Ahmad Mansour (Autor)

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Ahmad Mansour (2012)

Ahmad Mansour (* 2. Juli 1976 in Tira[1] bei Kfar Saba, Israel als Ahmad Mansour) ist ein deutsch-israelischer Psychologe und Autor. Er lebt seit 2004 in Deutschland und hat seit 2017 die deutsche Staatsbürgerschaft.[2] Er ist Islamismus-Experte und beschäftigt sich mit Projekten und Initiativen gegen Radikalisierung, Unterdrückung im Namen der Ehre und Antisemitismus in der islamischen Gemeinschaft.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ahmad Mansour wurde 1976 als Sohn arabischer Israelis in der kleinen arabischen Stadt Tira geboren.[1] Er wuchs in einer nichtpraktizierenden muslimischen Familie auf. Während seiner Schulzeit kam er in Kontakt mit einem fundamentalistischen Imam, wodurch er beinahe zu einem Islamisten wurde.[3] Sein Psychologiestudium (1996–1999) in Tel Aviv half ihm, sich vom Islamismus zu lösen.

Nachdem er einen Anschlag miterlebt hatte, ging er 2004 nach Deutschland und setzte 2005 sein Studium in Berlin fort. Seit 2015 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum für demokratische Kultur in Berlin und als beratender[4] Programme Director bei der European Foundation for Democracy in Brüssel.[5] Seine Arbeitsschwerpunkte sind Salafismus, Antisemitismus sowie psychosoziale Fragen und Probleme bei Migranten muslimischer Herkunft. Er ist auch seit 2007 Gruppenleiter des Berliner Antigewalt-Projekts HEROES, das sich aktiv gegen jede „Unterdrückung im Namen der Ehre“ wendet. Von 2012 bis 2014 war Mansour Teilnehmer an der Deutschen Islamkonferenz.[6]

Seit 2017 ist er Geschäftsführer der Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention (MIND) GmbH mit Sitz in Berlin,[7] deren Projekte unter anderem vom Bayerischen Integrationsministerium gefördert werden.[8]

Mansour ist verheiratet und hat eine Tochter.[9] Er lebt und arbeitet in Berlin. Seit 2017 ist er deutscher Staatsbürger.[2]

Arbeitsgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unterdrückung im Namen der Ehre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2007 ist Mansour Gruppenleiter des HEROES-Projekts in Berlin-Neukölln.[10] Das Projekt ist an deutsche Jugendliche aus Milieus mit streng ehrenkulturellen Strukturen gerichtet und soll Gleichberechtigung und Selbstbestimmung fördern. Über seine Erfahrungen bei Heroes und zum Thema Unterdrückung im Namen der Ehre äußert sich Mansour häufig in den Medien.[11]

Islam und Islamismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mansour plädiert für eine innere Reform des Islam, der auch in seinen unauffälligen, scheinbar demokratiekonformen Erscheinungen einen Nährboden für die Radikalisierung von Jugendlichen bilde.[12][13][14] Es müsse eine innerislamische Debatte um Glaubensinhalte und Selbstverständnis eines zeitgemäßen Islam initiiert werden, die allerdings bislang vermieden werde. Die islamischen Verbände distanzierten sich zwar von der Gewalt, eine Beteiligung an Präventivprogrammen scheitere an dem Unwillen, „eigene Inhalte infrage und sich den eigenen Problemen (zu) stellen.“ Es fehlen so die geistlichen Vorbilder, die für einen unzweideutig demokratischen Islam stehen. Grundlage einer effektiven Prävention sei darüber hinaus die Arbeit mit den Familien gefährdeter Jugendlicher. Eine patriarchal-konservative Familienstruktur begünstige mit Angstpädagogik, Sexual- und Kritikunterdrückung, einem stereotypen Frauen- und Männerbild, dass junge Menschen von radikale Gruppierungen vereinnahmt werden können. Ebenso fördere die hier tradierte Fixierung auf eine vermeintliche Opferrolle von islamischen Gläubigen in der westlichen Welt und dem entsprechenden Feindbild den Zugriff radikaler Islamisten.[15]

Als Islamismus-Experte wird er in ganz Deutschland zu Seminaren und Workshops für Pädagogen und Sozialarbeiter eingeladen.[16][17][18] Seit 2013 arbeitet er auch bei Hayat (Eigenschreibweise: HAYAT), einer Berliner „Beratungsstelle gegen Radikalisierung. Hayat richtet sich an alle, die sich um einen möglichen islamistischen Glaubenswechsel von Angehörigen oder Bekannten Sorgen machen.“[19] Mansour kann sich in den Medien häufig über den politisch-religiösen Radikalisierungsprozess äußern, so etwa über die Anziehungskraft des syrischen Bürgerkriegs auf radikale Jugendliche oder mit seinen Erfahrungen als Berater bei Hayat.[20]

Mansour hält die verstärkte Religiosität unter muslimischen Jugendlichen für ein soziokulturelles Phänomen, das teilweise mit einer Jugendkultur zu vergleichen sei. Mit dem Begriff „Generation Allah“ spricht er von einer aktuellen jugendlichen Tendenz, die Identität aus der Religion zu schöpfen.[21] Bei der Radikalisierung von Jugendlichen spielt laut Mansour die Tabuisierung von Sexualität eine Schlüsselrolle.[22]

Mansour ist Sprecher des 2015 gegründeten Muslimischen Forums Deutschland.[23]

Antisemitismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ahmad Mansour ist bekannt für seine Arbeit gegen islamischen Antisemitismus. Als er in Tel Aviv studierte, arbeitete er an verschiedenen Projekten für das friedliche Zusammenleben zwischen Arabern und Juden mit. Nach dem Überfall auf Rabbiner Daniel Alter in Berlin im August 2012 plädierte Mansour bei der Bundeszentrale für politische Bildung[24] sowie bei der Plenarsitzung der Deutschen Islamkonferenz 2013 für mehr Aufklärung über muslimischen Antisemitismus.[25] 2013 war er Mitproduzent und Kommentator in der ARD-Reportage Antisemitismus heute: wie judenfeindlich ist Deutschland?.[26] In einem Interview im Juli 2014 beklagte er, dass in vielen muslimischen Familien Kindern antisemitischer Hass und Verschwörungstheorien vermittelt würden.[27]

Kontroverse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ahmad Mansour arbeitet seit 2009 bei der Islamismus-Beratungsstelle Hayat.[28] Im Rahmen ihrer Deradikalisierungsarbeit arbeitete Hayat 2014 u. a. mit dem salafistischen Imam Abu Adam alias Hesham Shashaa zusammen. Mit Steuergeldern wurden Jugendliche zur Deradikalisierung zu dem mit vier Frauen und 15 Kindern in Spanien lebenden Imam, der seit April 2017 im Gefängnis sitzt, geschickt. Die spanischen Behörden werfen ihm vor, Mitglied des IS zu sein und IS-Terroristen Geld und falsche Papiere besorgt zu haben.[29] Mansour sprach sich grundsätzlich gegen eine solche Kooperation aus und arbeitete selbst nachweislich nicht mit Abu Adam zusammen.[30]

Der Psychologe Ibrahim Rüschoff warnte Ahamad Mansour in einem offenen Brief vom 27. Juli 2016 davor, alles was ein Muslim auf dieser Welt anstellt, auf seine Religion zurück zu führen. Er schrieb: „Wenn ich die Biographien eines koptischen Ägypters, eines libanesischen Drusen, eines orthodoxen Griechen, eines katholischen Sizilianers oder Andalusiers und eines muslimischen Marokkaners, alles Mittelmeeranrainer und einfache Bewohner vom Land, anonymisiere und nebeneinander stelle, ich versichere Dir, Du kannst nicht mehr sagen, wer welche Religion hat! Alle haben nahezu identische Probleme, nur finden sie bei dem einen in seinem islamisch geprägten Umfeld und beim anderen im erzkatholischen Dorfmilieu statt.“[31] Auch die Herausgeberin der Blätter für deutsche und internationale Politik, Katajun Amirpur, kritisierte Mansour dafür, dass er einen für Renegaten typischen Fundamentalismus an den Tag lege, wenn er beispielsweise in einem Interview behauptet „die Inhalte des IS seien im Mainstream-Islam angelegt, den viele Muslime in Deutschland praktizieren“.[32]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wissenschaftliche Artikel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Unterdrückung im Namen der Ehre: Definition, Ursache und mögliche Präventionsansätze. In: Praxis geschlechtersensibler und interkultureller Bildung, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-531-19798-2, S. 143–153, doi:10.1007/978-3-531-19799-9_9.
  • Thalma E. Lobel, Sharon Mashraki-Pedhatzur, Ahmed Mantzur [sic], Sharon Libby: Gender Discrimination as a Function of Stereotypic and Counterstereotypic Behavior: A Cross-Cultural Study. In: Sex Roles. A Journal of Research, Vol. 43, No. 5/6, 2000, p. 395–406, doi:10.1023/A:1026603511217.

Broschüren, Zeitschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Presse-Artikel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lässt sich Radikalisierung verhindern? Gespräch, Deutschland, 2014, 13:35 Min., Moderation: Abdul-Ahmad Rashid, Produktion: ZDF, Reihe: Forum am Freitag, Erstsendung: 19. September 2014 bei ZDF, Inhaltsangabe und online-Video von ZDF.
  • Antisemitismus heute – wie judenfeindlich ist Deutschland? Fernsehreportage, Deutschland, 2013, 43:50 Min., Buch und Regie: Jo Goll, Ahmad Mansour und Kirsten Esch, Produktion: ARD, RBB, Erstsendung: 28. Oktober 2013 in Das Erste.[26]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ahmad Mansour – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Ahmad Mansour. (Memento vom 17. Februar 2015 im Internet Archive) In: ahmad-mansour.com
  2. a b Interview auf nw.de vom 30. März 2017, abgerufen am 29. Juni 2017
  3. Ahmad Mansour: "Ich war einmal ein Islamist" In: Der Tagesspiegel, 23. März 2013.
  4. Angebote. In: Heroes, aufgerufen am 17. Februar 2015.
  5. Ahmad Mansour. Programme Director. Biography. In: European Foundation for Democracy, (englisch), aufgerufen am 17. Februar 2015.
  6. Teilnehmende 2009-2013. In: Deutsche Islamkonferenz, aufgerufen am 17. Februar 2015.
  7. https://www.mind-prevention.com
  8. https://www.km.bayern.de/pressemitteilung/11087/nr-014-vom-14-01-2018.html
  9. Reinhard Tschapke: Für Ahmad Mansour geht ein Traum in Erfüllung. In: Nordwest-Zeitung. 4. Mai 2016, abgerufen am 21. Mai 2018.
  10. Das HEROES-Team. HEROES Gruppenleitung (Memento vom 17. Februar 2015 im Internet Archive), aufgerufen am 17. Februar 2015.
  11. Ahmad Mansour: „Wenn mein Bruder mich schlägt, härtet mich das ab“. In: Die Zeit, 27. Februar 2013.
  12. Jörg Lau: Warum nur Muslime den Salafismus besiegen können. In: Die Zeit, 29. Mai 2012.
  13. Michèle Binswanger: „Salafismus ist eine Jugendkultur“. In: Tages-Anzeiger, 17. September 2014 (Interview).
  14. Ahmad Mansour: Reinheit, Ehre, Todesverachtung. In: Der Spiegel. Nr. 37, 2014, S. 110–111 (online).
  15. Parvin Sadigh: Die Inhalte des IS sind im Mainstream-Islam angelegt. In: Die Zeit, 5. September 2014 (Interview).
  16. Bundesstadt Bonn – Stabsstelle Integration: Radikalisierungsphänomene bei Jugendlichen: Seminar für pädagogische Fachkräfte mit Ahmad Mansour (Memento vom 6. Juni 2014 im Internet Archive). 24. Januar 2013.
  17. Frank Vallender: Salafismus in Bonn Radikale Prediger werben junge Leute. In: Kölner Stadt-Anzeiger, 2. Oktober 2013.
  18. Wertevermittlung in der Schule. Diesterweg-Gymnasium, abgerufen am 19. April 2015.
  19. Ahmad Mansour: Über mich. In: ahmad-mansour.com, aufgerufen am 17. Februar 2015.
  20. Mama, ich kämpfe jetzt für Allah. In: Die Zeit, 7. November 2013.
  21. Julian Windisch: Allahs junge Rekruten. In: Das Arte Magazin, 5. Mai 2015. Abgerufen am 22. Juni 2015.
  22. Unterdrückte Sexualität spielt Schlüsselrolle bei Radikalisierung. Deutschlandfunk, 13. August 2016 (Interview).
  23. Muslimisches Forum Deutschland: Gründungserklärung.
  24. Ahmad Mansour: Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen. Wir brauchen mehr Aufklärung! In: Bundeszentrale für politische Bildung, 13. November 2012.
  25. Statement von Ahmad Mansour auf der Plenarsitzung 2013. In: Deutsche Islamkonferenz, 22. Mai 2013.
  26. a b Jo Goll, Ahmad Mansour und Kirsten Esch: die story. Antisemitismus heute: wie judenfeindlich ist Deutschland? In: ARD, rbb, 28. Oktober 2013.
  27. Antonie Rietzschel: „Der Hass ist völlig außer Kontrolle.“ In: Süddeutsche.de, 23. Juli 2014, Interview mit Mansour.
  28. hayat-deutschland.de: Mitarbeiter
  29. TAZ - Daniel Bax: Kooperation mit radiakalem Prediger. Abgerufen im 5. Januar 2018.
  30. Daniel Bax: Mutmaßlicher IS-Prediger: „Er kommt an Jugendliche ran“. In: Die Tageszeitung: taz. 19. September 2017, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 13. März 2018]).
  31. Offener Brief an Ahmad Mansour. In: Islamische Zeitung. Abgerufen im 7. Januar 2018.
  32. Katajun Amirpur: „Islam gleich Gewalt“ – Der fatale Gleichklang von Kriegern und Kritikern. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. Heft 1/2015, S. 49–55, abgerufen am 1. Februar 2018.
  33. Freia Peters: „Das ist für mich im 21. Jahrhundert ein Held.“ In: Die Welt, 23. Dezember 2012.
  34. AJC Celebrates 15th Anniversary of Groundbreaking Berlin Office. (Memento vom 17. Februar 2015 im Internet Archive) In: American Jewish Committee, 4. Februar 2013, aufgerufen am 17. Februar 2015 (englisch).
    ddk: 15 Jahre AJC in Berlin. In: Jüdische Allgemeine, 1. Februar 2013.
  35. Stephan-Andreas Casdorff: Ahmad Mansour – ein Muslim, der Antisemitismus bekämpft. In: Der Tagesspiegel, 18. September 2014.
  36. Philipp Peyman Engel: Engagement gegen Antisemitismus. In: Jüdische Allgemeine. 5. März 2015, abgerufen am 13. September 2015.
  37. Carl-von-Ossietzky-Preis 2016 geht an Ahmad Mansour, Stadt Oldenburg vom 19. Januar 2016, abgerufen 21. Januar 2016
  38. Pressemitteilung der Bundeszentrale für politische Bildung, abgerufen am 1. Juni 2016
  39. Video mit dem BfDT-Botschafter für Demokratie und Toleranz 2016 – Ahmad Mansour, Quelle: BfDT-Youtube-Kanal, abgerufen am 1. Juni 2016
  40. Verdienstorden des Landes Berlin verliehen, Stadt Berlin vom 1. Oktober 2016, abgerufen am 27. Oktober 2016
  41. https://www.landtag-bw.de/home/aktuelles/pressemitteilungen/2017/september/972017.html