Maria Leitner

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Maria Leitner

Maria Leitner (* 19. Januar 1892 in Varaždin, Ungarn; † 14. März 1942 in Marseille)[1] war eine deutschsprachige ungarische Journalistin und Schriftstellerin. Seit etwa 1920 benutzte sie einen Pass mit dem Geburtsdatum 22. Dezember 1893 und verwendete diese Angabe offiziell bis an ihr Lebensende.

Leben[Bearbeiten]

Maria Leitner entstammte einer zweisprachigen jüdischen Familie. Sie wuchs in Budapest auf. Dort besuchte sie von 1902 bis 1910 die ‚Ungarische Königliche Höhere Mädchenschule‘. Sie studierte danach in Wien und Berlin Kunstgeschichte und absolvierte ein Praktikum in der Berliner Galerie von Paul Cassirer, woraus die Übersetzung von William Hogarths Aufzeichnungen (1914) ins Deutsche resultierte. Ab 1913 arbeitete sie bei der Budapester Boulevardzeitung Az Est (Der Abend). Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges berichtete sie u. a. als Korrespondentin für Budapester Zeitungen aus Stockholm.

Während des Krieges schlossen sich große Teile der revolutionär gesinnten ungarischen Jugend der antimilitaristischen Bewegung an. Maria Leitner und ihre Brüder Johann, (auch: János Lékai / John Lassen. 1895-1925) und Max / Maximilian (auch: Miksa 1892-1942?), beteiligten sich aktiv beim sozialistisch-pazifistisch ausgerichteten Galilei-Zirkel. János Lékai wurde zum Leiter des Ungarischen Verbands der Kommunistischen Jungarbeiter ernannt und war Mitbegründer Kommunistischen Jugend-Internationale (KJI). Mitgerissen von der revolutionären Begeisterung traten die Brüder 1919 der Kommunistischen Partei Ungarns bei und Maria Leitner solidarisierte sich mit ihnen. Mit dem Fall der Räterepublik unter Béla Kun mussten alle drei ihr Heimatland für immer verlassen. Sie emigrierten nach Wien und Berlin.

Von Wien aus reiste Maria Leitner im Sommer 1920 als Beobachterin für Ungarn zum II. Kongress der KJI nach Moskau. Bei diesem Treffen lernte sie Willi Münzenberg kennen, der zu dieser Zeit dem Exekutivkomitee der KJI angehörte. Anschließend arbeitete sie beim Verlag der Jugendinternationale in Berlin u. a. als Übersetzerin. 1923 erschien die von ihr übersetzte, herausgegebene und mit einem Nachwort versehene Sammlung Tibetanische Märchen im Axel Juncker Verlag Berlin und die englisch-ungarische Übersetzung von Jack Londons Roman Die eiserne Ferse in der ungarischen Arbeiterzeitung Uj Elöre in New York.

1925 reiste sie im Auftrag des Ullstein Verlages in die USA. Drei Jahre lang durchquerte sie den amerikanischen Kontinent von New York über Massachusetts, Pennsylvania, Virginia, Georgia, Alabama, Florida, bis hin zu Venezuela, Britisch- und Französisch-Guayana und den karibischen Inseln Haïti, Curaçao, sowie Aruba. Sie nahm 80 verschiedene Stellen an, um aus eigener Erfahrung über die Arbeitsbedingungen der Menschen zu berichten. Sie arbeitete als Dienstmädchen und Zigarrendreherin, besuchte Zuchthäuser und südamerikanische Diamantenminen. Im Mittelpunkt ihrer sozialkritischen Reportagen stand das Amerika der kleinen Leute auf der Kehrseite des American Dream.

Zurück in Berlin veröffentlichte Maria Leitner 1929 zum zehnten Jahrestag des Falles der Ungarischen Räterepublik die Novelle Sandkorn im Sturm in der Welt am Abend. In der Erzählung schilderte sie die tragischen Erlebnisse einer Dorfgemeinschaft zu der Zeit, als die Konterrevolution die Räterepublik zerschlug.

1930 trat die Schriftstellerin in den Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller ein, zu dessen Mitgliedern auch Bertolt Brecht, Johannes R. Becher, Andor Gábor, Erich Mühsam, Erich Weinert und Anna Seghers gehörten. Im gleichen Jahr erschien ihr erster sozialkritischer Roman ‚Hotel Amerika‘ im Neuen Deutschen Verlag. Eingebettet in eine Kriminalhandlung, wird die Geschichte des irischen Wäschemädchens Shirley O’Brien thematisiert, parallel zu den sozialen Missständen für die Arbeiterinnen und Arbeiter in einem New Yorker Luxushotel. Hotel Amerika fand einen großen Leserkreis und erschien auch in spanischer und polnischer Übersetzung. 1933 kam das Buch auf die Liste der zu verbrennenden Bücher.

Ihre Sozialreportagen aus Amerika hat Maria Leitner in der Reportagesammlung Eine Frau reist durch die Welt zusammengefasst, die 1932 im Berliner Agis-Verlag erschien und sofort starke Beachtung fanden. 1934 wurde das Buch ins Polnische übersetzt und zwei Jahre später in der Sowjetunion wiederholt als Sprachübungstext herausgegeben.

Im Rahmen antifaschistischer Aktionen ging Maria Leitner 1932 auf Entdeckungsfahrt durch Deutschland und berichtete für die Welt am Abend und die Arbeiter Illustrierte Zeitung über die soziale und politische Situation in kleinen Städten und Dörfern, in denen bereits Nazis die Politik bestimmten. In der Reportage Im Krug eines Hitler Dorfes, suchte sie beispielsweise Antworten darauf, wie es Hitler bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 gelingen konnte, in den abgelegenen Dörfern die Mehrheit der Stimmen zu gewinnen.

Die Probleme der Frauen lagen Maria Leitner stets besonders am Herzen. Im Januar und Februar 1933 erschien die Artikelfolge Frauen im Sturm der Zeit, worin die Reporterin das schwere Leben von acht Berlinerinnen „zwischen Arbeitsstätte und Stempelstelle“, wie es im Untertitel heißt, schildert.

Bis 1933 veröffentlichte sie Beiträge in verschiedenen, nicht nur linken, Presseorganen der Weimarer Republik. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung im Januar 1933 lebte Maria Leitner noch eine Zeitlang illegal in Deutschland, bevor sie ins Exil ging. Ihr Weg führte sie über Prag und das Saarland 1934 nach Paris, wo sie sich bis April 1940 aufhielt.

Nachweislich kehrte sie mehrfach illegal nach Nazi-Deutschland zurück und berichtete u. a. über die geheimen Kriegsvorbereitungen. Diese Reportagen erschienen 1936 bis 1939 in der Moskauer Exilzeitschrift Das Wort, der Pariser Tageszeitung und in der Prager Zeitschrift Die Neue Weltbühne. Durch ihre Publikationen vermittelte sie dem Ausland wesentliche Tatsachen über die Verhältnisse im faschistischen Deutschland, beispielsweise über die Situation der Arbeiter bei den I. G. Farben oder die totgeschwiegene Explosion in der Sprengstofffabrik Reinsdorf bei Wittenberg und setzte so ihre Entdeckungsfahrt in Deutschland von 1932 fort. 1938 ließ sie sich als Ausländerin in Düsseldorf das für Deutsche verbotene Heine-Gedenk-Zimmer für den nun verfemten Dichter aufschließen und berichtete vom Besuch bei Heinrich Heine in der Zeitschrift Das Wort.

In ihrem 1937 in der Pariser Tageszeitung als Fortsetzungsdruck erschienenen Roman Elisabeth ein Hitlermädchen erzählt sie die Liebesgeschichte einer Berliner Schuhverkäuferin zu einem SA-Mann, der zum Offizier avanciert. Die Protagonistin Elisabeth, erlebt das alltägliche Schicksal eines jungen Mädchens in Nazi-Deutschland, sie ist Mitglied des Bundes Deutscher Mädel, wird zum Arbeitsdienst geschickt und macht Gasschutzübungen in „ihrem“ Kaufhaus, sie träumt von romantischen Nachmittagen am Waldsee, doch die Hitlerjugend will nur Geländeübungen und Nachtmärsche gelten lassen. Der Roman kann dem in der Weimarer Republik weit verbreiteten Genre des Angestelltenromans zugeordnet werden und stellt gleichzeitig ein Pendant zu den Jugendromanen nationalsozialistischer Prägung dar, indem sie Methoden der versuchten Manipulierung junger Menschen durch die Nazi-Propaganda und –organisationen entlarvt.

Im Mai 1940 wurde Maria Leitner von den französischen Behörden zusammen mit anderen deutschen Exilanten im Lager Camp de Gurs in den französischen Pyrenäen interniert. Ihr gelang die Flucht über Toulouse nach Marseille, wo sie in extrem ärmlichen Verhältnissen im Untergrund lebte. Sie versuchte vergeblich durch Vermittlung der Hilfsorganisationen „American Guild for German Cultural Freedom“, des Emergency Rescue Committees (ERC) von Varian Fry sowie des amerikanischen Schriftstellers Theodore Dreiser ein Visum für die Vereinigten Staaten zu erlangen. Am 4. März 1941 schrieb sie ihren vermutlich letzten Hilferuf. Im Frühjahr 1941 wurde sie noch einmal von Luise Kraushaar in Toulouse sowie von Anna Seghers und Alexander Abusch in Marseille gesehen..[2] Jetzt ist belegbar, dass die Mitarbeiter des Emergency Rescue Committee und der American Guild for Cultural Freedom bis zuletzt bemüht waren ein Visum für sie zu beschaffen. Sie starb am 14. März 1942 in Marseille an körperlicher Erschöpfung.

Maria Leitner ist eine frühe Vertreterin der Reportageliteratur. Ihre Arbeiten zeichnen sich dadurch aus, dass sich die Autorin bei ihrer Beschreibung der Lebensverhältnisse der Arbeiterschaft nicht auf den Blick von außen verließ, sondern sich zeitweise in das zu beschreibende Milieu begab und z. B selbst als niedere Arbeitskraft Erfahrungen sammelte.

Maria Leitner hatte es sich als Sozialistin zur Aufgabe gemacht, die Lebensbedingungen der Bevölkerungsschicht und der sozialen Randgruppen mit ihrer Sprache darzustellen und zu verändern. Ihre Reportagen zählen zur proletarisch-revolutionären Literatur.

Werksauswahl[Bearbeiten]

Übersetzungen[Bearbeiten]

  • William Hogarth: William Hogarths Aufzeichnungen, Berlin 1914
  • Tibetanische Märchen, Berlin 1923
  • Jack London: Die eiserne Ferse. (The iron heel) (A vaspata.) Roman, Übertragung in das Ungarische. Uj Elöre, New York 1923.

Literatur[Bearbeiten]

Weiteres:

  • Bénédite, Daniel: La filiére marseillaise, Über seine Tätigkeit in der Hilfsorganisation, Paris 1981 (darin: Maria Leitner, S. 295).

Übersetzungen in andere Sprachen[Bearbeiten]

Spanisch:

  • Hotel América. Traducción de E. R. Sadia. Madrid: Editorial Cenit, 1931.

Russisch:

  • Лейтнер, Мария. Женщина путешествует по свету: Пер. с нем./ Мария Лейтнер; Обраб. Е.К. Чаплиной. 2-е изд., испр. Москва : Изд-во лит. на иностр. яз., 1937.
  • Лейтнер, Мария. Женщина путешествует по свету: (по очеркам М. Лейтнер): немецкий язык со словарем и грамматическими комментариями / М. Лейтнер ; обработка Е. К. Чаплина. 4-е испр. изд. Москва : Издательство литературы на иностранных языках, 1940.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Julia Killet: Zum 70. Todestag der proletarisch-revolutionären Schriftstellerin und Exilreporterin Maria Leitner, junge Welt, 16. März 2012
  2. Kurzbiografie auf Frauen-Kultur-Archiv