Taxi zur Hölle

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Filmdaten
Deutscher Titel Taxi zur Hölle
Originaltitel Taxi to the Dark Side
Produktionsland Vereinigte Staaten
Originalsprache Englisch
Erscheinungsjahr 2007
Länge 106 Minuten
Altersfreigabe FSK 16[1]
Stab
Regie Alex Gibney
Drehbuch Alex Gibney
Produktion Alex Gibney, Eva Orner, Susannah Shipman
Musik Ivor Guest
Kamera Maryse Alberti,
Greg Andracke
Schnitt Sloane Klevin

Taxi zur Hölle ist ein US-amerikanischer Dokumentarfilm aus dem Jahr 2007, der bei der Oscarverleihung 2008 den Preis als bester Dokumentarfilm gewonnen hat. Er berichtet über den Tod des afghanischen Taxifahrers Dilawar, der von US-Soldaten und US-Folterspezialisten zu Tode gefoltert wurde, während er im Militärgefängnis Bagram gefangen gehalten wurde. Dabei untersucht der Film die amerikanischen Richtlinien zur Folter und Vernehmung.

Inhalt[Bearbeiten]

US-Vizepräsident Dick Cheney
Dilawar im Militärgefängnis Bagram
Skizze, die Dilawar kopfüber gefesselt im Militärgefängnis Bagram zeigt und von US-Militärpolizisten stammt

Wenige Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 begannen, ausgehend vom Stab des US-Vizepräsidenten Dick Cheney, Überlegungen zur Änderung der Verhörpraktiken mit dem Zweck, sie im von Präsident George W. Bush erklärten Krieg gegen den Terror einzusetzen. In Cheneys Auftrag formulierte der Jurist John Yoo die Leitlinien für die legale Anwendung von Folter durch US-Militärangehörige. In Yoos sogenanntem „Folter-Memo“ wurde der Begriff Folter neu definiert, sodass US-Militärangehörige nicht mehr der Folter angeklagt werden können. Als Grundlage für diese Bestimmungen diente ein von Alberto R. Gonzales, Bushs juristischem Berater, erarbeitetes Rechtsgutachten, das besagt, dass die Genfer Konventionen für Terrorismusverdächtige nicht mehr gültig sind. Cheney erläuterte seine Absichten zu der Zeit in einem Fernsehinterview:

“We have to work sort of the dark side, if you will. We've got to spend time in the shadows, in the intelligence world. A lot of what needs to be done here will have to be done quietly, without any discussion, using sources and methods that are available to our intelligence agencies.”

„Wir müssen sozusagen auf der dunklen Seite arbeiten, wenn Sie so wollen. Wir müssen Zeit im Verborgenen verbringen, in der Geheimwelt. Vieles von dem, was hier getan werden muss, muss im Stillen und ohne Diskussionen getan werden und, indem Quellen und Methoden genutzt werden, die für unsere Geheimdienste verfügbar sind.“

Dick Cheney[2]

Auf der Grundlage von Yoos Memo begann die Bush-Regierung, als besonders wertvoll eingestufte Gefangene in das Militärgefängnis Guantanamo auf Kuba zu verlegen, in dem weder kubanisches noch US-amerikanisches Recht galten. Darunter befand sich auch Mohammed al-Qahtani, der der Mittäterschaft an den Anschlägen von 9/11 verdächtigt wurde. Weil al-Qahtani den Standard-Verhörtechniken der CIA acht Monate lang widerstand, befahl US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die Einführung und Anwendung von Verhörtechniken, die darüber hinausgehen, während die Details der Anwendung den Verhörspezialisten überlassen blieben. Al-Qahtani wurde sensorischer Deprivation unterzogen und – auch um seinen Glauben zu brechen und ihn kulturell zu destabilisieren – sexuell gedemütigt. Anfang Dezember 2002 autorisierte Rumsfeld in einem Memo bestimmte Verhörtechniken, darunter Phobie-orientierte Techniken, Isolationshaft von bis zu 30 Tagen und Lichtentzug. Alberto J. Mora, Rechtsberater der Marine, beurteilte diese Techniken als auf Folter hinsauslaufend. Auf seine Drohung hin, die Erlaubnis öffentlich zu machen, zog Rumsfeld die Genehmigung wieder zurück.

Am 1. Dezember 2002 startete der afghanische Taxifahrer Dilawar mit drei Passagieren zu einer Fahrt von der Stadt Chost in seine Heimatstadt Yakubi. Nahe der US-Artilleriebasis Salerno (Provinz Chost) wurden er und die Passagiere von afghanischen Milizen aufgegriffen und als angeblich Mitschuldige an einem Raketenangriff auf die Basis, der an diesem Morgen verübt worden war, an das US-Militär übergeben. Am 5. Dezember wurde er als Verdächtiger für den Angriff im Militärgefängnis Bagram eingesperrt.

Unter der Leitung von Captain Caroline Wood wurden einige der in Guantanamo angewandten Techniken, darunter Stresshaltungen und Schlafentzug, auch in Bagram und bei Dilawar eingesetzt. Ziel war es, trotz Beweismangels Schuldige zu ermitteln und Geständnisse zu erhalten. Aussagen Dilawars wurden teils falsch übersetzt. Er wurde von Mitgliedern der US-Militärpolizei verhört, die dazu vom militärischen Abhördienst beauftragt worden waren und die noch keine praktische Erfahrung mit Verhören hatten. Der militärische Abhördienst befahl, die Gefangenen gesprächsbereit zu machen, zu demütigen und zu brechen. Die Militärpolizisten folterten und quälten Dilawar. Mit Tritten in seine Beine, während seine Hände kopfüber gefesselt waren, wollten sie ihn unter Kontrolle bringen. Er erhielt Schläge in die Nieren; mit einem Nasenbeinbruch als Folge wurde ihm gefesselt auf den Rücken gesprungen. Am 10. Dezember 2002 war Dilawar tot. Entsprechend des Autopsie-Ergebnisses war seine Beinmuskulatur zu Brei geschlagen worden, sodass die Beine hätten amputiert werden müssen.

Nach Dilawars Tod stellte sich heraus, dass der Milizkommandeur, der die Taxi-Insassen aufgegriffen hatte, den Raketenangriff selbst angeordnet hatte, um den US-Amerikanern Unschuldige als Verdächtige zu übergeben und sich so bei ihnen beliebt zu machen. Dennoch wurden die anderen drei Fahrgäste nach Guantanamo verlegt. Nur fünf Prozent der Gefangenen in Afghanistan wurden von den US-Truppen verhaftet, mehr als 90 Prozent hingegen von der Nordallianz oder von Pakistanern, um Kopfgelder zu kassieren.

Ehe Wood die Leitung in Abu Ghuraib übernahm, wurde sie für ihre Arbeit in Bagram mit einem Tapferkeitsorden ausgezeichnet. Der Kommandeur des Guantanamo-Gefängnisses, Geoffrey D. Miller wurde 2003 nach Irak versetzt und führte die nur für Guantanamo zugelassenen Verhörmethoden auch dort ein.

Dilawar ist einer von zwei, in Bagram durch Folter gestorbenen Häftlingen. In Abu Ghuraib starben über 100 Häftlinge an Folter. Colin Powells Stabschef Lawrence Wilkerson sagte, dass der Verteidigungsminister und andere Regierungsmitglieder ausdrücklich nach Möglichkeiten gesucht hätten, Druck auf die Gefangenen auszuüben. Erst unter dem Druck der Öffentlichkeit in Folge von New-York-Times-Artikeln erhob die US-Armee Anklage wegen der Misshandlungen.

Die Gefangenen in Guantanamo hatten keine Möglichkeit, sich zu verteidigen oder Einspruch gegen ihre Gefangennahme einzulegen, Anwälte durften jahrelang nicht zu ihren Klienten. Die Grundrechte der Gefangenen waren ausgehebelt. Im Juni 2004 verwarf das oberste US-Bundesgericht die Position der US-Regierung, Häftlinge in Guantanamo unbegrenzt lange festzuhalten. Die Armee richtete ein Sondertribunal ein, aber auch dort hatten die Gefangenen kein Recht auf einen Anwalt. Sie wurden separat eingesperrt, bis die USA ein Zielland für die Abschiebung gefunden hatte. 81 Gefangene traten in Hungerstreik, mindestens vier begingen Suizid.

2005 kam es in den USA zu einer Debatte über die Misshandlung von Gefangenen, die nationale Sicherheit und den Vorrang des Gesetzes. Der republikanische Senator John McCain, der einst selbst Folteropfer war, brachte im Oktober 2005 im US-Kongress ein Gesetz zum Umgang mit den Inhaftierten ein, das auch ein völliges Folterverbot enthält.

Kurz nach dem 11. September 2001 erhielt die CIA die Erlaubnis, Wasserfolter anzuwenden. Als einer der ersten wurde ihr der Libyier Ibn al-Shaykh al-Libi unterzogen. Dazu wurde er von den USA nach Ägypten gebracht. Dort sagte er aus, dass Saddam Husseins Regime die Al-Quaida in chemischer und biologischer Kriegsführung ausgebildet hätte. Der Film nennt dies als Beispiel für das Scheitern von Folter. Damit rechtfertigten Colin Powell und die US-Regierung vor den Vereinten Nationen den Krieg der USA gegen den Irak. Ein Jahr später wurde al-Libi als unglaubwürdig eingestuft, die unter Folter gewonnene Aussage war falsch.

Auch am Beispiel der US-Fernsehserie 24, aus deren vierter Staffel zwei kurze Ausschnitte zu sehen sind, geht der Film auf das von Folterbefürwortern verwendete Szenario der „Tickenden Zeitbombe“ ein, bei dem ein verheerender Terroranschlag unmittelbar bevorsteht und der Staat wegen der begrenzten Zeit Folter für das Abwenden des Anschlages verwenden sollte. Der Historiker Alfred W. McCoy beurteilt dieses Szenario im Interview als extrem unrealistisch. Serien wie 24 hätten der Bush-Regierung den Weg geebnet für die Bejahung der Anwendung von Folter in der Bevölkerung, ohne Gesetze und Abkommen zu unterlaufen.

Nachdem das oberste Bundesgericht Bushs Vollmachten der Kriegsführung eingeschränkt hatte und entschieden hatte, dass Verhöre entsprechend den Genfer Konventionen zu führen seien, war Bush dazu gezwungen, das CIA-Programm offenzulegen. Daraufhin brachte die Bush-Regierung ein neues Gesetz ein, das die Auflagen des Bundesgerichts umgeht und vom Kongress gebilligt wurde. Damit stimmte Bush den Genfer Konventionen zu, solange er ihren Inhalt und den Rahmen ihrer Anwendung selbst definieren könne. Durch das Gesetz wurden zwar die Mitglieder der Bush-Regierung, nicht jedoch die Soldaten an der Front, für die Anwendung von Folter rückwirkend bis 9/11 begnadigt.

Aufbau und Inszenierung[Bearbeiten]

Der Film ist in neun, von einer Einleitung gefolgte Abschnitte gegliedert:

  1. Ein paar faule Äpfel
  2. Todesursache
  3. Vorschriften-Änderung
  4. Das Labor
  5. Der Insider
  6. Der falsche Mann
  7. Die Schlimmsten der Schlimmen
  8. Der Vorrang des Gesetzes
  9. Die tickende Zeitbombe

Veröffentlichung[Bearbeiten]

Der Film feierte seine Premiere beim Tribeca Film Festival in New York am 28. April 2007.

Im deutschsprachigen Fernsehen lief der Film erstmals am 8. Oktober 2007 auf dem deutsch-französischen Kultursender arte.

Kritik[Bearbeiten]

Der Film ist mit 100 % positiven von 91 Kritikerrezensionen auf RottenTomatoes einer der am besten bewerteten Filme aller Zeiten.

Claus Christian Malzahn urteilte bei Spiegel online, der Film liefere „einen ebenso präzisen wie verstörenden Einblick hinter die Kulissen der Verhörmaschinerie in den US-Gefängnissen von Guantanamo, Abu Ghureib und Bagram.“[3]

Auszeichnungen und Nominierungen[Bearbeiten]

Preis[4] Jahr Kategorie Person(en) Resultat
Oscar 2008 Best Documentary, Features Alex Gibney, Eva Orner Gewonnen
Gold Hugo 2007 Best Documentary Alex Gibney Gewonnen
Cinema Eye Honors Award 2008 Outstanding Achievement in Direction Alex Gibney Gewonnen
DGA Award 2008 Outstanding Directorial Achievement in Documentary Alex Gibney Nominiert
Golden Trailer Award 2008 Best Documentary Poster Nominiert
NBR Award 2007 Top Five Documentaries Gewonnen
News & Documentary Emmy Award 2009 Best Documentary Gewonnen
News & Documentary Emmy Award 2009 Outstanding Individual Achievement in a Craft: Research Salimah El-Amin, Blair Foster Gewonnen
News & Documentary Emmy Award 2009 Outstanding Investigative Journalism – Long Form Nominiert
Peabody Award[5] 2007 Gewonnen
Tribeca Film Festival Award 2007 Best Documentary Feature Alex Gibney Gewonnen
Writers Guild of America Award 2008 Documentary Screenplay Alex Gibney Gewonnen

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Freigabebescheinigung der FSK vom 18. August 2008, abgerufen am 21. Februar 2015
  2. Kenneth Turan: ‘Taxi to the Dark Side’ Examines Torture by U.S., in: NPR vom 18. Januar 2008, abgerufen am 21. Februar 2015
  3. Claus Christian Malzahn: Dokumentation über US-Folter: Taxi in den Tod, in: Spiegel online vom 3. Mai 2007, abgerufen am 23. Mai 2013
  4. vgl. IMDb
  5. Taxi to the Dark Side (ZDF/ARTE), in: Peabody Awards, abgerufen am 1. März 2015
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