Thomas Sankara

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Thomas Sankara auf einem Banner an der Parteizentrale der sankaristischen UNIR/PS

Thomas Sankara (* 21. Dezember 1949 in Yako, Obervolta; † 15. Oktober 1987 in Ouagadougou, Burkina Faso) war ein sozialistischer Offizier in Burkina Faso. Vom 4. August 1983 bis zu seiner Ermordung im Oktober 1987 war Sankara der fünfte Präsident von Obervolta, welches durch ihn am 4. August 1984 zum ersten Jahrestag der Revolution in Burkina Faso umbenannt wurde.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

1966 verließ Sankara das Priesterseminar, zu dem ihm seine Eltern geschickt hatten, und besuchte fortan die National Military School. Diese Militärakademie war vom zweiten Präsident des damaligen Obervoltas, General Sangoulé Lamizana, gegründet worden. Dort wurde er von Kadern der African Independence Party (PAI) mit den Lehren von Marx und Lenin vertraut gemacht. Bald wurde er in Madagaskar zum Offizier ausgebildet und im Jahr 1972 Zeuge der erfolgreichen studentischen Proteste gegen Präsident Philibert Tsiranana.[1]

Während des (ersten) Grenzkriegs zwischen Obervolta und Mali 1974 zeichnete sich der inzwischen in die Heimat zurückbeorderte Sankara aus.[2] Dieser Konflikt schärfte seine panafrikanistischen Ansichten und bestärkte ihn in der Überzeugung, einen politischen Wandel in Obervolta herbeizuführen.[1] Als Capitaine (Hauptmann) der obervoltaischen Luftwaffe wurde Sankara zum Fallschirmjäger ausgebildet. Im National Center of Comando Training (CNEC) in eingesetzt, freundete er sich mit Capitaine Blaise Compaoré an und gründete mit ihm die Geheimorganisation Regroupement des officiers communistes (ROC) (dt.: Zusammenschluss der kommunistischen Offiziere), die den Kampf gegen die Korruption zum Ziel hatte. Nicht zuletzt als Gitarrist der Band Tout-a-Coup Jazz und wegen seiner Vorliebe für Motorräder wurde Sankara in der Hauptstadt Ouagadougou eine bekannte Persönlichkeit.

Monument de la révolution in Ouagadougou

Als Saye Zerbo im November 1980 Präsident Lamizana stürzte, bot er Sankara später das Amt des Informationsminister an, während Compaoré zum Leiter der CNEC wurde. Weil er sich in der Folge vom Regime distanzierte, verlor er Posten sowie Dienstgrad und wurde inhaftiert. Am 10. Januar 1983 wurde er Premierminister in der Regierung von Jean-Baptiste Ouédraogo, der gegen Zerbo geputscht hatte. In dieser Position bemühte sich Sankara in der Korruptionsbekämpfung, ging gegen Absentismus vor und engagierte sich in der Außenpolitik. Außerdem forderten seine Anhänger eine Rückgabe der Macht an Zivilisten, was zur Verhaftung Sankaras wegen Landesverrat führte und starke öffentliche Proteste nach sich zog. Sankaras Inhaftierung erfolgte im Mai 1983 nach einem Treffen mit Jean-Christophe Mitterrand, wodurch eine Beteiligung von Frankreich an diesem Vorgang als wahrscheinlich gilt.[3] Mit seinem Weggefährten Compaoré und den Offizieren Jean-Baptiste Ligani und Henri Zongo organisierte er einen Staatsstreich, der am 4. August 1983 durchgeführt wurde. Compaoré schuf den Nationalen Revolutionsrat (CNR), dessen Vorsitzender Sankara nach seiner Befreiung wurde. Er wurde somit fünfter Präsident von Obervolta.[1] Der Staatsstreich wurde wahrscheinlich von Libyen unterstützt, das sich damals durch den Libysch-Tschadischen Grenzkrieg am Rand eines Krieges mit Frankreich befand.[4]

Sankara war ein sozialistischer Revolutionär. Die Devise lautete: „Vaterland oder Tod, wir werden siegen“ („La Patrie ou la Mort, nous vaincrons“). Er war besonders vom Modell Kuba und dem Staatschef von Ghana, Jerry Rawlings, inspiriert. In seiner Regierungszeit setzte er ein vielbeachtetes Projekt der planwirtschaftlichen und sozialistischen Entwicklung des Landes um. Die Luxuslimousinen der vorangegangenen Regierung wurden verkauft und die Minister verpflichtet, den Renault 5, das billigste Auto in Burkina Faso, zum Dienstwagen zu nehmen. In seiner Regierungsmannschaft befanden sich so viele Frauen wie nie zuvor in einem afrikanischen Staat, seine Leibwache bildete eine nur von Frauen gebildete Einheit auf Motorrädern. Sankara richtete außerdem sogenannte Komitees zur Verteidigung der Revolution (CDR) ein. Die Politik war ausgerichtet auf den Kampf gegen Hunger und Korruption, die Verbesserung der Bildungs- und Gesundheitsversorgung sowie auf Wiederaufforstung durch einheimische Bäume, Sträucher und andere Nutzpflanzen, um die Desertifikation, also das Fortschreiten der Wüste, aufzuhalten und sogar umzukehren. Afrikas Grüne Mauer im Sahel geht zum Teil auch auf diese Initiative zurück.

Am 4. August 1984, dem ersten Jahrestag der August-Revolution (Révolution d’Août), wurde Obervolta in Burkina Faso (Land der Unbestechlichen/Integren/Gerechten) umbenannt, und das Land gab sich eine neue Nationalflagge und eine neue Nationalhymne. Die Verbesserung des Status der Frauen war erklärtes Ziel von Sankaras Politik. Beispiellos in Westafrika verbot er die Beschneidung von Frauen, verurteilte Polygamie und propagierte Verhütung. Während seiner Amtszeit entstanden erste islamische politische Gruppen bzw. Parteien in Burkina Faso.

In seine Amtszeit fiel auch der Krieg um den Agacher-Streifen und ab 1985 der Versuch einer „Integration“ bzw. eines vollständigen Zusammenschlusses Burkina Fasos mit Ghana.

Sankara gelang es nicht, den Interessensgegensatz zwischen Land und Stadt zu beherrschen. Die ehrgeizigen Entwicklungspläne wurden über staatliche Vermarktungsbehörden finanziert, die nur einen geringen Teil der Agrar-Einnahmen an die Bauernschaft weitergaben. Dies führte zu einer systematischen Vernachlässigung ländlicher Ressourcen und zu steigender Unzufriedenheit. In einer berühmt gewordenen Rede vor der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) im Juli 1987 weigerte er sich u. a., die Staatsschulden zurückzuzahlen und warb bei seinen afrikanischen Amtskollegen um Solidarität in diesem Punkt. Außerdem kritisierte und brüskierte er öffentlich Repräsentanten westlicher Staaten wie den Botschafter der USA und den französischen Präsidenten François Mitterrand.

Am 15. Oktober 1987 wurde Sankara bei einem Staatsstreich des Militärs unter Führung seines bis 2014 amtierenden Nachfolgers im Amt des Präsidenten, Blaise Compaoré, ermordet.

Sankarismus[Bearbeiten]

Einige sozialistische Parteien und Gruppen in Burkina Faso sehen sich in der Tradition von Thomas Sankara und bezeichnen sich ausdrücklich als „sankaristisch“, beispielsweise die Union pour la Renaissance/Parti Sankariste, der Front des Forces Sociales, die Convention Panafricaine Sankariste und die Front Démocratique Sankariste.

Reden und Interviews[Bearbeiten]

  • Thomas Sankara: L'émancipation des femmes et la lutte de liberation de l'Afrique, Pathfinder 2001, ISBN 0-87348-938-1
  • Thomas Sankara Parle: La Revolution Au Burkina Faso 1983–1987 (Sammlung seiner Reden), Editora Politica, 2. Auflage, 2007, ISBN 0-87348-987-X – auch bei Pathfinder
  • Thomas Sankara Speaks: The Burkina Faso Revolution (Sammlung seiner Reden), Editora Politica, 2. Auflage, 2007, ISBN 0-87348-986-1
  • Thomas Sankara: Die Ursprünge der Schulden liegen im Kolonialismus (Rede vor der OAU in Addis-Abeba am 29. Juli 1987), in: AfricAvenir International e. V. (Hrsg.): 50 Jahre afrikanische Un-Abhängigkeiten – Eine (selbst)kritische Bilanz, Editions AfricAvenir/Exchange & Dialogue, 2. Auflage, digitale Ausgabe (E-Book), 2011, ISBN 978-3-9812733-1-1Inhaltsangabe der Hrsg.
  • Inga Nagel: Nachricht aus dem Jenseits – Das letzte bekannte Interview mit Thomas Sankara vom 4. Oktober 1987, ursprünglich in Jeune Afrique, 1987, Übersetzung ins Deutsche

Filme[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ndongo Samba Sylla (Hrsg.): Redécouvrir Sankara – Martyr de la liberté (Postface de Aziz Salmone Fall), Douala/Berlin/Wien: AfricAvenir/Exchange & Dialogue 2012, ISBN 978-3-939313-23-6
  • Bruno Jaffré: BIOGRAPHIE DE THOMAS SANKARA – La patrie ou la mort, Paris: L'Harmattan, 2007, ISBN 978-2-296-04265-0
  • Jean-Philippe Rapp/Jean Ziegler: Burkina Faso – eine Hoffnung für Afrika? Gespräch mit Thomas Sankara. Zürich 1987, ISBN 3-85869-043-0.
  • Achim Remde: Thomas Sankara und die neue afrikanische Linke (Schriftenreihe der Deutschen Afrika-Stiftung, Nr, 47). Bonn 1987.
  • Thomas Sankara, in: Internationales Biographisches Archiv 51/1987 vom 7. Dezember 1987, im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Abiola Irele, Biodun Jeyifo: The Oxford Encyclopedia of African Thought (Band 2). Oxford University Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-1953-3473-9, S. 303
  2. Gustav Fochler-Hauke (Hrsg.): Der Fischer Weltalmanach 1987, Seite 693. Frankfurt/Main 1986
  3. Celine A. Jacquemin: French Foreign Policy in Rwanda: Language, Personal, Networks, and Changing Contexts. In Toyin Falola, Jessica Achberger (Hrsg.): The Political Economy of Development and Underdevelopment in Africa. Routledge, London 2013, ISBN 978-1-1366-8380-0, S. 310
  4. John Chipman: French Military Policy and African Security. In: Africa (Volume 2). Routledge, London 2007, ISBN 978-1-1347-0553-5, S. 34