Guillermo del Toros Pinocchio

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Film
Deutscher Titel Guillermo del Toros Pinocchio
Originaltitel Guillermo del Toro’s Pinocchio
Produktionsland Vereinigte Staaten, Mexiko, Frankreich
Originalsprache Englisch
Erscheinungsjahr 2022
Länge 114 Minuten
Altersfreigabe
Stab
Regie Guillermo del Toro,
Mark Gustafson
Drehbuch Guillermo del Toro,
Carlo Collodi,
Matthew Robbins
Produktion Alexander Bulkley,
Corey Campodonico,
Guillermo del Toro,
Lisa Henson,
Gary Ungar
Musik Alexandre Desplat
Kamera Frank Passingham
Schnitt Ken Schretzmann
Synchronisation

Guillermo del Toros Pinocchio, auch unter dem Titel Pinocchio bekannt, ist ein Stop-Motion-Animationsfilm aus dem Jahr 2022 unter der Regie von Guillermo del Toro und Mark Gustafson.

Als Designvorlage dienten die im Jahr 2002 veröffentlichten Pinocchio-Zeichnungen des US-amerikanischen Kinderbuch-Illustrators Gris Grimly.[1][2]

Der Kinostart in Deutschland ist am 24. November 2022. Am 9. Dezember soll der Film ins Programm des Streamingdiensts Netflix aufgenommen werden. Die Uraufführung fand am 15. Oktober 2022 auf dem London Film Festival statt.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei dem Film handelt es sich um eine düstere Nacherzählung von Carlo Collodis Die Abenteuer des Pinocchio. Darin erwacht eine Holzpuppe zum Leben und träumt davon, ein richtiger Junge zu werden. Die Geschichte wurde ins faschistische Italien der 1930er-Jahre verlegt. Als Pinocchio zum Leben erwacht, entpuppt er sich als nicht braver Junge, der Unheil anrichtet und gemeine Streiche spielt. Aber im Kern sei der Film „eine Geschichte über Liebe und Ungehorsam, während Pinocchio darum kämpft, die Erwartungen seines Vaters zu erfüllen“.[3]

Synchronisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rolle Englische Sprecher Deutsche Sprecher
Pinocchio Gregory Mann
Sebastian J. Grille Ewan McGregor Philipp Moog
Geppetto David Bradley
Graf Volpe Christoph Waltz
Blaue Fee Tilda Swinton
Kerzendocht Finn Wolfhard
Podestà Ron Perlman
Schwarze Hasen Tim Blake Nelson
Priester Burn Gorman
Sprezzatura Cate Blanchett
Dottore John Turturro

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Projektentwicklung und erfolglose Vorproduktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Guillermo del Toro (2017)

Die Ursprünge des Projekts reichen bis ins Jahr 2008 zurück, als Guillermo del Toro eine düstere Version des Kinderbuchklassikers Die Abenteuer des Pinocchio ankündigte. Für den mexikanischen Filmemacher sei es ein Herzensprojekt gewesen. Zugleich ist es der erste Animationsfilm, den er inszenieren sollte. „[...] keine Kunstform hat mein Leben und meine Arbeit mehr beeinflusst als Animation und keine einzige Figur in der Geschichte hatte eine so tiefe persönliche Verbindung zu mir wie Pinocchio“, so del Toro. Seiner Meinung nach sei die ursprüngliche Geschichte in bestimmten Aspekten viel perverser, gruseliger und halb-nekrophiler. Daher wollte er sich stärker an Collodis Buch halten.[4] Drei Jahre später, im Februar 2011, wurde verkündet, dass Gris Grimly und Mark Gustafson die Koregie an dem Stop-Motion-Film Pinocchio übernehmen sollten. Basis für den Film sollten Illustrationen Grimlys sein, die er für eine Wiederveröffentlichung von Collodis Geschichte im Jahr 2002 kreiert hatte. Gustafson wiederum zeichnete als Regisseur für die animierten Sequenzen in Der fantastische Mr. Fox (2009) verantwortlich. Das Drehbuch sollte von del Toro und seinem langjährigen Weggefährten Matthew Robbins verfasst werden, während der mexikanische Filmemacher gemeinsam mit der Jim Henson Company und Pathé das Werk auch produzieren sollte.[5] Im Mai 2012 wurde bekannt, dass del Toro die Koregie von Grimly übernehmen würde.[6] Ende Juli 2012 wurde verkündet, dass der Film und die Animationen vom US-amerikanischen Unternehmen ShadowMachine produziert werden sollten. Für die Sprechrollen waren Daniel Radcliffe, Tom Waits und Christopher Walken, für die Musik Nick Cave im Gespräch.[7] Ein Kinostart wurde für 2013 oder 2014 angekündigt,[8] doch das Projekt landete in der sogenannten „Entwicklungshölle“ und stand über Jahre still, ohne dass weitere Informationen preisgegeben wurden.

Im Januar 2017 wurde bekannt, dass Patrick McHale das Drehbuch gemeinsam mit del Toro verfassen sollte.[9] Im selben Jahr gab der mexikanische Filmemacher beim 74. Filmfestival von Venedig im August an, dass ein Produktionsbudget von mindestens 35 Mio. US-Dollar benötigt würde, um Pinocchio nach seinen Vorstellungen realisieren zu können.[10] Die folgenden Monate war kein Filmstudio an dem Stoff interessiert, so dass del Toro davon ausging, dass das Projekt scheitern würden.[11] Um das Projekt zu retten, überlegte Matthew Robbins zeitweise, den Film als 2D-Animation mit Hilfe des französischen Comicautors Joann Sfar zu realisieren, was die Produktionskosten gesenkt hätte. Del Toro bestand aber weiterhin auf einen in Stop-Motion-Technik inszenierten Film.[12]

Finale Produktion unter Netflix[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Oktober 2018 wurde schließlich bekannt, dass sich der Streamingdienst Netflix die Rechte an dem Projekt gesichert hatte.[13] Zuvor hatte del Toro mit seinem Spielfilm Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (2017) einen großen Kritiker- und Publikumserfolg verbuchen können.

Die Dreharbeiten waren von Januar bis Mai 2020 im mexikanischen Guadalajara sowie im US-amerikanischen Portland (Oregon) beim Animationsstudio ShadowMachine angesetzt.[14][15] Für die Sprechrollen wurde der junge Nachwuchsschauspieler Gregory Mann als Titelheld sowie Ewan McGregor, David Bradley, Christoph Waltz, Tilda Swinton, Finn Wolfhard, Ron Perlman, Tim Blake Nelson, Burn Gorman, Cate Blanchett und John Turturro verpflichtet. Für die Filmmusik und -lieder zeichnet der französische Komponist Alexandre Desplat verantwortlich, der bereits zuvor mit del Toro an Shape of Water zusammengearbeitet hatte.[16]

Ein erster Teaser zum Film mit Philipp Moog als deutschem Sprecher der Figur Sebastian J. Grille wurde im Januar 2022 veröffentlicht.[17] Eine Filmsequenz und ein weiterer Teaser wurden von del Toro im Mai desselben Jahres auf dem Festival d’Animation Annecy vorgestellt.[15]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlichung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Film soll ab 9. Dezember 2022 vom Streamingdienst Netflix veröffentlicht werden,[18] drei Monate nach der Premiere der konkurrierenden Disney-Produktion Pinocchio von Robert Zemeckis. Die Uraufführung fand am 15. Oktober 2022 auf den London Film Festival statt.[19] Weitere Präsentationen auf internationalen Filmfestivals folgten in den nächsten Wochen, darunter in den USA (Animation is Film Festival, AFI Fest) sowie im argentinischen Mar del Plata und in Marrakesch. Am 11. November 2022 startete die Produktion in den USA in ausgewählten Kinos, um sich für die Oscarverleihung 2023 zu qualifizieren. Noch Monate vor seiner Premiere war Guillermo del Toros Pinocchio von amerikanischen Branchendiensten zum möglichen Favoritenkreis gezählt worden.[20][21] In Mexiko, der Heimat des Koregisseurs, war der Film ab 24. November 2022 in ausgewählten Kinos zu sehen. Am selben Tag startete Guillermo del Toros Pinocchio auch in den deutschen Kinos.[22]

Kritiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf der Website Rotten Tomatoes hält der Film eine Bewertung von 96 Prozent, basierend auf über 70 englischsprachigen Kritiken und einer Durchschnittswertung von 8,4 von 10 Punkten. Das Fazit der Seite lautet: „Guillermo del Toros Pinocchio erfüllt seinen Titel voll und ganz – das heißt, es ist eine visuell atemberaubende Adaption, die die Düsternis des Ausgangsmaterials umfasst“.[23] Auf der Website Metacritic erhielt der Film eine Bewertung von 84 Prozent, basierend auf über 20 englischsprachigen Kritiken. Dies entspricht allgemeinem Beifall („universal acclaim“).[24]

In Deutschland war die Filmkritik nach der Kinoveröffentlichung sehr von Guillermo del Toros Regiearbeit angetan. Stefan Stiletto (Filmdienst) vergab die Höchstwertung von fünf Sternen. Del Toro habe „etwas Großes“ aus der Literaturvorlage gemacht und der Film füge „sich stimmig in eine Reihe mit Pans Labyrinth und The Devil’s Backbone, in denen der Regisseur ebenfalls über Kinder in totalitären Systemen erzählt hat“. Stiletto empfand, dass der Ungehorsam der Titelfigur entgegen der Buchvorlage im Film zur Charakterstärke werde und besser in die Gegenwart passe. „Nicht Anpassung ist das Ziel, sondern eigenes Denken, eine eigene Persönlichkeit“. Auch lobte der Kritiker die verwendete Animation, die wie ein Realfilm inszeniert sei. Die Puppen würden „perfekt“ die Kritik an der Gleichschaltung der Menschen im faschistischen Italien spiegeln. Dennoch fehle dem Film die Leichtigkeit für ein kindliches Publikum, wirke „schwer und düster“ und betone „die dunklen Seiten“. Ebenso lasse sich das Werk „durch die zahlreichen Kreuzmotive auch als religiöse Geschichte lesen, als Fabel über Geburt und Tod, Auferstehung, Nächstenliebe und Erlösung – und auch über Vergänglichkeit“, so Stiletto. Mit seiner „Schwermut und […] Ernsthaftigkeit“ öffne der Film „aber einen Raum zum Nachdenken“. Del Toros und Gustafsons Version besitze „eine komplexere Moral als die Vorlage“. Dadurch berühre das Werk „vielleicht sogar mehr als andere Pinocchio-Fassungen zuvor“.[25] „Ein kühnes Unterfangen“, den Film Kindern näher zu bringen, befand in einer Kurzkritik Philipp Bovermann (Süddeutsche Zeitung), aber es würde gelingen.[26]

Jens Jessen (Die Zeit) bezeichnete del Toros und Gustafsons Version als großartigen Film und als „eine genialische Ketzerei gegen alle pädagogische Kinderbuchbetulichkeit“. Er verglich auch das Werk mit der Arbeit von Robert Zemeckis. Beide Filme hätte „nichts miteinander gemein“. „Zemeckis’ Film ist große Oper mit kleinen Kerlchen – neben Pinocchio noch Fuchs und Katze und all die anderen putzigen Märchengestalten des italienischen Originals. Toros Film ist düsteres Kammerspiel, in dem die Kunstfiguren umgekehrt überlebensgroß, zu existenzialistischen Steigerungen menschlicher Not werden“. Es finde sich dennoch Ironie und Komik und die in der Literaturvorlage auftauchende Grille werde kurzerhand zum Erzähler des Films und lebe in Pinocchios Kopf, was Jessen als „genialischen Einfall“ hochlobte.[27]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mitte November 2022 erhielt der Film drei Nominierungen bei den Hollywood Music In Media Awards (HMMA). Ausgezeichnet wurde Komponist Alexandre Desplat in der Sparte Animationsfilm jeweils für die beste Filmmusik und für den besten Song („Ciao Papa“ – Text: Roeben Katz und Guillermo del Toro, Gesang: Gregory Mann).[28]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Condé Nast: Guillermo del Toro’s ‘Pinocchio’ Carves a New Path: An Exclusive First Look. In: vanityfair.com. 14. Juni 2022, abgerufen am 17. Juli 2022 (amerikanisches Englisch).
  2. Community: Teaser Trailer Released for Guillermo del Toro’s PINOCCHIO. In: BOOK RIOT. 24. Januar 2022, abgerufen am 16. Juli 2022 (amerikanisches Englisch).
  3. Tweet von NetflixFilm, 19. August 2020 (abgerufen am 16. Juli 2022).
  4. Liliia Lytvyn: Long-awaited ‘Pinocchio’ by Guillermo del Toro will finally become a movie at Netflix. In: arthive.com, 32. Oktober 2018 (abgerufen am 16. Juli 2022).
  5. Mike Fleming Jr.: Guillermo Del Toro Starting Stop-Motion 'Pinocchio' Feature With Henson And Pathe. In: deadline.com, 17. Februar 2019 (abgerufen am 16. Juli 2022).
  6. Dave McNary: Del Toro to helm ‘Pinocchio’ for Jim Henson Co.. In: variety.com, 10. Mai 2012 (abgerufen am 16. Juli 2022).
  7. Angie Han: Guillermo Del Toro Approached By Daniel Radcliffe, Wants Tom Waits And Christopher Walken For 'Pinocchio' . In: slashfilm.com, 18. Mai 2012 (abgerufen am 16. Juli 2022).
  8. Sandy Schaefer: Guillermo del Toro to Co-Direct 3D Stop-Motion 'Pinocchio' Flick. In: screenrant.com, 10. Mai 2012 (abgerufen am 16. Juli 2022).
  9. Dave Trumbore: Guillermo del Toro's Stop-Motion Movie 'Pinocchio' Adds 'Over the Garden Wall' Creator. In: collider.com, 23. Januar 2017 (abgerufen am 16. Juli 2022).
  10. Zack Sharf: Guillermo del Toro’s ‘Pinocchio’ Isn’t Dead Yet, But He Needs $35 Million to Make It. In: indiewire.com, 31. August 2017 (abgerufen am 16. Juli 2022).
  11. Mansoor Mithaiwala: Guillermo del Toro’s Pinocchio Movie Is ‘Not Happening’. In: screenrant.com, 8. November 2017 (abgerufen am 16. Juli 2022).
  12. Josh Weiss: Guillermo del Toro's Pinocchio 'as far as you can get' from Disney version, says one of film's writers. In: syfy.com, 27. Oktober 2020 (abgerufen am 16. Juli 2022).
  13. Brent Lang: Guillermo del Toro Directing ‘Pinocchio’ for Netflix. In: variety.com, 22. Oktober 2018 (abgerufen am 16. Juli 2022).
  14. Rise to Mexicans. In: CE Noticias Financieras English, 30. Juli 2019 (abgerufen via lizenzpflichtiger Pressedatenbank Nexis Uni).
  15. a b Carolyn Giardina: Guillermo Del Toro Presents First Look at ‘Pinocchio’. In: hollywoodreporter.com, 15. Juni 2022 (abgerufen am 16. Juli 2022).
  16. Alexandre Desplat to Reteam with Guillermo del Toro on Netflix Animated Movie ‘Pinocchio’. In: filmmusicreporter.com, 8. Januar 2020 (abgerufen am 16. Juli 2022).
  17. Guillermo del Toros Pinocchio – Offizieller Teaser – Netflix. In: youtube.com, 24. Januar 2022 (abgerufen am 16. Juli 2022).
  18. Anthony D’Alessandro: Netflix Fall & Holiday Film Slate Includes Release Dates For ‘Bardo’, ‘The Pale Blue Eye’, ‘Roald Dahl’s Matilda The Musical’ & More – Full List. In: deadline.com, 30. August 2022 (abgerufen am 30. August 2022).
  19. Guillermo del Toro’s Pinocchi. In: whatson.bfi.org.uk (abgerufen am 17. Oktober 2022).
  20. Samantha Bergeson: The 40 Movies You Need to Know Right Now for Oscars 2023: ‘Elvis,’ ‘Blonde,’ and More. In: indiewire.com, 4. Juni 2022 (abgerufen am 8. Juni 2022).
  21. Clayton Davies: Oscars 2023: Our First Blind Predictions, From ‘Fabelmans’ to ‘Flower Moon’. In: variety.com, 31. März 2022 (abgerufen am 2. April 2022).
  22. Guillermo Del Toros Pinocchio – Release Info. In: imdb.com (abgerufen am 26. November 2022).
  23. Guillermo del Toros Pinocchio. In: Rotten Tomatoes. Fandango, abgerufen am 26. November 2022 (englisch).Vorlage:Rotten Tomatoes/Wartung/„importiert aus“ fehlt
  24. Guillermo del Toros Pinocchio. In: Metacritic. CBS, abgerufen am 26. November 2022 (englisch).
  25. Stefan Stiletto: Guillermo Del Toros Pinocchio. In: filmdienst.de (abgerufen am 26. November 2022).
  26. Neue Filme (1). In: Süddeutsche Zeitung, 24. November 2022, S. 11.
  27. Jens Jessen: Diesmal aus der Sicht der Grille. In: Die Zeit, 24. November 2022, Nr. 48, S. 55.
  28. 2022 HMMA Nominations. In: hmmawards.com (abgerufen am 26. November 2022).