Vladimir Horowitz

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Horowitz (1986)
Horowitz in den zwanziger Jahren

Vladimir Horowitz (russisch Владимир Самойлович Горовиц / Wladimir Samoilowitsch Gorowiz; hebräisch ולדימיר הורוביץ; ukrainisch Володимир Самійлович Горовиць / Wolodymyr Samijlowytsch Horowyz) (* 18. Septemberjul./ 1. Oktober 1903greg. in Berditschew, Russisches Kaiserreich; † 5. November 1989 in New York City) war ein russischer Pianist jüdischer Herkunft. Seit 1944 war er US-amerikanischer Staatsbürger.[1]

Leben[Bearbeiten]

Vladimir Horowitz wurde höchstwahrscheinlich 1903 – so die Angabe seines Biografen Glenn Plaskin[2]; zuvor wurde stets 1904 angegeben – im Schtetl von Berditschew in der russischen Ukraine als Sohn eines Elektroingenieurs geboren. Andere Quellen nennen Kiew als Geburtsort.[1] Er stammte aus einer assimilierten jüdischen Familie. Ersten Klavierunterricht erhielt er mit sechs Jahren von seiner Mutter, einer Amateurpianistin. Noch während seiner Schulzeit studierte er am Kiewer Konservatorium Klavier und Komposition bei Vladimir Puchalsky, Sergej Tarnowsky und vor allem bei Felix Blumenfeld. Vom Spiel des 11-jährigen Horowitz beeindruckt, empfahl Alexander Nikolajewitsch Skrjabin den Eltern seine Förderung. Um die durch den Ersten Weltkrieg und die Oktoberrevolution verarmte Familie zu unterstützen, tourte Horowitz ab 1921 ohne sonderlichen Erfolg als Pianist durch Russland − obwohl er eigentlich Komponist werden wollte. Auch 25 Konzertabende in der Saison 1924/25 in Leningrad erbrachten nur minimalen finanziellen Gewinn.[1] Bei der schwierigen politischen und gesellschaftlichen Lage in der Sowjetunion musste Horowitz in Kinosälen und manchmal in Gasthöfen vor dem „proletarischen Bauernvolk“ spielen. Häufig wurde er als politischer Propagandaträger eingesetzt – eine Rolle, die ihm nicht zusagte; er kam aber zu frühem Ruhm als einer der meistversprechenden jungen Pianisten.

Berlin, Hamburg, New York[Bearbeiten]

Er verließ mit seinem Freund und Manager Alexander Marowitsch im Herbst 1925 die Sowjetunion und reiste nach Berlin. Am 18. Dezember gab er im Blüthner-Saal des Klindworth-Scharwenka-Konservatoriums sein deutsches Debüt, als Solist im 1. Klavierkonzert (Tschaikowski) mit dem Berliner Sinfonie-Orchester unter Oskar Fried.

Am 2., 4. und 14. Januar 1926 veranstaltete die Künstler-Agentur Hermann Wolff & Jules Sachs drei Klavierabende mit Horowitz im Beethoven-Saal der Berliner Philharmonie. Sie wurden zu großen künstlerischen Erfolgen, und die Kritiken waren ausgezeichnet; allerdings war erst der letzte Abend ausverkauft. Am 19. Januar sprang er – ohne Probe − in Hamburg für einen erkrankten Kollegen ein; das b-Moll-Konzert von Tschaikowski machte Furore. Noch im Januar 1926 spielte er für die Freiburger Firma M. Welte & Söhne zwölf Stücke für ihr Reproduktionsklavier Welte-Mignon ein, darunter seinen Moment exotique (Danse excentrique). Es sind Horowitz’ älteste Aufnahmen. Ein zweiter Klavierabend in Hamburg und die folgenden Konzerte in anderen deutschen Städten, in der Schweiz, in Italien und Frankreich gerieten zu gefeierten Sensationen. Am 25. Oktober 1926 gastierte Horowitz erstmals bei den Berliner Philharmonikern, mit Liszts A-Dur-Konzert unter Wilhelm Furtwängler. Nach Konzerten in London und Paris spielte er am 7. November 1927 zum zweiten Mal mit den Berliner Philharmonikern Tschaikowskis b-Moll-Konzert unter Bruno Walter.

Am 12. Januar 1928 debütierte Horowitz mit dem Tschaikowski-Konzert in der Carnegie Hall, mit den New Yorker Philharmonikern unter Thomas Beecham. Im dritten und letzten Konzert mit den Berliner Philharmonikern unter Furtwängler am 21. Oktober 1929 spielte er das 2. Klavierkonzert von Brahms. Furtwängler und Horowitz verstanden sich nicht. Am 12. Juni 1931 entstand Horowitz´ einzige erhaltene Berliner Schallplattenaufnahme, Rachmaninows g-Moll-Prélude.

Am 30. März 1932 spielte Horowitz mit Nathan Milstein und Gregor Piatigorsky in der Carnegie Hall Klaviertrios von Beethoven, Rachmaninow und Brahms. Im selben Jahr konzertierte er in New York City zum ersten Mal mit Arturo Toscanini. Am 21. Dezember 1933 heiratete er dessen Tochter Wanda. Wanda Toscanini Horowitz legte großen Wert auf die Erhaltung ihres Namens. Ihr Vater und Horowitz schätzten und mochten einander. Sie musizierten oft miteinander und nahmen zwei Schallplatten auf (Brahms’ B-Dur- und Tschaikowskis b-Moll-Konzert).

Vom Konzertleben erschöpft und krank, lebte Horowitz von 1934 bis 1938 zurückgezogen in Paris, davon ab 1937 mit seinem Schüler und Liebhaber Nico Kaufmann. Nachdem er schon 1932 die in Deutschland letzten Konzerte gegeben hatte, übersiedelte er 1939 aufgrund der politischen Entwicklung in Europa endgültig in die USA. 1944 erhielt er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.

Horowitz erhält die Presidential Medal of Freedom von Ronald und Nancy Reagan

Belastungen und Pausen[Bearbeiten]

Nachdem er am 12. Januar 1953 mit den New Yorker Philharmonikern unter George Szell konzertiert und am 25. Februar mit einem Klavierabend an sein 25 Jahre zurückliegendes Debüt erinnert hatte, verzichtete er auf öffentliche Auftritte; Schallplattenaufnahmen machte er aber weiter. Nach 12 Jahren gab er am 19. Mai 1965 in der Carnegie Hall erstmals wieder einen Klavierabend. Mit dem phänomenalen Erfolg hatte er selbst nicht gerechnet. Anfang 1968 entstanden – mit Publikum – in der Carnegie Hall die Aufnahmen für das erste Fernsehkonzert, das am 22. September von CBS ausgestrahlt wurde.

1969 zog Horowitz sich abermals aus dem Konzertleben zurück.

Seine Tochter Sonya (* 1934) starb 1975 durch eine Überdosis von Schlaftabletten. Horowitz’ Leben war immer wieder von künstlerischen Krisen und depressiven Phasen bestimmt, deretwegen er jahrelang weder auftrat noch aufnahm. Auch das Leben mit seiner Frau Wanda gestaltete sich nicht immer einfach, weil sie das gewaltige Temperament ihres Vaters geerbt hatte, während Horowitz introvertiert und verschlossen sein konnte.

Rückkehr[Bearbeiten]

Elmar Weingarten und Peter Gelb gewannen ihn 1985 mit einiger List, nach 52 Jahren wieder in Deutschland aufzutreten – durch eine Konzertreise an die Stätten seiner frühen Triumphe. Nachdem er sie am 20. und 27. April 1986 in Moskau und Leningrad begonnen hatte, kam der 83-Jährige am 11. Mai 1986 zunächst nach Hamburg. Der Erfolg in der Laeisz-Halle stand dem in Russland nicht nach. Richard von Weizsäcker verlieh Horowitz danach das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband.[1] Am Pfingstsonntag (18. Mai) empfing ihn das Publikum in der Berliner Philharmonie mit stehenden Ovationen. Vom Jubel überwältigt, spielte er eine Woche später noch einmal – wie Franz Liszt 1842. Horowitz elektrisierte Berlin und Berlin Horowitz. Zu Weingarten sagte er später: „Auf dieses Publikum habe ich sechzig Jahre verzichten müssen.“ Es folgten Konzerte in London und Tokio und im Spätherbst 1986 in Frankfurt am Main, Amsterdam und wieder London. Im folgenden Jahr spielte Horowitz in Amsterdam am 24. Mai und – erstmals seit 50 Jahren – in Wien am 31. Mai 1987. Die letzten Konzerte in Deutschland gab er in Berlin am 7. und in Hamburg am 21. Juni 1987. Wie seit Jahrzehnten begannen alle Konzerte an Sonntagen um 16.00 Uhr.

Im Oktober 1989 trat Horowitz bei der Signierstunde eines New Yorker Schallplattengeschäfts letztmals in der Öffentlichkeit auf. Am 5. November 1989 starb er an einem Herzinfarkt. Am Tag nach dem Fall der Berliner Mauer wurde er in der Mailänder Gruft der Toscanini beigesetzt.[1] Den Großteil seines auf acht Millionen Dollar geschätzten Vermögens hinterließ er seiner Frau.

Klavierkunst[Bearbeiten]

Horowitz war berühmt für sein einerseits virtuoses, gewaltiges und andererseits durchdachtes, vom blanken Artistentum freies Klavierspiel. Schwerpunkt bildeten in seinem Repertoire vor allem die Werke von Frédéric Chopin, Franz Liszt und Robert Schumann sowie der russischen Komponisten Sergei Rachmaninow und Alexander Skrjabin. Seine Einspielungen einiger Sonaten von Domenico Scarlatti haben Referenzstatus. Daneben gilt Horowitz als tragender Pianist und Wiederentdecker der Werke von Muzio Clementi, den er als „Vater des modernen Klavierspiels“ bezeichnete.

Schon am Anfang seiner Karriere wurde Horowitz häufig mit Franz Liszt oder Anton Rubinstein verglichen. Man lobte sowohl seine überragende Technik, die gewaltigen Bässe und dynamische Variabilität seines Spiels wie die breite Palette an Klangfarben.[3]

Examensprogramm (1920)
Toccata C-Dur (Bach) in der Bearbeitung von Busoni
Mozart: Kleine Gigue, KV 574
Klaviersonate Nr. 23 (Beethoven) (oder Klaviersonate Nr. 31 (Beethoven))
Sinfonische Etüden (Schumann)
Rachmaninow: Klaviersonate Nr. 2
Chopin: Fantasie in f-Moll, op. 49
Felix Blumenfeld: 6 Präludien
Liszt: Réminiscences de Don Juan

Für Joachim Kaiser war Horowitz der fesselndste Liszt-Interpret seiner Zeit. Eine frühe Aufnahme der h-Moll-Sonate zeige, wie Virtuosität umschlage „in wahnwitzige Gespanntheit“. Horowitz habe die berüchtigte Oktavpassage kurz vor dem Schluss nicht nur fabelhaft schnell und klangvoll gespielt, sondern gezeigt, wie sich in diesen „Oktaven ein gehetztes und grandioses Lisztsches Temperament“ ausgedrückt habe, ein „Ringen um Tod und Leben“. Sein rhythmisches Raffinement, mit dem er etwa die 19. Ungarische Rhapsodie spiele, sei unerlernbar. Seine Bewunderung für Horowitz hielt Kaiser nicht davon ab, gewisse Manierismen zu kritisieren, etwa in Mozarts A-Dur-Sonate und selbst in Schumanns Kreisleriana.[4]

Andere Kritiker warfen ihm seinen freien Umgang mit dem Notentext vor. So nannte ihn der amerikanische Komponist und Kritiker Virgil Thomson einen „Meister der Entstellung“.[5] Man verwies auf seine blumige und übertrieben eigenwillige Interpretation der Werke Mozarts und Beethovens (den er nicht mochte). Claudio Arrau hielt dem für seine Oktaven berühmten Kollegen vor, gerade bei längeren Oktavpassagen zu verkrampfen und unmusikalisch zu werden.

Auch Horowitz sparte nicht mit Kritik an Kollegen; so bezeichnete er den britischen Pianisten und Beethoven-Interpreten Solomon als Langweiler und kritisierte immer wieder junge Klavierspieler, denen es an Musikalität mangele. Mit den Worten „I want to be Cziffra!“ sprach er dem ungarisch-französischen Virtuosen György Cziffra seine Bewunderung aus. Horowitz zählte zu den größten Pianisten des 20. Jahrhunderts und wurde, nach dem Titel eines amerikanischen Dokumentarfilms, als letzter echter Romantiker am Klavier bezeichnet („The Last Romantic“).

Horowitz als Bearbeiter[Bearbeiten]

Horowitz transkribierte einige Werke von Mendelssohn, Liszt, Mussorgski, Sousa, Bizet, Saint Saëns und anderen Komponisten für Klavier. Dabei verzichtete er nicht auf eigene „Zutaten“ wie donnernde 16-Oktav-Passagen und perlende Läufe. Besonders hervorzuheben sind die Bearbeitungen der zweiten und fünfzehnten Ungarischen Rhapsodie von Franz Liszt sowie des Militärmarsches Stars and Stripes For Ever von Sousa. Neben kleineren Stücken und einer umstrittenen Transkription der Orchesterfassung von Mussorgskis Bildern einer Ausstellung von Ravel ist vor allem die Carmen-Fantasie zu erwähnen. Dieses sehr virtuose Stück wird von einigen Pianisten, wie etwa Arcadi Volodos, gelegentlich als Zugabe gespielt.

Zitate[Bearbeiten]

„Klavierspiel besteht aus Vernunft, Herz und technischen Mitteln. Alles sollte gleichermaßen entwickelt sein. Ohne Vernunft sind Sie ein Fiasko, ohne Technik ein Amateur, ohne Herz eine Maschine.“

Horowitz

„Es ist die Stille, die zählt, nicht der Applaus. Jeder kann Applaus haben. Aber die Stille, vor und während des Spiels, das ist das Größte.“

Horowitz

„Es gibt nur drei Sorten von Pianisten: jüdische, homosexuelle und schlechte.“

Horowitz

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e Biografie Markus Zint (SONY)
  2. Biografie bei KlassikAkzente. Abgerufen am 10. Januar 2012.
  3. Ingo Harden, Gregor Willmes, PianistenProfile 600 Interpreten: Ihre Biografie, ihr Stil, ihre Aufnahmen, Vladimir Horowitz S. 320, Bärenreiter, Kassel 2008
  4. Joachim Kaiser, Große Pianisten in unserer Zeit, Vladimir Horowitz, S. 98–112, München 2004
  5. Neue Zürcher Zeitung, Horowitz, Legende und Wirklichkeit

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Vladimir Horowitz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien