ISBN 3-320-01539-7.
  • Das Wohl des Volkes ist unser elementarer Leitsatz. Erklärung des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR vom 24. Oktober 1989 vor der Volkskammer der DDR. Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1989, ISBN 3-329-00688-9.
  • Wenn Mauern fallen. Die friedliche Revolution. Vorgeschichte – Ablauf – Auswirkungen. Unter Mitarbeit von Hartmut König und Gunter Rettner. Paul Neff Verlag, Wien 1990, ISBN 3-7014-0301-5.
  • Widerworte. Aus Briefen und Zeugnissen 1990 bis 2005. edition ost, Berlin 2006, ISBN 3-360-01071-X.
  • Exklusivinterview mit Genossen Egon Krenz. Wir stehen fest an der Seite Kubas. In: RotFuchs. [1]
  • Herbst '89. Mit einem aktuellen Text. edition ost, Berlin 2009, ISBN 978-3-360-01806-9. (1. Auflage. 1999)
  • Gefängnis-Notizen. edition ost, Berlin 2009, ISBN 978-3-360-01801-4.
  • Deutsche Jubiläen und Lehren der Geschichte. In: STOPP NATO! 60 Jahre Nato. 60 Jahre Bedrohung des Friedens. Verlag Wiljo Heinen, Berlin 2009, ISBN 978-3-939828-38-9.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Egon Krenz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikiquote: Egon Krenz – Zitate

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Fatina Keilani, Die Mauern sind offen. In: Der Tagesspiegel, 19. Dezember 2003.
  2. Egon Krenz: das SED-Chamäleon.
  3. Frank Schirrmacher: Wo ist Egon Krenz? Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9. November 2009
  4. IFM-Archiv Sachsen: 9. Oktober 1989 * Tag der Entscheidung: Blatt9/ 1999, besonders S. 9.
  5. E. Krenz 1990, S. 138.
  6. Krenz 2009, „Der 9. Oktober“: S. 129–137 und 204f. Im vorangestellten „aktuellen Text“ dieser Auflage wird dazu auf S. 8 seine 1990er Sicht auf die eigenen Aktivitäten bekräftigt, wobei er die Deutungshoheit für die Ereignisse 20 Jahre später wieder stärker beansprucht.
  7. Roland Mey: Der Schießbefehl am 9. Oktober 1989. Onlineshop-Angebot mit Inhaltsangabe, Osiris Online-Verlag, 2011.
  8. Krenz 2009, S. 172.
  9. Krenz 2009, S. 164: Es deutet nichts darauf hin, dass bei der Wahl dieses Begriffs in der vorangegangenen Nacht dessen Verwendung auf dem „Spiegel“-Cover zwei Tage zuvor oder im Aufruf der oppositionellen Vereinigten Linken vom 4. September 1989 eine Rolle gespielt hat. Eher könnte sein Gebrauch in der Bundesrepublik anregend gewirkt haben, wo er Anfang der 1980er Jahre von Helmut Kohl in den Wahlkampf gegen die SPD eingeführt wurde. Hierzu heißt es bei Eppelmann und Grünbaum (2004, S. 865): „Wer …, gerade auch im Hinblick auf das Jahr 1982, für die Ereignisse von 1989 den Begriff „Wende“ benutzt, der degradiert den Sturz der SED-Herrschaft in der DDR zum bloßen Regierungswechsel.
  10. Neues Deutschland vom 19. Oktober 1989. – Im Originalton, allerdings ohne den brisanten zweiten Halbsatz: Hörzitat Krenz zur „Wende“ (0‘05‘‘)unter der Rubrik „DDR-Regierung“.
  11. Krenz 2009. Dort wird auf S. 179 zur TV-Wiederholung dieser Rede ein Sender-Versehen bei der Anrede der DDR-Bürger als „Liebe Genossinnen und Genossen“ vermutet, die ihm im Volk sehr verübelt wurde.
  12. Krenz 1990, S. 235.
  13. Kowalczuk 2009, S. 447.
  14. Krenz 1990, S. 150f. und S. 223.
  15. Krenz, zuerst 1999. Der 2009 vorangestellte „aktuelle Text“ liest sich wie eine Rücknahme der 1990er Einsichten.
  16. Schorlemmer 1990, S. 113f. aus der Rede des Wittenberger Pfarrers am 4. November auf dem Alexanderplatz: „Trauen wir jedem eine Wende zu! … Denken wir daran, welche Befürchtungen der neue erste Mann auslöste und welche neue Bewegung mit ihm schon in Gang gekommen ist.“ Im Übrigen war der Befehl den Demonstranten nicht bekannt, die Leib und Leben riskierten, „die chinesische Angst im Bauch und die Sicherheitsmaschinerie vor Augen“. (Schorlemmer 1990, S. 130.)
  17. Bei der Übernahme des Verteidigungsrats-Vorsitzes am 24. Oktober konnte sich Krenz zum sofortigen Erlass eines Befehls gegen den Schusswaffen-Gebrauch offenbar noch nicht durchringen. Die Gefahr einer Eskalation war jedoch bei vielen vorangegengenen Meetings weit höher als bei der Alexanderplatz-Kundgebung. Auch schlossen die „möglichen Demonstrationen“ im Befehl vom 3. November manche Grenzsituationen am 9. November nicht ohne Weiteres ein.
  18. Krenz 2009, S. 325f.
  19. de Maizière 2010, S. 88–90: Er habe ihm dann seinen Text diktiert und von einem Nachbarn zugeflüstert bekommen: „Sehen Sie, so wird aus einem Generalsekretär ein Sekretär.“
  20. Neues Deutschland, 30. November 1989.
  21. Krenz 2009, S. 397: „Hätte ich geahnt, welche Reaktion meine Unterschrift hervorruft, ich hätte darauf verzichtet.“
  22. Krenz 1990, S. 238–240.
  23. Schorlemmer 1990, S. 134: „… damit wir schließlich einmal Einheit in Frieden gewinnen.“ Als einer der 30 Erstunterzeichner des Aufrufs vom 26. November (zusammen mit zwei anderen wichtigen Kirchenvertretern) sagte Friedrich Schorlemmer dies in seiner Dankesrede zur Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille im Dezember 1989 in Berlin (West).
  24. Krenz 1990, S. 246. Laut S. 198 wurden „die Druckmaschinen … bis zum Morgen nach der Wahlnacht“ am 19. März 1990 angehalten für den dann geschriebenen, niedergeschlagenen Kommentar zum unerwarteten Ergebnis.
  25. Zitiert nach: Hans-Hermann Hertle/Gerd-Rüdiger Stephan (Hrsg.): Das Ende der SED. Die letzten Tage des Zentralkomitees. Ch. Links Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-86153-143-7, S. 465f.
  26. Krenz 2009, S. 453-465, Abschnitt Zwei Briefe und zwei Sichten. – Das Stasigefängnis Bautzen II gilt als Inbegriff des DDR-Unrechtes und wurde ab 1993 zu einer Gedenkstätte umfunktioniert.
  27. Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vom 22. März 2001
  28. http://www.welt.de/politik/article3491088/Warum-die-Leugner-des-Schiessbefehls-luegen.html
  29. Die brutale Wahrheit über die DDR Bild, 13. August 2007
  30. Auf, auf zum Kampf…“ - Geburtstagsfeier für Ernst Thälmann in Hamburg; Neues Deutschland vom 18. April 2011.
  31. Der Spiegel, 23. April 2011: „Krenz hilft Lötzsch“.
  32. In: E. Cichon (Hrsg.) 2011
  33. „Auf, auf zum Kampf…“ - Geburtstagsfeier für Ernst Thälmann in Hamburg; Neues Deutschland vom 18. April 2011.
  34. Saskia Handro: Zwanzig Jahre Friedliche Revolution. 1989 und wir. Geschichtsdidaktische Reflexionen, in: gfh. Zeitschrift für historisch-politische Bildung. Jahrg. 2 (2009), Heft 2, S. 5-14.
  35. Handro 2009, S. 9-12.
  36. In Anlehnung an den alten Slogan, als Krenz noch Chef der FDJ war: „Wir sind die Fans von Egon Krenz“; immer noch aktuell: DDR-Aufarbeitung. Stefan Berg in Der Spiegel, 16. Februar 2009.
  37. Eppelmann und Grünbaum 2004, S. 865.
  38. L. de Maizière 2010, S. 52.
  39. Die Bundesregierung: „Wende oder wie?“ vom 19. Okt. 2009.
  40. Krenz 1990, S. 150 f. zum 1. November 1989
  41. siehe beispielsweise Handro 2009 - Eine interessante Sicht auf den „Euphemismus“ Wende bietet Beatrice de Graaf: Die friedliche Revolution - Mauerfall und deutsche Geschichtsschreibung aus niederländischer Sicht. In: Kerzen - Kirche - Kontroversen. Die Rolle der evangelischen Kirche 1989/1990 in der Zeitgeschichtsschreibung. Texte einer Tagung in der Evangelischen Akademie Thüringen, Neudietendorf, 6.-7. November 2009. Evangelischer Pressedienst, Nr. 11. Frankfurt (Main) 2010, S. 27–32.
  42. Carsten Schröder: Expertise (PDF-Datei; 176 kB) „Die Darstellung der friedlichen Revolution in der DDR im Schulbuch.“ Berlin 2004. Auf den Seiten 4 und 5 wird die Ablehnung des Wende-Begriffs für den Schulgebrauch ausdrücklich mit seiner Einführung durch Krenz begründet.
  43. Im Duden steht: „Die Wende (Geschichte; der große politische und gesellschaftliche Umbruch des Jahres 1989 in der DDR: nach, seit, vor der Wende).“ Dabei ist jedoch die Jahresangabe ungewöhnlich, denn „nach der Wende“ heißt allgemein „nach 1990“ und nicht selten „nach der Wiedervereinigung“.
  44. Handro 2009, S. 11.
  45. „Mauerfall: Wo ist Egon Krenz?“, FAZ vom 9. November 2009.
  46. Das Treffen fand am Resort Schwielowsee statt, das „zwanzig Jahre nach dem Mauerfall einem ehemaligen Schalck-Golodkowski-Vertrauten und einem ehemaligen ‚Bild‘-Zeitungs-Chefredakteur gehört“. Mit einem Anflug von Galgenhumor kam auf die Eröffnungsfrage: „Herr Krenz, was sagen Sie dazu, dass zwanzig Jahre nach dem Ende des Sozialismus der Kapitalismus in seiner größten Krise ist?“ die Antwort: „Umgekehrt wäre es mir lieber gewesen.“
  47. „Der vorletzte DDR Staatsratsvorsitzende wird 75“: Freie Presse vom 13. März 2012.
  48. Krenz, Gefängnis-Notizen, 2009
  49. J. Oberwittler in Der Spiegel: Heikles Geburtstagsständchen. 9. April 2007
  50. Süddeutsche Zeitung vom 19. März 2012: Egon Krenz wird 75.
  51. Krenz-Truppen machen mobil: Der Spiegel, 16. Februar 2009.